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Von heilvollen Anfängen und aussichtsreichen Wandelungen

Liebe Gemeinde,

diese Weihnachtskarte habe ich nicht gleich beiseitegelegt, sondern sofort auf den Tisch gestellt. Darauf stand:

„Jedes Jahr zu Weihnachten wünschen wir uns
Frieden, Freude und Liebe unter den Menschen,
um das dann für den Rest des Jahres zu vergessen?“

Wenn man alle Wünsche, alle Geschenke, alle Karten und Zeichen der Zuneigung auf einer langen Schnur anreihen würde, dann würde sie bestimmt um die ganze Welt reichen. Die Erdkugel eingepackt wie ein Geschenk mit aufrichtigen Wünschen nach Frieden, Freude und Liebe, die doch ein ganzes Jahr reichen müssten.

Aber dem ist wohl nicht so. Selbst wenn wir sagen, dass wir uns doch so bemüht haben, so müssen wir auch in diesem Jahr feststellen, dass das menschliche Miteinander in der großen und in der kleinen Welt an manchen Stellen ganz schön auf der Strecke geblieben ist.



Weihnachten - ein Anfang für uns

Deshalb ist es gut, dass wir uns heute mit Christen auf der ganzen Welt die Weihnachtsbotschaft zusprechen lassen:

„Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volk widerfahren wird;

denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden
bei den Menschen seines Wohlgefallens!“ (Lukas 2,11-12.14).

Das klingt doch wie eine Ansage für einen neuen Beginn.

Nicht nur für die Menschen damals, sondern auch für uns. Auch bei uns soll etwas neu entstehen. Papst Leo der Große hat es einer Weihnachtspredigt einmal so gesagt: „Heute kann ich von neuem beginnen, da Gott in mir als Kind geboren wird.“ (Anselm Grün, in: Das kleine Buch der Weihnachtsfreude, S.171-172).



Der große Anfang bei Gott

Das Schriftwort für den heutigen 1.Weihnachtstag erzählt ebenso von einem Anfang. Von dem an Weihnachten. Und darüber hinaus noch von einem viel größeren. Der Evangelist Johannes schreibt dabei seine ganz eigene Weihnachtsgeschichte. Sie beginnt nicht mit „Es begab sich aber zu der Zeit“, sondern: „Es begab sich vor aller Zeit.“ Ich lese aus dem Beginn seines Evangeliums:

1 Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

2 Dasselbe war im Anfang bei Gott.

3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht,
und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

4 In ihm war das Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen.

5 Und das Licht scheint in der Finsternis,
und die Finsternis hat's nicht ergriffen

9 Das war das wahre Licht,
das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.

11 Er kam in sein Eigentum;
und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

12 Wie viele ihn aber aufnahmen,
denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden,
denen, die an seinen Namen glauben,

14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit,
eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater,
voller Gnade und Wahrheit.



Johannes kannte noch längst kein Weihnachten, wie wir es kennen, mit Krippe und Stall, Maria und Josef, mit festlichen Essen, Plätzchen und Weihnachtsliedern.

Johannes hatte dafür die Menschen im Blick, die mit Jesus Besonderes erlebt haben. Wie sie nach einer Begegnung mit ihm wieder ihren Frieden gefunden haben. Wie eine große Last von ihren Schultern genommen und sie wieder froh wurden. Und wie sie durch eine liebevolle Zuwendung sich wiederum um andere gekümmert haben.



Die Logik Gottes

Johannes überlegt, wie er das alles in Worte fassen soll. Dann hat er diese Idee. Er setzt vor das Evangelium, das er schreiben möchte, eine Einleitung, eine Art Vorspann, um seinen Leserinnen und Lesern deutlich zu machen: Es ist schon immer Gottes großer Wunsch gewesen, das bei den Menschen „Frieden, Freude und Liebe“ nicht ausgehen und dass eines Tages jemand kommen wird, der uns dies vorlebt.

Johannes nimmt einen Begriff auf, den damals viele kannten, den Begriff „Logos“. Unser Wort Logik kommt davon. Gemeint ist, dass etwas sinnvoll angeordnet ist, so dass man sagen kann: das ist logisch. Zum Beispiel wie man richtig die Spülmaschine einräumt, damit richtig viel hineinpasst oder in welchen aufeinander folgenden Schritten man den Schrank aufbaut, damit er stehen bleibt.

Das gilt erst recht für die großen Fragen. Der Philosoph Heraklit hat 500 Jahre vor dem ersten Weihnachten diesen Begriff „Logos“ geprägt. Er hat darunter eine große Ordnung verstanden, mit der die gesamte Welt eingerichtet ist.

Als der Evangelist Johannes die Einleitung zu seinem Evangelium schreibt, nimmt er darauf Bezug. Für ihn ist von Anfang an auch schon diese Ordnung dagewesen. Und für ihn ist klar, dass niemand anderes als Gott dieser „Logos“ ist, die Logik, die hinter allem steht. Gott selber, sagt Johannes, steht hinter dieser Weisheit. Von Anfang ist er da gewesen, hat nach und nach alles weise geordnet: Das Licht, Himmel und Erde, Pflanzen, Lebewesen und schließlich die Menschen.



Und als Martin Luther das Neue Testament vom Griechischen ins Deutsche übersetzte, hat er überlegt, mit welchem Wort man in der deutschen Sprache diesen Begriff „Logos“ am besten wiedergeben kann. Es ist gar nicht so einfach, diesen großen philosophischen Begriff zu erklären. So hat er es mit „Wort“ übersetzt. Deshalb beginnt er so:

„Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und Gott war das Wort“ (V.1).

Für Johannes ist klar: Der ewige "Logos", den Martin Luther mit „Wort“ übersetzt, beinhaltet auch die ewige Weisheit Gottes. Diese Logik, die in allem steckt - wird Mensch, wird sichtbar in einem Kind, wohnt mitten unter uns. Gott ist in der Welt. Anschaulich. Verständlich. Erfahrbar.

Martin Luther hat voll Staunen gedichtet: „Da ewge Licht geht da herein.“ Das Licht, mit dem Gott die Welt zum Leben gebracht hat, ist in dieser Welt, hat in dem Kind in der Krippe Gestalt angenommen und gibt der Welt einen hellen Schein

Johannes schreibt dazu:

In ihm war das Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen“ (V.4).

„Frieden, Freude und Liebe“ lassen sich in einem kleinen hilflosen Kind finden, das man damals nur in eine kleine Stallhöhle abgeschoben hat. Man kann es ignorieren, verlachen, verspotten. Oder man kann sich von ihm zeigen lassen, wie „Frieden, Freude und Liebe“ das eigene Leben durchziehen können.

Das ist Gottes eigene Logik, dass er sich lieber schwach und arm in diese Welt hineinbegibt. Niemand wird mehr sagen können, Gott habe keine Ahnung vom richtigen Leben!



Das Wagnis Gottes

Logisch ist das wirklich nicht. Aber wie hätte es anders sein können? Hätte man Stärke demonstrieren sollen, so wie die Großen dieser Welt neulich auf dem G20 Gipfel in Buenos Aires? Oder hätte man sich aus allem heraus halten sollen, so wie viele, die einfach nur zusehen, wie der Hass bei uns in Europa weiter zunimmt?

Ich verstehe den Evangelisten Johannes so, dass mit dem Kind in der Krippe sein Licht in der Welt ist, das Menschen immer wieder neu beginnen und „Frieden, Freude und Leben“ erfahren lässt. Und Gott baut darauf, dass es Menschen gibt, die sich dieses Licht un die damit verbundene Vision von einem anderen Leben gefallen lassen und darin ihr Leben ausrichten.

Und das Licht scheint in der Finsternis,
und die Finsternis hat's nicht ergriffen“ (V.5)
.

Deshalb ist jedes Weihnachten für Gott ein neues Wagnis, ob „Frieden, Freude und Liebe“ unter den Menschen wirklich rasch vergessen werden oder ob es Menschen gibt, die bei diesem Projekt: „Lieber in Windeln gewickelt als in Unrecht verwickelt“ (Heribert Prantl, in: Der Andere Advent zum 19.12.2018) mitmachen.



Gottes Kinder

Für alle, die mit dabei sind, hat Johannes das in Aussicht gestellt.

Wie viele ihn aber aufnahmen,
denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden,
denen, die an seinen Namen glauben (V.12).

Damit sind wir gemeint.

Wir, die wir schon so viele Weihnachten gefeiert haben und manches kindliche Staunen über dieses Fest vielleicht schon längst abgelegt haben. Wir, die wir alles Naive längst hinter uns gelassen und als Erwachsene schon so manche Enttäuschungen und Neuanfänge erlebt haben, die nicht durch eine tröstende Mutter oder einen fürsorgenden Vater aufgefangen werden konnten. Wir, die auch längst nicht mehr so gutgläubig wie Kinder sind, sondern schon so einiges mitgemacht haben, was wir eigenen Kindern gerne erspart hätten. Wir, die wir spüren, dass es immer schwieriger wird, Vertrauen in das Gute im Leben aufzubringen.



Weihnachten ein neuer Anfang für uns

Deshalb - egal wie viele Jahre wir zählen oder mit welchen Stimmungen wir den Heiligen Abend gestern verbracht haben - wir werden heute am 1.Weihnachtstag ermutigt: Lass dir dieses Weihnachten zu einem neuen Anfang in deinem Leben werden.

Das Fest kann uns ermutigen, den eigenen Weg zu gehen, wie dieses Kind in der Krippe später auch seinen ganz eigenen, noch nie da gewesenen Weg gegangen ist, gegen alle Erwartungshaltungen der Gesellschaft und Verhaltensmuster seiner Zeit.

Das Licht kann uns helfen, unser Innerstes auszuleuchten und uns zu fragen: „Was suche ich eigentlich? Wo will ich hin? Welche Ziele habe ich? Was ist mir wichtig? Was treibt mich an? Was suche ich?

Die Kraft Gottes treibt uns an, immer mehr mit dem Herzen zu sehen und zu urteilen, so wie Jesus es auch mit all denen gemacht hat, denen er begegnet ist. Und das möchten wir ja auch für uns, dass andere uns so sehen, wie wir wirklich sind, mit unserer Lebensgeschichte und unseren unausgesprochenen Wünschen.

Mündige, erwachsene „Kinder Gottes“ halten die Sehnsucht nach einer Welt aufrecht, von der wir oft sagen, dass sie zu schön wäre um wahr zu sein. Aber sie bauen darauf, dass alle gutgemeinten Anfänge weitergehen und zu ihrem Ziel kommen.

Wir dürfen uns etwas zutrauen. Das Licht scheint in der Finsternis. Es scheint uns, damit wir das immer mehr können: Diese Welt mit „Frieden, Freude und Liebe“ zu bereichern. Und das nicht nur zu Weihnachten.

Und das Licht Gottes, der immer größer und weiter ist, als das, was wir wahrnehmen, bewege unsere Sinne und Gedanken in Christus Jesus. Amen.

--> Predigt gehalten am 1. Weihnachtstag von Pfarrer Thomas Volk in St. Nikolai.





 
 

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