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Wertschätzung - Thema-Predigt am 22. Sonntag nach Trinitatis

Fühlen Sie sich genügend gewürdigt für das, was sie tun? Erhalten Sie hinreichend Anerkennung für Ihre Arbeit, ganz egal ob Sie sie hauptberuflich, ehrenamtlich oder bei sich im Haus und im Garten tun? Und werden Sie wertgeschätzt, aufrichtig gelobt, erhalten einen ehrlichen Dank, bei dem es ganz klar ist, dass er von Herzen kommt.

 

Ich frage das deshalb, weil Viele das nur selten hören: Du bist für mich ganz wertvoll. Du bist ein großer Schatz. Danke, wie du dich so eingesetzt hast. Ohne dich hätten wir das nicht geschafft, wären wir nie so weit gekommen.

Den meisten Menschen geht es dagegen wie Aschenputtel. Das ist die junge Tochter eines reichen Kaufmanns. Aschenputtel wächst wohlbehütet auf, bis etwa ein halbes Jahr nach dem Tod der Mutter der Vater eine Witwe heiratet, die zwei Töchter mit ins Haus bringt. Stiefmutter und Stiefschwestern machen dem Mädchen auf alle erdenkliche Weise das Leben schwer. Sie muss von früh bis spät für sie arbeiten. Und sie erhält von den neuen Mitbewohnerinnen keinerlei Wertschätzung. Aschenputtel wird sie genannt, weil sie nicht nur alle Schmutzarbeit leisten, sondern fortan auch in der Asche neben dem Herd schlafen muss.

 

Untersuchungen haben ergeben, dass sich zwei von drei Mitarbeitern die ausdrückliche Anerkennung ihrer Leistung durch den Chef wünschen. Tatsächlich aber geht rund die Hälfte derjenigen, die mal ein Lob bräuchten, leer aus.

 

Ich höre das immer wieder: Ich spüre keine Wertschätzung. Es gibt niemanden, der das anerkennt, was ich alles schaffe und leiste, gar nicht davon zu reden, was ich ganz im Verborgenen tue. Keiner kann ermessen, was alles an mir hängt. Die meisten können sich nicht einmal vorstellen, wie ich das alles auf die Reihe bekomme, den Haushalt, die Arbeit und die Kindern.

 

Jemanden „wert-schätzen“, das würde bedeuten, dass es jemand auch erfährt: Du ist wertvoll. Es tut so gut und es ist so schön, dass es dich gibt, weil du mein Leben bereicherst und bunt machst.

Das Gegenteil wäre: jemanden „gering-schätzen“. Auf dich kommt es doch gar nicht an. Du bist nicht das Supertalent. Dein Platz ist auf der Auswechselbank. Ob du da bist oder nicht, was spielt das schon für eine Rolle. Geringschätzung kann gehen bis zur Verachtung, wie bei Aschenputtel.

 

 

Aus der Bibel lese ich heraus: Jesus konnte das besonders gut, Menschen wertschätzen. Ihnen ihren eigentlichen Wert wieder zukommen lassen. Ihnen sagen, dass sie wichtige Menschen sind und noch gebraucht werden. Und dass es gerade auf sie ankommt.

 

Ausgerechnet den wenig geachteten Zöllner Zachäus will Jesus bei seiner Durchreise kennenlernen und bei ihm Rast machen. Die Leute haben sich empört und haben gerufen: „Unerhört! Wie kann er nur bei einem solchen Gauner einkehren!“ (Lukas 19,1-10).

Jesus kommt gerade zu ihm, als ob er damit sagen will: „Auch wenn viele sagen, dass er ein Betrüger ist. Er ist es mir dennoch wert. Außerdem: Wer weiß schon, was im Leben dieses Zollbeamten alles falsch gelaufen, anders gekommen ist? Wer weiß schon, wann und wo und warum er im Leben hart geworden ist? Wer kann ermessen, wie wenig Anerkennung und Wertschätzung er im Leben erfahren hat, so dass er meint, er müsse jetzt den Spieß gründlich umdrehen und andere umso mehr ausnehmen.

 

Eine andere Geschichte: Einmal haben Sadduzäer, Leute von der priesterlichen Oberschicht, Jesus gefragt: „Meister, im Gesetz des Mose steht, wenn einer stirbt und keine Kinder hat, soll sein Bruder seine Witwe heiraten. Nun waren einmal sieben Brüder. Der erste heiratete und starb. Da heiratete der zweite seine Frau. Aber der starb auch, und so ging es bis zum siebten. Der heiratete die Frau als letzter. Zuletzt starb auch der, und schließlich starb auch die Frau. Im Himmel, wo sie alle ihre Männer wieder trifft, wem gehört sie da? Sie alle haben sie ja gehabt“ (Matthäus 22,23-30).

Eigentlich zielte die Frage der Sadduzäer auf etwas ganz anderes. Sie, die überzeugt waren, es gäbe keine Auferstehung, wollten mit dieser Frage zeigen, wie unsinnig eine solche Vorstellung sei. Aber Jesus ging gar nicht auf ihre Frage ein, sondern nutzte diese Frage für eine grundsätzliche Äußerung, was die Stellung der Frau anbetrifft.

Jesus antwortete: „Sie wird niemandem gehören. Sie wird frei sein, auch von Männern. Und das gilt auch schon jetzt. Keinem soll sie untertänig sein, weder zu Hause noch in der Öffentlichkeit.

Das war völlig neu, dass jemand eine Frau so wertgeschätzt hat, indem er sagte: Eine Frau ist nicht Eigentum eines Mannes, wie ein Haus oder ein Stück Vieh. Und die Ehe ist kein Eigentumsverhältnis - damals nicht und heute schon gar nicht.

 

Und schließlich: Jesus erzählt in einem Gleichnis von einem Bauern, der auf seinen Acker geht um zu säen. Als er die Saat auswirft, fallen einige Körner auf den Weg, wo die Vögel sie auffressen. Andere fallen auf festen Grund, wo wenig Erde ist und wo sie bald welk werden. Einige fallen in ein Gestrüpp, und die Hecken wachsen auf und ersticken sie. Das Übrige fällt in gutes Land und gibt Frucht, hundertfach, sechzigfach oder dreißigfach“ (Matthäus 13,3-8).

Damit ist nichts anderes gemeint als dies: „Du bist wie ein wertvoller, fruchtbarer Boden. In dir kann noch viel wachsen. Mit dir kann noch so manches in die Wege geleitet werden, neu entstehen.

Auch wenn du im Moment vielleicht eine Dürrezeit durchmachen musst oder wenn du meinst, dass kein bisschen was aufkeimt und nichts gelingt, du bist nicht der letzte Dreck! Du wirst schon sehen, was noch alles aus dir hervorkommen wird, wo du über dich hinauswachsen wirst.“

 

Gottes Wertschätzung hält uns auch einen Spiegel vor und fragt uns: Wenn Gott dich so werthält und achtet, dann überlege dir, wo du andere hochschätzen kannst?

Vielleicht trägst du einem Kollegen oder einem Nachbarn oder einem der Kinder zu viel nach? Vielleicht legst du die Latte viel zu hoch? Vielleicht hältst du vieles für zu selbstverständlich und merkst gar nicht, wie andere auf ein Lob von dir warten. Wertschätzung ist Entlastung für beide.

 

 

Wo Wertschätzung geschieht, wird das Leben leichter, weil man weiß, für was und für wen man sich so abgemüht hat.

Wir leben ja auch neu auf, wenn wir so richtig wertgeschätzt werden. Eine liebevolle Dankeskarte kann bei uns über Wochen hinweg Kräfte freisetzen. Ein Blumenstrauß kann das Leben nicht nur für ein paar Tage bunter und froher machen.

 

Wertschätzung hat Folgen: Als Zachäus spürt, wie gut es tut, dass Jesus gerade ihn wertschätzt, sagt er: „Die Hälfte meines Besitzes will ich den Armen geben und wenn ich jemanden betrogen habe, so leiste ich vierfachen Ersatz.“

An Zachäus merke ich auch: Wenn wir möchten, dass Menschen sich einsetzen - auch für uns -, dann müssen wir sie gerne haben und wertschätzen und auch eine Achtung vor ihrer Lebensgeschichte aufbringen mit allem, was dabei vielleicht quer und schief gelaufen ist. Wir können andere belehren, ermahnen, zurechtweisen, verurteilen, anklagen, ausgrenzen. Aber ändern tun wir sie nur, wenn wir ihre Lebensgeschichte wertschätzen.

Wer das tut, kann auch das Wunder erleben, dass jemand sich etwas sagen lässt oder gar einsichtig wird, wie Zachäus.

Natürlich muss auch unsere Wertschätzung echt sein und nicht gekünstelt. Da kann man das tollste Geschenk erhalten, aber wenn die Wertschätzung nicht von Herzen kommt, dann ist auch das teuerste Präsent nichts nütze.

 

Dass Jesus die Frau so hochschätzt, dass sie nicht länger Eigentum eines andern ist, macht mir deutlich: Dort, wo sich Menschen wertschätzen und sich auf gleicher Augenhöhe begegnen, können sie viel offener und freier miteinander umgehen, ohne Machtgehabe oder Einhaltung einer festen Ragfolge, bei der die, die ganz unten sind, nichts zu melden haben.

 

Und dem Gleichnis vom vierfachen Acker entnehme ich, dass auch ich von Gott wertgeschätzt bin. Ich bin wie ein guter Boden, aus dem Gutes hervorkommt, vielleicht nicht immer, aber von Zeit zu Zeit. Und ich darf wissen, dass irgendwann wieder etwas aufbrechen wird.

 

 

Ich bin mir sicher, dass die, die sich von Gott her wertgeschätzt wissen, es gar nicht darauf anlegen lassen, andere klein zu halten oder geringzuschätzen.

Wir wollen das ja auch nicht, dass wir geringgeschätzt werden, dass man uns nicht für voll nimmt oder dass man uns mit billigen Floskeln abspeist.

Vielleicht haben Sie das im Fernsehen mitverfolgt: Als Marcel Reich-Ranicki am Samstag vor einer Woche bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises den Ehrenpreis abgelehnt hat, habe ich das erst für eine Überheblichkeit eines eigensinnigen alten Mannes gehalten. Aber dann ist mir bewusst geworden, wie recht er doch hat.

An diesem Abend sprach er ins Mikrophon: "Ich kann diesen Preis nicht annehmen. Man hätte mit seiner Zeit während der letzten drei Stunden weit Besseres anfangen können als diesen Mist hier." Weiter kritisierte er das aktuelle Fernsehprogramm als "Blödsinn" und setzte nach, dass nur noch auf Arte und 3Sat manchmal eine gute Sendung liefe. Sein Resümee des Abends: "Ich gehöre hier nicht hin.

Das Fernsehprogramm als Geringschätzung einer Gesellschaft, die abgespeist wird mit dümmlichen Serien und einfallslosen Sendungen. Immer mehr Menschen werden vor der Kamera bloßgestellt und lassen das auch noch mit sich gefallen. Die Familie, deren „neues Leben“ in Australien den Bach hinuntergeht und die Frau, die bei der Talkshow niedergemacht wird, weil sie sich für die Schönste hält, mit ihrer Einschätzung jedoch völlig alleine dasteht. Aber Hauptsache im Fernsehen. Eine Art von Wertschätzung, die jedenfalls nicht in der Bibel ihre Grundlagen hat.

 

Es ist die Geringschätzung sämtlicher Steuerzahler, wenn das Kapitalmarktgeschäft deutscher Banken sich völlig verselbstständigt hat und von den Kunden ganz weit weg gerückt ist. Bischof Huber hat in einer Pressemeldung ganz richtig dazu gesagt: „Banken muss es wieder bewusster werden, dass sie anvertrautes Geld riskieren, um das eigene Einkommen zu steigern.

 

 

Wir werden diese großen Probleme nicht lösen, aber wir können einfühlsamer werden und uns fragen: Wann bin ich zum letzten Mal so richtig geehrt, hochgeschätzt, belobigt worden?

Und auch das Andere: Wann habe ich jemanden wertgeschätzt, ihm gesagt, geschrieben, mit einem Geschenk bekundet, dass sie oder er ein ganz besonderer Mensch für mich ist?

Auch wir als Kirche können da bestimmt noch viel lernen. Vereine ehren ihre Mitglieder für 30 Jahre Mitgliedstreue. Warum in der Kirche nicht jemanden gratulieren für 30 Jahre Kirchensteuer? Immerhin bekommen bei uns in Marktbreit alle, die einen runden Geburtstag feiern, einen Brief geschickt. Wir gratulieren sehr herzlich und wir wissen es auch zu schätzen, dass Sie der Kirche verbunden sind.

 

Nehmen Sie sich in der neuen Woche das vor: Einen Menschen ihrer eigenen Wahl wertzuschätzen und es ihm auch zu sagen, zu zeigen. Wer wartet nicht alles auf ein Lob, auf ein aufrichtiges Dankeschön?

Der Gott, dem es ein großes Anliegen ist, das wir nicht geringgeschätzt werden, möchte, dass wir andere auch groß machen.

Und die Kraft Gottes, die größer und umfassender ist, als alles eingefahrene Denken, lasse uns ab und an über uns hinauswachsen. Amen.