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Weiterleben in einem leeren Haus - Markus 13,31-37 (V) - Ewigkeitssonntag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott,
der einst Himmel und Erde geschaffen hat,
der auch jetzt da ist
und der uns immer wieder neu entgegenkommt!
Amen.

Das Schriftwort für den heutigen Ewigkeitssonntag steht im 13.Kapitel des Markusevangeliums: …

Liebe Gemeinde!
"Wenn ich nach dem Einkaufen heimkomme, komme ich mir vor, als gehe ich in ein leeres Haus."
So sprach neulich jemand, dessen Frau vor einem halben Jahr gestorben ist. Fast vierzig Jahre haben sie zusammengelebt, sich das kleine Häuschen abgespart, den Garten mit vielen Blumen angelegt und die Zimmer innen behaglich eingerichtet.
Eines Tages hat es diese schlimme Diagnose gegeben. Ein Hammerschlag. Dann ist es ganz rasch gegangen. Viel zu schnell. Und als er hilflos mit den vielen anderen an dem offenen Grab steht, kann er noch gar nicht erahnen, wie sich alles verändern wird.
Das Haus ist jetzt so leer. Auch wenn die Möbel immer noch am gleichen Platz stehen und an der Garderobe alles noch so hängt, ist es anders geworden. Der Platz auf der anderen Seite des Küchentischs ist und bleibt leer. Die Stimme, die ihm so vertraut gewesen ist, hört er nicht mehr. Die ihm gewohnten Geräusche aus dem Nebenzimmer bleiben aus. Und der Gang und das Treppenhaus erscheinen unendlich dunkel und lang, die Räume kalt und leer.

"Himmel und Erde werden vergehen", so beschreibt es das Schriftwort am Anfang drastisch. Nichts ist für die Ewigkeit bestimmt. Alles geht einmal vorbei. Und meistens viel zu rasch.
Man braucht diese Redewendung nicht einmal wörtlich zu nehmen. Denn schon ein einziger Abschied für immer kann schon so etwas wie ein Weltuntergang sein. Mit einem Mal verändert sich alles. Was Halt und Sicherheit gegeben hat, bricht mit einem Mal weg. Auch wenn man es nicht wahrhaben möchte, ein völlig neues, ein ganz anderes Kapitel der Lebensgeschichte wird geschrieben - eines, das man sich nicht ausgesucht hat und bei dem man es sich nicht vorstellen kann, jemals gerne darin zu lesen.

Wie kann man in einem leeren Haus wohnen? Wie sich zurechtfinden? Wie alleine weiterleben?
Denn alle Leere kann man ja nicht so beheben, wie man ein Auto zur Reparatur bringt und es dann wieder läuft. Und dabei wird ja gerade das von uns verlangt: Wir müssen schnell wieder funktionieren: Am Arbeitsplatz die gewünschte Leistung bringen. Der Familie nicht schon wieder was vorheulen. Die Finanzen rasch regeln. Möglichst schnell an den Punkt kommen, wo man wieder nur nach vorne schaut und alles, was gewesen ist, abhakt.

Viele von uns mussten sich in diesem zu Ende gehenden Kirchenjahr in einem solchen leeren Haus neu zurechtfinden.
Und andere haben in diesen trüben Novembertagen vielleicht von neuem das Gefühl, dass man sich in den eigenen vier Wänden nicht wohlfühlt, weil es wieder kalt und leer geworden ist, ganz gleich, was auch immer die Ursache gewesen sein mag.

Das heutige Schriftwort spricht auch von einem leeren Haus. Es erzählt von einem Hausherrn, der eine längere Reise antritt und die Mitbewohner des Hauses alleine zurücklässt. Keiner weiß, wann er wiederkommt - ob in wenigen Tagen, in ein paar Monaten oder nach vielen Jahren - ob am Morgen, am Abend, oder gar in der Nacht, wenn alle schlafen. Die Hausbewohner wissen nur eines: Sie haben eine bestimmte Arbeit zugewiesen bekommen, die sie in dieser Zeit auszurichten haben.
Mit diesem Bild haben Menschen in der Zeit des Neuen Testaments ihre Situation beschrieben. Seit Jesus nicht mehr bei ihnen ist, kommen sie sich vor wie in einem leeren Haus. Äußerlich mag alles funktionieren. Jeder erledigt das, was er zu tun hat. Aber dennoch ist alles anders.
Seine spürbare Nähe fehlt ihnen. Sie vermissen seine Worte mit denen er die neue Welt, für die er eingetreten ist, umschrieben hat: Eine Welt, wie sie Gott für die Menschen gedacht hat. Eine Welt, in der alle, die es gerade schwer haben, so getröstet werden, damit niemand an der momentanen Leere verzweifelt. Eine Welt, in der die Stillen und Leisen und all die, die sich nicht durchsetzen können, was zu sagen haben (vgl. Mt.5,4-5). Eine Welt, in der niemand alleine bleiben muss (vgl. Lk.19,5). Und sie sehnen sich danach, dass diese Welt irgendwann einmal auch kommen wird, weil Jesus selbst sie verheißen hat. Dann wird alle Leere aufgehoben sein. Sie werden mit ihm am Tisch sitzen, essen und trinken und wieder ausgelassen feiern können (vgl. Lk.14,15).

Mit den Menschen damals verbinden uns die Abschiede, die einen so schütteln können, dass man meint in einem „leeren Haus“ leben zu müssen. Niemand hat gefragt, ob es einem gerade passt oder nicht. Und dann muss man irgendwie zurechtkommen und sich neu einfinden, wenn es denn überhaupt möglich ist.
Was uns von den Menschen damals trennt, ist ihre feste Erwartung einer baldigen Wiederkunft Jesu, die sie wachsam herbeisehnen sollen.
Markus führt in seinem Evangelium an, dass der Hausherr einmal wiederkommen wird. Was der Evangelist nur bruchstückhaft andeutet, beschreibt die Offenbarung des Johannes mit einer großartigen Verheißung. Am Ende der Zeit wird Gott selbst alle leeren Häuser mit Leben füllen. Dann wird er „alle Tränen abwischen von unseren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein“ (Offenbarung 21,4). Es wird Häuser voller Leben geben. Und ihre Türen sind weit geöffnet, weil alle Menschen wie Schwestern und Brüder zusammenleben.

Auch wenn die ersten Christen anfangs noch mit dieser Vorstellung gelebt haben, so verstehe ich den Aufruf „wachsam zu sein“ heute anders. Wenn ich in meinem Leben eine Leere spüre, weil mir etwas Wichtiges genommen wurde, dann möchte ich in dem, was mir gerade zu schaffen macht, ernstgenommen werden und nicht den Blick auf apokalyptische Szenarien richten müssen, die doch nicht eintreten.
„Wachsam zu sein“ ist für mich ein aufmunternder Hinweis für all die kleinen Zeichen aufmerksam zu sein, die von Gott kommen und helfen möchten, sich in einem leeren Haus wieder neu einzufinden.
Wie das geschehen kann? Das Schriftwort aus dem Markusevangelium selbst gibt einen Hinweis, wenn es Jesus sagen lässt: „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen" (V.31).
Zum Beispiel das Wort, in dem Jesus von sich als „Brot“ spricht (Joh.6,35), mit dem er zusagt: Alles, was du zum Leben nötig hast - alles, was du für diesen einen Tag brauchst, um über die Runden zu kommen - auch alles, was hält und trägt in aller Leere und Einsamkeit des Lebens, das darfst du von mir erwarten.
Oder das Wort mit dem er sich als „Licht“ bezeichnet (Joh.8,12): Ich helfe dir, dass du dich in deinem leeren Haus wieder einfinden und mit dir alleine zurechtkommen kannst. Und dass du allmählich spüren wirst, wie es eine Gegenkraft gegen alle Leere und gegen alle Kälte gibt.
Und die Worte, mit denen sich Jesus als „Weg, Wahrheit und Leben“ ausweist, möchten Mut machen, dass es Wege durch alle Leere hindurch geben kann. Auch wenn man sie heute noch nicht ausmachen kann. Aber es gibt sie. Und sie werden für uns sichtbar, so dass man sie gehen kann. Vielleicht nicht mehr mit dem Tempo und mit der Leidenschaft von früher, aber doch mit einer gewissen Neugier auf die neuen Möglichkeiten.
Für solche und noch für viele andere Worte werden wir aufgemuntert „wachsam zu sein“. Damit sie bei uns ankommen, Kreise ziehen und bewirken, dass unser leeres Haus langsam wieder ein Stückweit bewohnbar wird.

Nochmal: Es geht nicht um den einen Fahrplan oder um die eine Gebrauchsanweisung, die ich mir mit einem Klick ausdrucken oder downloaden kann, wann und wie mein leeres Lebenshaus wieder mit Licht und Sonne gefüllt wird.
Es gibt den einen Weg für alle. Jede und jeder geht mit dem eigenen Tempo oder dem eigenen Rhythmus. Und auch das kann es geben: Das Haus bleibt zeitlebens unbewohnt und kalt.
Aber die Verheißung von den Worten, die bleiben und Mut machen, sagen mir: Es ist Gottes großer Wunsch, dass wir uns in einem Leben, in dem es immer Veränderungen und Abschiede geben wird, gehalten und geborgen wissen dürfen. Nicht nur, dass wir ein Dach über dem Kopf haben, sondern auch, dass wir uns in unseren Wohnungen Häusern behütet fühlen dürfen.
Und dann kann es passieren, dass wir wieder gerne zu Hause sind. Anders als bisher. Vielleicht manchmal nur für einen kurzen Moment. Wenn man sich gerne wieder ins Wohnzimmer setzt und die Musik hört, die einen berührt. Wenn man wieder gerne in den Garten geht. Wenn man wieder jemanden einlädt. Oder wenn man sich wieder Gedanken um die Nachbarn macht und nicht mehr nur um uns selbst kreist. Und wenn das Erinnerungsstück, das einem zu Hause in die Hände fällt, nicht mehr gleich den großen Stich ins Herz versetzt, sondern die damit verbundene Geschichte dankbar in die eigene Lebensgeschichte einordnen lässt.
Wie auch immer wir uns in unseren eigenen vier Wänden gerade vorkommen, wir alle dürfen mit der Zuversicht nach Hause gehen, dass wir niemals alleine, sondern von dem gehalten sind, dessen Worte bleiben, auch wenn wir keine Worte finden für das, was wir gerade mitmachen müssen.
Und die Fülle Gottes, die umfassender und höher und weiter ist als alle menschliche Leere, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk zum Ewigkeitssonntag am 24. 11. 2013 in St. Nikolai, Marktbreit