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Weihnachten mit leichtem Gepäck - Heiliger Abend 2015

Gnade sei mit euch und Friede, der von dieser Heiligen Nacht ausgeht. Amen.

Liebe Gemeinde!

Ob die deutsche Band „Silbermond“ an das Weihnachtsfest gedacht hat, als sie ihr neues Lied „Mit leichtem Gepäck“ komponiert hat, in dem sie besingt, dass man auf 99% aller Dinge, die wir haben und besitzen, ruhig verzichten kann.

 

Auf alle Fälle ist Weihnachten auch ein Fest mit leichtem Gepäck. Wir verbinden mit diesem Heiligen Abend ja auch den Wunsch, dass wir so manchen Ballast abstreifen können, den wir mit uns herumschleppen.

Viele wünschen sich, dass sie in diesen Tagen so manche Masken ablegen können, die sie im Laufe des Jahres sich aufgesetzt haben, damit niemand der Arbeitskollegen oder Bekannte in sie hineinschauen kann und nicht sieht, dass es einem manchmal gar nicht so gut geht, wie es aussieht oder dass man in vielem einfach nur gute Miene zeigt, um nicht aufzufallen.

Andere würden gerne so manche innere Unruhe einfach ablegen und das, was sie noch vor kurzem so beschäftigt und umgetrieben hat, ablegen können und endlich wieder spüren dürfen, dass das Leben leicht ist und hoffentlich auch so bleibt.

Und wieder andere würden gerne Schmerzen loswerden, diese tückische Krankheit endlich hinter sich lassen oder zumindest so mit ihr auskommen, dass sie einen nicht ständig daran erinnert, was man jetzt alles nicht machen kann und darf.

Der aktuelle James Bond Film mit dem Titel „Spectre“ hat Millionen von Besuchern gefesselt. „Spectre“ heißt Schreckgespenst. Gemeint sind so manche Schatten der Vergangenheit, die einen immer wieder einholen können. Die Trennung, die man schon längst verarbeitet meinte und die immer wieder weh tut. Oder die Schulden, die man locker im Griff zu haben meinte und die jetzt wieder so über Hand genommen haben, dass man nicht mehr über die Runden kommt. Oder der alte Streit von damals, der immer wieder auf den Tisch gebracht wird.

Weil so viele am liebsten etwas loswerden wollen und es nicht so einfach schaffen oder so manche heimliche Angst nicht abschütteln können, weil es so viele Dinge gibt, die weg getan haben und wie ein großer Stein am Herzen festkleben, deshalb haben wir gerade an diese Nacht den großen Wunsch, dass wir manches schwere Gepäckstück ablegen können.

 

Weihnachten, das ist ja nichts anderes als das Erbarmen Gottes über eine Menschheit, die reich an Gepäck ist, aber doch so arm im Miteinander; die mit dem Leben nicht zurechtkommt, weil sie viel zu viel mit sich herumschleppt, ganz egal ob es sich um materielle Güter oder um seelische Belange handelt.

 

Und so ist Gott selbst mit leichtem Gepäck in dieser Welt gelandet. Nicht im feudalen Schloss mit Unmengen an Personal und Security, sondern in einem Futtertrog einer leerstehenden Höhle. Ohne mächtiges Heer, ohne Absichtserklärung und ohne abschreckende Waffen, die im Falle eines Falles eingreifen und die Ordnung wiederherstellen könnten, sondern nur mit jungen, auf sich allein gestellten Eltern, die niemand aufnehmen will und die wohl nicht einmal verheiratet waren.

Dieses Kind, Jesus, wird geboren mit der Aufgabe, später einmal selbst mit leichtem Gepäck unter den Menschen als Mensch zu leben. Er wird seine Mutter, seine Familie, seinen Beruf und seine Heimat verlassen.

Er wird von sich selbst sagen, dass die Füchse ihren Bau haben und die Vögel ihre Nester, aber er, der Menschensohn, hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann (Lukas 9,58).

Und mit der Art und Weise, wie er lebt, ohne wirtschaftliche Basis, von Ort zu Ort herumziehend, will er Menschen für eine neue Form des Miteinander begeistern, in dem Gerechtigkeit geschaffen wird und Frieden entsteht und die zerstrittene Menschheit sich zusammenfindet zu einer Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern.

Von den Mächtigen im Staat und in der Kirche wird er misstrauisch als störender Fremdkörper beobachtet, weil sie seine Art und Weise, so völlig ohne Gepäck zu leben, völlig missverstanden haben.

Aber die, die ihm vertraut haben, haben gemerkt, dass man sich in dem Frieden, den er vorgelebt hat, geborgen fühlen darf, alle Masken ablegen, manche Ängste abbauen und auch manche Schutzmauern um sich herum einreißen kann, weil Gott den Menschen eine neue Selbstachtung und einzigartige Würde mitgibt

Weihnachten ist ein Fest mit leichtem Gepäck, weil man gar nicht viel braucht, um den Frieden, den Gott seinen Menschen verheißen hat, für sich zu spüren und auszuteilen.

 

Gerade an Weihnachten zeigt sich ja besonders unsere Sehnsucht danach.

Haben Sie ihn auch gesehen? Diesen Werbespot von Edeka mit dem Großvater? Über 60 Millionen Mal ist er auf YouTube und Facebook angeklickt worden und hat so viele Menschen gerührt.

Weil die Kinder auch an diesem Weihnachtsfest keine Zeit haben und wieder eine Ausrede haben, um nicht zu kommen, lässt sich der Opa etwas einfallen. Er will nicht schon wieder ein einsames Weihnachtsfest erleben. Deshalb lässt seinen Kindern die Nachricht des eigenen Todes zukommen. Mit einem Mal kommen alle angereist. Doch die Familie findet keinen Sarg, sondern einen gedeckten Tisch vor. Opa fragt: „Wie hätte ich euch denn sonst alle zusammenbringen sollen?“ Schnitt: feuchte Augen, fröhliche Runde, rauschendes Fest.“

Auch wenn dieser Werbespot auf die Tränendrüse drückt, er zeigt, wie wenig man braucht, um Weihnachten zu einem wirklichen Fest werden zu lassen.

Ob das auch bei uns geht? Wir wissen ja nur zu gut: Wir werden ja unser Gepäck nicht so einfach los. Wir können noch so gute Absichten haben. Aber wenn jemand hier in der Bachgasse schnell noch aus den verkehrsberuhigten Baumscheiben der Bäume herausbricht und uns die Vorfahrt nimmt oder wenn sich jemand an der Kasse vordrängelt, weil er angeblich nur eine Milch hat und nicht so lange warten will oder wenn wir einfach übersehen werden, dann werden die Gepäckstücke, die wir mitschleppen wieder größer und die Lasten mehr, auf denen groß geschrieben steht: „Immer werde ich ausgenutzt!“ oder „Das hat man nun von seiner Gutmütigkeit!“

 

Weihnachten ist immer ein Anfang.

Es wäre ja so schön, wenn heute Nacht der totale Frieden passieren würde. Keine Bomben mehr auf syrisches Land. Keine Sprengstoffanschläge. Keine knallenden Türen in den Wohnungen.

Aber wir wissen auch: Die meisten Dinge ändern sich nicht schlagartig. Dann sollten wir es auch nicht erwarten. Nicht heute Abend. Nicht von anderen. Und nicht von uns. Es wird nicht passieren, dass heute Abend beim Engelsingen um 23:00 Uhr oder beim Nachtisch oder beim 3.Glas Rotwein wir mit einem Mal völlig andere sind.

Es wird auch nicht passieren, dass jemand an diesem Weihnachten auf einmal Mathe versteht, mit einem Mal superhöflich zu anderen ist, und dass die eine Person einen toll findet. Auch diese Person wird sich nicht ändern. Jedenfalls nicht sofort.

 

Dennoch: Weihnachten ist ein Anfang. Ich kann mich ändern. Sie können es auch. Wir alle können es. Hoffentlich viele Menschen auf der ganzen Welt. Darauf baue ich einfach.

Frieden geht immer von einem selbst aus. Und der Zauber dieser Heiligen Nacht liegt darin, dass wir den Frieden, der von dem Kind in der Krippe ausgeht, bewahren und groß werden lassen. In uns und bei uns. Das dauert. Dazu brauchen wir einen langen Atem und Geduld und immer wieder den Mut, uns von manchen Angewohnheiten zu trennen.

Was heute schon machbar ist: Wir alle können diese Heilige Nacht zum Anfang einer neuen Geburt nehmen. Jede und jeder von uns kann sich vornehmen: Gütiger werden. Gelassener. Mit einer neuen Würde, die von dieser Nacht ausgeht, leben. Ein Mensch von „Gottes Wohlgefallen“ werden.

Oder sich fragen: Wo lade ich mir zu viel Gepäck auf? Wo mache ich mir zu viele Gedanken. Wo will ich so perfekt sein, dass es andere vielleicht schon nervt. Oder sich fragen, warum alle anderen immer meine Meinung haben müssen? Weil vielleicht mein Selbstbewusstsein so klein ist? Oder warum muss ich immer erreichbar sein, ständig in den sozialen Netzwerken unterwegs sein? Weil die anderen mich sonst vergessen würden? Oder sich fragen, was man denen abgeben kann, die in den vergangenen Wochen wirklich mit ganz leichtem Gepäck aus Syrien und Afghanistan zu uns gekommen sind.

Aber das geht heute Abend bei uns allen: Ein dickes, ehrlich gemeintes Kompliment. „Es ist so schön, dass du da bist.“ „Ich bin so stolz auf dich.“ „Weißt du eigentlich, dass ich dir so viel zu verdanken habe?“

Das ist Weihnachten mit leichtem Gepäck, wo man gar nicht viel braucht, um den Weihnachtsfrieden auszuteilen.

 

Und eines Tages, wenn das Kind in uns und bei uns groß wird, fällt uns dann bestimmt noch mehr auf. Auf alle Fälle, wie es die Band Silbermond in Erinnerung singt: „Ab heute nur noch die wichtigen Dinge!“

Und Gottes Friede, der größer als alles, was uns als angebliche Sicherheiten gilt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk zum Gottesdienst am Heiligen Abend 2015 in St. Nikolai, Marktbreit.