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Was vom Karfreitag bleibt - Johannes 19,16b-30 - 3.April 2015

„Siehst Du mich?“ So fragen, liebe Gemeinde, nicht nur kleine Kinder, wenn sie sich verstecken und gesucht werden möchten. So fragen auch Erwachsene, wenn sie das Gefühl haben, übersehen zu werden.

„Siehst du mich?“ „Hast du eine Ahnung, was ich gerade tue, was mir viel Zeit kostet und was ich alles noch erledigen muss?“

„Siehst du mich überhaupt?“ „Nimmst du mich eigentlich wahr? Kannst du auch nur annähernd verstehen, was ich gerade denke, fühle, was mich freut, was mich wütend macht?“

Seit dem unfassbaren Flugzeugabsturz hat diese Frage noch einmal eine ganz andere Dimension bekommen. „Kannst du in mich hineinsehen, wenn du mit mir in ein Flugzeug einsteigst oder mit mir eine lange Fahrt im Auto unternehmen willst?“

 

Viele bestürmen auch Gott mit dieser Frage:

„Siehst du mich in meiner Not? Nimmst du all meine offenen und brennenden Fragen überhaupt wahr? Und siehst du, wie ich mich abmühe und häufig die Dinge einfach nicht mehr auf die Reihe bekomme? - Ich möchte dich, Gott, gerne an meiner Seite wissen. Ich möchte spüren, dass du meine Gedanken von ferne verstehst (Psalm 139,2). Ich möchte darin gewiss werden, dass mein zerbrechliches Leben in dir geborgen ist, bei allem, was auch geschieht.“

 

Gerade an Tagen, die uns wie ein Karfreitag vorkommen, weil wir uns mit Geschehnissen auseinandersetzen müssen, die jegliches menschliche Fassungsvermögen übersteigen, sollen wir wissen: Gott sieht mich. Er schaut nicht weg von mir. Er nimmt großen Anteil an meinem Leben. Und es ist sein großer Herzenswunsch, dass ich heil durch mein mühsames und zerbrechliches Leben komme.

 

Gott hat auch damals nicht weggeschaut, an jenem ersten Karfreitag. Wie Jesus ganz alleine da oben am Kreuz gehangen ist, unvorstellbaren Qualen ausgesetzt. Als alle Freunde und Anhänger weggelaufen sind, weil das, was sie gesehen haben, so unfassbar gewesen ist, dass sie sich tage- und nächtelang gefragt haben: „Warum? Wieso hat Gott nicht eingegriffen. Hat er etwa weggesehen?“

Es war wie eine ganz besondere Stunde, als den ersten Christen später dann aufgegangen ist: Dieser Karfreitag ist nicht das Ende gewesen, nicht das Aus, nicht der freie Fall in eine abgrundtiefe Leere.

Darauf sind sie erst später gekommen. Als es längst Ostern geworden ist und sie neu gesehen und gespürt haben: „Jesus ist die Auferstehung und das Leben“ (Johannes 11,25a). Und sie haben für sich neuen Mut und neue Kräfte gespürt, mit denen man allmählich wieder nach vorne und nach oben schauen kann.

 

Wer das Johannesevangelium liest, könnte leicht darauf kommen, dass dieser Karfreitag, auf den der Evangelist nach ungefähr 60 bis 70 Jahren zurückschaut, verharmlost oder nur als eine - wenn auch widrige - Durchgangsetappe zu Ostern angesehen werden könnte.

Aber zwischen den Zeilen man herauslesen, dass es am historischen Karfreitag nichts zu beschönigen gibt. Er zeigt, was Menschen alles aushalten müssen und wozu Menschen fähig sind.

Der Karfreitag bringt sogar die Frage „Siehst du mich?“ auf die äußerste Spitze, auf den einen Punkt, an man eigentlich nur antworten kann: „Nein, mich niemand sieht! Niemand kann ermessen, was ich gerade durchstehen muss. Und eigentlich ist es undenkbar, dass Gott mich sieht und ich seine Nähe spüren kann!“

Dieses schlimme Verbrechen damals vor den Toren der Stadt Jerusalem sowie alle weitere unfassbare Ereignisse im Laufe der Weltgeschichte sind und bleiben bis heute eine große Anfechtung, eine gewichtige Anfrage an Gott, warum das so gekommen ist, wieso es keinen Ausweg gegeben hat und wie man mit diesen schlimmen Bildern im Kopf überhaupt weiterleben kann?

 

Andererseits weiß das Johannesevangelium, dass man den Karfreitag ohne Ostern gar nicht aushalten kann.

Wäre der Karfreitag nur das bittere Ende, der traurige Schlusspunkt oder der große Trümmerhaufen, auf dem all unsere Hoffnungen und Wünsche für eine gute Zukunft zerbrochen sind, dann wäre alles Weiterleben nur noch trostlos.

Das Johannesevangelium weiß - aus dem Rückblick betrachtet -, dass Gott seinen Sohn keine Sekunde aus den Augen gelassen hat. Und es weiß auch, dass Gott nicht nur ein Zuschauer geblieben ist, der allem schlimmen Sterben einfach nur so zugeschaut hat.

 

Deswegen kommt das Johannesevangelium zu einer ganz eigenen Darstellung des Karfreitagsgeschehens. Es beschreibt einzelne Szenen, die allesamt vom Sehen oder Nichtsehen handeln. Hören Sie aus dem 19. Kapitel die Verse 16b-30:

Sie nahmen ihn aber und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohepriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht und neigte das Haupt und verschied.

 

„Siehst du mich? Da oben am Kreuz?“

Die einen, die Soldaten, sehen nichts. Sie tun nur ihre Arbeit. Und jetzt müssen sie noch warten, bis es mit den Dreien da oben ganz zu Ende ist. Das kann dauern. Womit also die Zeit totschlagen, bis Feierabend ist? Sie teilen die Kleider, die Beute, die letzten Überreste, die man noch sehen kann.

Aus dem Bericht des Evangelisten Johannes lese ich heraus, dass es dabei ganz korrekt zugeht, ohne Streit. Und weil das Gewand, das von oben an in einem Stück gewebt ist, so wie das Gewand des Hohepriesters, das ohne Naht sein muss, viel zu schade ist, um es zu zerschneiden, losen sie einfach darum, wer es bekommen soll.

Ich stelle mir vor, wie das, was vielen besonders grausam oder zynisch erscheint, für sie längst zum Alltag geworden ist. Und ich frage mich, was die Soldaten ihren Frauen abends auf die Frage erzählen, wie es heute bei der Arbeit war? Und nach der wievielten Kreuzigung sie aufgehört haben, das Leid an sich heranzulassen?

Wie viele Horrorfilme muss man sich ansehen oder wie viele sogenannte Gegner im Computerspiel aus dem Weg räumen, dass man so abgestumpft wird und zwischen Zeitvertreib vor dem Bildschirm und Wirklichkeit nicht mehr genau unterscheiden kann? Und was muss alles passiert sein, wenn die einen nicht mehr abschätzen können, dass es längst kein Spiel mehr ist und die anderen nicht mehr wahrnimmt, die nicht mehr aussteigen können?

 

Ein anderer sieht immerhin etwas. Es ist Pilatus. Er sieht, dass Jesus unschuldig ist. Und vielleicht tut es ihm jetzt auch leid, dass er dem Drängen der Hohepriester nachgegeben und gerade ihn, Jesus, verurteilt und einen Räuber mit Namen Barrabas freigelassen hat.

Pilatus lässt eine Inschrift verfassen und sie am Kreuz anbringen. Darauf steht: „Jesus aus Nazareth, der König der Juden!“ Vielleicht war diese Aufschrift eine kleine Rache gegenüber den Hohepriestern, weil sie ihn so bedrängt haben und er nachgegeben hat. Denn wer nun vor dem Kreuz stand konnte lesen: „Hier hängt der König der Juden am Kreuz.“

Und als die Hohepriester auch daran etwas auszusetzen haben und zu Pilatus sagen, er solle doch gefälligst die Inschrift in der indirekten Rede verfassen und schreiben, dass er gesagt hat, er sei der Juden König, weil es sonst vielleicht noch jemand glauben könnte, da schiebt er einen Riegel vor und lässt sich nicht weiter gängeln. Trotzig gibt er zurück: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“

Aber damit hat sich für Pilatus der Fall auch schon erledigt. Die Sache ist für ihn vorbei. Pilatus sieht nicht, dass noch etwas kommt.

Wer im täglichen Kleinkrieg gefangen ist, wer ständig schauen muss, dass er mitkommt und nicht übervorteilt wird, der bekommt den Kopf auch nicht mehr frei. Und er übersieht das Wesentliche, dass Gott nämlich nicht wegschaut, sondern dableibt und fassungslos mitleidet.

 

Wäre mit dem Karfreitag wirklich alles aus und vorbei, dann könnte man auch gar nicht weiter sehen als Pilatus. Dann wäre Jesus ein besonderer Mensch gewesen, wie Martin Luther King plus Mutter Theresa, der sich für die Armen eingesetzt und für das Gute gekämpft hat. Aber dann wäre dieses Kapitel jetzt beendet.

Ich lese aus dem Karfreitagsbericht des Johannes auch heraus, dass Gott mich sieht und mich nicht irgendwo liegen lässt - weder jetzt, wenn man ganz unten ist, noch später einmal. Das, was von diesem schweren Tag bleibt, liegt nicht in den äußeren Umständen des Todes Jesu liegt, etwa in seinem grausamen Sterben am Kreuz oder in der Tatsache, dass bei seiner Hinrichtung Blut geflossen ist. Die Kreuzigung haben Menschen besorgt, nicht Gott.

Deshalb hebt Johannes in seinem Evangelium immer wieder die Menschen hervor, die dennoch am Glauben bleiben. „Wer glaubt, der hat das ewige Leben“ (Johannes 6,47), kann sich darauf verlassen, dass Gott uns nicht aus den Augen lässt.

 

Gott schaut nicht weg. Das ist für Johannes der Ertrag des Karfreitags.

Deshalb lässt er seinen Karfreitagsbericht auch mit diesen Worten Jesu enden: „Es ist vollbracht!“

Ein Leben ist vollendet, das diesen Gott, der die Menschen sieht und dableibt, in besonderer Weise hat anschaulich gemacht hat. Wenn Jesus von sich, als einem Weg gesprochen, auf dem sich wieder eine Zukunft auftun kann, oder wie ein Licht, das hilft, den Überblick nicht zu verlieren, dann hat er damit auch von Gott gesprochen. Und alle, die daran glauben, hat er Hoffnung gegeben, dass man sich deshalb auf Gott verlassen kann, weil er dableibt und uns sieht und uns durch alle dunklen und unvorstellbaren Tage führt..

 

Und auch das andere gehört für Johannes dazu: Wir sollen ebenfalls nicht wegschauen.

Das macht die eine Szene deutlich, in der er erwähnt, dass da noch weitere Personen unter dem Kreuz stehen. Unter anderem die Mutter Jesu und ein Jünger, von dem es heißt, dass ihn Jesus besonders lieb hatte. Beide werden einander zugewiesen (vgl. V.25-27).

Als ob Jesus am Kreuz noch sagen würde. „Schau genau hin. Schau, wer neben dir ist. Schau, wer dich braucht! Sieh dich um, wer neben dir wohnt, wer neben dir in der Kirchenbank sitzt, wer neben dir arbeitet.“

Normalerweise zerstört der Tod alle Verbindungen. Hier ist es anders: „Sieh dich um! Schaue dir die Menschen genau an! Sieh in dem anderen nicht nur jemanden, an dem man ständig herummäkeln und herumnörgeln kann. Schau hin, ob jemand dir unausgesprochen zu verstehen gibt: „Siehst du mich wirklich?“

Wenn von einer Person gesagt wird, sie sei ganz und gar unauffällig gewesen, dann bedeutet das auch, dass man sie gar nicht wirklich gesehen oder wahrgenommen hat. Jedes Gesetz und jede Verordnung vom Staat oder von Behörden, auch nicht von Flugzeuggesellschaften, bringen gar nichts, wenn Menschen nicht genau hinsehen.

Deshalb gehört beides fest zusammen: Der Gott, der uns sieht, will, dass auch wir einander sehen und wahrnehmen, damit niemand alleine ist, auch in den ganz dunklen Stunden nicht.

Und der Trost Gottes, der weiter blickt und tiefer schaut als alles menschliche Sehen, gebe uns die Geborgenheit, die wir an solchen Tagen wie heute brauchen. Amen.

• Predigt zu Karfreitag, 03. April 2015, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in Marktbreit und Erlach