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Warten ist nichts für Feiglinge - Predigt zu 2.Petrus 3,13 - Ewigkeitssonntag 2014

Liebe Gemeinde!
„Es wäre schön, wenn man jetzt an einen Gott glauben könnte.“
Vom kürzlich verstorbenen Schauspieler Joachim Fuchsberger stammt dieser Satz. Der Hintergrund: Sein Sohn ist kurz zuvor verstorben. Und er hätte sich gewünscht, an einen Gott glauben zu können, um den Verlust besser zu verkraften. „Es wäre schön, wenn man jetzt an einen Gott glauben könnte. Aber ich kann es nicht.“

Manche von uns haben in diesem zu Ende gehenden Kirchenjahr ebenfalls so oder so ähnlich gesprochen. „Es wäre schön, wenn man jetzt an einen Gott glauben könnte.“
Es wäre schön, wenn man jetzt so viel Trost spüren würde, dass man mutig nach vorne schauen kann.
Es wäre schön, wenn man dahinkäme, dass alle Erinnerungen nicht mehr nur wehtun, sondern sich in dankbare Lebensbeschreibungen verwandeln würden.
Und es wäre schön, wenn man wissen könnte, was man für sich selbst noch erwarten darf? Vor allem dann, wenn man spürt, wie der eigene Aktionsradius immer kleiner oder die eigene Lebenskraft immer weniger wird.

Manche von uns sind erst vor kurzem, andere bereits vor einigen Monaten an einem offenen Grab gestanden und haben sich gefragt, wie es jetzt ohne diesen einen Menschen, der so fest zum eigenen Leben dazugehört hat, weitergehen soll?
Wie kann man jetzt alleine in der leeren Wohnung über die Runden kommen?
Und wie all die einsamen Stunden aushalten?
Wie wird einem innerlich wieder warm?
Andere von uns haben erlebt, dass in diesem zu Ende gehenden Kirchenjahr etwas grundlegend anders gekommen ist, das man mit dem eigenen Glauben einfach nicht  oder nur schwer in Verbindung bringen kann:
Was habe ich gehofft, dass ich diese Stelle bekomme. Aber jetzt muss ich wohl wegziehen, um meinen Beruf weiter ausüben zu können.
Was habe ich mir gewünscht, dass meine Liebe erwidert wird. Und nun stehe ich wieder alleine da.
Und was habe ich gebetet, dass die Diagnose gut ausfallen möge. Mit diesem Ergebnis muss ich erst mal klarkommen.

Der heutige Ewigkeitssonntag möchte alle - egal wie nahe sie sich bei Gott glauben oder wie weit weg von ihm - aufklären, was man von ihm erwarten darf. Dieser letzte Sonntag im Kirchenjahr will uns gewiss machen: Alle schweren Gedanken, die manche von uns fest im Griff haben, sind nicht das Letzte. Es gibt eine Zukunft. Nicht nur für die, die von uns gegangen sind, sondern auch für uns. Und nicht erst irgendwann einmal später, sondern bereits jetzt in diesem Leben.
Es ist Gottes großer Wunsch, dass wir an ihn glauben können als eine große Kraft, die uns hält, gerade dann, wenn wir meinen hinzufallen. Und es ist sein ausgemachter Wille, dass wir Menschen „Zukunft und Hoffnung“ vor uns haben (vgl. Jeremia 29,11), vor allem in den Zeiten, in denen uns etwas so geschüttelt hat und wir meinen, unser Leben hätte keinerlei Lebensqualität mehr.

Der 2. Petrusbrief spricht an einer Stelle von dieser Zukunft so: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (2.Petrus 3,13).
Zugegeben. Diese Worte klingen recht nüchtern. An anderen Stellen der Bibel werden dieser neue Himmel und diese neue Erde mit großartigen Bildern beschrieben, die man weiter ausmalen und sich darin richtig geborgen fühlen kann. Im Buch der Offenbarung ist zum Beispiel davon die Rede, dass alles Dunkle und Rätselhafte in hellem Licht aufgelöst sein wird. Die Menschen werden nicht mehr klagen. Kein Leid wird sie mehr treffen. Der Tod wird nicht mehr sein, weil Gott selbst bei ihnen wohnen wird (Offenbarung 21).
Der Briefschreiber des 2. Petrusbriefes dagegen spricht nur vom Warten. Wir warten. Auf einen neuen Himmel und auf eine neue Erde. So hat es Christus verheißen.
Und natürlich wäre es schön, wenn wir diesen neuen Himmel und diese neue Erde auch wirklich erleben könnten. Nicht erst später einmal, sondern schon hier und jetzt. In unserem mühevollen Leben.
Wenn zum Beispiel endlich einmal die trüben Gedanken verschwinden könnten.
Wenn die große innere Leere abnehmen würde.
Und wenn wir endlich ein Licht ganz hinten am Tunnel sehen, dass langsam immer größer und heller wird.

Aber noch sind dieser neue Himmel und diese neue Erde für viele weit entfernt. Und es scheint, dass das Abschiednehmen der ständige Begleiter ist. Von lieben Menschen. Aber auch von manchen Lebenswegen, die man aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr gehen. Oder von manchen Zielen, die man einfach nicht mehr verwirklichen kann.
Joachim Fuchsberger ist es ebenso ergangen. Er hatte übrigens die 80 überschritten, als sein Sohn auf tragische Weise ums Leben kam und er musste bitter eingestehen, „dass zum Alter der Verlust gehört“. „Ob es der Verlust von Menschen ist, die einem lieb geworden sind, oder ob es der Verlust von persönlichen Fähigkeiten ist. Das gehört alles zusammen.“ So hat er in einem Interview einmal dargelegt.

Und wenn wir immer wieder feststellen müssen, dass nichts für die Ewigkeit ist, dann wäre es doch zumindest schön, wenn wir alles, was uns zu schaffen macht, einfach abschütteln könnten wie den Staub von unserer Kleidung. Wie beruhigend wäre es, wenn wir einfach sagen könnten: Schluss mit den trüben Gedanken! Und vorbei mit der Zeit, die ich mir nicht ausgesucht habe.
Aber es geht nicht so schnell. Leider. Es dauert noch. Wie lange, kann niemand sagen. Jede und jeder muss die ganz eigenen Warteschleifen drehen, bis Neuland in Sicht ist.
Joachim Fuchsberger hat übrigens ein Buch mit dem Titel „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ geschrieben. Darin beschreibt er ausführlich über die Herausforderungen des Alters, wie es sich anfühlt, wenn die Lebensmöglichkeiten immer weniger werden und wie feige es ist, wenn man meint, dem Alter und seinen Beeinträchtigungen einfach ausweichen zu können.
Kurz nachdem er das Buch fertig geschrieben hat, ist der tragische Unfall seines einzigen Sohnes passiert. Der Buchtitel hat damit noch eine ganz neue Dimension bekommen. Denn mit einem so großen Verlust zurechtzukommen oder sich auseinanderzusetzen, ist wirklich nichts für Personen, die meinen, man könne alle Trauer einfach wegsperren oder alle dunklen Gedanken mal eben locker wegklicken.
Und das sehnliche Warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde ist nichts für solche, die meinen, dass über Nacht die dunklen Wolken sich einfach auflösen werden und schon am nächsten Morgen die eigene Welt in einem völlig neuen Licht erstrahlt.

Vielleicht deshalb diese nüchterne, aber doch klare Ansage: „Wir warten aber.“
Für mich klingen diese Worte mehr als Durchhalteparolen. Sie klingen richtig widerspenstig. Ich lese aus diesem Vers auch heraus:
Ich möchte nicht, dass alles beim Alten bleibt. Ich will mich nicht damit abfinden, dass ich nur noch zurückblicke, mein Leid und alle Einsamkeit beklage.
Ich will nicht nur gebannt auf mein eigenes Ende starren. Ich möchte wieder gerne leben, gerne ich selbst sein, auch wenn das, was gewesen ist, nicht mehr wieder kommt.
Ich möchte morgens gerne aufstehen können. Ich möchte einen Tag erleben, an dem ich das Leben feiern kann. Und ich will es noch einmal erleben, wie alle Farben wieder zurückkommen, wenn auch in anderer und neuer Zusammensetzung.
Und vielleicht wünscht sich auch jemand das: ich will wieder spüren und fühlen, wie schön es ist, im siebten Himmel zu sein.
Wie auch immer: Ich möchte wieder dahin kommen, dass der Himmel für mich offen ist, dass ich Gott fest an meiner Seite weiß und seine Kräfte in meinen spüre.

Der 2. Petrusbrief versichert uns: Alles Warten auf einen neuen Himmel und auf eine neue Erde sind mehr als ein trotziges Hoffen und Harren. Denn für den Schreiber des 2. Petrusbriefes gibt es jemanden, der sich dafür verbürgt, dass alles Warten nicht umsonst sein wird. Es ist Christus.
Mit der Art und Weise, wie sich Jesus damals auf andere Menschen eingelassen hat, wie er ihnen nahegekommen ist, wie er sich mit ihnen an einen Tisch gesetzt, ihnen zugehört, sie wieder auf die Beine gestellt oder sie aus ihrem Kreisen um sich selbst herausgeholt hat, haben sie gespürt: Da ist jemand, der mich versteht. Da ist mir jemand nahe. Es ist als ob sich der Himmel für mich öffnet und ich die Erde mit neuen Augen sehen kann.
Heute blitzt für mich etwas von diesem offenen Himmel und dieser neuen Erde überall da auf, wo Menschen durch ihren Glauben Mut bekommen, neue Wege zu gehen.
Wo man nach einem Gottesdienst gestärkt in die neue Woche gehen kann.
Wo man sich aussprechen darf. Wo jemand einem zuhört und man dadurch selbst Klarheit bekommt, wie es im eigenen Leben weitergeht.
Wo jemand aus seiner Einsamkeit herausgeholt wird.
Und überall dort, wo sich jemand keine großen Illusionen mehr über seine Zukunft macht, aber jeden Tag dennoch neu aufsteht und sich den Tag einteilt.

Es wäre schön, wenn man diesen neuen Himmel und diese neue Erde hier und jetzt erleben könnte. Und wer meint, dass er viel zu weit von diesem neuen Himmel und dieser neue Erde entfernt ist, dem sei gesagt, dass Gott uns immer viel näher ist als wir meinen.
Und es gibt noch etwas, das neben allem Warten einhergeht. Damit schließt übrigens der 2.Petrusbrief. Es gibt auch ein Wachsen „in der Gnade und Erkenntnis“ Jesu Christi (vgl. 2.Petrus 3,18). Es hilft uns, mit dieser neuen Welt im Hier und Jetzt immer wieder zu rechnen und sie zu erfahren.
Und der Trost Gottes, der weiter blickt und tiefer schaut als alles menschliche Sehen, gebe uns die Geborgenheit, die wir gerade brauchen. Amen.

Die Zitate von Joachim Fuchsberger stammen aus dem Süddeutsche Zeit Magazin 4/2011, S.1.12-21.

• Predigt zu 2.Petrus 3,13 für den Ewigkeitssonntag 2014
verfasst von Pfarrer Thomas Volk