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Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres; Hin- und Hergerissen - Predigt zu 2.Korinther 5,1-10

1 Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden,

3 weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.

4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.

5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.

6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn;

7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.

8 Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.

 

9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen.

10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse. 

Liebe Gemeinde,

stellen Sie sich vor, Sie haben sich lange in einem Verein, in einer sozialen Einrichtung oder in einer Kirchengemeinde engagiert, haben für sinnvolle Abläufe und für ein gutes Klima gesorgt und kaum sind sie nicht mehr da, beginnt alles, was Sie in die Wege geleitet haben, sich wieder aufzulösen.

So stelle ich mir den Hintergrund des heutigen Abschnittes aus dem 2.Korintherbrief vor. Das muss man sich einmal vorstellen. Eineinhalb Jahre ist Paulus in der Hafenstadt Korinth gewesen, hat reichlich Zeit und vor allem Unmengen an Kraft investiert, um eine christliche Gemeinde aufzubauen. Und kaum ist er fort, scheinen die Menschen alles vergessen zu haben, was er ihnen dargelegt hat. Stattdessen lassen sie sich von anderen Personen beeindrucken, die zwar äußerlich gut rüberkommen, aber inhaltlich dem Apostel nicht nur annähernd das Wasser reichen können.

Paulus kann es schier nicht fassen. Es kann doch nicht sein, dass sich seine Korinther die Freiheit, die sich alleine an Christus gebunden weiß, wieder Stück für Stück abnehmen lassen. Er hat ihnen auch schon einen langen Brief geschrieben. Und nun hat er neue Nachrichten bekommen, die besagen, dass es jetzt wohl auch noch um seine Person selbst geht.

Alle, denen etwas aus den Händen gleitet oder erleben müssen, dass die Dinge in eine ganz andere Richtung gehen, fragen sich zu Recht: „Was habe ich eigentlich erreicht?“ In meinem Leben? Von meinen persönlichen Zielen? Von dem, was ich unbedingt weitergeben wollte?

Was habe ich in meinem Beruf erreicht? Bin ich zufrieden mit dem, was ich bislang geschafft habe? Oder ertappe ich mich, dass ich oft unzufrieden bin, weil ich mich immer wieder aufs Neue durchkämpfen muss und mir so manche Steine in den Weg gelegt werden?

Was habe ich vom dem erreicht, was ich unbedingt an andere weitergeben wollte? Ich wollte so gerne, dass die Menschen sich in meiner Umgebung wohl fühlen und gerne mit mir zusammen sind, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mir ausweichen und lieber woanders zusammenkommen. Und wie sehr habe ich mir gewünscht, dass sich meine Kinder bei mir wohlfühlen und spüren, dass ihnen meine ganze Liebe gilt. Aber jetzt merke ich, dass sie mich nicht mehr brauchen, sich abwenden und lieber andere Vorstellungen anhören.

In diesen Wochen fragen auch viele: Was haben wir erreicht an einem versöhnlichen Miteinander von Ost und West? Sind wir nach 25 Jahren schon so eng zusammengewachsen wie die knapp 7000 aufsteigenden Luftballons am vergangenen Sonntag in Berlin deutlich machen wollten? Oder bleibt das Unbehagen, dass manche Mauern in den Köpfen immer noch sehr fest sind und auch so mancher Neid immer wieder aufkommt, verbunden mit der Frage: Die anderen - nicht ich -  hatten doch nach der Wende die besseren Startbedingungen oder waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Und heute am Volkstrauertag fragt vielleicht auch so mancher: Was haben wir in unserem Land erreicht? Geht von unserem Land und damit auch von mir ein fester Friede aus? Oder nimmt die Zahl derer, die in ihren Ansichten bis aufs Äußerste gehen, immer mehr zu?

Wer sich fragt, was man erreicht hat, ist hin- und hergerissen.

Soll ich alles hinwerfen? Weiterkämpfen? Oder vielleicht alles nicht so eng sehen? Gut, wer alles, was einem zu schaffen gemacht hat, einfach so beiseitelegen oder vergessen kann.

Wenn man hin- und hergerissen ist, dann ist auch noch nicht entschieden, welche Gedanken oder Gefühle die Oberhand behalten werden: die guten, angenehmen und dankbaren oder die schweren und bitteren?

Bei Paulus ist es auch noch nicht entschieden. Ich lese aus dem heutigen Abschnitt aus dem 2.Korintherbrief heraus, dass er einfach sehr hin- und hergerissen gewesen sein muss.

Auf der einen Seite kann er auf viele erfolgreiche Jahre zurückblicken. In so vielen Städten ist es ihm gelungen das Evangelium von Jesus, dem Christus, weiterzugeben. Mit der Freiheit, zu der Christus uns befreit hat (Galater 5,1) hat er vielen Menschen Mut und neuen Antrieb gegeben.

Auf der anderen Seite spürt er zunehmend, dass er einfach nicht mehr kann und will. In vielen Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern hat er sich aufgezehrt. Er kann es einfach nicht verstehen, dass die Menschen die Grundlage ihres Glaubens, der sich alleine an Christus gebunden weiß, wieder vergessen wollen.

Wie hat Paulus dafür gekämpft, dass diese Freiheit gerade darin besteht, dass man nicht mehr irgendeiner Macht ausgeliefert ist oder bestimmte Vorschriften einhalten und sich auch von keinem Menschen alles gefallen lassen muss. Paulus spürt auch zunehmend, wie nicht nur die Gemeinde in Korinth, sondern auch seine Gesundheit ihn zunehmend im Stich lässt.

Wenn man wie Paulus so hin- und hergerissen ist, kann es sein, dass man an einen Punkt kommt, wo man einfach nicht mehr will oder kann und sich fragt: „Warum tue ich mir das eigentlich an?“ In den ersten sieben Kapiteln des 2.Korintherbriefs, die sehr persönlich und betroffen gehalten sind, kommt Paulus immer wieder an den einen Punkt, wo er am liebsten aufgeben möchte.

Was ihn bewegt, malt er mit ganz unterschiedlichen Bildern aus:

Die anderen kommen imposanter daher und treten viel besser auf. Dagegen fühle ich  mich „nackt“ und bloßgestellt (vgl. V.2).

In einer Welt, in der so viel Schein ist, fühle ich mich zunehmend „in der Fremde“ (vgl. V.8-9).

Und wenn ich alleine für mich bin, in meinen vier Wänden, komme ich mir vor, als ob ich in einer schäbigen „Hütte“ leben müsste (vgl. V.4), in der es nicht recht warm wird und man sich nicht geborgen fühlen kann.

Am liebsten möchte ich alles hier hinter mir lassen. Ich sehne mich nach einem Haus, „das ewig ist im Himmel“ (vgl. V.1). Wie schön wäre es, wenn mich die Nähe Gottes schon jetzt umhüllen könnte, wie ein warmer Mantel und mich gleichzeitig vor allen Anfeindungen sicher bergen würde.

Es gibt ein modernes Kirchenlied, das solches Sehnen so in Worte fasst:

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott,
nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück,
nach Liebe, wie nur du sie gibst.

Ich verstehe diese Zeilen allerdings nicht so, dass man alle Unannehmlichkeiten dieser Welt am besten hinter sich lassen oder allen Konflikten am liebsten ausweichen möchte. Diese Zeilen sprechen die Sehnsucht und zugleich auch die Bitte aus, dass man mit der Zuversicht der Nähe Gottes jeden Tag neu aufstehen kann, auch wenn es manchmal schwer ist.

Aus dem heutigen Abschnitt lese ich auch heraus, dass Paulus dann doch wieder aufstehen konnte.

Wie er grübelt und sich ausmalt, wie schön es sein wird, wenn die letzten Dinge beginnen werden, so wird im mit einem Mal bewusst, dass es noch längst nicht an der Zeit ist, alles stehen und liegen lassen, alles aufzugeben oder sich bereits damit zu trösten, wie es einmal in Gottes ewigem Reich sein wird.

Paulus kommt wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Wie er noch dabei ist, zu träumen, wie es sein wird, von Gott einmal „überkleidet“ zu werden (vgl. V.4), kommt er auch auf den Gedanken, dass alle - egal ob sie noch leben oder schon bei Gott wären - vor dem „Richterstuhl Christi“ offenbar werden müssen (V.10). Dann bekommen alle, was sie verdienen.

Ob Paulus, als er diesen deftigen Satz schreibt, besonders seine Gegner im Blick hatte, die ihm das Leben so schwer gemacht haben, weiß ich nicht, aber auf alle Fälle hilft ihm dieser Gedanke, wieder im Hier und jetzt anzukommen.

Man kann sich doch nicht vor den Aufgaben drücken, sich eingraben oder einfach weglaufen. Nichts ist damit gelöst und kein Problem aus der Welt geschafft. Es geht doch darum, dass ich verantwortlich auf dieser Erde leben muss und mich nicht abhängig von den Meinungen anderer mache oder mein Selbstbewusstsein daran messe, wie oft mir manche auf die Schulter klopfen..

Liebe Gemeinde, ob man uns einmal ein Denkmal setzen, eine Straße nach uns benennen oder ein Zimmer in einem bedeutenden Tagungshaus mit unserem Namen versehen wird - oder auch nicht -, ist völlig unbedeutend. Vielmehr kommt es doch darauf an. Das wir „allezeit getrost“ sein können (V.6). Nicht nur darin, was die letzten Dinge angeht, sondern vor allem, was das Leben im Hier und Jetzt anbetrifft.

Und wie oft hat es Paulus selbst von Christus gehört und erlebt, was er an anderer Stelle schreibt: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2.Korinther 12,9a). Und wie oft hat er es schon erlebt und weitergegeben: „Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne“ (2.Korinther 12,9b).

Als diese zuversichtlichen Gedanken bei ihm aufkommen, ist ihm schon längst klar, dass er das nicht aus eigener Kraft gesagt hat, sondern dass es Gottes Geist gewesen ist, der ihm neuen Mut eingeschenkt hat. So kommt er zu dem Fazit: Wir können guten Mutes sein, denn Gott hat uns seinen Geist sozusagen „als Unterpfand“ gegeben (V.5).

Diesen täglich neuen Mut, so verstehe ich Paulus, verschafft uns Gottes Geist. Er ist die einzige Sicherheit, wenn wir uns hin- und hergerissen fühlen oder wenn wir merken, dass es kein Halteseil gibt, keinen Fallschirm, kein Netz und kein Navi, auf das man sich jetzt verlassen kann.

Vielleicht können wir es nicht allen Menschen recht machen. Vielleicht müssen wir auch manchmal umsonst kämpfen. Vielleicht haben wir das Gefühl, dass die grauen Wolken am Himmel einfach nicht wegziehen wollen, aber Gottes Geist verwandelt alle Last in Aushaltekraft und lässt die Zuversicht immer neu groß werden, dass wir uns bei Gott ganz geborgen fühlen dürfen und deshalb jeden Tag neu angehen können.

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott,
nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück,
nach Liebe, wie nur du sie gibst.

Und der Trost Gottes, der weiter blickt und tiefer schaut als alles menschliche Sehen, gebe uns die Geborgenheit, die wir gerade brauchen. Amen.

• Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres - 16.11.2014:
Predigt zu 2.Korinther 5,1-10; verfasst von Pfarrer Thomas Volk,
gehalten in den Kirchengemeinden Marktbreit und Ochsenfurt