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Von nicht mehr "Eigentlich"-Sprechen... Psalm 143,8

Liebe Gemeinde, eigentlich ist es schon … halb Zwölf. Und wir sitzen noch so ruhig da? Halt, es ist ja Winterzeit. Eine Stunde ist uns letzte Nacht wieder zurückgegeben worden. Das heißt: Eine Stunde länger schlafen. Eine Stunde mehr Sonntag. Eine Stunde ausgiebiger Zeit!

Trotzdem tun sich viele mit dem Umgewöhnen schwer, weil man gerne auf die schon oder noch nicht umgestellte Uhr schaut und spricht: Eigentlich … . Eigentlich bin ich um die Zeit doch schon längst am Kochen oder beim Tischdecken oder mit dem Auto unterwegs

Aber es nicht „eigentlich“ halb Zwölf. Es ist halb elf.

 

Bei anderen und bei mir auch merke ich, dass man nicht nur an dem Tag der Zeitumstellung so spricht, sondern auch bei anderen Gelegenheiten: „Eigentlich … .“

Eigentlich hätte ich … . Eigentlich könnte ich … . Eigentlich sollte ich … . Aber ich tue es dann doch nicht! Das Formular ausfüllen. Zum Arzt gehen. Das klärende Gespräch suchen. Oder sich von der einen Idee endgültig verabschieden.

Eigentlich müsste ich, aber es noch eine Stunde zu früh oder zu spät, heute nicht der richtige Tag, bin nicht in der richtigen Stimmung. Und dann lässt man es sein.

 

Vielleicht hätte die Person, die einmal den 143.Psalm gebetet hat, auch gute Gründe gehabt, so zu sprechen: Eigentlich müsste ich, könnte ich oder sollte ich, aber sie sieht ihr Leben ganz realistisch. Sie sieht die Sorgen, die da sind. Sie sieht ihre aktuelle Lage vor sich und weiß nicht, welchen Weg sie einschlagen soll. Sie sieht eine dunkle Zeit auf sich zu kommen, in der es morgens viel zu spät hell, abends viel zu früh dunkel wird und in der sich auch so manche Dunkelheit leicht im Herzen breit macht. Sie sieht vielleicht auch so manchen aufkommenden Hass in ihrem Umfeld und fühlt sich ohnmächtig, wie alle wieder im Frieden zusammenkommen können.

Aber diese Person spürt, dass es jetzt nicht die Zeit ist, „eigentlich“ zu sagen, sondern den Lebensumständen ganz realistisch ins Auge zu blicken. Deshalb bittet sie mit diesen Worten, die im 8.Vers des 143.Psalms zu finden sind:

„Lass mich am Morgen deine Güte erfahren!

Denn auf dich setze ich mein Vertrauen.

Zeige mir den Weg, den ich gehen soll!

Denn zu dir bringe ich meine Sorgen“

(Übersetzung nach der Basis Bibel).

Zeitumstellungen gab es damals noch nicht, aber gewiss Situationen im Leben,

• wo man überlegt, welchen Weg man gehen soll,

• wo man spürt, dass man mit den Veränderungen im Leben doch nicht so zurechtkommt, nicht nur am Beginn der Zeitumstellung von Sommer- auf Winterzeit

• oder wo man merkt, dass manche Sorgen einfach da sind, die man auch nicht über Nacht ablegen kann.

 

Meine Sorgen

Ich weiß nicht, ob und welche Sorgen Sie heute Morgen mitgebracht haben: große und kleine, berechtigte und unberechtigte, ausgesprochene und solche, die nur für Sie für sich selbst wissen.

Auf alle Fälle: Sorgen sind da. Man kann sie ja nicht einfach wegklicken oder wie das Laub im Hof oder auf der Straße einfach aufsammeln, in die Tonne kippen und dann sind sie auch sofort weg.

An der Person aus dem 143.Psalm sehe ich, dass sie ihre Sorgen zu Gott bringt. Sie betet: „Zu dir, Gott, bringe ich meine Sorgen.“

 

Sorgen und Wege

Viele Sorgen hängen auch damit zusammen, dass man nicht weiß, welche Wege man gehen soll.

• Soll ich zum Arzt gehen oder weiter den „Weg der Schmerzen“ gehen, auf dem mich jeder Meter einfach anstrengt?

• Soll ich anfangen, offen und ehrlich auszusprechen, was ich denke und was mir schon so lange gegen den Strich geht oder soll ich weiter den „Weg des Schweigens und des Duldens“ gehen?

• Soll ich - wenn ich mich beruflich oder privat verändern will - einen Umzug in Kauf nehmen, oder soll ich weiterhin meine „gewohnten und ausgetretenen Pfade“ gehen, die mir so oft jegliche Lebensfreude nehmen.

 

Mein Wege

Die Person, die im 143.Psalm betet, bittet deshalb gerade nicht: „Zeige mir den Weg, den ich eigentlich gehen müsste!“, sondern sie bittet gradlinig: „Zeige mir den Weg, den ich gehen soll!“

Ob man auf einem solchen Weg sofort alle Sorgen hinter sich lassen kann? Das sei dahingestellt! Auf alle Fälle müssen wir selbst den Weg gehen. Das nimmt uns niemand ab. Wenn wir mit jemandem etwas zu klären haben, dann müssen wir schon selbst mit ihr reden. Oder wenn die Traumstelle eben 100 km weit entfernt ist, dann müssen wir schauen, wie wir dorthin kommen.

 

„Zeige mir, Gott, den Weg, den ich gehen soll!“

Die Betonung legt auf dem Ich. Wege, die andere gehen sollten, fallen uns sofort ein. Was sie zu tun oder zu lassen hätten. Und wir wüssten auch sofort, wie sich andere uns gegenüber zu verhalten haben und könnten aufzählen, wo sie nicht richtig lagen.

Aber in dem Psalm, wie in allen anderen Gebeten der Bibel auch, geht es immer um mich, immer um meine Einstellung, um mein Verhalten, um meine Sicht der Dinge und welche Konsequenzen ich ziehe, indem ich diesen oder jenen Weg gehe, aber mich auf alle Fälle auch aufmache.

Schon klar: Die Hinweise auf den richtigen Weg sind nicht immer so klar und eindeutig. Wie schön wäre ein eindeutiger Hinweis, mit Pfeilen, Leuchtspuren oder einem Navi, das uns genau sagt: „Da geht es lang“.

Das ist die Kunst, dass wir den richtigen Weg finden zumal es oft nicht den einen richtigen Weg gibt, sondern die vielen verzweigten, auf denen es mal nach vorne, dann nach links oder rechts geht, dann auch mal wieder zurück. Vielleicht ist mal eine Abkürzung dabei oder - was häufiger vorkommt - ein längerer Umweg.

 

Mein Vertrauen

Weil die Wege nicht eindeutig sind, betet die Person weiter: „Auf dich, Gott, setze ich mein Vertrauen!“

Die betende Person sagt nicht: „Eigentlich müsste ich mein Vertrauen auf Gott setzen, aber ich weiß nicht so recht, ob mir das was bringt“, sondern sie sagt: „Ich setze es! Ich setze mein Vertrauen auf Gott! Und ob dieser Weg, der vor mir liegt jetzt der richtige ist oder einer, auf dem ich wieder umkehren muss - das wird sich noch zeigen.

Das macht unseren christlichen Glauben aus, dass wir darin Vertrauen aufbringen: Ich gehe jetzt meinen Weg, der vor mir liegt, der nicht eindeutig ist. Aber ich gehe ihn mit viel Mut und mit viel Vertrauen, weil ich ihn nicht alleine gehe, sondern weil Gott ihn mitgeht. Und ich werde dann schon sehen und spüren, dass er und wie er mir viel Durchhaltevermögen zukommen lässt.

 

Die Güte, die ich erfahre

Gerade der Beginn der Winterzeit, wo es jetzt am Morgen noch einmal eine Stunde früher hell wird, ist ein hoffnungsvolles Zeichen, neben allen Anforderungen und neben allem, was morgens ganz schnell gehen muss, für sich am frühen Morgen zu bitten: „Lass mich am Morgen deine Güte erfahren!“

Oder anders gesagt: „Lass mich am Morgen dein Licht erkennen!“

• Das Licht, das auf den Weg scheint, den ich heute zu gehen habe. Und morgen will ich darauf vertraue, dass das Licht wieder da ist.

• Das Licht, das mich nicht mehr zögerlich stehen bleiben lässt und „Eigentlich“ sagen, sondern mich dann auch wirklich losgehen lässt.

• Das Licht, das mir klar macht, wo ich gerade im Leben stehe.

 

Dein Weg zählt!

Auf solche Spurensuche konnte man sich neulich bei der Nacht der offenen Kirchen in Würzburg am Vorabend des 3. Oktobers in der Franziskanerkirche aufmachen. Dort gab es einen Stationenweg, ein Angebot zur persönlichen Spurensuche. Auf diesem Weg gab es an verschiedenen Stationen in der Kirche Impulse zum Für-Sich-Entdecken: Welche Lebensträume habe ich? Welche Kraftorte kenne ich? Vor welche Entscheidungssituationen bin ich gestellt? Welche Freundschaften tragen mich?

Und immer dabei die Frage: Was ist mein Weg? Die Antwort: Welchen Weg ich auch gehe, mein Weg zählt! Es ist mein Weg!

Nicht jeder Weg ist eine Erfolgsgeschichte. Darum geht es auch nicht. Aber jeder Weg wird zu unserem Weg, wenn wir ihn gehen mit allen Gabelungen, Sackgassen, Umwegen, Abgründen, Wüsten und Einsamkeit.

Wie wir alle durch die lichtarme Zeit des Winters kommen, wissen wir heute noch nicht, aber es gibt Wege durch die Dunkelheit. Es wird hell. An jedem Morgen. Und an jedem Tag können wir neue Etappen ausmachen, erbitten, uns zeigen lassen. Unsere Wege. Ohne „Eigentlich“ zu sagen.

• Auch wenn die anderen schneller vorankommen, aber wir können auf unserem Weg links und rechts so manches wahrnahmen, was uns diesen Tag kostbar.

• Auch wenn wir uns nicht so attraktiv wie die anderen in unserem Alter vorkommen oder nicht mehr so vital aussehe wie die gutaussehenden Personen auf dem Titelbild der Apothekenrundschau, aber dafür sind wir Originale und alle, die sich die Mühe machen, uns kennenzulernen, werden sehen, wie sehr Anziehungskraft nicht nur am ersten äußeren Blick hängt.

• Auch wenn wir nicht so gesund sind wie die anderen und nicht mehr so fit und mobil, aber dafür leben wir bewusst und können uns über das freuen, was uns jeden Tag geschenkt wird.

Und: Es gibt immer auch Menschen, die mitgehen, die Mit-Durchhalten, die mithelfen, wieder die eigene Spur zu finden.

Manchmal muss man sich die Menschen suchen. Manchmal sind sie ganz dicht neben einem und wir erkennen sie nicht. Und manchmal erleben wir es, wie schön und wie befreiend es ist, wen man miteinander einfach reden kann, nicht nur, wer wann einkaufen geht, wer den Müll raus bringt oder wer wann wo die Kinder abholt.

 

Die Kunst des Lebens

Das ist die Kunst des Lebens, dass man nicht mehr sagt: „Eigentlich könnte es so oder so sein, was es aber so nicht ist“, sondern: Ich nehme das Leben, wie es gerade ist, an! Denn es ist mein Leben! Und es ist mein Weg! Und ich kann jeden Morgen diese Worte mutig und manchmal auch trotzig nachsprechen:

Lass mich am Morgen deine Güte erfahren!

Denn auf dich setze ich mein Vertrauen.

Zeige mir den Weg, den ich gehen soll!

Zu dir bringe ich meine Sorgen.

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes (Römer 15,13).

Amen.

 

-> Predigt gehalten von Pfarrer Thomas Volk in der St. Nikolai Kirche am Sonntag, 28.10.2018