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Titus 2,11-13 - Christvesper - Marktbreit

Lambarene - „lass es uns versuchen.“ Auch der heutige Abend könnte so umschrieben werden.
„Lass es uns versuchen“, spricht Gott in dieser Heiligen Nacht. Lass es uns versuchen, ob es uns gelingt, dass wir zusammenkommen. Ihr Menschenkinder, die ihr wieder um ein Jahr älter und erfahrener, aber auch kritischer und belasteter seid und ich, euer Gott, dem es ein großes Anliegen ist, dass ihr mich an eurer Seite wisst.
„Lass es uns versuchen!“ Für Gott ist das ein fester Vorsatz. Ich will es unbedingt schaffen. weil ihr Menschen euch in unserem Leben so leicht verrennt und weil euch die Hoffnung so schnell ausgeht.

Wie es Gott versucht, umschreibt ein kleines Schriftstück aus dem Neuen Testament. Wir hören heute Abend aus dem sogenannten Titusbrief, aus dem 2. Kapitel, die Verse 11-13:
„Erschienen ist die heilsame Gnade Gottes.
Sie will uns bewegen, unsere Gottlosigkeit
und unsere vergänglichen Wünsche hinter uns zu lassen.
Sie will, dass wir mit klarem Geist in Gerechtigkeit und Glauben leben,
solange wir in dieser Welt sind.
Denn auf eine große Hoffnung sind wir ausgerichtet,
dass die Herrlichkeit und Größe Gottes
und unseres Retters Jesus Christus in Erscheinung tritt.“     

Mit Gnade will es Gott versuchen, auch wenn dort in Bethlehem gleich die gnadenlose Jagd auf das Kind in der Krippe und alle anderen Kinder von Bethlehem beginnt. Auch wenn die unbarmherzige Welt Jesus 33 Jahre später umgebracht hat.
Aber Gott möchte nicht, dass Welt gnadenlos ist. Auch wenn wir bis heute auf Schritt und Tritt soviel Gnadenlosigkeit begegnen. Die Liste ist lang:

Gnadenlose Entlassungen, damit die Bilanzen stimmen.
Gnadenloser Straßenverkehr.
Gnadenlose Eingriffe in die Natur.
Gnadenlose Haftstrafen für Bürgerrechtler in China.
Gnadenlose Schadenfreude, wenn einem etwas misslungen ist.
Gnadenlose Gesellschaft, in der man Fehler und Schwächen so verbergen muss, damit die anderen sie nicht erfahren und niemand einen Grund bekommt, sich auf einen einzuschießen.
Gnadenlose Undankbarkeit von Menschen, die das Gute, das man ihnen getan hat, so schnell vergessen haben.

Vielleicht ist jemand unter uns, der das gerade so empfindet:
Man ist gnadenlos mit mir umgegangen. Und das tut gerade heute Abend weh.

Die Welt soll aber nicht gnadenlos sein. Der Titusbrief sagt: „An Weihnachten ist die heilsame Gnade erschienen.“ In aller Gnadenlosigkeit unserer Welt will es Gott mit Gnade versuchen, weil viel zu viel kaputt geht, wenn man gnadenlos miteinander umgeht.

Wie viel Verbitterung wird auf beiden Seiten aufgebaut, weil man das Knäuel der gegenseitigen Auf- rechnungen gar nicht mehr entwirren kann. Wie viele Menschen trauen sich nichts mehr zu, weil sie Angst haben es wieder nicht Recht machen zu können.
Und viele stellen sich Gott auch so vor. Wie jemand, der genau hinschaut und aufrechnet und es uns dann spüren lässt. Es ist schlimm, wenn Menschen sagen, dass Gott eines Tages die Rechnung schon präsentieren wird.

Für alle, die so denken, klärt Weihnachten auf und verkündet: Gottes Gnade ist erschienen.

Unter Gnade verstehe ich eine Zuwendung, eine Hingabe, die nicht rechnet, die den Menschen ansieht und versteht, was er braucht, und nicht darauf pocht, was einem selbst zustehen könnte oder müsste.
Das, was Gnade ist, kann man eigentlich nicht in Lehrsätzen erklären und auch nicht in wissenschaftlichen Abhandlungen beschreiben. Gnade kann man nur vorleben und so hoffen, dass sie Kreise zieht, wie es das Bild vorne auf dem Liedblatt andeutet, so dass andere mitmachen.
Deshalb hat Gottes Gnade Gestalt angenommen. In einem Kind kann man sie anschauen. Und sie hat einen Namen: Jesus. Dieses Kind wurde geboren, weil so viele Kinder in eine gnadenlose Welt hineingeboren werden und weil gerade doch Kinder Gnade spüren sollen. „Komm, es ist gut. Es macht nichts, wenn du es jetzt nicht geschafft hast. Vielleicht klappt es beim nächsten Mal. Die Hauptsache ist, dass du ein wertvolles Menschenkind bist. Du hast noch einen langen Weg vor dir. Und dein Leben soll gehütet und geachtet sein.“

Von der Gnade heißt es im Titusbrief, dass sie heilsam ist, weil sie ganz macht, versöhnt, zusammenfügt. Gnade ist, wenn der Ehepartner dem anderen die Verletzung nachsieht, weil er weiß, dass es ja so nicht gemeint ist. Oder wenn der Arbeitgeber das Versäumnis bemerkt und nicht gleich den Kündigungshammer schwingt. Gnade ist auch das Bewusstsein für das Geschenk, dass ich im Überfluss lebe, nur weil ich im richtigen Land geboren bin. Gnade ist immer auch unverdient.

In jener Nacht in Bethlehem hat die Heilung der Welt angefangen und ich brauche wohl keinem von uns erklären, dass es Gnade immer auch schwer hat. Wenn jemand gnädig ist, kann man das ja auch als Schwäche auslegen. Man kann ausgenutzt werden, wenn man nicht auf sein Recht pocht.
Wir sind ja auch geschult, dass jeder Fehler gnadenlos angerechnet wird. Dann bist du nicht mehr dass „Supertalent“ oder das „Topmodel“. Und jede Unachtsamkeit in der Schulaufgabe oder jeder falsche Mausklick bei der Bestellung im Internet hat unliebsame Folgen.
Und dass die neue, junge Ministerin noch keinen Fehler gemacht hat, das kann es doch eigentlich gar nicht geben. Wie viele Neider sitzen jetzt schon in den Startlöchern und warten und werden jeden kleinen Fehltritt genüsslich ausbreiten und bald schon den Rücktritt fordern.

Man kann es er Tat als Schwäche Gottes auslegen, dass er so in diese Welt kommt und nicht anders
- als ein kleines Kind in einem abgelegenen Stall einer kleinen Stadt, die die besten Jahre längst hinter sich hat. Aber seine Schwäche für uns Menschen ist noch viel größer und sein Wunsch, dass wir uns in unserem einmaligen und kostbaren Leben nicht vor allem Auf- und Abrechnen so verzehren, übersteigt jegliche Vernunft.
Diese Nacht verkündet uns: Allen Menschen ist diese heilsame Gnade Gottes erschienen. Sie gilt völlig unabhängig davon, wie nah oder wie fern einer gerade von Gott ist, ob wir den Weihnachtsfrieden schon in uns tragen oder ob unser Herz noch aufgewühlt ist. Ob einer sich freut oder ob einem mehr zum Heulen zumute ist.
Und jede und jeder von uns kann heute Abend etwas Heilung erfahren, dort, wo wir genau diese Heilung brauchen, damit wir gewiss werden: Gott ist mit uns. Er will uns voranbringen, weiterführen und uns eben nicht Steine in den Weg legen.

Nehmen wir diesen Heilige Nacht auch zum Anlass einer neuen Geburt in uns. Gottes Gnade möge in uns Kreise ziehen, möge uns bewegen, uns verändern.
Nicht umsonst werden in diesen Tagen Filme wie „der Kleine Lord“ und etliche andere gezeigt, mit
allesamt dem gleichen Inhalt, ungefähr so: Ein mürrischer, hartherziger und unfreundlicher Mensch erlebt um Weihnachten eine Wandlung. Sein hartes Herz weicht auf. Er erfährt, dass sein Leben viel reicher wird, wenn er seine Mitmenschen mit gnädigen Augen ansieht, wenn er sie fördern und bemutigen kann.
Eigentlich ist nur dann Gnade heilsam, wenn sie in uns Kreise zieht, uns bewegt, uns verändert, uns die Welt mit anderen Augen sehen lässt, mit den Augen des Herzens.

Dietrich Bonhoeffer hat einmal von der „billigen Gnade“ gesprochen. Er meint damit, dass wir Gottes Zuwendung nicht zu einfach im Raum stehen lassen sollten nach dem Motto: „Jesus loves me. I´m OK.“

Gottes Gnade sagt nicht nur: Du bist geliebt, trotz deiner Fehler und deiner Schuld. Nicht nur: Du bist gewollt, trotz deiner Selbstzweifel und Schatten. Nicht nur: Du bist begabt, trotz deines Versagens und deines Scheiterns.

Gottes Gnade hofft auch, dass sich Menschen ändern, mit dem Herzen verstehen, sich bewegen lassen, es auch anders zu machen.

Jörg Zink hat so übersetzt. Gottes Gnade „will uns bewegen, dass wir mit klarem Geist in Gerechtigkeit und Glauben leben, solange wir in dieser Welt sind“ (V.12b).
Martin Luther hat diese Stelle noch mit „in Zucht nehmen“ übersetzt. Das ist ein schreckliches Wort, das ich noch nie gemocht habe, weil es für mich mit Strenge und mit harter Schule zu tun hat. So möchte Gott gerade nicht seine Gnade bei uns ankommen lassen.
Bei „in Zucht nehmen“ muss ich immer an den „Struwwelpeter“ denken, den ich als kleiner Junge geschenkt bekommen habe. Dort war ja auf der Rückseite der Weihnachtsbaum abgebildet und darunter dieser Vers: „Wenn die Kinder artig sind, dann kommt zu ihnen das Christkind.“

Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich es verstanden habe. Es ist genau anders herum. Zuerst ist die heilsame Gnade. Und dann kommen wir. Aber nicht mit Sie will uns bewegen, verändern, lernen mit dem Herzen zu denken.

Ob wir uns bewegen lassen? Es ganz anders machen wollen? Die Menschen mit anderen Augen sehen? Unseren überdrehten Lebensstil zurückfahren? Lasst es uns versuchen. Vielleicht heute Abend schon.

Wir müssen uns aber auch nicht überfordern. Albert Schweitzer hat ebenso ein ganzes Leben versucht. Auch wenn er später den Friedensnobelpreis bekommen hat, machte man ihm daneben den Vorwurf, dass er in Afrika immer ein Fremder geblieben und trotz großer finanzieller Unterstützung zu wenig bewirkt habe, sich aber medienwirksam mit fremden Federn geschmückt habe. Der Film beschönigt nichts.

Ein Erbe hat er allerdings hinterlassen, das auch zu diesem Abend passt. Die „Ehrfurcht vor dem Leben.“ Gott will das neue Leben in der Krippe hüten und unseres auch.

Die Welt kann doch nicht ohne Gnade sein. Und wir können solche heilsame Gnade nicht für uns zurückbehalten.
Auch wenn wir den Weltklimagipfel nicht beeinflussen können, so können wir doch für ein gutes Klima bei uns zu Hause sorgen.
Und wenn wir den Weg, den der Torhüter der Deutschen Fußballnationalmannschaft, Robert Enke, vor einigen Wochen gegangen ist, nicht wieder rückgängig machen können, so liegt es auch an uns, ob sich jemand in unserem Umfeld vor seinen Schwächen verbergen muss.

Die heilsame Gnade soll Kreise ziehen, auch wenn sie heute Abend noch in Windeln steckt.
Lasst es uns versuchen!

Und der Friede Gottes, der in dieser Heiligen Nacht ganz besonders spürbar ist, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

  • Predigt zur Christvesper, Donnerstag, 24. Dezember 2009, gehalten von Pfr. Volk in St. Nikolai.