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Stille Nacht, Heilige Nacht / Lukas 2,10-11 - Heiliger Abend, 24.12.2013, Marktbreit

Gnade sei mit euch und Friede von Gott,
der in dieser Nacht besonders zu spüren ist. Amen.

 

Eine stille und eine heilige Nacht soll es bei uns werden.

Nicht nur hoch oben im Weltall, ungefähr eineinhalb Millionen Kilometer von der Erde entfernt, wohin vor fünf Tagen der Forschungssatellit Gaia geschickt worden ist, der die Position von einer Milliarde Sternen vermessen soll.

Nicht nur dort oben in der unendlichen Menschenferne der Milchstraße soll es eine Stille Nacht werden, sondern auch hier bei uns unten auf der Erde, wo es oft so laut zugeht und man nicht immer weiß, worauf man hören soll.

Eine Stille und eine Heilige Nacht soll es werden für all die, die sich bei all den Stimmen, die auf sie einströmen, nicht mehr auskennen und die vergessen haben, in welche Richtung man jetzt gehen müsste. Die vor lauter Lernen für die Schule und vor lauter Examensarbeiten im Studium nicht mehr wissen, wofür es sich eigentlich noch zu leben lohnt. Und für die, die in diesem zu Ende gehenden Jahr so enttäuscht worden sind und sich fragen auf welche Personen man sich überhaupt noch verlassen kann.

Deshalb ist es schön, dass wir heute Abend alle hier beisammen sind. Die, die sich schon so lange auf diesen Abend gefreut haben und die, die heute wehmütig an frühere Weihnachtsfeste zurückdenken. Die, die diesen Abend und die kommenden Feiertage so richtig genießen können und die, die sich wünschen, dass es an diesem Abend keinen Stress geben möge und in den kommenden Tagen niemand aus der Rolle fällt. Und die, die sich so gerne geborgen und angenommen fühlen möchten, und die, die ständig das Gefühl haben, nicht dazuzugehören.

Was auch immer wir alle heute Abend mitgebracht haben, all unsere Fragen werden in dieser Nacht wird auf den Punkt gebracht wird. Es ist die Frage, ob es noch mehr gibt als das, was wir täglich sehen und erleben? Ob unser Leben mehr ist als das Abspulen der immer gleichen Abläufe, von Woche zu Woche, von Termin zu Termin, von der einen Beurteilung zur nächsten? Und ob es neben allen Veränderungen und Neuaufbrüchen, vor die man immer wieder im Leben gestellt wird, auch eine Konstante gibt, etwas das da ist und da bleibt, auf das man sich verlassen kann?

Vor gut zweitausend Jahren sind Menschen darauf gekommen. Es gibt eine Antwort.
Sie haben sie nicht in Abhörprotokollen gefunden, auf keiner App angezeigt bekommen und auch nicht von einem Astronomie-Teleskop, das ein einzelnes Haar aus einer Entfernung von bis zu tausend Kilometern erkennen kann, aufgezeigt bekommen. Sie haben es anders gemerkt: Die Antwort findet sich in einem Menschen. In einem neugeborenen Kind, das in aller Stille in einer lauten Welt ankommt.

Es ist ja schlimm, geboren zu werden, wenn es viel zu laut zugeht. Wenn man schallend abgewiesen wird, weil kein Platz für einen da ist, kein Raum in der Herberge und kein Platz zu Hause. Wenn man gleich wieder abgeschoben werden soll. Oder wenn keiner einen haben will. Wenn man übersehen wird, weil man sich nicht schnell genug nach vorne drängeln kann. Wenn niemand einen fördert, weil keiner mitbekommt, was man für Begabungen hat. Oder wenn man abends nicht mehr einschlafen kann, weil man die Bilder des Computerspiels nicht mehr aus dem Kopf bekommt oder sich immer noch auf der virtuellen Rennbahn befindet, auf der man immer noch andere überholen muss.

Es ist schrecklich, schon als kleines Kind in den Lärm der Welt zu geraten, damals in das laute Säbelrasseln der Soldaten des Kaisers Augustus. Oder heute in den Krach sich streitender Eltern.

Gerade deshalb ist diese Nacht eine stille Nacht, weil Gott ganz leise in diese lärmende Welt gekommen ist um gerade ganz nahe bei denen zu sein, die nicht viel zu sagen haben, deren Stimme man so leicht überhört, und die keine Worte finden für das, was sie in diesem Jahr mitmachen mussten.

Und genau solche Menschen haben zum ersten Mal das heute bekannteste Weihnachtslied der Welt „Stille Nacht, Heilige Nacht“ gehört, das mittlerweile zum „immateriellen Unesco-Kulturerbe“ erklärt worden ist. Arme Flößer, Waldarbeiter, Tagelöhner mit ihren Familien, alles Menschen, die nicht mitreden konnten und auf deren Meinung man keinen großen Wert legte, sind die ersten Zuhörer und Mitsänger gewesen. Vor genau 195 Jahren. Im Jahr 1818 in der Vorstadtgemeinde Oberndorf an der Salzach.

Bis vor kurzem gehörte man noch zur Stadt Laufen auf der anderen Seite des Flusses. Aber die, die was zu sagen haben, Minister und Politiker, haben vor kurzem die Grenzen in Europa neu gezogen und dabei nicht gefragt, ob es den kleinen Leuten so recht ist. Oberndorf gehörte zu Österreich. Laufen zu Bayern. Oberndorf wurde so von seiner Pfarrgemeinde getrennt.

Deshalb mussten sie ihren Gottesdienst am Heiligen Abend in der schon halb verfallenen St.Nikolauskirche feiern. Die Orgel war verstimmt, eigentlich nicht mehr brauchbar. Die Oberndorfer hatten auch keinen Pfarrer, nur einen Hilfsprediger, nämlich Josef Mohr, und genauso wenig einen Organisten. Die Orgel spielte deshalb der junge Lehrer Franz Gruber. Und das neue Weihnachtslied, dessen Text Josef Mohr gedichtet und dessen Melodie Franz Gruber geschrieben hatte, trugen die beiden selbst zur Christmette vor. Die versammelte Gemeinde hörte ihren Hilfsprediger Tenor und den jungen Lehrer Bass singen, der auch noch Gitarre dazu spielte. Der Kirchenchor setzte mit ein. Und dann, nach und nach, auch die Gottesdienstbesucher.

„Stille Nacht, Heilige Nacht“, weil sich Gott in aller Stille einen Platz in einer lauten Welt verschafft hat um gerade bei denen zu sein, deren Stimme nichts zählt.

Vor rund 2000 Jahren ist zum ersten Mal aus dieser stillen auch eine heilige Nacht geworden. In einem ärmlichen Stall in einer Felsengrotte. Bei Menschen aus der untersten Schicht. Damit wir glauben können, dass er wirklich alle meint, nicht nur die sogenannten Besseren oder besonders Fromme, besonders Religiöse. Deshalb sind auch gerade Hirten die ersten gewesen, die diese Botschaft in der Abgeschiedenheit und in der Stille ihrer Felder herausgehört haben:
„Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Und das habt zum Zeichen:
ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt
und in einer Krippe liegen“ (Lukas 2,10-11).“

Für sie ist diese Stille Nacht zu einer Heiligen Nacht geworden, weil ihnen aufgegangen ist. Gott ist in diesem neugeborenen Kind in diese Welt gekommen, um bedingungslos und bis zum Äußersten das Leben mit uns zu teilen: Unsere Ängste und Zweifel. Unsere Träume und unsere Liebe. Auch alles unendliche Verlangen und jede Sehnsucht.

“Ich war kalt, ohne Heimat und alleine.
Bevor du kamst, war ich nur einer dieser Steine.
Ich war so staubbedeckt, bevor du mich gefunden hast.
Hast mich in Gang gesetzt, mir endlich neuen Schwung gebracht.
Ich war kalt, war versteinert und alleine.
Ohne Heimat und alleine, nur einer dieser Steine.”

So singt der deutsche Sänger Mark Forster in einem neuen Lied mit dem Rapper Sido. So hätten auch die Hirten sagen können. Und so kann vielleicht auch mancher von uns heute Nacht sprechen. Ich war kalt und leer. Meine Würde und mein Ansehen sind mit Staub bedeckt gewesen. Ich habe mich so klein gefühlt. Ich habe die warme Sonne nicht mehr auf meiner Haut gespürt. Doch jetzt spüre ich, wie du, Gott, mich endlich wieder gefunden hast. Ich bin nicht einer dieser Steine. Ich bin ich. Und mit deiner Hilfe kann ich aufrecht gehen. Jetzt weiß ich wieder, was mit den Worten „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“ gemeint ist.

Auch bei uns soll es eine Heilige Nacht werden. Bei uns und in uns will Gott neu geboren werden. Damit wir den tiefen Frieden spüren, der von dieser Nacht ausgeht, und wir uns darin geborgen fühlen dürfen. Wir und die anderen auch. Das wäre was.

„Du willst es doch auch!“

So wirbt ein Pay-TV-Sender um seine Kunden. Und Gott wirbt um Menschen, die seinen Frieden in ihren Herzen groß werden lassen.

Du willst es doch auch, dass andere bei dir deine guten Absichten erkennen, vor allem dann, wenn du morgens mit dem falschen Bein aufgestanden bist. Dann setze auch bei anderen noch etwas Neues, etwas Gutes, frei.

Du willst es doch auch, dass du deine Meinung sagen darfst. Dann höre anderen zu und versetzte dich in sie hinein, was sie bewegt und warum sie so denken.

Du willst es doch auch, dass man anerkennt, was du alles geleistet hast, vor allem im Stillen. Dann sage auch anderen, was sie wunderbares geleistet haben. Wie lange ist es her, dass du gesagt hast: „Ich bin stolz auf dich.“ „Ich bin so froh, dass du für mich da bist.“

Diese Heilige Nacht ist genau der richtige Zeitpunkt, um das, was man für sich will auch anderen zu gewähren. Damit sich der Weihnachtsfrieden ausbreitet.

Es ist doch schlimm, wenn heute Nacht Christen in Ägypten, in Syrien oder in Nigeria den Atem anhalten müssen, weil sie nicht wissen, ob sie lebend aus ihren Christmetten herauskommen, weil irgendein Fanatiker eine Bombe zünden könnte.

Und niemand möchte solche Zustände, wie sie auch in dem zweiten Film der „Tribute von Panem“ geschildert werden. Brutale Gewalt der Ordnungskräfte gegen die Bevölkerung, die mit allen Konsequenzen kleingehalten wird. Während die einen Wohlstand im Übermaß genießen, kämpfen die Menschen in den Distrikten um das tägliche Überleben. Und um auch noch die Macht der einen über die andern zu aufzeigen, werden jedes Jahr die sogenannten Hungerspiele ausgetragen, eine Art moderne Gladiatorenkampf, bei dem die meist unfreiwilligen Teilnehmer einander auf den Tod bekämpfen müssen, bis nur einer von ihnen als Sieger übrig bleibt.

Niemand will dahin kommen. Und weil wir bei Google, Facebook und auf unseren Smartphones jederzeit an fast alle Informationen kommen, die wir brauchen, aber nicht den Frieden, den wir auch für uns wünschen, herunterladen können, braucht es diese Heilige Nacht, die uns gewiss macht: Zu uns kommt Gott. Er bringt uns in Schwung. Unsere Herzen sind keine kalten Steine. Es geht noch was bei uns. Wir brauchen nicht mehr klein von uns denken. Gott hat noch viel mit uns vor. Und er traut uns zu, dass wir Menschen seines Wohlgefallens werden und an seinem großen Friedensprojekt mitwirken, damit diese stille und Heilige auch weiterreicht als nur bis zum nächsten Morgen.

Und Gottes Friede, der größer ist als unsere Möglichkeiten, bewahre unser Herz und unsere guten Absichten in Christus Jesus, dem Kind in der Krippe. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk zur Christvesper, Heilig Abend 2013, in St. Nikolai, Marktbreit