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Römer 11,21 / Jahreslosung 2011 - 2. Sonntag nach dem Christfest - Marktbreit

Liebe Gemeinde!

Die Jahreslosung in diesem Jahr besteht aus zwei Teilen. Einem ersten, eher theoretischen Teil und einem zweiten praktischen. Den ersten kann man gut nachvollziehen, die Umsetzung dagegen ist schon schwerer.
Die Jahreslosung für dieses Jahr 2011 steht im 12. Kapitel des Römerbriefes und lautet:
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“
(Römer 12,21).

Der erste Teil ist eigentlich ganz einleuchtend. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden!“ Wer will das nicht, sich hinreißen lassen zu Worten oder Taten, die man eigentlich gar nicht möchte. Wer will es schon so weit kommen lassen, dass man sich in etwas hineinziehen lässt, was man so niemals gewollt hat.

Der zweite, der praktische Teil, die Umsetzung sozusagen, ist dagegen umso kniffliger und verzwickter. Denn in diesem zweiten Teil geht es um mich, um mein tatsächliches Verhalten im Fall der Fälle, wie ich mich verhalten sollte oder müsste, um im konkreten Fall Böses mit Gutem zu überwinden. Anders gesagt: Wie würde es ganz konkret aussehen, dem Bösen zu widerstehen und das Gute zu sagen oder zu tun? Wir hören diese Jahreslosung heute Morgen auch auf dem Hintergrund der Anschläge auf koptische Christen im ägyptischen Alexandria mit mindestens 21 Toten und über 70 Verletzten. Die Gläubigen wollten ihre Kirche nach dem Mitternachts-Gottesdienst in der Silvesternacht verlassen, als vor ihrem Gebäude eine Bombe explodierte.
Damit nicht genug. Nach dem Gottesdienst lieferten sich junge Christen und Sicherheitskräfte gewaltsame Auseinandersetzungen. Und wer von uns könnte schon sagen: Da hätte ich bestimmt nicht mitgemacht, weil auch meine Wut ein Ventil gebraucht hätte, um allen Ärger gegenüber einer Regierung zum Ausdruck zu bringen, von der man das Gefühl hat, dass sie die eigene Religion nicht so schützt, wie man es sich gerne wünscht.

Und daneben gibt es in diesen Tagen in der Welt noch viele weitere Brennpunkte, indenen Christen verfolgt, unterdrückt, benachteiligt werden. Für alle, die davon unmittelbar betroffen sind, liest sich die Jahreslosung noch einmal ganz anders. Vielleicht leidet auch jemand von uns an Menschen oder Gegebenheiten, in denen wir Bösem ausgeliefert sind und wir uns nicht entziehen können und dann etwas sagen oder tun, was wir eigentlich gar nicht möchten. Und wie gerne wollen wir bestimmte Strukturen aufbrechen und schaffen es einfach nicht.
Selbst der Apostel Paulus, von dem die diesjährige Jahreslosung stammt, hat in seinem Römerbrief 5 Kapitel vorher so gesagt: „Das Gute, das ich eigentlich tun möchte, tue ich gerade nicht. Und das Böse, das ich verabscheue, tue ich dann doch wieder“ (vgl. Römer7,19).

Müßig auch darüber zu reden, woher das Böse kommt und warum es überhaupt da ist. Die Bibel beschreibt bereits auf ihren ersten Seiten, dass es von Anhang an in der Welt mit dabei gewesen ist. Die Menschen haben das Paradies nicht ertragen, nicht ausgehalten, dass alle im Frieden miteinander auskommen können und  alle sich annehmen und sich gelten lassen.
Erwarten Sie deshalb von mir auch nicht die endgültige Lösung oder das greifende Konzept oder die zündende Idee, wie man alles Böse aus der Welt verbannen könnte. Wer das behauptet, belügt sich nur selbst. Jahreslosungen werden deshalb auch illustriert, weil sie uns auf ihre Weise noch einmal einen ganz anderen Zugang zu einem Bibelvers verschaffen können und unsere Gedanken in eine ganz neue Richtung lenken können.
Die Künstlerin Stefanie Bahlinger hat für dieses Jahr ein heute relativ unbekanntes Symbol gewählt, um diese Jahreslosung zu veranschaulichen. Aus einem dunklen Untergrund steigt ein Granatapfel ins Licht auf. Leuchtend bricht die harte Schale auf und lässt die tiefroten, von süßem Fruchtfleisch umhüllten Kerne sichtbar werden. Die Frucht ähnelt einer Blume, die sich der Sonne öffnet. Und darüber ragt ein Kreuz aus der Frucht hervor. Der Granatapfel ist die Luxusfrucht des Orients. Seiner vielen Kerne wegen gilt er bei vielen Völkern als Symbol für Fruchtbarkeit, für Leben, Schönheit und Liebe.
In Verbindung mit der Jahreslosung ist für mich dieser Granatapfel ein Zeichen für Christus. Die roten Kerne erinnern an sein Blut und an seinen Tod. Die harte und dunkle Schale steht für alles Böse, das Jesus gerade in den Tagen vor seinem Sterben erdulden musste. Für die Menschen, die den einen Guten beseitigen wollten.

Für all die, die ihn mundtot machen wollten, weil sie lieber nach ihren eigenen Spielregeln regieren wollten, wo man vor allem die eigenen Interessen und die eigene Macht sichern muss und dabei keine Rücksicht auf vermeintlich Gutes nehmen kann.

Wenn man auf die Karte schaut, dann kann es auch den Anschein haben, als ob sich das Böses sich wie ein Schraubstock um alles Gute schließt und abwürgen, regelrecht ersticken möchte. So wie Menschen gemeint haben, dass, wenn sie das Gute begraben, es dann auch endgültig aus der Welt ist. Aber nach drei Tagen bricht die harte und dunkle Schale der Grabkammer auf. Das Bild zeigt es ganz deutlich. Ein Riss geht durch alles Böse. Es hat doch nicht gesiegt. Alle schlimmen Mächte, die immer nur neues Böses hervorbringen, zerbrechen an der guten Kraft der Auferstehung. Und Christus, von dem man dachte, dass er willenlos allem Bösen ausgeliefert ist, hat es doch geschafft, das Böse mit Gutem zu überwinden. Über allem Dunkel geht ein Licht auf. Die Jahreslosung spannt schon einen Bogen, der bis Ostern reicht. Selbst die harte Schale wird von dem hellen Licht bestrahlt und erscheint in einem anderen Licht.
Weil das Gute nicht aus der Welt zu schaffen ist, sind wir eingeladen, zumindest darauf zu vertrauen, dass sich das Gute auch bei auch durchsetzen kann. Und wie es gelingt, dass das Gute die Oberhand behalten kann, vor allem dann, wenn man am liebsten aus der Haut fahren und allem Ärger Luft machen möchte, zeigt ein Blick auf eine Person des Alten Testaments.
Für das Judentum zurzeit Jesu war er das klassische Beispiel. Ich spreche von Josef. Der mit den 11 Brüdern. 10 davon haben ihn in einen Brunnen geworfen und dann verkauft. Sie sind eifersüchtig auf ihn gewesen.
Der Vater habe ihn in Vielem bevorzugt. Deshalb wollen sie ihn aus der Welt schaffen. Josef kommt als Sklave nach Ägypten. Weil er Träume deuten kann, steigt auf zum mächtigsten Minister nach dem Pharao auf und organisiert die nötigen Schritte, damit das Land durch eine lange Hungersnot hindurch kommt. Und als gerade seine Brüder wegen dieser Hungernot nach Ägypten reisen und ausgerechnet vor ihrem Bruder Joseph stehen und gerade von ihm Getreide erbitten, da steht er vor der Entscheidung:
Soll ich Böses mit Bösem vergelten? Soll ich mich jetzt so verhalten, wie sich damals meine Brüder gegenüber mir verhalten haben. Oder ganz anders? - Das erstaunliche ist, dass sich Josef sich nicht dazu hinreißen lässt, gleiches mit gleichem zu vergelten. Er kann sogar dass ganz erstaunliche sagen: „Ihr gedachtet es böse zu machen. Gott aber gedachte es gut zu machen“ (1. Mose 50,21).

Sie werden möglicherweise einwenden: „Ja, Josef konnte das so sagen. Aber ich! Wie kann ich diese Worte in meinem Leben anwenden? Gibt es denn kein Handwerkszeug für mich heute? Keinen Rat? Keine Empfehlung?“
Nochmal! Es gibt nicht die ultimative Lösung, auf die alle gewartet haben. Und die praktische Umsetzung des Slogans: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ ist leichter gesagt als getan. Das zeigt schon das Beispiel in der Werbung von dem jungen Mann, der eine alte Frau am Straßenrand stehen sieht und - ohne sie zu fragen - einfach über die Straße zieht. Die Frau wehrt sich und will noch was entgegnen. Aber zu spät. Und der Mann hört ohnehin nicht, weil er einfach nur froh und immer noch der Meinung ist, etwas Gutes zu tun. Und wie die Frau dann auf der anderen Straßenseite angekommen ist und der Mann fröhlich weitergeht, sieht man ihr Bus wegfahren, auf den sie gewartet hat, der eigentliche Grund, warum sie dort an der Straße stand. Wenn es um die ganz praktische Umsetzung geht, wie man Böses mit Gutem überwinden kann, und wie jede und jeder von uns im ihrem und seinen ganz konkreten Ort dies umsetzen kann oder muss, dann muss jede und jeder selbst schauen, selbst handeln, selbst Verantwortung übernehmen. Und man kann auch mal daneben liegen, was das Beispiel der Werbung zeigt.

Auf alle Fälle! Es ist nicht im Sinne von Jesus, dass wir uns kleinmachen oder kleinkriegen lassen. Oder alles dulden. Nie nein sagen. Sich nie quer stellen. Es geht bei der Jahreslosung auch nicht darum, sich alles gefallen zu lassen. Immerzu schweigen. Oder Kuschen. Ewige Demut an den Tag legen. Am Beispiel des Joseph sehe ich, dass es gut ist, sich nicht auf ein bestimmtes Niveau herab zu begeben und sich nicht hineinziehen zu lassen in eine Spirale, an deren Ende alles andere, aber nur nichts Gutes, kein dauerhafter Friede, keine echte Zusammenarbeit herauskommt.
Das Bild von dem nach oben geöffneten Granatapfel zeigt mir: Das „Gute“ hat es doch geschafft, das „Böse“ zu überwinden: Über allem Dunkel geht ein Licht auf. Auch über uns. Das ist der Bogen wieder von Ostern zurück auf Weihnachten. Die Karte mit der Jahreslosung beinhaltet für mich auch eine Zusage: Alles Böse soll über dich keine Macht haben, soll dich nicht gefangen nehmen. Du bist es Gott wert, dass du in deinem Leben viel Gutes erfahren darfst. Auch deine Früchte, deine Gaben, sollen ans Licht, zum Vorschein kommen und sollen durch nichts Böses verhindert oder klein gehalten werden.
Und überall dort, wo es das Gute dann doch schafft, wird es hell, wie auf dem Bild, bricht Leben auf, entsteht wirkliche Gemeinschaft, die nicht an irgendwelchen krummen Abmachungen und Abhängigkeiten hängt.

Wer das weiß, hat schon ganz viel von der Jahreslosung verinnerlicht und wird es in diesem Jahr immer wieder erleben, dass die eigene harte Schale aufgesprengt wird und Gutes hervorbricht.
Und der Friede Gottes, der immer größer und weiter ist, als das, was wir sehen und empfinden, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk, gehalten am 2. Sonntag nach dem Christfest, 02. Januar 2011 in Marktbreit