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Radiogottesdienst Pfingstsonntag 08. Juni - "Mitten ins Herz"

Pfarrerin Barraud-Volk

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Eine Bushaltestelle im Südwesten Frankreichs in Bordeaux um die Mittagszeit. Mein Bruder und ich warten auf den Bus. Auf der Bank der überdachten Haltestelle sitzt eine ältere Dame mit einem großen belegten Baguette.

Zwei algerische Frauen mit drei Kindern kommen dazu. Eines der Kinder, ein kleiner Junge, sitzt im Kindersportwagen. Er schaut uns alle der Reihe nach an. Als er die Frau mit dem Baguette sieht, streckt er ihr die Arme entgegen und gibt mit lautem Plappern unmissverständlich zu erkennen, dass auch er etwas essen möchte. 

Wir lächeln uns alle an. Um diese Uhrzeit hat wohl jeder Hunger. Die ältere Dame lächelt nicht nur. Sie bricht ein beträchtliches Stück ihres Baguettes ab und gibt es dem Jungen. Der bedankt sich mit großen Augen und strahlt über’s ganze Gesicht. Genüsslich beißt er ein Stück ab und dann dürfen die anderen Kinder an seiner Mahlzeit teilhaben.

Die Mutter des Jungen bedankt sich bei der alten Dame, nickt ihr freundlich zu. Und dabei wird kein einziges Wort gesprochen. Aber alle verstehen einander. Essen verbindet, auch wenn man nicht die gleiche Sprache spricht.

Auch Freundlichkeit verbindet. Die Sprachverwirrung ist aufgelöst, durch eine kleine Geste des Teilens.

Am anderen Ende der Bank sitzt ebenfalls eine ältere Dame. Sie hat eine vornehme Haltung eingenommen, sitzt ganz aufrecht, ihr Gesichtsausdruck hat etwas Herrschaftliches. Nur ihre abgetragene Kleidung lässt ahnen, dass sie wohl schon bessre Zeiten erlebt hat.

Abrupt erhebt sie sich, wendet sich in Richtung der algerischen Frauen und sagt verächtlich und laut hörbar: „Ich kann die da nicht sehen!“ Bevor wir richtig realisiert haben, was sie gesagt hat, ist sie schon auf der anderen Straßenseite. Sichtlich aufgebracht und wütend füttert sie die Tauben mit Brotkrumen aus ihrer Handtasche. Ein Bus kommt, die Frauen mit den Kindern steigen ein und winken freundlich.

Der Heilige Geist wirkt, wo er will. Es kommt zu überraschenden Begegnungen, wir verstehen uns mit anderen über alle Grenzen hinweg, erleben Menschlichkeit und Großmut. Aber der Heilige Geist hat es nicht leicht. 

Immer wieder gibt es Menschen, die solches nicht aushalten und nicht wollen. Und manchmal gehöre auch ich dazu. Ich weiß genau wie es sich anfühlt, wenn ich mich öffne und frei bin auf andere zuzugehen, zuzuhören und mich auch auf andere Meinungen einzulassen, aber ich kenne auch Tage an denen ich mich verschließe, mich manche Äußerungen nerven oder mir einfach die Geduld fehlt. Und wir erleben solches Sich verschließen in diesen Tagen sehr deutlich in Europa.

Vor 51 Jahren haben der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer den Élysée-Vertrag unterzeichnet.  Was war das damals für eine ermutigende Geste.

18 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg wollten die sogenannten "Erbfeinde" neue Wege miteinander gehen. Konsultationen auf Ministerebene, Jugend – und Kulturaustausch – all das wurde damals vereinbart und lebt bis heute. Viele Freundschaften zwischen Deutschen und Franzosen sind gewachsen.

Dem Vertrag, der zu den grundlegenden Bausteinen des friedlichen Europas gehört, ging ein halbes Jahr davor eine bewegende „Versöhnungsmesse“ in der Kathedrale von Reims voraus. Ganz bewusst wollte man mit diesem Gottesdienst ein Zeichen setzen, dass es für alles Weitere auch eine innere Haltung und den Segen Gottes braucht.

Bei den Europawahlen vor zwei Wochen gab es einen herben Rückschlag. Nationalismus ist das neue Schlagwort. Extreme Parteien in manchen Ländern der EU haben für die Auflösung der Europäischen Union geworben und damit auch großen Erfolg gehabt. Und der Zaun Europas in Richtung Afrika wird immer höher.

Natürlich kann man sich zu manchem Gesetz der EU kritisch äußern, aber alles, was an guten Beziehungen über die Jahrzehnte gewachsen ist, über Bord werfen?  Ich möchte nicht zurück in eine Zeit, in der jedes Land sich nur selbst am nächsten ist. Ich wünsche mir stabile und freundschaftliche Beziehungen, die vom Vertrauen geprägt sind und vom Geist der Verantwortung, die wir, von Gott her, gegenüber allen Menschen haben.

Unterschiedliche Sprachen und Kulturen sind kein Grund für Abgrenzung. Sie sind ein Schatz, den wir haben. Wenn so viele Menschen zusammenkommen, bringen sie all ihr Wissen, ihre Kreativität und ihre Schaffenskraft ein. Was da für Möglichkeiten drin stecken, fasziniert und begeistert mich!

 

Pfarrer Volk

Wenn etwas mitten ins Herz geht, dann berührt es uns sehr.

„Mitten ins Herz!“ Das ist Pfingsten. Lukas, der Schreiber der Apostelgeschichte, weiß gar nicht so genau, wie er dieses Ereignis, das mitten ins Herz geht, in Worte fassen soll, so wie Verliebte manchmal auch nicht beschreiben können, was sie empfinden und fühlen.

Lukas schreibt von einem gewaltigen Wind, der alles durcheinanderwirbelt. von Feuerzungen, die sich auf jeden der Jüngerinnen und Jünger verteilen, ohne dass jemand verletzt wird. Wie Fenster und Türen aufgerissen werden, wie die Jüngerinnen und Jünger hinauseilen, auch die anderen um sie herum wahrnehmen, miteinander reden und - das vielleicht größte Pfingstwunder - einander verstehen.

Deshalb feiern wir jedes Jahr Pfingsten, weil dieses Fest uns gewiss macht: „Mitten in unser Herz“ kommt Gott. Mit seinem Geist. Damit in unserem Leben etwas aufbricht, damit Bewegung kommt in das Erstarrte. Damit wir uns neu begeistern.

Für was können Sie sich begeistern? Und welche Personen begeistern Sie?

Menschen, die sich begeistern können, finde ich erfrischend, weil sie mich mitreißen oder weil sie mir eine ganz neue Sicht der Dinge geben.

Siehst du nicht, wie die Knospen der Rosen jeden Tag voller werden, bis sie bald aufbrechen?

Kommst du mit auf einen Sonnenuntergang oben auf den Berg? Die Arbeit zu Hause kannst du doch ein anderes Mal erledigen!

Hast du Zeit auf eine Tasse Kaffee? Es tut dir gut, wenn du mal raus kommst und du dich nicht in deinen eigenen Gedanken einigelst.

Ich kenne Menschen, die sich für nichts mehr begeistern können.

Ich meine nicht die, die gerade einen schwere Zeit durchmachen müssen, die um einen lieben Menschen immer noch trauern. Ich meine andere. Die, die zum Beispiel in diesen Tagen ganz weit weg fahren. Aber wenn man sie fragt, wie es war, fällt ihnen sofort ein, dass das Essen nicht geschmeckt hat und das Hotel zu wünschen übrig ließ. Die sich für ein fremdes Land, für ein anderes Essen, für neue Lebensgewohnheiten gar nicht begeistern können.

Oder die, deren Leben tagein tagaus - Sommer wie Winter, Frühling wie Herbst - in den gleichen Bahnen abläuft. Jeder Tag im monotonen Gleichklang. Alles für selbstverständlich erachtend. Niemand anderes mehr wahrnehmen. Ohne Auf und Ab. Ohne Leidenschaft. Ohne Begeisterung.

Deshalb haben wir Jahr für Jahr Pfingsten nötig, Ein Fest, das kraftvoll ist wie Wind, verzehrend wie Feuer. Ein Fest, das mitten in unser Herz geht. Begeisterung schenkt. Für das eigene Leben, so wie es sich gerade darstellt. Und auch für das der anderen, die mit mir sind.

 

Musikstück "Air" von Reinhold Gramm  gespielt vom Bläserensemble Gloria Brass

 

Pfarrerin Barraud-Volk

„Mitten ins Herz“ gehen mir immer wieder die Lebensgeschichten in unserer Gemeinde. In einem kleinen Ort wie Marktbreit, weiß man voneinander. Und ich bewundere, wie viele ihr Leben meistern, nach Lösungen suchen und füreinander da sind. Eine von ihnen ist Traute Rausch. Mit ihrer wunderbaren Stimme ist sie aus unserem Gospelchor nicht wegzudenken.

 

Traute Rausch

Als ich mit meinem Mann im Rollstuhl im November 2000 die neurologische Rehaklinik verließ, lagen 9 Monate voller Angst, Sorgen und vieler Tränen hinter uns.

Mein Mann war im März beim Bäume schneiden von der Leiter gestürzt und mit schwersten Kopfverletzungen in die Klinik eingeliefert worden. Die Überlebenschancen waren gering. Sollte er die ersten fünf Tage überstehen, konnten wir hoffen.

Vierzehn Tage später erlitt er dann bei einer notwendig gewordenen Untersuchung einen Schlafanfall. Eine rechtseitige Lähmung war die Folge. Die lange Zeit der Reha folgte.

Woher wir in den nächsten Monaten die Kraft hernahmen, wussten wir nicht. Mein Mann brauchte die Kraft, sich immer wieder aufzuraffen, um mühselig Alltagsverrichtungen neu zu erlernen und ich, um ihm an den Wochenenden Mut zu machen, nicht aufzugeben.

Aber die Kraft war da und ließ uns nicht im Stich.

Den Rollstuhl ließ mein Mann nach zwei Monaten abholen: „Ich will ihn nicht!“ Und damit machten wir uns wieder gemeinsam auf den Weg der kleinen Schritte. Mit viel Training kann mein Mann heute am Rollator laufen oder bei mir an der Hand.

 

Pfarrerin Barraud-Volk

Der Weg der kleinen Schritte. Ich finde darin liegt ein Geheimnis des Lebens. Den Dingen Zeit lassen sich zu entwickeln, sich nicht überfordern mit Zielen, die schier unerreichbar sind. Die  Seele nachkommen lassen und darauf vertrauen, dass jeder große Weg mit dem ersten Schritt beginnt.

Martina Klotz ist Kirchenvorsteherin in unserer Gemeinde. Sie ist auch den Weg der kleinen Schritte gegangen

 

Martina Klotz

Meine Mutter ist seit Jahren an Demenz erkrankt.

Anfänglich konnten wir alle noch einigermaßen damit umgehen, auch wenn es zunehmend immer mehr Kraft, Geduld und Ausdauer gekostet hat.

Lange haben wir die Entscheidung, sie in eine betreute Einrichtung zu geben hinausgezögert.

Was ist richtig? Gibt es Alternativen? Darf ich das?

Wie heißt es so schön: „Du sollst Vater und Mutter ehren?“

Es begann eine, von Zweifeln geplagte, lange und intensive Suche nach dem Optimalen.

Optimal ?    Schwierig !

Jetzt ist sie bereits seit 6 Monaten von zu Hause weg.

Ich fühle mich immer noch innerlich zerrissen und von Schuldgefühlen geplagt.

Ohne die Unterstützung, das Verständnis, die Zeit und die Umarmungen meiner Freunde, die stundenlangen Gespräche, also ohne den Geist der Menschen, die um mich sind, könnte ich diese Situation, diesen Zwiespalt nicht aushalten.

Das Wissen damit nicht alleine zu sein und jederzeit Menschen zu haben, die immer für mich da sind, egal zu welcher Uhrzeit, gibt mir unendlich viel Kraft.

Ich fühle mich aufgehoben und geborgen.

Ich glaube, nein, ich bin sicher, auch meine Mutter spürt das bei meinen Besuchen und Telefonaten.

Pfarrerin Barraud-Volk

Martin Luther zählt in seiner Auslegung zum Vaterunser im Kleinen Katechismus gute Freunde und getreue Nachbarn zum täglichen Brot. Es ist also nicht selbstverständlich, dass man sie hat. Täglich darum zu bitten und zu danken, wenn sie einem geschenkt sind, das gehört für ihn zweifellos dazu. Gute Gemeinschaft. Menschen, die verstehen, wie es einem geht, die Rücksicht nehmen, stützen und helfen, das ist wirklich eine Gabe Gottes.

Lisa Bachmeier gehört zu den Jugendlichen in unserer Gemeinde und zum Kreis der Lektoren, die im Gottesdienst die Lesung halten. Und sie macht eine Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten…

 

Lisa Bachmeier

Ich komme manchmal in brenzlige Situationen, wenn ich im Betrieb oder in der Schule vor Herausforderungen gestellt werde.

Fehlen mir während einer Präsentation oder Vorstellung eines Projektes die Worte, weil ich aufgeregt bin, schließe ich kurz die Augen, atme tief durch und versuche die Situation so gut wie möglich zu meistern.

Und dann spüre ich da etwas, das mir Mut macht, mich animiert zum Weitermachen. Man kann den heiligen Geist vielleicht nicht sehen oder hören, aber manchmal spürt man einfach, dass jemand da ist und einen nicht alleine lässt.

Pfarrer Volk

Diese drei Geschichten aus unserer Kirchengemeinde machen mir deutlich: Wenn Gottes Geist in unser Herz kommt, wird dort etwas buchstäblich hineingelegt.

Ich kann nicht nur das Leben wieder mit allen Farben spüren - ich bekomme gleichzeitig auch das Stehvermögen, alle Anforderungen anzugehen.

Ich spüre eine Zuversicht in die Gaben, die Gott mir gegeben hat, und kann sie anwenden.

Ich bekomme den Mut, einmal Nein zu sagen, mich auch mal gegen den Wind zu stellen. Oder ich spüre eine innere Unruhe, wenn es der Person, die ich schon so lange kenne, nicht gut geht.

Wenn ich so träume und schwärme, was Gottes Geist alles noch bewirken könnte, sehe ich auch all das vor mir, was starr, kalt und unbeweglich ist, was sich einfach nicht ändert oder sich nicht neu beleben lässt. Aber jammern hilft an Pfingsten nichts. Wer klagt und zetert, bekommt das eigene Herz nicht frei für das, was Gott im Moment gerade an uns selbst schafft und was er noch alles wirken will.

Gottes Geist findet am besten dort einen Weg, wo wir offen sind, neugierig, wo wir nicht abgestumpft dahin existieren, sondern mit wachen Augen jeden Tag neu begrüßen und Anteil nehmen am Leben anderer.

Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, die mehr Begeisterung schenkt als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt am Pfingstsonntag, 08.06.2014 gehalten in St. Nikolai, Marktbreit und als Rundfunkgottesdienst live im Bayerischen Rundfunk BR1 übertragen.