Predigtansicht

Psalm 73,23-24 - Gott an seiner Seite wissen - Goldene Konfirmation

Liebe Gemeinde!

Heute feiern wir goldene und diamantene und eiserne Konfirmation. Vor 50, vor 60 und vor 65 Jahren hat es Gott zugesagt, dass er Schutz und Schirm vor allem Argem, Stärke und Hilfe zu allem Guten ist und bleiben möchte.

Und wir alle, die wir heute mitfeiern, wollen es uns wieder neu bewusst machen: Gott ist mit uns im Leben unterwegs. Er stärkt und bewahrt. Er eröffnet uns immer wieder neue Wege sehen, auf denen wir tatsächlich gehen können.

Dazu sind wir hierher nach St. Nikolai gekommen. In dieser Kirche haben so viele Wege begonnen. Viele von uns sind hier getauft, konfirmiert, haben sich das Ja-Wort gegeben. Wie viele Gebete sind hier laut oder ganz leise gesprochen worden. Wie viele Wünsche und Träume hatten hier ihren Ausgangspunkt. Wie viele Sorgen wurden hier vor Gott gebracht.

Und jetzt ist es schön, wieder hier zu sein, sich bestärken zu lassen und es gesagt bekommen: Gut, dass du hier bist. Gut, dass du dich daran erinnern lässt, dass alles Wesentliche im Leben, ein Geschenk gewesen ist. Und gut, dass es dir heute neu bewusst wird, dass so viel Gnade dabei gewesen ist.

 

Dem Beter des 73. Psalms muss es ähnlich gegangen sein, als er nach langer Zeit wieder in den Jerusalemer Tempel gekommen war. Wie er dort saß, kam es ihm wieder. Als er die vielen Wege, die er zuvor gegangen war, in Gedanken noch einmal Revue passieren ließ, wurde es ihm wieder deutlich. Und wie ihm neu bewusst wurde, wovor er alles bewahrt wurde, da kam es über seine Lippen:

„Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand (V.23), du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an“ (V.24).

 

Sie, liebe Jubelkonfirmanden, können das heute in besonderer Weise sagen: Ich bin auch bei dir geblieben, Gott. Ich habe an dir festgehalten in all den vielen Jahren. Ich habe immer wieder gehofft und mir gewünscht, dass ich dich an meiner Seite weiß, vor allem dann, wenn ich unsicher und ratlos war.

Ich gebe zu: Manchmal warst du mir, großer und ewiger Gott, auch unbegreiflich. Manchmal habe ich gehofft, dass ich gerade vor diesem einen verschont geblieben wäre. Manchmal habe ich nicht verstanden, warum gerade ich so Schweres tragen musste. Und manches werde ich vielleicht auch nie verstehen.

Aber manchmal habe ich dich auch ganz nah gespürt. Habe gemerkt, dass auf einmal neue Kräfte da waren, die nicht aus mir gekommen sind. Habe den neuen Mut in mir gespürt. Habe das Vertrauen in das Leben wieder neu gewonnen und gleichzeitig gespürt, dass ich das niemals aus mir heraus geschafft hätte.

 

Ich bin an dir und bei dir geblieben, treuer Gott. Und du bist bei mir geblieben. Hast an mir festgehalten. Hast mich ausgehalten. Hast meine Launen ertragen. Hast einen langen Atem bewiesen, als ich immer wieder die gleichen Fehler gemacht habe.

Damals, vor langer Zeit hast du es mir versprochen. Damals, bei meiner Konfirmation. Damals, als ich es noch nicht so recht begreifen konnte, was es heißt, dass du in meinem Leben mit dabei bist.

Damals, im Jahre 1957, als in der Bundesrepublik eine große Aufbruchstimmung im Wirtschaftswunderland herrschte. Als alle Arbeit hatten. Als sowohl in der DDR wie auch in der BRD die Arbeitszeit auf 45 Stunde je Woche verkürzt wurde und als Konrad Adenauer zum dritten Mal Bundeskanzler wurde. Leistung zählte was.

Auch in unserer Kirchengemeinde wurde viel geleistet: Das neue Gemeindehaus in der Bernhard-Fischer Straße wurde eingeweiht. Und am Pfingstsonntag wurden die vier bunten Glasfenster im Chorraum der Gemeinde übergeben.

Viel geleistet wurde im Rahmen der 400-Jahrfeier der Markterhebung.

Und Sie haben auch viel geleistet. Erinnern Sie sich, liebe Jubilare? Vom 27. - 29. März 1957 waren Sie auf einer Konfirmandenrüstzeit auf dem Schwanberg. Sie haben viel auswendig gelernt.

Wussten Sie, dass sie auch Noten bekommen haben? In unseren Kirchenbüchern im Pfarramt kann man es bis heute nachlesen. Es gab Noten im „Betragen“, im „Fleiß“, und in „Kenntnissen“ über den christlichen Glauben.

Da steht es genau. Fleißig bist du gewesen. Gute Leistungen hast du auch im Aufsagen gezeigt. Den Katechismus genau gelernt.

Ob diese Noten auch etwas aussagen über das, worauf es eigentlich angekommen ist: dass man Vertrauen findet, dass Gott im Leben mit dabei ist. Ein Vertrauen, das man sich nicht verdienen, nicht erlernen und auch mit keiner mathematischen Formel berechnen kann. Das Vertrauen, dass er wirklich - wie es bei Ihrer Konfirmation zugesprochen wurde - Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Gute“ ist?

 

Und auch 10 Jahre zuvor ist es auf dieses Vertrauen angekommen. Im Jahre 1947, als sie, die Diamantenen Jubilare, konfirmiert wurden, war die Versorgungslage in Deutschland und auch in Marktbreit noch alles andere als gesichert. Und der kommende Winter sollte ungewöhnlich hart werden.

In vielen Familien spürte man noch die Folgen des verheerenden Krieges.

Eine von ihnen hat dazu geschrieben: „Damals musste mir meine Mutter aus zwei alten Kleidern ein Konfirmationskleid nähen. Und die eingeladenen Gäste mussten ihr Besteck selbst mitbringen, weil wir in ganz spartanischen Verhältnissen lebten.“

Viele haben gefragt. Wann wird es besser werden? Und in all dem hat Gott mit ausgehalten und Kraft gegeben, dass man nicht aufgibt und hofft und warten kann.

 

Als Sie, liebe Eiserne Jubilare, im Jahre 1942 konfirmiert wurden, da waren die goldenen Konfirmanden zum großen Teil noch gar nicht geboren.

Es war das Jahr, in dem der Krieg einerseits ganz weit weg schien. Es war aber auch das Jahr der ersten organisierten Flächenbombardements auf deutsche Städte. Lübeck im März und Köln im Mai 1942 waren die ersten Opfer.

Viele waren damals noch geblendet von dem Wahn, dass Gott zu allem Ja und Amen sagt, was sich Menschen in ihrem Wahn ausdenken.

 

Wenn der Beter des 73. Psalms zur Einsicht kommt, dass Gott geleitet und geführt hat, da wird ihm auch bewusst, dass viel Bewahrung im Leben dabei war.

Nach all dem ist er sich ganz sicher: „Denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat.“

„Wenn ich zurückschaue, wenn ich mein Leben im Nachhinein betrachte, dann kann ich deine Spuren, Gott, entdecken.

Du hast mich nach deinem Rat geleitet. Ich durfte wachsen und reifen. Ich habe an Erkenntnis zugenommen. Ich bin nicht stehen geblieben, wie so manche um mich herum. Ich habe mich immer weiter entwickelt. Habe Zuwachs bekommen an Glaube, Liebe und Hoffnung. Auch wenn ich manches nicht verstanden habe in meinem Leben, so kann ich heute sagen: Es war vielleicht gut, dass nicht alles nach meinem Willen gegangen ist. Wie es auch war. Ich kann es stehen lassen. Und ich bin dankbar, dass du mich geführt hast. Ich habe immer neue Spuren deiner Gnade entdeckt. Ich habe gemerkt, dass nichts selbstverständlich ist.

Natürlich: Es gab auch Krankheiten und schwere Operationen. Es gab schmerzliches Lieben. Es gab großen Kummer mit den Kindern. Es kostete viel Anstrengung mit dem Altwerden der Eltern. Aber im Ganzen bin ich mit meinem Weg einverstanden.

"It's my way." - Es ist mein Weg gewesen. Ganz egal, ob das Drehbuch des Lebens von Anfang so feststand oder ob manches immer wieder neu umgeschrieben und korrigiert oder neu verfasst werden musste. So war es.

Und heute geht es darum, dass man endlich sagen kann. Ich bin einverstanden mit meinem Leben. Ich kann all die Verwicklungen und Mühen einigermaßen annehmen. Ich kann auch Gott danken für alles Weggeleit. Ich bin froh, dass er sich mir in den Weg gestellt hat und mich vor manchen bewahrt hat.

Um wie viel mehr bin ich beschützt worden als ich es selbst bemerkt habe?

 

Und wie der Beter des 73. Psalms so über alle Bewahrung Gottes nachsinnt, da wird ihm bewusst, dass das noch nicht alles war. Etwas ganz Kühnes kommt ihm in den Sinn. Und zugleich etwas Mutiges. Er spricht: „Du, Gott, nimmst mich am Ende mit Ehren an.“

Er ist sich sicher: Gottes Geleit geht weiter. Und hört an einem offenen Grab nicht auf.

Das heißt aber nicht, dass man sein Leben nun verwalten soll, warten muss, bis es soweit ist.

Dieser Tag heute macht auch deutlich: Gott hat noch einiges vor mit Ihnen. Auch so mit 64, um die 74 und auch kurz vor den 80ern ist man noch nicht an ein Ende gekommen. Es gibt noch viel zu entdecken. Und es gibt noch einige Menschen, die einen brauchen.

Deshalb: Das Leben nicht einfach nur so verwalten, sondern gestalten im Rahmen der Möglichkeiten.

Es ist noch Zeit. Zeit, sich zu versöhnen. Zeit, ein weites Herz zu bekommen. Sich nicht ärgern, wenn man nicht weiß, wo man die Brille hingelegt hat oder die Pralinen, die man doch so gerne verschenken wollte.

Es ist noch viel Zeit. Vielleicht für einen eigenen Computer. Mal so richtig im Internet surfen. Oder dem Enkel oder dem Neffen eine Email schreiben. Was andere geschafft haben, schafft man selbst auch.

 

Weil du, Gott, mich am Ende mit Ehren annimmst, kann ich mein Leben noch gestalten. Es aber auch tun. Und gestärkt aus diesem Nachdenken herausgehen.

Goldene und diamantene und eiserne Konfirmation ist ein wunderbares Fest. Weil es gewiss macht: Ich will bei dir, Gott, bleiben und ich weiß dich ganz fest an meiner Seite.

Und die Weite Gottes, die umfassender und höher und tiefer ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Predigt zur Feier der Goldenen, Diamantenen und Eisernen Konfirmation, 1. Juli 2007, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in St. Nikolai