Predigtansicht

Psalm 66,20 - Das Gebet ändert den Betenden - Wochenspruch zum Sonntag Rogate

Liebe Gemeinde!

Manchmal werde ich doch allen Ernstes gefragt, vor allem dann, wenn - wie in der vergangenen Woche - das Wetter so gar nicht mitspielen will: „Können Sie denn gar nichts machen. Sie haben doch einen guten Draht nach oben.“

Auch wenn irgendwelche Feste im Freien anstehen und der Wetterbericht nicht gerade die besten Voraussagen macht, höre ich es immer wieder: „Für das Wetter sind Sie verantwortlich!“
Ich weiß nie, ob mich jemand gerade auf den Arm nehmen will oder ob es doch ernst gemeint ist. Als ob man mit einem kurzen Gebet ein ganzes Tiefdruckgebiet mal so ganz leicht wegziehen lassen kann. Und als ob das Wetter ein einziges Wunschkonzert ist und die einen sich Regen für die Felder ersehnen, damit die Saat aufgeht und die anderen trockene und warme Temperaturen wünschen, damit man abends draußen gut grillen kann.

Über das Wetter kann man ja noch scherzhafte Bemerkungen machen. Aber wie ist es bei den wirklich wichtigen Anliegen, die wir an Gott richten. Viele beten in diesen Tagen, dass die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko endlich ein Ende finden und dass keine dauerhaften Schäden bleiben mögen. Andere beten um Genesung und dritte um ein Einkommen, mit dem man wieder gut durch einen Monat kommen kann.
Die wirklich großen Fragen, die uns umtreiben, kann man nicht so einfach mit einem kurzen Gebet zum Himmel klären. Und viel zu selten kommt es vor, dass wir alles, was uns belastet, mit einem Mal vertreiben oder zumindest so eindämmen könnten, dass es seine beklemmende Wirkung verliert.

Wie ist das eigentlich mit unseren Gebeten? Kommen Sie bei Gott an? Finden sie auch Gehör? Oder sollen wir uns selbst einen Reim darauf machen, ob unser Gebet nun Beachtung gefunden hat oder nicht?
Sie merken, es ist ganz schön schwierig, auf diese Fragen eine Antwort zu bekommen, die uns zufrieden stimmt, vor allem dann, wenn etwas nicht so eintrifft, wie wir es uns gewünscht haben. Haben wir dann nicht ernsthaft genug gebetet? Nicht aufrichtig genug geglaubt? Sind unsere Anliegen Gott unwichtig?
„Rogate“ heißt dieser Sonntag. Betet! Dieser Sonntag will uns Mut machen, mit dem Beten nicht aufzuhören, auch dann, wenn wir gerade meinen, dass unsere Bitten nichts, aber auch gar nichts, ausrichten können.

Hören Sie dazu den Wochenspruch für den heutigen Sonntag. Er lautet: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“
Aus dem 66. Psalm stammen diese Worte, aus dem 20. Vers. In den ersten 19 Versen geht gar nicht so genau hervor, was genau dieser Person Kummer bereitet, sie bedrückt und mit welchen Anliegen sie sich an Gott gewendet hat. Man erfährt auch nicht wie lange schon und wie oft sie Gott in den Ohren gelegen ist und was ihr Angst gemacht hat. Aber jetzt, jetzt kann diese Person dankbar und froh und ausgelassen ausrufen: „Wie wunderbar bist du, Gott! Du hast mein Gebet nicht verworfen. Ich weiß es genau, weil sich bei mir was verändert hat. Jetzt weiß ich wieder, dass ich in einem Film mit gutem Ausgang bin. Ich kann die Aufgaben, die jetzt anstehen, viel gelassener angehen. Und ich kann auch den Menschen, bei denen ich immer zusammenzucke, wenn sie mir nahe kommen, viel aufrichtiger entgegentreten. Das Beten - ganz egal, ob es über einen längeren Zeitraum gegangen oder ob es nur ein einziges Stoßgebet gewesen ist - hat auf alle Fälle den Betenden verändert.

Von dem dänischen, Theologe und Schriftsteller Søren Kierkegaard stammt dieses Zitat: „Das Gebet ändert nicht Gott, aber es verändert den Betenden.“
Ich halte das für eine schöne Umschreibung für das, was das Beten bewirken kann. Und es macht gleichzeitig frei von dem Denken, das Beten immer noch so etwas ist wie eine Wunschtüte ist, bei der ich mir etwas wünschen kann und dieses Anliegen dann auch in Erfüllung geht. Und wenn nicht, dann legt man es einfach beiseite, weil es doch nicht den erhofften Erfolg hat.

Ich glaube, dass der Beter des 66.Psalmes es anders meint und es auch anders erfahren hat. Es ist für ihn nicht so entscheidend, ob genau das eingetreten ist, worum er gebeten hat. Entscheidend ist, dass er wieder ein anderer geworden ist, dass er nochmals Hoffnung spürt, vielleicht auch wieder danken und die Welt in einem neuen Licht sehen kann. Wichtig ist, dass seine Gebete ihn verändert haben.
Das Gebet kann Menschen verändern. Das ist die Botschaft für all die, die seit langem um etwas bitten. Zum Beispiel für die, die seit Monaten um das Ende einer Krankheit bitten und sich schon lange gefragt haben, ob ihr Rufen, ob all ihre Klagen und alle eindringlichen Bitten überhaupt etwas ausrichten.
Das Gebet ist schon deshalb wichtig, weil sich vielleicht meine Einstellung zu einer Krankheit ändern kann. Vielleicht finde ich meinen ganz eigenen Weg um mit allen Beeinträchtigungen, die niemand auf der Rechnung hatte, zu leben und bekomme die Kraft, damit umzugehen.
Das Gebet ändert nicht Gott, weil Krankheiten nicht auf dem Lebensentwurf Gottes für unser Leben stehen. Für Gott bräuchte es kein Leid, auch keine Schmerzen, kein Kämpfen zu geben. Gott steht für Leben, für Wachsen und Reifen, für Loslassen können und Hineingehen in neue Lebensabschnitte, bis wir ihn einmal schauen und spüren von Angesicht zu Angesicht.

„Das Gebet ändert nicht Gott, aber es verändert den Betenden.“

Auch wenn unsere Bitten um das Ende der verheerenden Ölkatastrophe im Golf von Mexiko an dem fürchterlichen Ausmaß nichts ändern werden, so kann es in uns in Hoffnung aufrecht halten, dass wir uns nicht mit aller Zerstörung unserer Erde abfinden dürfen - weder im großen noch im kleinen Stil.

Gott braucht man nicht in den Ohren zu liegen, wie schlimm diese Katastrophe ist und wie sehr man die Folgen auf Jahrzehnte hin oder gar für immer spüren wird. Gott weiß es selbst und leidet wie niemand anderes an dem, was da passiert ist. Gott muss man es nicht groß sagen, dass hier ein Unglück unvorstellbaren Ausmaßes geschehen ist. Aber wir müssen es uns bewusst machen und es Gott sagen, damit wir uns ändern, uns von Gottes Geist bewegen lassen, unsere gewohnten Bahnen und Denkschablonen verlassen können.

Beten informiert nicht Gott, liegt ihm auch nicht in den Ohren. Gott weiß selbst, dass es manchmal viel zu kühl ist und schüttelt nur den Kopf, wenn sich die einen viel zu dünn anziehen oder den Schirm beim Regen vergessen.
Das Gebet informiert mich, den Betenden, und sagt mir: Denke daran: Es ist noch einer da, der dein Gebet nicht zurückweist und dir seine Güte erweisen will.

Es ist immer ein Grund Gott zu loben und zu danken, wenn wir uns ändern oder unter veränderten Vorzeichen zurechtkommen können. Und nicht sprechen: Da kann man doch nichts mehr machen. Oder uns zu Hause verkriechen und heimlich die Daumen drücken. Daumendrücken ist ja nur ein verkleinerter Ausdruck von betenden Händen. Das Leben ist nicht immer ein Wunschkonzert und manche Türe ist und bleibt auf immer zugeschlagen. Dafür gibt es aber andere Türen, die aufgehen oder schon offen sind und warten, dass ich durch sie hindurchgehe.

Beten ist nötig, damit wir diese Türen sehen und Mut bekommen, durch sie hindurchzugehen. Beten ist nötig, damit wir immer wieder von ganzem Herzen sprechen können: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet“, weil Gottes Möglichkeiten für uns immer größer sind als die Aussichten, wie wir gerade für uns ausmachen. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk zum Wochenspruch Sonntag Rogate, 09. Mai 2010 in Segnitz und Marktbreit