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Psalm 28,7 - Symbol „Verknotetes Seil“ - Predigt zur Jubelkonfirmation

Silberne / Goldene / Diamantene / Eiserne Konfirmation
2.Sonntag nach Trinitatis - 30.06.2019 - St. Nikolai / Marktbreit:


Liebe Jubilarinnen und Jubilare,

dieses verknotete Seil habe ich neulich beim Aufräumen in einer Kiste gefunden, die noch unausgepackt von unserer letztjährigen Jugendfreizeit auf der Insel Sylt im Keller stand. Für mich kaum zu fassen, dass die Tage an der Nordsee fast schon wieder ein Jahr vorbei sind.

Und vielleicht haben Sie in diesen Tagen auch leise oder laut gedacht: „Wie schnell ist nicht nur das vergangene Jahr, sondern die 25, 50, 60, 65 und 70 Jahre vergangen, seit ich konfirmiert worden bin!“

Als ich dieses Seil ausgepackt habe, musste ich noch einmal an meine im letzten Jahr konfirmierten Jugendlichen denken, die mitgefahren sind. Dann bin auf Sie gekommen. Ich habe mir vorgestellt, wie Ihr Leben - vor allem bei denen von ihnen, die ich nicht kenne, verlaufen sein mag.

Wie eine gerade Schnur, als Bild für ein Leben, in dem alles gepasst hat und sie ohne große Mühen durchgekommen sind?

Oder wie ein solches verknotetes Seil, Sinnbild für unseren manchmal verknoteten Lebensfaden, mit manchen Unterbrechungen, Warteschleifen, Zeiten, in denen man warten musste, bis sich diese eine Sache klärt.

Oder aber irgendwo dazwischen.



Jubelkonfirmation als Begegnung mit der eigenen Vergangenheit

Jubelkonfirmation feiern ist immer auch eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Mit Erinnerungen an früher. An die eigene Jugend. An den Tag der Konfirmation und an manche Aufregung, die damit verbunden war: An den ersten Anzug, an das erste Kleid. An die Hoffnungen und Wünsche, die man hatte.

Vielleicht wollten Sie früher manches ganz anders machen als ihre Eltern. Und vielleicht konnten Sie sich auch nicht vorstellen, was es alles für Knoten im Leben gibt, die einem klar machen: Nein, so wie du dir das denkst, geht es nicht! Jedenfalls nicht so schnell!. Der Lebensfaden, den du webst, ist manchmal nicht so fest, dass er allem Ziehen und Zerren standhalten würde.



Wie die Lebensfäden sich entwickelt haben

Und so schauen wir heute mit Ihnen, wie sich ihre Lebensfäden entwickelt haben.

10 Tage nach Ihrer Konfirmation, liebe Silberne Jubilare, also am 27.April 1994 wurde in Südafrika mit der in Kraft tretenden Verfassung das Ende der Apartheid besiegelt und allen Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe und Rassenzugehörigkeit Gleichheit zugestanden und ebenfalls das Wahlrecht. Wenige Tage später wurde Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsident Südafrikas gewählt. Wie viele Knoten mussten da gelöst werden bis dieses Abkommen zustande kam.

Das meistverkaufteste Lied im April 1994 war „Streets of Philadelphia“ von Bruce Springsteen aus dem gleichnamigen Film, in dem Tom Hanks die tragische Rolle eines AIDS-Kranken spielt. Für diese Rolle bekam er einen Oskar. Die meisten Preise bekam ein anderer Film, mit noch schwerer Kost, nämlich „Schindlers Liste“, der Film über den Fabrikantensohn Oskar Schindler, der Ende 1939 nach Krakau geht, eine beschlagnahmte Fabrik aus jüdischem Besitz kauft und später sein gesamtes Geld verwendet, um so viele Juden wie möglich als Arbeitskräfte zu kaufen und dadurch zu retten

Und Sie? Möglicherweise haben Sie damals noch gar nicht geahnt, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Lebensfaden mal einen richtig festen Knoten bekommt, den man so leicht nicht wieder lösen kann?



Sie, die Goldenen Konfirmanden, sind in dem Jahr konfirmiert worden, das man mit der Mondlandung in Verbindung bringt. Das vielleicht weltweit bedeutendste Ereignis 1969 fand einige Woche nach Ihrer Konfirmation statt. Am 20. Juli landeten zum ersten Mal Menschen auf dem Mond. Einen Tag später betrat ihn der erste Mensch - Neil Armstrong, der amerikanische Astronaut der Mission Apollo 11. Er sprach die legendären Worte: „Die Mondlandung ist ein kleiner Schritt für den Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit.“

Wenige Wochen später sind 400.000 Menschen zum legendären Woodstock Festival in die Nähe von New York zusammengekommen. Es wurde damit zum Symbol für Gewaltfreiheit und freie Liebe! „Make Love, not War“ - das war das Motto damals, gegen den Vietnamkrieg und die Konsumkultur.

Ich kann mir denken, dass man hier im beschaulichen Marktbreit von der Hippiebewegung nicht so viel mitbekommen hat. Und genau so wenig haben Sie als junger Mensch einmal gedacht, dass sich Ereignisse so zu einem Fadenknäuel verflechten können, dass man Anfang und Ende nicht mehr sieht und ein Herausfinden aus dieser Situation unmöglich erscheint.



1959 war das Jahr, in dem Heinrich Lübke als Nachfolger von Theodor Heuss zum Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde und Eintracht Frankfurt Deutscher Fußballmeister wurde. Die Wirtschaft lief auf Hochtouren. Viele Erfindungen gab es, darunter auch Kopiergeräte. Für uns heute sind sie selbstverständlich.

Aber eine Erfindung, wie man verknotete Lebensgeschehnisse mit einem Knopfdruck einfach so wieder entwirren kann und wie man die Fragen, die sich bei manchem Entwirren ergeben, sofort eine Antwort bekommt, das gibt es bis heute nicht.



Und alle die noch später, 1954 und 1949 konfirmiert worden sind, und noch ganz andere Zeiten miterlebt haben, können von manchen Knoten im eigenen Lebensfaden erzählen, den man vielleicht nicht mehr auflösen konnte, sondern mit dem man leben musste. Unvorstellbar, was dieser unfassbare Weltkrieg damals lebenslang verknotet hat.



Der Gordische Knoten

Was aber geschieht, wenn sich ein Knoten nicht lösen lässt? Einst, so erzählt eine alte Geschichte, habe es so einen unlösbaren Knoten gegeben. Man nannte ihn den „Gordischen Knoten“. Keiner konnte ihn zu lösen.

Eines Tages kam der makedonische König und Heerführer Alexander, dem man später den Beinamen ,,der Große" gab. Ihm wurde der Gordische Knoten vorgelegt. Er hat ihn gelöst. Auf seine Weise. Er zog sein Schwert und durchschlug den Knoten. Seine Lösung war nicht die Auflösung, sondern die Zerstörung. Diese Erzählung bewahrt etwas vom Wesen Alexanders. Wenn es ihm nicht schnell genug ging, konnte er sehr jähzornig werden. Dann zerstörte er nicht nur den Knoten, auch Menschen, seine Freunde. Am Ende sich selbst.

Die Lösung Alexanders bestand in Ungeduld und Gewalt. Dass er dennoch auch ganz andere Seiten hatte, ist überliefert. Aber das Wesen dieses Mannes war wie der Gordische Knoten selbst. Viele seiner Seiten und Züge lagen nicht nebeneinander, waren vielmehr ineinander verwickelt auf eine schwer zu durchdringende Weise. Kein einfach gestrickter Mensch, vielmehr einer mit vielen Knoten, eben wie du und ich'

(Geschichte vom Gordischen Knoten nach einer Predigt von Hans-Helmar Auel erzählt: in: Pastoralblätter 5/2011, 360).



Ich war früher ungeduldig, wenn ich solche Knäuel gesehen habe und habe sie immer gleich entzerrt, auch die Kisten von den Jugendfreizeiten sofort ausgepackt. Mit der Zeit bin ich da gelassener geworden und weiß: Ich kann nicht alle Knoten lösen und brauche es auch nicht. Auch nicht die Knoten meiner Lebensgeschichte.

Vielleicht ist das die Kunst des Lebens, dass man im Laufe der Jahre darauf kommt, dass - wie viele Knoten auch immer unseren Lebensweg ausmachen,- sich jemand anderes schon lange mit unserem Lebensfaden verbunden hat. Bei der Taufe. Es ist Gott.

Von ihm heißt es im 28.Psalm einmal:

„Der Herr ist meine Stärke und mein Schild;
auf ihn traut mein Herz und mir ist geholfen.“

Nun ist mein Herz fröhlich,
und ich will ihm danken mit meinem Lied.



Gott ist meine Stärke und mein Schild

Ich stelle mir vor, dass jemand einmal so gebetet hat, in dessen Lebensgeschichte auch so mancher dicke und schwere Knoten lag, den man nur schwer oder gar nicht mehr entzweien konnte.

Eine Liebe, die nicht erwidert wurde und dabei wollte man doch mit dieser Person so gerne das Leben weiter teilen.

Oder das Leben ist in eine Richtung abgebogen, in der keines der eigenen Lebensziele liegt. Die eigenen Pläne fest zugeschnürt.

Oder verletzte Gefühle, die unsere Lebensbejahung und unsere Unbeschwertheit abgedrückt haben.

Ich stelle mir auch vor, dass die Person, die so gebetet hat, irgendwann einmal darauf gekommen ist: Ich muss nicht alle Knoten meines Lebens lösen. Ich kann es nicht. Ich brauche es auch nicht. Weil ich hoffen kann, dass Gott sich mit meinem Lebensfaden so verbunden hat, dass es nichts geben kann, was mir meine Lebensfreude so beeinträchtigen würde, dass ich nicht mehr nach vorne schauen könnte.

Gott ist - wie der Psalm ausspricht - meine Stärke, die mir hilft, mit meinen Knoten zu leben und dabei nicht zu verzweifeln.

Gott ist mein Schild, auf dem er mich trägt, wenn sich meine Wege wieder zu verknoten drohen.

Er lässt mich mit meinen Lebensknoten auch wachsen und reifen.



Auf ihn hofft mein Herz und mir ist geholfen

Und wenn ich mir mein Leben anschaue und zurückblicke, dann wird mir doch auch bewusst „in wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet“ (EG 317,1),

Wie oft hat er mitgeholfen, dass manches wieder entwirrt wurde.

Wie oft hat er gewirkt, dass ich einen Knoten tatsächlich lösen konnte

Oder wie oft hat er gefügt, dass ich meinen Lebensfaden wieder gefunden habe an Hand eines Weges, der sich aufgetan hat oder durch einen Menschen, der mir weitergeholfen hat. Ich konnte wieder nach vorne schauen, habe Land gesehen, habe neue Hoffnung gespürt oder konnte manches einfach so stehenlassen, wie es gekommen ist.



Nach vorne schauen

Nach vorne schauen, auch darum geht es bei einer Jubelkonfirmation. „Bis hierher hat mich Gott gebracht“, so singen wir gleich. Aber er führt mich auch weiter. Unser Lebensfaden ist noch lange nicht zu Ende geknüpft. Und wir leben ja gerade in so spannenden Zeiten, dass wir uns alle nicht zurückziehen können.

Wer hätte noch vor kurzem gedacht, dass Schülerinnen und Schülern den Politikern, der Wirtschaft und uns allen deutlich bewusst machen, dass unsere Einstellung zur Klimapolitik sich total ändern muss.

Ich habe vor gut einer Woche den Bundespräsidenten Walter Steinmeier mit tausenden anderen Menschen in der Dortmunder Westfalenhalle gehört, wie er bei einer Veranstaltung über ein anderes großes Thema, der „Digitalisierung“ diese Worte sagte: „In der kurzen Geschichte der Digitalisierung wurde auch viel Hoffnung enttäuscht. Deshalb: Die Zukunft selbst mitgestalten.“

Und „Zukunft gelingt nicht ohne Wandel, ohne Wagnis, ohne Veränderung.“



Das gilt auch für das eigene Leben, in dem es ständig Wandel und ständig Veränderungen gibt und damit auch das Wagnis, sich vielleicht einen neuen Knoten einzuhandeln. Aber unser Leben ist „nicht ohne Wandel, ohne Wagnis, ohne Veränderung“ zu haben.

Wichtig ist doch, dass wir den heutigen Tag zum Anlass nehmen und uns bewusst machen: Wie oft haben sich manche Knoten gelöst haben? Und wie oft konnten wir manche Knoten so stehen lassen? Und wir werden auch in Zukunft so manchen Knoten erdulden oder stehenlassen können, weil der 28.Psalm uns verheißt:

„Der Herr ist meine Stärke und mein Schild;
auf ihn traut mein Herz und mir ist geholfen.“

Nun ist mein Herz fröhlich,
und ich will ihm danken mit meinem Lied.“

Und die Stärke Gottes, die größer und umfassender ist als alle Beschwernisse, möge euch immer wieder neue Wege und Möglichkeiten aufzeigen in Christus Jesus. Amen!



Pfarrer Thomas Volk

thomas.volk@elkb.de

Twitter: @ThomasVolk12