Predigtansicht

Psalm 28,7 - Predigt zur Silbernen Konfirmation am 29.07.2014

Liebe Festgemeinde,
liebe Silberne Konfirmanden,

ein Mann fährt mit seinem Auto auf der Überholspur. Er fährt schnell. Man weiß nicht so genau, ob er möglichst schnell irgendwo ankommen muss oder ob er etwas hinter sich lassen will. Er ist alleine. Der Sitz neben ihm ist nicht immer leer gewesen. Bis vor kurzem saß da die Frau, die ihm so viel bedeutet hat, in die er so verliebt gewesen ist und mit der er alle weiteren Wege verknüpfen wollte.

Aber es ist anders gekommen. Er schaut auf die Mittellinie, die die beiden Fahrbahnen trennt. Jeder Streifen steht für eine Erinnerung. Und er überlegt: Ob es für sie beide auch wieder eine Mitte geben wird? Ob sie zusammenkommen werden mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen und verschiedenen Wünschen von einem gemeinsamen Leben?

Und er schaut nach oben in den Himmel. Er ist noch schwarz und blau. Aber für ihn ist die Ruhe nach dem Sturm gekommen. Es ist Zeit, um die Gedanken zu sortieren. Und wie er in die Mitte blickt, hofft er, dass sie beide doch wieder zusammenkommen.

Das ist - zusammengefasst - der Inhalt des Liedes „Calm after the Storm“, das sie gerade eben gehört haben. Es stammt von der niederländischen Band „The Common Limmets“, die beim diesjährigen „Eurovision Songcontest“ in Kopenhagen den zweiten Platz belegt hat und eines der meistgehörstesten Lieder unserer Tage geschrieben hat.

Man kann sich nicht nur von einer Person entfernen, mit der man einmal ganz nah und eng beisammen gewesen ist. Auch im Laufe des Leben kann es passieren, dass man auf einmal merkt und spürt: Das was mir einmal so sicher schien, entgleitet mir aus den Händen. Und der Himmel ist auf einmal nicht mehr hell und weit, sondern dunkel und trüb.

Der Schwung und alle Lebensfreude können auf einmal abhanden kommen, weil das Leben so in Routine erstarrt und man tagein tagaus, Woche für Woche in den gleichen Rhythmus gepresst wird, dass keine Luft mehr zum Atmen bleibt.

Manche Ziele, die man einmal hatte, können auf der Strecke bleiben, weil man erfahren hat: Niemand wartet auf mich. Meine Meinung, meine Sicht der Dinge, meine Vorschläge, wie man es besser machen könnte, interessieren keinen.

Und auch Gott kann einem abhanden kommen und man fragt sich, wie man mit allem alleine zurechtkommen kann.

Deshalb feiern wir mit Ihnen Silberne Konfirmation, weil wir das auch für uns wünschen:

·        Wir möchten gerne wieder mehr in Einklang kommen mit dem, was uns einmal so wichtig gewesen ist und was wir so ersehnt haben.

·        Wir möchten wieder mehr gewiss werden, dass wir gehalten sind, gerade dann, wenn alle Hoffnungen brüchig werden.

·        Und wir wollen darin sicher sein, dass Gott, die Mitte unseres Lebens, uns festhält, wenn wir meinen, immer mehr nach außen zu entgleiten und den Überblick zu verlieren.

Vielleicht haben Sie damals vor 26 und vor 25 Jahren noch gar nicht gedacht, dass man einmal aus dem Gleichgewicht kommen und seine Ziele aus dem Auge verlieren kann. Damals, als sie in das Abenteuer Leben aufgebrochen sind und Ihre Konfirmation sie bestärken sollte, dass Ihnen aller Blick nach vorne niemals ausgehen möge.

Am 17. April 1988 haben einige von Ihnen Konfirmation gefeiert.

Das ist das Jahr gewesen, in dem Helmut Kohl Bundeskanzler war, Richard von Weizäcker Bundespräsident. Der Liter Super kostete durchschnittlich 1,03 DM. Steffi Graf gewann alle vier Grand Slam Turniere. Die Fußball-Europameisterschaft gewannen die Niederlande und die Bundesliga Werder Bremen mit Trainer Otto Rehhagel.

Das Wort des Jahres hieß „Gesundheitsreform“, ausgehend von den damals vieldiskutierten Vorschlägen zur Eindämmung der Kostenentwicklung in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Mit 14 Jahren denken die allermeisten noch gar nicht daran, dass die eigene Gesundheit brüchig werden und einen Strich durch alle Zukunftspläne machen kann?

Die ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Fulda und Würzburg wurde befahren. Genau zwei Wochen nach Ihrer Konfirmation, am 1.Mai 1988, hat ein ICE den damaligen Weltrekord mit 406,9 km/h erreicht. Viele meinen ja auch, dass es im eigenen Leben auch immer neue Höchstleistungen gibt. Das Leben geht beständig geradeaus. Mit vielen Vorstellungen und großen Wünschen. Und sie haben noch gar nicht gewusst, dass man selbst auch ausgebremst werden kann und alle anderen vorbeiziehen.

Der beliebteste Mädchenvorname im Jahre 1988 war Katharina, gefolgt von Sara und Julia. Bei den Jungen Jan, auf den Plätzen zwei und drei: Daniel und Florian.

Im Jahr 1989 ist man noch weit entfernt von Handys und Internet gewesen. Auch wenn es die ersten PCs gibt, sie sind noch sehr teuer und laufen unter Betriebssystemen, die man heute kaum noch jemand kennt. Aber etwas anderes kommt in diesem Jahr auf den Markt und verkauft sich weltweit über 100 Millionenmal: Der „Game Boy“, eine Video - Spielekonsole, die unzählige Herzen höher schlagen ließ und mit denen man Spiele wie „Tetris“ oder „Super-Mario“ stundenlang spielen kann.

Aber eigentlich steht das Jahr 1989 für die politischen Umwälzungen in den europäischen Ostblockstaaten.

·        Anfang des Jahres die ersten demokratischen Parlamentswahlen in Polen;

·        Ende Juni, vor genau 25 Jahren, am 27.Juni 1989, die Öffnung der Grenze zwischen Österreich und Ungarn; der sogenannte „Eiserne Vorhang“ wird löchrig“;

·        Immer mehr Menschen nehmen im Herbst an den Montagsdemonstration in Leipzig und anderen Städten teil.

·        Am 9. November ist die Mauer gefallen, die 28 Jahre lang nicht nur die Stadt Berlin, sondern ein Land getrennt hat.

Wer hätte am Tag Ihrer Konfirmation daran gedacht, dass ein halbes Jahr später die innerdeutsche Grenze geöffnet wird?

Das meistverkaufteste Lied des Jahres 1989 passt dazu: „Looking for Freedom“ von David Hasselhoff. Tragisch, dass der Sänger selbst all seine Freiheit nicht genießen kann, sondern alkoholabhängig wird und Schwierigkeiten hat, jeden einzelnen Tag zu bestehen. Vielleicht haben Sie damals auch von Freiheit geträumt. Keine Grenzen später Mal. Endlich mal raus aus Marktbreit. Weit weg. Weiter raus als bis nach Kitzingen oder Uffenheim. Freiheit erleben, wie man sie versteht und nicht so spießig, wie man es als Jugendlicher wahrgenommen hat.

Heute feiern wir mit Ihnen ein Fest, an dem auch wir auf unser Leben zurückschauen und feststellen: Es hat Zeiten gegeben, da ist mir viel gelungen, hat alles gekappt und der Himmel ist hell und weit gewesen. Es ist schnell immer weiter gegangen.

Und es hat solche Momente gegeben, in denen ich aus dem Gleichgewicht gekommen ist, hin und her geschüttelt wurde oder neu durchstarten musste. Manchmal habe ich auch gedacht, ich stehe in einer endlosen Warteschlange und bin weit weg von dem, was ich mir einmal vorgestellt habe. Oder ich habe mich verrannt, auch dort, wo ich meinte, dass die Freiheit grenzenlos ist.

Der Beter des 28.Psalms hat vor langer Zeit ebenso einmal gedacht, er würde nie mehr aus seiner verfangenen Situation herauskommen. Und dann, in der Ruhe nach dem Sturm, hat er gemerkt, dass es wieder weitergeht. Vielleicht anders als gedacht, aber doch so, dass sich der Himmel wieder öffnet. Und wie er wieder durchstarten will und schon in Gedanken bei dem ist, was er jetzt alles aufholen will, da wird ihm bewusst, dass noch jemand ganz anderes ihm diese neue Sicht ermöglicht hat. Und in der Ruhe nach dem Sturm wird ihm bewusst:

„Der Herr ist meine Stärke und mein Schild;
auf ihn hofft mein Herz, und mir ist geholfen.“

Wie er so spricht, kommen ihm noch viele andere Begegnungen seines Lebens in den Sinn. Wo so manches Auf der Kippe gestanden ist und er wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Als seine Wünsche vom Leben, von denen er so oft geträumt hat, und die Wirklichkeit, die manches Mal einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, doch wieder ein Stück mehr zusammengekommen sind.

Auch deshalb feiern wir mit Ihnen heute Silberne Konfirmation. Dieser Tag möchte Sie und uns alle neu darin gewiss machen, dass Gott unsere Stärke ist, mit der man sich immer wieder neu in das Abenteuer Leben aufmachen kann. Und Gott ist wie ein Schild, das mich trägt, wo der Boden nicht so fest ist. Oder wie ein Schild, das mich davor bewahrt, immer nur auf andere zu schielen, was sie schon alles erreicht haben, wie weit sie gekommen sind oder wie viele Häuser sie schon gebaut haben.

So mit 40 ist es Zeit, sich auf den eigenen Weg zu besinnen und sich bewusst zu werden, dass nicht Gott in all den Jahren in Schlangenlinien gefahren ist, sondern man selbst. Und Gott ist die Konstante gewesen, die da gewesen ist, als ich auf einmal alleine dagestanden bin, die nicht von meiner Seite gewichen ist, als niemand mich unterstützt und die mir Kraft gegeben hat, durch machen Sturm zu kommen.

Gerade der 28.Psalm macht deutlich, dass es Gottes großer Wunsch ist, dass wir unser Leben in wachsenden Ringen vollziehen können, nicht unbedingt immer größer und breiter, sondern gefestigter und gestärkter und wir vor allem wissen:

"Der HERR ist meine Stärke und mein Schild;
auf ihn hofft mein Herz, und mir ist geholfen.“

Silberne Konfirmation sagt auch: Das ist erst der Anfang gewesen. Es liegt noch viel vor mir. Es gibt noch einiges, was unser Herz entdecken kann. Und auf unsere Erfahrung wird es ankommen. Manche Lebensweisheit werden andere an uns schätzen. Oder unsere wachsende Gelassenheit, die andere nach Stürmen zur Ruhe bringen kann und sie gerade deshalb gerne mit uns zusammen sind.

Und Gottes Treue, die fester und größer ist als alles, was wir erleben und erfahren, bewahre uns und mache uns mutig für alles, was noch kommt. Amen.

• Predigt zur Silbernen Konfirmation in St. Nikolai, Marktbreit gehalten am 29. Juni 2014 von Pfarrer Thomas Volk