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Psalm 16,11 „Wofür bist du hier?“ Predigt zur Silbernen Konfirmation

Liebe Festgemeinde,
liebe Silberne Konfirmanden,

„Wofür?“ fragt Silbermond in einem Lied auf ihrer neuen CD „Himmel auf“. Wer in die Zeilen hineinhört, merkt, dass die Band diese Frage gerade an die weitergibt, die in der Mitte des Lebens stehen, schon manches mitmachen und aushalten, vielleicht auch schon mal einen ganz anderen Weg einschlagen oder sich einen Plan B zurechtlegen mussten.

„Warum schlägt dein Herz?
Was zieht dich durch den Tag?
Wer schaltet deine Kräfte ein, wer macht dich aus?
Wer führt dich ans Licht, wer prägt deinen Plan vom Glück,
Wer ist dein Rettungsschirm, dein Mond, dein Rückenwind?“

Und dann der Refrain, den jede und jeder für sich immer wieder neu durchbuchstabieren muss:

„Sag, was ist dein größtes Glück?
Wie weit würdest du geh‘n, damit es hält?
Ans Ende der Welt?
Für wen wirst du durchs Feuer geh'n,
Für wen würdest du alles hier riskier'n?Wofür bist du hier?“

Deshalb feiern wir mit Ihnen Silberne Konfirmation, weil wir uns alle darin wieder aufs Neue gewiss machen wollen: Es ist gut, dass ich hier bin. Auf dieser Welt. An meinem Platz. In dieser Kirche.
Und wenn ich mir in der Mitte meines Lebens manche Wege so anschaue und merke, wo ich mich überall schon verausgabt habe oder enttäuscht worden bin, kann ich dankbar sein, dass ich bis hierher gekommen bin.

Vielleicht haben Sie sich in den vergangenen Tagen, als dieser Tag immer näher gekommen ist, überlegt und nachgedacht, wie das vor 26 und vor 25 Jahren hier in dieser Kirche gewesen ist, als Ihnen Gottes Segen zugesprochen wurde. Er sollte Ihnen Mut machen, in das Abenteuer Leben aufzubrechen und er sollte sie bestärken, dass die Hoffnung - gerade dann, wenn man sich fragt, warum und wofür ich überhaupt hier bin - niemals ausgehen möge.

Am 13. April 1986 haben die einen von Ihnen Konfirmation gefeiert.

Das ist das Jahr gewesen, in dem eine Person angefangen hat, die Politik zwischen dem Westen und dem Osten aus aller Starre aufzubrechen: der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow. Gerade mal ein Jahr im Amt ließ er nicht lange mit seinen Reformen auf sich warten. Im Januar schlug er dem Westen die Abrüstung aller Kernwaffen bis zur Jahrtausendwende vor und im Februar brachte er auf dem Parteitag zwei russische Vokabeln in den europäischen Sprachgebrauch ein, die bis heute nicht mehr wegzudenken sind: Glasnost, Offenheit, womit er auf mehr Presse- und Redefreiheit in seinem Land anspielte und Perestroika, Umgestaltung, ein Schlagwort, das eine Erneuerung der Demokratie meint Vielleicht haben Sie beides auch damals für Ihre Kirchengemeinde gewünscht?

Auch das hat es gegeben: Am 26. April - nicht einmal zwei Wochen nach Ihrem Fest - beginnt die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Ich weiß nicht, wie Sie damals dieses nukleare Drama mitbekommen haben, dessen Spuren bis heute sichtbar sind. Auf alle Fälle ist es mit 14 Jahren schwer vorstellbar, dass es Ereignisse geben kann, die von heute auf Morgen alles in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Der beliebteste Mädchenvorname im Jahre 1986 ist Julia gewesen, gefolgt von Sara und Stefanie.
1986 hat es auch eine Fußballweltmeisterschaft gegeben. In Mexico. Weltmeister wurde Argentinien. Zweiter wurde - nicht Bayern München - aber Deutschland.
Möglicherweise haben Sie damals schon erfahren, was es heißt Zweiter zu sein. Bei dem Mädchen, den man so toll findet. Bei der Bewerbung. Oder bei der Gunst des Trainers. Dass andere besser sind. Mehr Chancen haben. Günstigere Voraussetzungen. Und man sich abfinden muss, dass nicht alles so leicht ist, wie man sich das ausgedacht hat.

1987, in dem am 3. Mai die andere Konfirmation gewesen ist, ist das Jahr gewesen, in dem es den Anschein hatte, dass zum Jahreswechsel die Zeit stehen geblieben ist. Jedenfalls für die ARD. Denn der Sender hat die Neujahrsansprache des Vorjahres von Bundeskanzler Helmut Kohl gesendet. Er wurde am 11. März trotzdem wieder zum Bundeskanzler gewählt.
Vom 6. bis 9. Juni kommt es in Ost-Berlin zu schweren Ausschreitungen zwischen Jugendlichen und der Volkspolizei der DDR. Etwa 3.000 Musikfans hatten versucht vom Brandenburger Tor aus, ein Rockkonzert in West-Berlin mitzuhören. Während des großen Polizeiaufgebots werden unter den Jugendlichen u.a. Forderungen zum Abriss der Berliner Mauer laut.
Den Eurovision Song Contest hat in diesem Jahr Irland mit Johnny Logan und seinem bekannten Lied "Hold Me Now" gewonnen. Halte mich. Halt mich jetzt. Wie viele Freunde, Freundinnen haben wirklich gehalten? Damals? Und in all den Jahren? Als man seinen Freundeskreis noch so ganz ohne Facebook und Handy abklären und ausmachen musste?
Haben Sie sich auch von Gott gehalten gewusst? Gerade in den Momenten, in denen etwas geschehen ist, das einem den Boden unter den Füßen wegziehen kann?

Wie immer Sie sich an besonderen Momenten ihres Lebens gefühlt haben, heute am Tag Ihrer Silbernen Konfirmation sind Sie eingeladen, diesen Spuren ganz neu nachzugehen:
Dass mir immer wieder klar wurde, wofür ich eigentlich lebe, hat mit Energien und Kräften zu tun, die gar nicht von mir alleine kommen können.
Dass ich es immer wieder geschafft habe, alle Mühen und alle Anstrengungen des Alltags anzugehen, hat mit einem Antrieb zu tun, bei dem nicht ich den Motor angelassen habe.Und dass ich immer wieder Halt gefunden habe, liegt auch an dir, Gott.

Bei Ihrer Konfirmation ist Ihnen nicht versprochen worden, dass Sie immer auf der Sonnenseite des Lebens stehen werden und dass alles spielend von der Hand geht. Es ist Ihnen zugesagt worden, dass Gott in allen entscheidenden Momenten die besondere Kraft und der nötige Mut geben möchte.

Das Leben ist immer auch ein Ringen, manchmal auch ein Kämpfen. Auch schon für den Beter des 16. Psalms vor langer Zeit. In seinem Gebet dort kann man nachlesen, wie er einerseits unsicher ist, ob diese eine Sache auch wirklich gut ausgeht und ob darüber hinaus der gesamte Lebensweg gelingt. Und wie er weiterbetet, kommen ihm Momente aus seinem Leben in den Blick, in denen auch schon so manches auf dem Spiel gestanden ist. Und ihm wird ebenso deutlich, dass er auch das immer wieder erfahren hat: Gott ist doch bei mir gewesen und alle Wege mitgegangen. Deshalb kommt er am Schluss seines Gebetes zu dieser Erkenntnis, die er so in Worte gefasst hat.
„Du tust mir kund den Weg zum Leben.
Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich (Psalm 16,11).

Und diese Person hätte auch noch hinzufügen können: Manches in meinem Leben habe ich mir nicht ausgesucht und einiges hätte ich mir anders gewünscht, aber ich habe immer gemerkt, dass du, Gott, mir neue Aussichten aufgezeigt hast. Und du hast mich auf Wege aufmerksam gemacht, die nur mir so nicht eingefallen wären.

„Du tust mir kund den Weg zum Leben.
Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich (Psalm 16,11).

Auch deshalb feiern wir mit Ihnen heute Silberne Konfirmation. Dieser Tag möchte Sie neu gewiss machen, dass Sie auf Gott auch weiterhin bauen können. Gerade der 16. Psalm macht deutlich, dass es Gottes großer Wunsch ist „Leben“ vor sich zu haben, „Freude in Fülle“ und - mit dem alten Wort Wonne ausgesprochen - dass uns alle Lebenslust nicht ausgehen möge, gerade dann, wenn man merkt, dass man nicht mehr 30 ist oder wenn man die Kleidergröße von früher einfach nicht mehr halten konnte.
Silberne Konfirmation sagt auch: Das ist erst der Anfang gewesen. Es liegt noch viel vor mir. Es gibt noch manches im Leben zu entdecken. Es gibt noch einiges, wo man noch wachsen und reifen kann.
So um die 40 kann man auch Gott neu entdecken oder alte Denkmuster abwerfen, die früher aufgeschnappt hat, wie zum Beispiel, dass Gott den Menschen nichts gönnen oder sie kleinhalten will.

Der amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison (1847-1931) hat einmal gesagt: „Das ist das Schöne an einem Fehler: man muss ihn nicht zweimal machen.“ Deshalb werden die nächsten 40 Jahre einfacher. Man mit viel Gelassenheit gerne in ein neues Lebensjahrzehnt einsteigen. Kann anfangen, sein Leben anzunehmen. Muss sich nichts mehr groß beweisen. Kann auch manche Begebenheiten im Leben neu deuten oder richtig einordnen. Kann auf dem eigens zugedachten Lebensweg immer mehr in der Mitte laufen.

Auf alle Fälle ist es in der Mitte des Lebens nicht an der Zeit, das Leben zu vertrödeln oder zu verschlafen oder den Alltag nur noch routinemäßig abzuspulen. Vielmehr, wenn die Frage wieder einmal aufkommt, warum und wofür man da ist, sagen zu können: Ich bin schon alleine deshalb hier, weil Gott mir Woche für Woche neu zeigen möchte, wie bunt das Leben ist und ich gespannt sein darf, was mich alles noch hinter der nächsten Kurve erwarten wird.

Und Gottes Treue, die fester und größer ist als alles, was wir erleben und erfahren, bewahre uns und mache uns mutig für alles, was noch kommt. Amen.

• Prdeigt von Pfarrer Thomas Volk zum Festgottesdienst der Silbernen Konfirmation in St. Nikolai, Marktbreit am 17. Juni 2012