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Psalm 146,7-8 - Aufrecht gehen können - Bildbetrachtung am Vorabend der Konfirmation

Dominosteine fallen um. Die meisten liegen schon am Boden. Zwei Steine sind gerade dabei umzukippen. Und der letzte Stein? Bleibt er stehen? Kann die Person, die sich mit dem Rücken daran lehnt, diesen halten, wenn er umstürzen sollte? Oder wird die Wucht zu schwer, der Aufprall zu drückend sein, dass dieser Mensch mit umfällt und er wie ein Stein am Boden liegen bleiben wird.

 

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,

wer sich Jahr für Jahr - immer im November - im Fernsehen den sogenannten Domino Day anschaut, der kann sich gar nicht satt sehen, wie Millionen von Dominosteine fallen. Wochenlang sind 80 Mitarbeitende damit beschäftigt neue Wege und Bahnen und Formen auszutüfteln, die diese fallenden Steine überwinden sollen und es ist eine Freude ihnen zusehen, wie sie alle Hürden überwinden.

Das Bild sagt mir, dass es hier anders ist. Jedenfalls, wenn man in das Gesicht dieses Menschen auf dem Bild schaut. Er möchte gerade nicht, dass noch mehr Steine umfallen. Vorsichtig dreht er den Kopf zur Seite. Er traut sich gar nicht richtig zu schauen, weil er ahnt, dass da was auf ihn zukommt. Wie eine Lawine kommen die kippenden Steine auf ihn zu. So gewaltig und wuchtig. Das einzige, was er tun kann: Dastehen und hoffen, dass der Aufprall nicht so schlimm sein wird. Mit seiner ganzen Kraft stemmt er sich gegen diesen einen Stein. Und er hofft, dass dieser Stein stehen bleiben wird. Dann wird er auch nicht umfallen.

 

Ich frage mich, wie diese Steine ins Rollen gekommen sind. Ob diese Person selbst den ersten Stein angestoßen hat? Es sieht ganz so aus. Und ob er dabei nicht geahnt hat, dass das, was er anstößt irgendwann einmal wieder von hinten auf ihn zukommt?

Würde es sich um Dominosteine handeln, die jemand für den nächsten Domino Day aufbaut, dann würde er sie sicherlich nicht so aufbauen, dass sie einen selbst erschlagen könnten. Die Die Original Domino Day Domino Steine sind übrigens ungefähr 8 Gramm schwer. Die Steine auf dem Bild sind schwerer. Man kann gar nicht sagen wie viel sie wiegen. Man kann sie auch schlecht in Gramm oder Kilo messen. Denn diese Steine stehen für eine ganz andere Lawine, die manchmal auf einen zukommen kann.

Manchmal kann das ganz schnell gehen. Ein unbedachtes Wort, das so herausgerutscht ist. Oder vielleicht eine Sache, in die wir uns so reingesteigert haben und die uns einfach so aus der Hand entglitten ist. Oder ein bewusstes Eintreten, ein Kaputtmachen, das wir heute so nicht mehr machen würden.

Aber es ist passiert und irgendwann haben wir gemerkt: O weh, die Sache kommt wieder auf uns zurück. Dann stehen wir vor den umgeworfenen Teilen und den restlichen Trümmer und wissen nicht mehr recht, wie wir alles auf eine Reihe bekommen.

Und Annemarie von DSDS wundert sich, warum sie nur als die „Zicke“ da steht, die sie ja gar nicht sein möchte und will aus dieser Rolle wieder raus. Sie will doch den Menschen zeigen, dass ihr Gesang zu mehr reicht, als für Weinfeste und Tanzabende.

Wer in der Klasse einmal den einen Ruf weg hat und die anderen sich beinahe täglich daran begeistern, der weiß man auch nicht mehr, wie man da wieder wegkommt.

 

Wir feiern morgen ein wunderbares Fest. Konfirmation sagt euch: Du darfst aufrecht deine große Lebensreise antreten. Gott möchte, dass du stark und fest deinen ganz eigenen Weg gehen kannst. Nicht furchtsam und gebückt wie diese Person auf dem Bild sollst du deine Wege gehen. Nicht ängstlich fragend, was noch alles an Schlimmen kommen wird.

Du darfst aufrecht gehen. Das ist das Eine.

Das andere ist: Auch andere sollen aufrecht gehen dürfen. Frage dich deshalb am Vorabend deines großen Festes, wo du mithelfen kannst, dass andere ebenfalls aufrecht gehen können. Und wir alle wollen mit euch überlegen, wo auch wir dazu beigetragen haben, dass kein Zusammenhalt mehr da war, wo wir den Fuß mal eben so haben stehen lassen oder etwas losgetreten haben, das dann Ausmaße angenommen hat, die wir einfach nicht überblickt haben.

 

Deshalb feiern wir diesen Gottesdienst Beichte. Wir bringen vor Gott, was nicht gut war. Wir bitten ihn um Vergebung. Wir möchten, dass andere und auch wir aufrecht gehen können.

Beichte hat nichts mit alten verstaubten Moralvorstellungen zu tun. Beichte ist nichts anderes als dass wir uns klar machen: Gott ist wie dieser letzte Stein, der noch steht. Auf dem Bild sieht es so aus, als ob er schon umkippt, bevor der andere Stein daran anstößt. Bei Gott ist es anders. Er bleibt senkrecht hinter uns stehen. Wie ein Fels. Damit wir aufrecht gehen können.

Beichte sagt: Du kannst dich auf Gott verlassen. Er gibt dir die Rückendeckung, die du brauchst. Er vergibt dir. Er gewährt dir einen neuen Anfang.

Er vergibt dir, damit du mithelfen kannst, dass auch andere wieder aufrecht gehen können. Er zeigt dir Möglichkeiten auf, wie das Wort Entschuldigung leichter über die Lippen kommen kann - oder wie man über seinen Schatten springen und sagen kann: „Es tut mir leid. Ich bin völlig neben mir gestanden.“ - wie man Ideen bekommt, dass man diesen schlimmen Kreislauf, dass immer mehr umfällt, unterbrechen kann.

Wir alle wollen euer großes Fest nicht nur im äußeren Frieden, sondern auch im inneren Frieden feiern. Das klappt dann, wenn das Eine für alle gilt und wenn alle mitmachen. Wir alle dürfen aufrecht, nicht hochnäsig und überheblich, den Tag morgen und alle weiteren Tage begehen. Und nichts soll zwischen uns stehen: Nicht zwischen mir als Pfarrer und Euch Konfirmanden - nichts zwischen Euch und Euren Familien - nichts zwischen uns als Gemeinde - nichts, was uns auch nur annähernd umwerfen könnte.

Der Prophet Jesaja hat es einmal so gesagt: „Gott macht die Gefangenen frei, er macht die Blinden sehen und richtet die Gebeugten auf“ (Jesaja 146,7.8). Das gilt für uns und für andere.

Amen.

 

Predigt am Vorabend der Konfirmation, 25.04.2009, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in St. Nikolai, Marktbreit