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Psalm 115,12 - Silberne, Goldene und Diamantene Konfirmation am 2.Sonntag nach Trinitatis: 25.06.2017 - St. Nikolai / Marktbreit

Liebe Festgemeinde,
liebe Jubilarinnen und Jubilare!

In Afrika fragt ein Kind seinen Vater angesichts des nächtlichen Sternenhimmels: „Was sind Sterne?“ Und der Vater antwortet: „Das sind Löcher! Hineingestoßen in den Himmel. Damit wir etwas vom Licht aus der Wohnung des Höchsten sehen können.“

Das ist eine kindliche Antwort, aber doch schön und auch irgendwie wahr. Sterne als Löcher in einer großen dunklen, nächtlichen Wand, die uns sagen. Da oben denkt jemand an dich. Schon die ganze Zeit. Du bist nicht vergessen. Jemand interessiert sich für dich und für deine Lebensgeschichte mit allem, was und wie es gekommen ist.

Wir feiern heute mit Ihnen ein Fest, bei dem es nicht darauf ankommt, aufzuzählen: „Mein Haus. Mein Auto. Meine Kinder. Meine Rücklagen. Meine Sammlung!“ Heute sind Sie eingeladen, die Momente im Leben in Erinnerung zu rufen, in denen Sie - wie es diese kleine Geschichte umschreibt - „Licht aus der Wohnung des Höchsten“ bemerkt haben und wie dadurch ihr Leben noch einmal einen ganz anderen Glanz bekommen hat .

Auf dem Liedblatt sehen Sie vorne viele kleine Sterne. Sie stehen für die Sternstunden im Leben, in denen wir Gedanken Gottes über uns spüren konnten. Diese Sterne können für so vieles stehen:

  • Als so manches auf der Kippe stand und auch ganz anders hätte ausgehen können.

  • Wie wir einmal überhaupt nicht mehr mit dem Leben zurechtgekommen sind und gedacht haben, auf die vielen offenen Fragen niemals eine Antwort zu bekommen.

  • Wie wir doch etwas geschafft oder durchgestanden haben, was wir nicht gedacht hätten.

Und bestimmt fallen Ihnen noch manche andere Zusammenhänge, Ereignisse oder Geschichten aus Ihrem Leben ein, für die diese Sterne hier vorne stehen könnten.

Der Beter des 115.Psalms konnte einmal nicht anders - als er vielleicht auch einmal in einen Sternenhimmel geschaut hat - als so zu bekennen:

„Gott denkt an uns und segnet uns“ (Psalm 115,12).

Und wie er so schaut, ist ihm vielleicht auch bewusst geworden, wie schnell doch so manche Jahrzehnte im Leben einfach vorbeigezogen sind. Wie mühevoll manche Lebensabschnitte gewesen sind. Oder wie sich manche Zeiten hingezogen haben. Vielleicht hat er auch bei anderen gesehen, wie gleichgültig und leidenschaftslos sie ihr Leben verbringen und eigentlich nichts mehr vom Leben erwarten.

Da sind ihm diese besonderen Momente bewusst geworden, in denen er „Licht aus der Wohnung des Höchsten“ bemerkt hat und sich gehalten, getragen, ermutigt, getröstet wusste. Und ihm wird deutlich, dass er das das nicht aus eigenem Vermögen geschafft hat. Es ist Gott gewesen, der an ihn gedacht hat. „Gott denkt an uns und segnet uns.“

Und wenn Gott an uns denkt, dann ist es wie wenn Licht aus der Wohnung des Höchsten auf unser Leben fällt und manches in einem neuen, hellen und warmen Licht erscheint.

Heute sind Sie. liebe Jubilarinnen und Jubilare, eingeladen, für sich persönlich nachzusprechen:

„Ich bin dankbar für vieles, was mir gegeben worden ist.“

„Ich bin erleichtert, wie sich manches dann doch noch gefügt hat.“

„Und ich bin froh, dass ich es bis hier geschafft habe, auch wenn manche Wünsche unerfüllt geblieben sind und ich mir so manche Wege nicht ausgesucht habe. Aber es ist so gekommen. Manches hätte ich mir manches damals, im Jahr meiner Konfirmation, als mir Gottes Segen zu meiner Lebensreise zugesprochen wurde, nicht hätte träumen lassen.“

Und so schauen wir heute mit Ihnen auf das Jahr, in dem Sie konfirmiert worden sind.

1992, vor 25 Jahren, haben die Jüngsten von Ihnen Konfirmation gefeiert.

Das ist das Jahr gewesen, in dem der vorletzte Woche verstorbene Helmut Kohl Bundeskanzler war und Bundespräsident der viel intellektuellere und sprachgewandtere Richard von Weizäcker.

Der Ostteil Deutschlands war nach der Wende durchaus nicht in eine blühende Landschaft verwandelt worden. Die soziale Stimmung war angespannt und bildete einen gefährlichen Nährboden für rechtsradikale Kräfte, was sich im August in Pogromen gegen Asylbewerber in Rostock zeigte. Mölln erwarb sich etwas später einen ebensolchen, negativen Ruhm.

In den Kinos lief „Bodyguard“ mit Whitney Houston und Kevin Kostner. Viele von Ihnen haben Leggins getragen. Das meistverkaufteste Lied war „It´s my Life“ von Dr. Alban. „Es ist mein Leben!“ Vielleicht haben Sie auch große Träume von ihrem Leben gehabt und wollten so manches ganz anders machen als die Genration über Ihnen.

Im kirchlichen Leben gab es neben ihrer Konfirmation noch einen zweiten Höhepunkt. In Hamburg hatte die Nordelbische Landessynode mit klarer Mehrheit die Pröpstin Maria Jepsen zur ersten evangelisch-lutherischen Bischöfin der Welt gewählt.

25 Jahre zuvor, 1967, ist musikalisch ein ganz besonderes Jahr gewesen. Die Beatles haben eines der berühmtesten Alben der Musikgeschichte herausgebracht: „Sgt. Pepper´s Lonly Hearts Club Band.“ Beim Besuch des iranischen Schahs kommt es in Hamburg zu Unruhen, bei denen der Student Benno Ohnesorg erschossen wird. Deutscher Fußballmeister wurde … Eintracht Braunschweig!!!

Die USA erlebt ein Jahr der Gegensätze. Schwere Rassenunruhen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite erlebt die „Flower-Power-Bewegung“ ihren kurzen Höhepunkt. Scott McKenzie singt „San Francisco“ und träumt davon, dass sich ein ganz anderer Lebensstil durchsetzt, als in der konservativ geprägten Gesellschaft, die dabei ist, mit einem Vietnamkrieg sich sinnlos zu verzetteln.

Hippie ist hier damals noch ein sehr abfälliges Wort gewesen. Wie soll das gehen? Kein geregeltes Leben, kein festes Einkommen, kein Gottesdienst am Sonntagmorgen.

Vielleicht wollten Sie damals auch nicht so spießig sein. Und raus. Die Welt verändern. Überhaupt mal rauskommen. Nicht nur mit dem Fahrrad nach Sulzfeld oder Gnodstadt. Weiter weg.

Die Sommerschlagzeilen des Jahres 1966 waren dem Fußball gewidmet. Deutschland war ins Endspiel gekommen und bestritt das Finale gegen England. Das sogenannte Wembley-Tor - ein Tor, das keines war, entschied das dramatische Spiel in der Verlängerung zugunsten der Engländer, die zum ersten Mal den Weltmeistertitel gewannen.

Vielleicht haben Sie das später auch mal erlebt, dass Sie ungerecht behandelt worden sind oder den Lohn ihrer Mühen nicht ernten konnten, obwohl Sie alles gegeben haben.

Haben Sie eigentlich im Konfirmandenunterricht - wie es damals noch hieß - bei Pfarrer Dr. Schröttel auch alles gegeben? Oder die Zeit einfach nur abgesessen. Wussten Sie, dass sie auch Noten bekommen haben? In unseren Kirchenbüchern im Pfarramt kann man es bis heute nachlesen. Es gab Noten im „Betragen“, im „Fleiß“, und in „Kenntnissen“ über den christlichen Glauben.

Da steht es genau. Fleißig bist du gewesen. Gute Leistungen hast du auch im Aufsagen gezeigt. Den Katechismus genau gelernt.

Ob diese Noten auch etwas aussagen über das, worauf es eigentlich angekommen ist: dass man Vertrauen findet, dass Gott an einen denkt und segnet. Und dass es im Leben darauf ankommt, dieses „Licht aus der Wohnung des Höchsten“ wahrzunehmen, was andere nicht unbedingt sehen, weil sie im Leben alles für selbstverständlich halten oder meinen, dieses und jenes müsste mir doch zustehen.

Sie, liebe Diamantene Konfirmanden, blicken noch weiter zurück.

1957, in ihrem Konfirmationsjahr, war Konrad Adenauer Bundeskanzler und Borussia Dortmund wurde Deutscher Fußballmeister. Die heranrollende Welle der aufmüpfigen Klänge des Rock´n Roll wurde mit Argwohn betrachtet, nicht mit Offenheit. Die Schlager von Peter Alexander, Margot Eskens und Catharina Valente besangen Sehnsucht, Geborgenheit und priesen die gutbürgerlichen Werte. Aber immer mehr junge Männer kamen mit Jeans, spitzen Lederstiefeletten und Lederjacke daher.

Und noch einmal ein Jahr vorher, 1956, herrschte in der Bundesrepublik inzwischen ein Mangel an Arbeitskräften. Um das Wirtschaftswunder weiter voran zu bringen, mussten ausländische Arbeiter angeworben werden. Die ersten Gastarbeiter kamen aus Italien und brachten ihre Lebensart mit. Die ersten Eisdielen kamen auf. Pizzerien.

Ein ganz anderes Lebensgefühl ist aufgekommen. Ob Sie es auch erleben konnten? Sie hatten es in manchem noch schwerer, ihren eigenen Weg zu gehen, vor allem die Frauen. Manche mussten das Geschäft der Eltern übernehmen, mussten die Werte mitübernehmen. Und vielleicht haben Sie viel Zeit gebraucht um zu erfahren, dass sich die Zeiten ändern und man selbst bleibt auch nicht stehen.

Das ist überhaupt die große Lebenskunst, dass wir das bemerken. Die Zeiten werden andere. Und wir verändern uns auch.

Aber egal, wie alt wir sind und wie viele Jahre schon hinter uns liegen, es kommt immer darauf an, dass wir auch in Zukunft immer wieder neue „Löcher im Himmel“ entdecken. Licht aus der Wohnung des Höchsten sehen. Neue Sternstunden erleben. Gewiss werden, dass Gott wirklich an uns denkt. Und dass unser Leben, mit allem, was uns froh macht und was uns Sorgen bereitet, bei ihm gut aufgehoben ist.

Wir wollen ja nicht so leben wie der Vorstandsvorsitzende, der sich einmal im Wartezimmer der Entbindungsabteilung eines Krankenhauses befand. Während andere erwartungsvolle Väter nervös in Zeitschriften blätterten, im Gang hin und herlaufen, sitzt er mit einem Notebook und einem Berg Ordner vertieft, die er seiner dicken Aktentasche entnommen hatte. Nach ein paar Stunden kommt eine Schwester zu ihm. „Es ist ein Junge, Herr Direktor!“ „Fragen Sie ihn, was er will“, sagte er, ohne von seiner Arbeit aufzublicken (An jedem neuen Tag 3, S.22)

Schade, wenn wir so manche Sternstunde verpassen würden.

Oder wenn wir alles für selbstverständlich hinnehmen.

Oder bejammern, dass die besten Zeiten hinter uns liegen würden.

Es gibt für uns alle noch viel zu entdecken. Und unsere Lebensgeschichte ist längst noch nicht fertig. Es liegt auch an uns, wie viele Kapitel noch hinzukommen und was wir alles hineinschreiben.

Lasst uns diesen Tag auch mitnehmen, als eine besondere Sternstunde in Erinnerung behalten, die uns Mut macht. „Gott denkt an uns und segnet uns!“ Damit wir unser ganz eigenes Leben bewältigen und mit so vielem füllen können.

Und die Möglichkeiten Gottes, die immer größer und weiter ist, als die Aussichten, die wir gerade vor uns haben, mögen uns auf unserem Weg wieder ein Stück weiterbringen. Amen.

-> Predigt zur Silbernen, Goldenen und Diamantenen Konfirmation, 25.06.2017, gehalten von Pfarrer Volk in St. Nikolai, Marktbreit