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Psalm 108,5 - Lernen, die eigene Geschichte anzunehmen - Silberne Konfirmation

Liebe Festgemeinde,
liebe Silbernen Konfirmanden,

Wir feiern heute ein Fest in der Mitte des Lebens, in dem es nicht darum geht, was man alles erreicht, wie viele Bankkonten man hat oder wie weit man nach oben gekommen ist. Wir feiern heute ein Fest, bei dem man sein Leben noch einmal ganz anders anschaut und nicht nur die vermeintlichen Erfolge und die Situationen im Blick hat, wo man ganz oben auf dem Treppchen gestanden ist.
Silberne Konfirmation feiern heißt auch das Andere wahrnehmen: Wie viele gute Umstände sind in meinem Leben auch dabei gewesen? Wie gut, dass es doch noch anders gekommen ist. Und kaum zu glauben, dass ich das damals bei dieser eine Sache das Vertrauen in das Leben wiedergefunden habe.
Als ob die Sängerin Nena, die viele von Ihnen schon von Ihrer Konfirmandenzeit kennen, ihr aktuelles Lied „In meinem Leben“ gerade für Sie heute, für Ihr Fest der Silbernen Konfirmation, geschrieben hat, wenn sie singt: „In meinem Leben bin ich oft geflogen, bin ich tief gefallen und manchmal auch ertrunken. Ich hab gewonnen und ich hab verloren. Und ich bin gestorben und wieder neu geboren. Ich hab gegeben und ich hab
genommen.“ Ich bin mir fremd und dann wieder ganz nah gewesen. Und immer wieder habe ich Boden unter die Füße bekommen.
Gestern Abend, im Copacabana, haben Sie einander erzählt, was alles passiert ist seit damals, als Ihnen vor 26 und vor 25 Jahren hier in dieser Kirche Gottes Segen zugesprochen wurde. Er sollte Ihnen Mut machen, um in das Abenteuer Leben aufzubrechen ohne sich zu verlieren und er sollte sie bestärken, dass die Hoffnung niemals ausgehen soll.

Am 6. Mai 1984 haben Sie Konfirmation gefeiert. 1984 ist das Jahr, in dem Richard von Weizsäcker Bundespräsident geworden ist und Indira Gandhi ermordet wurde. Frankreich wird Fußball-Europameister. Genau zeitgleich zu Ihrer Konfirmation ist auf Platz 1 der Album-Hitparade damals auch schon Nena mit ihrem Album „?“ gewesen.

Ob Sie damals schon daran gedacht haben, dass es Fragezeichen im Leben gibt - Dinge, auf die es keine Antwort gibt - Gegebenheiten, die man so hinnehmen muss - Situationen, die man nicht ändern kann?
Vielleicht haben Sie damals gemeint, dass die ganze Welt Ihnen offensteht, dass Sie es bestimmt besser machen und haben erst später gemerkt, dass sich manches ganz anders verhält, dass es gerade auf diesem einen Weg nicht weiter geht, haben gegrübelt, warum diese eine Liebe keine Zukunft hat oder erfahren, dass sie im Beruf Abstriche machen, Kompromisse eingehen müssen.
Ein Jahr später, am 21. Mai 1985, haben Sie Konfirmation gefeiert. Das war das Jahr, in dem Boris Becker als erster Deutscher - und mit 17 Jahren jüngster Tennisspieler aller Zeiten - das Grand Slum-Turnier von Wimbledon gewinnt. Michail Gorbatschow wird Generalsekretär der KPdSU. Deutscher Fußballmeister wird - Bayern München.
Der Glykol-Wein-Skandal wird bekannt - Wein als Sondermüll. Film des Jahres ist „Zurück in die Zukunft“, eine Science-Fiction-Filmkomödie mit dem
Schauspieler Michael J. Fox. Der Film erzählt die Geschichte des Schülers Marty McFly, der versehentlich per Zeitreise in das Jahr 1955 gerät und dort die Vergangenheit seiner Eltern verändert, was dazu führt, dass seine Existenz gefährdet ist. Marty McFly muss nun versuchen, die ursprüngliche Vergangenheit wiederherzustellen.

Ob Sie sich in den vergangenen 25 Jahren manchmal das auch gewünscht haben? Die Zeit zurückdrehen, nicht unbeabsichtigt, sondern ganz bewusst, bis zu dem Punkt, wo man den anderen Weg hätte einschlagen, die eine Sache in andere Bahnen lenken können oder diese eine Entscheidung anders treffen würde.
Von dem deutschen Philosophen Ludwig Feuerbach stammt der Satz: „Wir müssen uns daran gewöhnen: An den wichtigsten Scheidewegen unseres Lebens stehen keine Wegweiser.“ Wir entscheiden uns für die eine oder andere Richtung und können nicht mehr zurück und müssen diesen einen Weg dann gehen.

Wie auch immer Sie sich an den Wegmarkierungen ihres Lebens entschieden haben, welche Wege Sie auch eingegangen sind, heute am Tag Ihrer Silbernen Konfirmation sind Sie eingeladen - bei allem, was die Zeit gebracht hat und bei Durchsicht aller Wege, die Sie gegangen sind, auch derer, die so nicht auf der Liste gestanden sind - zu sprechen: Ich bin dankbar, dass ich es bis hier geschafft habe. Eigentlich habe ich es gar nicht alleine geschafft. Die eigenen Kräften und das eigene Vermögen sind gar nicht ausschlaggebend gewesen, sondern Gott.

Diese Einsicht hat vor langer Zeit der Beter des 108. Psalms einmal so in Worte gefasst:
„Gott, deine Gnade reicht, so weit der Himmel ist, und deine Treue, so weit die Wolken gehen“ (Psalm 108,5).
Die Person, die diese Worte einmal ausgesprochen hat, hat keine Silberne Konfirmation gefeiert. Aber vielleicht hat sie, wie Sie heute, wichtige Abschnitte des Lebens vorbeiziehen lassen und ist zu dem Entschluss gekommen: Auch wenn in meinem Leben manches anders gekommen ist, auch wenn ich mich von mancher Vorstellung verabschieden und auch wenn ich manchen Traum aufgeben musste - du, Gott, bist bei mir gewesen, hast mir die Treue gehalten, bist nicht von meiner Seite gewichen, hast mich
nicht aufgegeben.
Deine Treue habe ich gespürt, als sich auf einmal ein Weg für mich aufgetan hat, auf den ich so nicht gekommen wäre. Du bist beständig bei mir geblieben, als viele mich aufgegeben haben. Du hast an mich geglaubt, wo so manche mich schon abgeschrieben haben.
Und du Gott, bist nicht von meiner Seite gewichen, auch wenn ich dich oftmals nicht gespürt oder gemeint habe, dass ich auch gut alleine klar komme. Und als der Beter des 108. Psalms zum Himmel schaut, da kann er gar nicht anders als dieses Bekenntnis auszurufen: „Deine Treue, Gott, ist so weit, wie die Wolken gehen.“

Vielleicht sind Sie damals mit viel Schwung und mit vielen Ideen in das Abenteuer Leben gestartet. Vielleicht haben Sie gedacht, dass Sie Ihre Welt verändern könnten. Und dann hat es die Geschichte gegeben, in der Sie gemerkt haben, wie hilflos man doch ist, wie ausgeliefert, wie ohnmächtig.
Wie viel Glück gehört doch auch dazu, um einigermaßen klarzukommen, wie viele günstige Umstände sind doch dabei und wie viel ist geschenkt. Der Beter des 108 Psalms sagt es so: „Gott, deine Gnade reicht, so weit der Himmel ist“ (Psalm 108,5).

Wir feiern Silberne Konfirmation, und danken nicht nur für einen guten Morgen, sondern auch dafür, dass man es bis hierher geschafft, dass man die erste Hälfte mit vielleicht so manchen Blessuren überstanden hat und nicht k.o. gegangen ist, dass man wieder aufstehen konnte und dass man weiter machen durfte. Und das alles mit Gottes Gnade und Treue, der da war und auf den man manchmal erst viel später gekommen ist.

Dieser Tag möchte Sie gewiss machen, dass Sie auf diesen Gott auch weiterhin bauen können Silberne Konfirmation sagt auch: Das war erst der Anfang. Jetzt beginnt die zweite Halbzeit. Auch wenn wir nicht wissen, wie lange wir mitspielen können, es kommt noch was. Es liegt noch viel vor Ihnen. Es gibt noch manches im Leben zu entdecken. Es gibt noch vieles, wo man noch wachsen und reifen kann.

„Gott, deine Gnade reicht, so weit der Himmel ist, und deine Treue, so weit die Wolken gehen“ (Psalm 108,5).
Gottes Gnade und seine Traue sind weiterhin da und begleiten sie, wollen Mut geben, in einen neuen Lebensabschnitt zu gehen, unter veränderten Vorzeichen weiterzumachen oder es auch mal ganz anders probieren.
Ernest Hemingway hat einmal treffend gesagt: „Jetzt ist nicht die Zeit, daran zu denken, was du nicht hast. Überlege, was du mit dem anfangen kannst, was da ist.“
Was ist „in meinem Leben“ alles da? Was gibt es noch alles zu entdecken? Vielleicht ein neues Hobby? Mal wieder in ein Nena-Konzert gehen. Sich mehr engagieren? Ein Ehrenamt annehmen?
Oder fragen, was man vielleicht anders machen muss? Wo muss ich gesünder leben? Wo brauche ich mehr Gelassenheit? Dahin kommen, dass man gerne 40 wird oder schon ist und neugierig das neue Lebensjahrzehnt begrüßt. Sich nicht mehr so viele Gedanken über die eigene Schönheit machen, weil es gut ist, wie man ist, auch mit manchen Falten oder nicht mehr mit dem Idealgewicht von damals. Und die neue Lesebrille
schaut doch wirklich auch ganz schick aus.

„Kämpfe nicht mit deiner Geschichte, sondern lerne sie anzunehmen.
Verträume nicht deine Leben, sondern lebe deinen Traum.
Verliere dich nicht an dich selbst, sondern gewinne dein Leben in der Liebe zu deinen Mitmenschen und zu Gott, der dich im Leben von Stufe zu Stufe weiterbringen möchte.“
Und bei allem zu wissen, wie es Nena besingt: „In meinem Leben“ ist immer wieder Leben, ist immer wieder Sonne, weil Gottes Gnade reicht, so weit der Himmel ist, und seine Treue, so weit die Wolken gehen“.

Und seine Treue, die fester und größer ist als alles, was wir erleben und erfahren, bewahre uns und mache uns mutig für alles, was noch kommt. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk zur Sibernen Konfirmation am Sonntag 13. Juni 2010 in Marktbreit