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Psalm 103,8-12 - Gottes Barmhezigkeit trägt - 13. Sonntag nach Trinitatis

Ob Gott barmherzig ist, liebe Gemeinde?

Ob Gott ein Herz für uns Menschen hat? Ob wir ihm wichtig sind? Ob es ihn interessiert, was aus uns geworden ist? Und was noch weiter werden wird? Ob er uns immer noch aushält und trägt, auch erträgt?

Unser Wort „Barmherzigkeit“ ist eine Übersetzung des lateinischen Wortes „Miserikordias“. Gemeint ist jemand, der - oder die - ein Herz für die Elenden und Unglücklichen hat.

Wenn jemand „barmherzig“, dann hat er oder sie „ein Herz für die Unglücklichen“ (Duden, Band 7, S.64). Ein Herz für die, die sich so manches ganz anders vorgestellt haben - für die, die gerne glücklich sein wollen, es aber nicht sein können oder dürfen - die ständig Steine in den Weg gelegt bekommen - die vergessen haben, wie gut es tut, in den Arm genommen zu werden und gesagt zu bekommen, dass alles wieder gut ist.

Oder ein Herz für die, die darin unglücklich sind, weil sie sich selbst Steine in den Weg legen. Die sich häufig überfordern und sich etwas beweisen wollen oder müssen - die viel zu oft an der entscheidenden Stelle das Falsche agen oder Tun - oder sich nicht trauen und zu viel Angst vor einer weiteren Niederlage haben.

Ob Gott für all die wirklich ein großes Herz hat?

Es war eine der Sternstunden der Menschheit, als ihnen aufgegangen ist: Gott ist wirklich barmherzig. Er hat wirklich ein Herz für alle Unglücklichen. Er hält uns wirklich aus. Und er hat viel Geduld mit uns.

 

Es hat lange gedauert, bis Menschen darauf gekommen sind.

Wussten Sie, dass es über 1000 Jahre gedauert hat, bis das Alte Testament - wie wir es heute kennen - entstanden ist? Und das heißt auch, dass es mehr als 1000 Jahre gedauert, dass Menschen die Glaubensgeschichte mit ihrem Gott immer wieder weitergeschrieben, umgeschrieben und auch neu formuliert haben.

Über 1000 Jahre haben Menschen gefragt: Wie ist Gott? Was ist sein Wille für mein Leben? Und worauf kann ich mich verlassen?

Der Glaube ist ja nicht vom Himmel gefallen. Und die Bibel lag ja nicht einfach auf der Wiese.

Es hat lange Zeit gedauert, bis sich der Glaube an Gott immer weiter entwickelt hat. Und es hat lange Zeit gebraucht, bis die Menschen ihren Gott immer größer und weiter gedacht haben. Es hat gedauert, bis sie zum Beispiel darauf gekommen sind, dass bei Gott nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn gilt. Es hat viel Zeit gebraucht, bis sie darauf gekommen sind: Gott ist viel größer, viel umfassender, nicht so kleinkariert, nicht so eng gestrickt, wie meine Gedanken.

Der Beter des 103. Psalms ist wie kaum ein anderer darauf gekommen. Und als er einmal dasaß und nachdachte, kam es ihn in den Sinn:

Wie oft haben wir Gott enttäuscht, damals in der Wüste als wir sein Vertrauen immer wieder in den Wind geschlagen haben.

Und später, als wir im verheißenen Land angekommen sind, wie oft haben wir all das, was uns gelungen ist, auf die eigene Fahne geschrieben, sind übermütig, manchmal sogar größenwahnsinnig geworden, haben uns immer wieder auf die eigene Brust geklopft und gesagt: Was brauchen wir jemanden, der ein Herz für uns hat? Wir kommen schon alleine klar.

Aber dann ist wieder alles ganz anders gekommen. Dann sind wir wieder unglücklich geworden. Sind hingefallen. Lagen da. Wurden zum Gespött

Aber Gott hat weiter an uns festgehalten. Hat uns noch eine Frist einberaumt. Hat gemeint, dass wir doch noch andere werden können.

Und so hat der Beter des 103. Psalms einmal für alle Zeiten bekannt:

„Barmherzig und freundlich ist der Herr, geduldig und reich an Güte (V.8)

Er geht nicht mit uns um, wie wir es verdient hätten,

und lohnt uns nicht, wie es unserer Schuld entspräche (V.10).

So hoch der Himmel über der Erde ist, so mächtig leuchtet

Seine Freundlichkeit über die, die zu ihm gehören (V.11).

So weit der Osten vom westen ist, rückt er unsere Untaten von uns weg (V.12).

 

Gott ist barmherzig. Nicht, weil es einfach sein Geschäft ist oder weil man doch leben kann, wie man möchte, und weil er doch sowieso vergibt, wenn man zu ihm kommt oder auch nur halbherzig bekennt.

Nein. Es ist anders herum. Gott ist barmherzig, weil er an uns sieht, wie schnell alles bei uns ganz anders werden kann. Weil er an uns sieht, wie wir mit einem Mal unglücklich werden können. Wie plötzlich etwas Unvorhergesehenes dazu kommt, was wir nicht im Blick hatten. Wie leicht Träume zerplatzen können. Wie schnell ein Höhenflug enden kann. Wie augenblicklich unsere Gesundheit zerbrechen kann. Wie auf einmal eine Liebe zerbrechen kann. Wie rasch man sich mit Gewohnheiten abfindet. Wie vieles in Routine erstarrt.

Und Gott weiß auch, wie in Wüstenzeiten das Zutrauen ganz schnell schwindet. Nicht nur das Zutrauen in die eigenen Kräfte, sondern auch das Zutrauen zu Gott, dass man bei ihm dennoch gut aufgehoben ist. Gott weiß längst, dass er seinen Menschen immer unendlich mehr gibt, als was sie ihm zurückgeben könnten.

Im 103. Psalm heißt es an einer anderen Stelle:

Er (Gott) gedenkt daran, dass wir Staub sind (V.14).

Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde (V.15);

wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr (V.16).

Gott weiß, wie schnell unsere Hoffnungen und Wünsche ausradiert werden können. Wie wir einfach nicht aus eigenem Vermögen das Leben meistern können.

 

Und auch das Andere weiß Gott längst: Wie viele Schrammen wir tagtäglich mitbekommen. Wie wir es ständig direkt oder indirekt hören: Das kannst du nicht. Das schaffst du nicht. Deine große Schwester war viel besser in der Schule. Dein großer Bruder konnte immerhin gescheit dübeln. Du bist einfach nicht „in“.

Gott sieht, wie unbarmherzig wir oft mit uns selbst umgehen. Wie sehr man sich klein hält. Behakt. Manchmal regelrecht bekriegt

Ist ihnen aufgefallen, dass der Begriff „unbarmherzig“ viel geläufiger ist als das Wort „barmherzig“?

Von einer unbarmherzigen Gesellschaft lese ich jeden Tag in der Zeitung. Von Menschen, die so unbarmherzig sind, dass sie Ekelfleisch in den Umlauf bringen. Und dass es so schwarze Schafe gibt, die sogar die Bewohner von Seniorenwohnheimen abkassieren.

Und auch das, was vor einigen Tagen im ostdeutschen Mögeln passiert ist, ist ein Zeichen einer unbarmherzigen Gesellschaft.

Wenn niemand gesagt bekommt: Du bist ein ganz wertvoller junger Mensch. Du bist mir wichtig. Und ich möchte mithelfen, dass du einen guten Platz in der Welt der Erwachsenen erhältst. Ich will deine Gaben fördern. Ich will dich loben, dir eine Perspektive aufzeigen und dir nicht ständig aufrechnen, was du nicht kannst oder nicht bist. - Wenn man das niemals gesagt bekommt, dann kann man selbst so unglücklich werden, dass das eigene Herz ganz hart wird und in blinde Wut umschlagen kann.

Der Tod eines 11jährigen Jungen in Liverpool. Wir können wohl gar nicht erahnen -ohne etwas beschönigen zu wollen,- wie viel Unbarmherzigkeit der oder die Täter in ihrem Leben erlebt haben.

Wenn niemand ein Herz für einen hat, dann kann man leicht selbst herzlos, unbarmherzig, gefühlskalt, voller Hass werden.

Wir merken es ja auch an uns, dass das Leben uns manchmal ganz schön hart, hartherzig, machen kann. Und wie man dann auf einmal argwöhnisch wird, ein Grieskram, ein Betonklotz, sich in sein steinernes Herz einigelt und fortwährend grummelt. Und auf den Nachbarn starrt und sich den Kopf zerbricht, warum seine Zuckrüben größer sind und seine Wiesen grüner. Und dabei völlig vergisst, dass man es selbst doch auch zu etwas gebracht hat.

 

„Barmherzig und freundlich ist der Herr, geduldig und reich an Güte“ (V.8).

Dir ist Gott barmherzig. Du bist dazu auf der Welt, dass du gerne du sein kannst und darfst. Du bist Tochter, du bist Sohn Gottes.

Und auch wenn manches in der letzten Zeit schwer gewesen ist: Gott meint es gut mit dir. Er weiß doch, wie vergänglich alles ist und wie zerbrechlich das Leben ist und wie alle Hoffnungen schnell zerbersten und wie oft wir Abschied nehmen müssen.

 

Deshalb sei auch „barmherzig“ zu dir selbst.

Zu sich selbst „barmherzig“ sein, das hieße dann, dass man selbst ein Herz für alles Unglückliche in sich selbst hat.

Und das heißt, sich zu fragen, ob man die Lebensgeschichte so annehmen kann. Mit allem was quer gelaufen ist. Mit allem, was einem heute vielleicht peinlich ist. Mit allem, was man heute vielleicht ganz anders machen würde.

Ein Herz für sich selbst haben - so wie man geworden ist. Ein Herz haben für das, was unglücklich verlaufen ist.

Ich erlebe es oft, dass Menschen mit sich selbst ganz unbarmherzig umgehen. Sich überfordern, mit irgendwelchen Vorsätzen. Sich verurteilen, wenn sie einen Fehler begehen. Sich nichts gönnen.

Wir selbst können aus eigener Kraft nicht gegen das Fordernde in uns ankommen. Ich glaube und hoffe, dass wir es mit Gottes Hilfe können - mit Gott, der ein Herz für alle Unglücklichen hat, der uns ins Leben gerufen hat, auf unserer Seite steht. Der auch mit uns mit leidet. Und uns aufbaut. Aber auch anfeuert.

Das wäre schon ein großes Ziel, wenn wir auf den Weg kämen, zu uns selbst barmherzig zu sein: Dass man als Pfarrer nach einer schlechten Predigt nicht in eine tiefe Depression verfällt. Dass man es stehen lassen kann, wenn die Haut altert und Falten bekommt. Oder wenn Jüngere als attraktiver sind, für manche jedenfalls.

 

Bei Anselm Grün habe ich gelesen, dass, wenn im Judentum von Barmherzigkeit die Rede ist, dass sie dann an den Mutterschoß denken. Ich halte das für ein schönes Bild. Der barmherzige Gott trägt uns in seinem Schoß. Hält uns aus. Wartet bis unser Herz wieder weich wird, ein Stück weit zumindest. Weiß, dass wir noch ganz andere werden können und noch lange nicht an unser Ziel gekommen sind.

Das ist doch das Entscheidende: In Gottes Augen sind wir noch lange nicht da angekommen, wo wir hinkommen könnten. Es gibt noch so vieles zu entdecken, zu erfahren, zu verstehen, auch an der eigenen Lebensgeschichte.

 

Wenn man so mit sich selbst barmherzig sein kann, dann ist es nur ein winziger Schritt auch anderen gegenüber „barmherzig“ zu sein.

Deshalb sich das für die neue Woche auch vornehmen. Wo habe ich Barmherzigkeit erfahren. Gnade. Schutz. Bewahrung. Die Gesundheit wieder bekommen. Geborgenheit, wiedergefundene Liebe. Ja, barmherzig und gnädig dir ist und er schenkt dir eine neue Woche Zeit, wieder ein bisschen mehr Mensch seines Wohlgefallens zu werden.

Gewähre dir - und wenn es geht, auch den anderen - diese Zeit.

Und die Weite Gottes, die umfassender und höher und tiefer ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 2. September 2007, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in St. Nikolai, Marktbreit