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Psalm 103,2 - Goldene und Diamantene Konfirmation am 2.Sonntag nach Trinitatis

Liebe Festgemeinde,
liebe Jubilarinnen und Jubilare!

Wer war von Ihnen schon mal in New York? Das Lied, das wir gerade gehört haben, in dem jemand bedauert, noch niemals in New York gewesen zu sein, passt gut zu diesem Wochenende. Gestern, als Sie erzählt, zurückgeschaut und gehört haben, was die anderen alles so gemacht haben, da ist Ihnen vielleicht auch bewusst geworden, was man alles noch nicht gemacht hat, wozu man überhaupt noch nicht gekommen ist und wie überhaupt all die Jahrzehnte nur so verflogen sind.

Wir feiern heute ein besonderes Fest, an dem man aber nicht nur bedauert: „Ich war noch niemals in New York!“ Oder: „Ich bin nie aus Marktbreit und Umgebung herausgekommen und ich hätte so gerne dieses und jenes gemacht.“ Oder: „Ich war noch niemals richtig frei und musste immer das tun, was andere gesagt und von mir verlangt haben.“ Oder auch: „Ich wollte schon immer mal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh'n, aber ich habe mich nicht getraut.“

Wenn Sie, sehr geehrte Goldene und Diamantene Konfirmanden, all die Jahre, die hinter Ihnen liegen, wiegen sollten, auf welcher Seite ginge die Waage nach unten? Auf der einen Seite, in deren Schale man all die Sätze hineinlegt, die so beginnen: „Ich war noch niemals …“ „Ich habe nie …“ „Mir hat keiner …“ Oder aber auf der anderen Seite?

 

Wir feiern Goldene und Diamantene Konfirmation, weil wir diese „andere Seite“ in den Blick nehmen und uns bewusst machen, was auch dagewesen ist: Wertvolle Momente, die uns so richtig glücklich gemacht haben. Unverhoffte Wendungen, an denen es dann doch noch gut geworden ist. Neue Wege, die sich mit einem Mal aufgetan haben. Und Menschen, die für uns dagewesen sind.

Goldene und Diamantene Konfirmation feiern heißt, dass man das für sich nachbuchstabieren kann, was vor langer Zeit jemand einmal so ausgesprochen hat

„Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

 

Aus dem 103. Psalm stammen diese Worte.

So hat jemand gebetet - vielleicht bei einer Pilgerreise zum Tempel nach Jerusalem, - als er mal Zeit hatte, auf sein Leben zurückschauen. Da sind ihm noch einmal wie in einem Film all die besonderen Momente seines Lebens durch den Kopf gegangen:

Als so manches auf der Kippe stand und auch ganz anders hätte ausgehen können.

Wie er einmal überhaupt nicht mehr mit dem Leben zurechtkam und dachte, auf die vielen offenen Fragen niemals eine Antwort zu bekommen.

Wie er dann doch wieder gesund geworden ist.

Wie er mit einem Mal gemerkt hat, dass diese eine unangenehme Geschichte vorüber ist und ihm vergeben worden ist.

Und als all diese Bilder im Zeitraffer an ihm vorbeigezogen sind, da kann er gar nicht anders als auszusprechen:

2 „Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

3 der dir alle deine Schuld vergibt
und heilet alle deine Gebrechen

5 der deinen Mund fröhlich macht
und du wieder jung wirst wie ein Adler.

8 Barmherzig und gnädig ist der Herr,
geduldig und von großer Güte.

 

Heute ist ein guter Tag, sich gleichfalls daran zu erinnern. Ich bin dankbar für alles, was mir gegeben worden ist. Ich bin froh, dass ich es bis hier geschafft habe, auch wenn manche Wünsche unerfüllt geblieben sind ich mir so manche Wege nicht ausgesucht habe.

Und so schauen wir heute mit Ihnen auf das Jahr, in dem Sie konfirmiert worden sind.

 

1965, vor 50 Jahren, haben die Jüngsten von Ihnen Konfirmation gefeiert.

Das ist das Jahr gewesen, in dem im Frühjahr die britische Königin Elizabeth II. der Bundesrepublik Deutschland einen Besuch abstattete. Das ist nicht nur ein Medienereignis ersten Ranges gewesen, sondern auch eine große versöhnliche Geste von britischer Seite. Zwischen diesem und dem letzten Besuch eines Monarchen Großbritanniens in Deutschland lagen zwei Weltkriege.

Die BRD war 1965 erst 16 Jahre alt. Ludwig Erhard ist Bundeskanzler gewesen. Artur Fischer hat die Fischertechnik erfunden. Im März - kurz vor Ihrer Konfirmation - kommt der erste Italowestern, Sergio Leones „Für eine Handvoll Dollar“ mit Hauptdarsteller Clint Eastwood in die bundedeutschen Kinos.

Überhaupt ist 1965 ein wildes Jahr gewesen. Die Rolling Stones singen „Satisfaction“, die deutsche Hard-Rock-Band Scorpions wird gegründet aber am Tag Ihrer Konfirmation steht ein ruhiges Lied auf Platz 1 der meistverkauftesten Lieder. Es ist „Downtown“ von Petula Clark.

Vielleicht haben Sie das damals gewünscht. Ich möchte möglichst bald auch in die „Downtown“ in die Innenstadt, nicht nur in die von Markbreit oder Kitzingen, sondern weiter, nicht unbedingt New York, aber dahin, wo das Leben ist, wo es nicht so eng ist, wo man Geld verdienen, den tollen Beruf oder die große Liebe finden kann.

Auf Ihrem Konfirmationsbild machen Sie alle einen erwachsenen Eindruck. Die Mädchen mit auftoupierter Frisur und Haarreif, die Jungs mit Seitenscheitel und die meisten schon größer als Ihr damaliger Pfarrer Dr. Schröttel.

 

1964 ist das Jahr, in dem der US-Präsident Johnson, der nach dem Tod John F. Kennedys dieses Amt innehatte, das wichtigste Dokument zur Beendigung der Rassentrennung unterzeichnete. Zuvor haben im März - übrigens in New York - fast eine halbe Millionen farbiger Schüler die öffentlichen Schulen boykottiert, um damit gegen die Rassentrennung zu protestierten. In den Köpfen ist das Bewusstsein, dass die einen besser sind oder mehr Rechte haben noch lange fest verankert.

Martin Luther King erhält in diesem Jahr zu Recht den Friedensnobelpreis. Heinrich Lübke ist Bundespräsident. Drei Winnetoufilme mit Pierre Brice kommen in die Kinos: Old Shatterhand, Winnetou 2 und Unter Geiern. Deutscher Fußballmeister wird der 1.FC Köln.

Eine Woche nach Ihrer Konfirmation stehen die Beatles mit fünf Singles auf den Plätzen 1-5 der US-amerikanischen Hitparade, eine zuvor nie dagewesene Situation. In Deutschland stehen sie an Ihrem Festtag mit dem Lied „I want to hold your hand“ ebenfalls auf Platz 1.

So hat auch Gott bei Ihrer Konfirmation gesprochen. Ich möchte deine Hand halten. Ich möchte mit dir durch dein Leben gehen. Ich will dich mitziehen, wenn du aufgeben willst. Ich will dich in den Arm nehmen, wenn du Kummer hast.

So manches wird Ihnen in diesen Tagen von den Händen Gottes, die dann doch dagewesen sind, wieder in den Blick kommen.

 

Sie, liebe Diamantene Konfirmanden, blicken noch weiter zurück.

1955, vor 60 Jahren werden hier in der Kirche die Kirchenglocken noch von einer kleinen Abordnung mit Seilen angeläutet.

Und Deutschland ist mitten im Wirtschaftswunder. Das Bruttosozialprodukt steigt immer mehr. Die Autoexporte sind gut wie noch nie. Die Bundesrepublik tritt der NATO bei. Innerhalb von 10 Jahren ist aus einem besiegten Feinde ein militärischer Verbündeter geworden.

Ob Sie Gott auch als einen Verbündeten kennengelernt haben? Oder als jemanden, der weit weg ist, unerreichbar, kein Interesse für die eigenen kleinen Belange eines Jugendlichen hat, der auf dem Weg ist, erwachsen zu werden.

Ein Mitkonfirmand, der heute nicht teilnehmen kann, hat mir einen Brief geschrieben: „Vor 60 Jahren war ich Konfirmand unter Pfarrer Wagner. Er war der einzige Lehrer, der noch mit dem Rohrstock auf die Hände schlug.

 

1954, 61 Jahre zurück, war das Jahr, in dem Deutschland Weltmeister wurde. Vom „Wunder von Bern“ spricht man heute noch. Ob man auch noch vom Wunder spricht, dass Gott uns durch das Leben geführt hat, unserem Leben immer wieder eine unverhoffte Wende gegeben hat, dass wir nicht als Verlierer, sondern als Sieger vom Spielfeld des Lebens gegangen sind.

1954 war auch ein Jahr der Trennungen. Die Sowjetunion hat am 25. März die DDR für souverän erklärt. Die Bundesrepublik tritt im gleichen Jahr in das westeuropäische Bündnis ein.

Für manche war es auch damals auch ein Jahr der Trennung von Gott. Viele sagen heute noch: Ich hätte mir mehr Verständnis in der Konfirmandenzeit gewünscht, mehr Einfühlungsvermögen vom Pfarrer, mehr Einblick in meine Lebenssituation. Ich habe zu viel mitgemacht in meiner Kindheit und die Kirche konnte mir einfach nicht die Liebe vermitteln, die Geborgenheit, nach der ich mich so gesehnt habe.

Bis heute spüren wir die Auswirkungen von damals, dass es so streng gewesen ist. Und dass das Wesen Gottes - seine Freude an uns Menschen und seine Begeisterung für uns - völlig verdunkelt worden ist durch Gebote, Strafen und auch durch Schläge. Die Liebe Gottes, ist viel zu oft nicht bei denen angekommen, die sie gebraucht haben oder ist an Bedingungen geknüpft, mit menschlichen Interessen verbunden worden. Kein Wunder, dass die Antwort der Menschen, der Dank und das Lob, oft ausgeblieben sind.

 

Heute sind Sie nach all den Jahren eingeladen auf etwas noch ganz anders zurückzublicken. Auf all die Momente, an denen Gott doch dabei gewesen ist.

Wo er Kräfte gegeben hat, die mit einem Mal zugeflossen sind.

Wo uns etwas wie ein „Geistesblitz“ durch den Kopf geschossen ist und wir schnell reagieren konnten.

Wo man Situationen durchgestanden hat, von denen man erst im Nachhinein sagen konnte: Dass ich das geschafft habe, hätte ich nie gedacht.

Sie, liebe Jubilare - und wir mit Ihnen - können heute auf Vieles zurückblicken. Auf Bewahrung. Auf Trost. Auf Lebensmut, der auf einmal da war. Auf Menschen, die begleitet und getragen haben. Auf Familie. Auf Freundinnen und Freunde.

 

Und wir wollen Sie nicht nur mit all diesen frohen Erfahrungen der Vergangenheit entlassen, sondern auch mit der Zuversicht, dass auch man nicht nur mit 14 Jahren, sondern auch mit Mitte 60 und mit Mitte 70 noch im Werden ist. Unser innerer Mensch ist längst noch nicht abgeblüht. Er entwickelt sich noch. Er bringt immer neue Blüten.

Wir feiern diesen Tag auch in dem Bewusstsein, dass Gott uns immer weiter wachsen und reifen lässt.

Wie habe ich neulich gelesen.

„Wir Menschen sind doch wie Wein.
Beim Älterwerden können wir entweder zu Essig werden
oder zu großer Köstlichkeit heranreifen“

(Fange nie an aufzuhören, höre nie auf anzufangen, S.11).

Das wollen wir doch alle, dass wir zu einer „großen Köstlichkeit“ heranreifen, mit der andere gerne zusammen sind. Wollen jeden Anflug von Altersstarrsinn vertreiben. Ein weites Herz bekommen. Milde Lächeln können, wenn wir etwas nicht verstehen oder nicht mehr so recht hören können. Uns und anderen etwas gönnen. Großzügig werden. Überlegen, wer uns braucht und wem wir was geben können.

Und wenn wir es nicht mehr bis nach New York schaffen, dennoch so manches andere erreichen oder in die Wege leiten.

Und vor allem darin gewiss werden:

„Was zählt ist wirklich nur der Moment,
wenn man das Beste daraus erkennt“

(Jung bleiben an uralten Gedanken, S.6)

Dann bleiben wir dankbar und können sprechen:

„Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“
(Psalm 103,2).

Und die Möglichkeiten Gottes, die immer größer und weiter ist, als die Aussichten, die wir gerade vor uns haben, mögen uns auf unserem Weg wieder ein Stück weiterbringen. Amen

• Predigt zum Festgottesdienst der Goldenen Konfirmation.
Gehalten von Pfarrer Thomas Volk am 14. Juni 2015 in St. Nikolai, Marktbreit