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Predigt zum Altjahresabend 2016 - Psalm 121

Symbol „Kahn“ / Gedicht „Diese Nacht ist ein Fluss / Psalm 121:

Altjahresabend 2016

Liebe Gemeinde,

Diese Nacht ist ein Fluss.
Mein Bett ist ein Kahn.
Vom alten Jahr stoße ich ab.
Am neuen lege ich an.
Morgen spring ich an Land.
Dies Land, was ist’s für ein Ort?
Es ist keiner, der’s weiß.
Keiner war vor mir dort.

Von dem Lyriker Josef Guggenmoos stammt dieses Gedicht. Es spiegelt die Stimmungen und Gefühle an diesem Abend einfach gut wieder.

 

„Diese Nacht ist ein Fluss.
Mein Bett ist ein Kahn.
Vom alten Jahr stoße ich ab.
Am neuen lege ich an.“

In dieser Nacht setzen wir sozusagen von einem Kalenderjahr über ins nächste. Und bevor wir ablegen, schauen noch einmal zurück wie wenn wir mit einem Schiff von einer Insel losfahren und wissen, dass wir nicht noch einmal dorthin kommen werden. Auch das zu Ende gehende Jahr 2016 lassen wir hinter uns. Sozusagen für immer. Es kommt für uns nicht wieder. Morgen legen wir in einem neuen an.

Wir blicken zurück auf 366 Tage, die wir dort verbracht haben. Wir haben auch in diesem Jahr unsere eigene persönliche Lebensgeschichte geschrieben.

Da gab es die Momente, in denen unser Lebensschiff in ruhigen Bahnen dahingeglitten ist. Es gab die unbeschwerten Momente, die wir genießen konnten. Wir konnten von unserem Lebensboot aus die Aussicht genießen, uns freuen, zurücklehnen, dankbar sein.

Es gab die Zeiten, in denen es uns vorkam, als ob wir wie von einer schnellen Strömung getrieben werden. Wir konnten nicht bestimmen, wo wir gerne anlegen oder einfach noch bleiben wollten. Eine sichere Anlegestelle war nicht in Sicht. Die Tage und Wochen sind nur so vorbeigezogen. Ein Termin hat sich an den anderen gelegt. Eine Verpflichtung an die nächste. Eine Schulaufgabe nach der anderen. Ernte-Hochzeit. Bäume schneiden. Blätter kehren. Arztbesuche noch und noch.

Und es gab den schmerzlichen Augenblick, als wir am Ufer gestanden sind und das Lebensboot eines lieben Menschen haben davonfahren fahren sehen. Und wir mussten einfach loslassen, was wir noch gerne bei uns behalten hätten. Es gab kein Zurück. Und wir mussten ganz neu zurechtkommen. Alleine und ganz neu aufbrechen. Und immer noch kein Land in Sicht.

 

„Vom alten Jahr stoße ich ab.
Am neuen lege ich an.“

Heute Nacht steigen wir in unser Lebensschiff, setzen über in das neue Jahr 2017 und blicken dabei zurück. Was würden sie in ihr Logbuch schreiben? Ein Logbuch ist eine Art Schiffstagebuch, in das alle Ereignisse, die auf dem Schiff passieren, eingetragen werden. Gar keine schlechte Idee sich bei der Überfahrt zu überlegen: Was sind meine besonderen Momente gewesen, die mein Leben reicher gemacht haben? Welche drei Menschen sind mir in den vergangenen zwölf Monaten am wichtigsten gewesen? Welches Lied, welcher Film, welches Sportereignis hat mich am meisten berührt? Welcher Gottesdienst hat mir am meisten gegeben? Welches Bibelwort, welches Zitat, welcher Spruch hat mich am meisten aufgebaut?

Für manche gehört beim Ablegen auch das dazu: Was würde ich so gerne am Ufer des alten Jahres dort lassen? Was möchte ich im neuen nicht mehr haben? Was will ich ablegen? Welchen Ballast kann ich zurücklassen und nur mit leichtem Gepäck übersetzen?

 

Morgen spring ich an Land.
Dies Land, was ist’s für ein Ort?
Es ist keiner, der’s weiß.
Keiner war vor mir dort.

Auch wenn wir schon manche Termine in unseren Kalendern stehen haben, wissen wir nicht, wie alles werden wird. Wir kennen nicht die Unwägbarkeiten, können die Aussichten vielleicht nur für einige Tage oder eine Woche vorhersagen, aber wir haben nicht den ganzen Überblick, ahnen vielleicht, dass wir uns auf manches Unvorhergesehene einstellen müssen oder das es die eine oder andere Überraschung geben könnte.

Es ist keiner, der’s weiß.
Keiner war vor mir dort.

Ob es Gott weiß? Ob Gott schon das Jahr 2017 als fertigen Jahresrückblick geschrieben hat? Wer weiß? Ich glaube es nicht. Es ist keiner, der´s weiß.

Zu meinem Gottesbild gehört nicht, dass mein Lebenstagebuch von A bis Z fertig geschrieben ist und ich nur ein Spieler bin, der nach einem fertigen Drehbuch handelt. Bei meinem Gottesbild steht an erster Stelle etwas anderes: Dass dieser Gott an unserer Seite mit uns durch das neue Jahr geht. Was auch immer kommen mag. Auf allen Höhenflügen und in allen tiefen und dunklen Tälern. So wie er auch in diesem Jahr dagewesen ist, sich unsichtbar an unsere Seite gestellt hat, uns getröstet, aufgebaut, mitgeweint hat.

 

Der 121.Psalm macht Mut vom alten Jahr abzustoßen und am neuen anzulegen. Einige Verse daraus

1 Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?

2 Meine Hilfe kommt vom Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.

8 Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit!

 

Diese Nacht ist wirklich wie ein Fluss. Bevor wir heute Nacht oder morgen ans Land springen, machen wir hier eine Rast in dieser Kirche und bitten Gott, dass er unseren Ausgang und Eingang behüten möge, unser Ablegen und Ankommen, alles Aufbrechen und Anlegen.

Unser Ausgang möge behütet sein, dass wir dahin kommen, alle schönen Momente und Begegnungen, die unser Leben reicher gemacht haben, in unserem Gedächtnis als etwas Kostbares zu speichern.

Und unser Ausgang möge behütet sein, dass wir dieses Jahr so stehen lassen können, wie es gekommen ist. Auch mit allem, was wir uns so nicht ausgesucht haben, was sich verändert und wehgetan hat.

 

Gerade deshalb soll unser Eingang in das kommende Jahr behütet sein. Bei allen, die es kaum erwarten können und am liebsten jetzt gleich schon anlegen und losgehen möchten. Bei allen, die noch keinen rechten Plan haben. Bei allen, die spüren, dass die Wege und die Erkundungen eher weniger werden. Und bei allen, die endlich mal selbst losgehen müssten und sich nicht immer nur auf andere verlassen.

Wir alle setzen über in das neue Jahr mit dem Gott, der unseren Fuß nicht gleiten lassen wird und nicht schläft, sondern an unserer Seite ist. Damit wir alle gerne zu allen neuen Ufern aufbrechen können.

Und die Hilfe Gottes, die immer größer und umfangreicher ist, als unsere eigenen Möglichkeiten, möge uns auf unserer Überfahrt in das neue Jahr sicher geleiten. Ameen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk zum Altjahresabend 2016.
Gehalten am 31.12.2016 in Erlach und Marktbreit