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Predigt zum 2. Advent 09.12.2018

Anders als gedacht

Predigt zu Jesaja 35,3-4a, verfasst von Thomas Volk

 

Liebe Gemeinde!

Zu meinen eindrücklichsten Adventsgeschichten gehört die vom Schuster Martin, der alleine und bescheiden in einem Kellerzimmer wohnt. Wenn er durch sein Fenster blickt, sieht er nur die Füße derer, die vorbeigehen. Aber an ihren Schuhen erkennt er sie.

Einmal, es ist wenige Tage vor Weihnachten, holt er - wie er es öfters tut - seine Bibel aus dem Regal. Er liest jene Geschichte vom Zöllner Zachäus, zu dem Jesus nach Hause kommt.

Martin fragt sich, was er machen würde, wenn Jesus zu ihm zu Besuch käme. Über dieser Frage schläft er ein. Er träumt. Er träumt, dass Jesus selbst am Heiligen Abend gerade zu ihm kommen will.

Martin ist schrecklich aufgeregt. Er bringt die Wohnung auf Hochglanz, macht Feuer, stellt Suppe und Tee bereit.

Dann ist der 24. Dezember da ist. Martin wartet und wartet.

Zwar kommen während des Tages verschiedene Menschen bei ihm vorbei, zum Beispiel der Straßenfeger Stefan, der sich bei Martin aufwärmen will, oder die arme Frau mit dem Kind. Ihr gibt Martin einen warmen Mantel und Schuhe für das Kind. Und schließlich schlichtet er noch einen Streit zwischen einer Marktfrau und einem jugendlichen Dieb, der ihr aus Hunger einen Apfel gestohlen hat.

Dann wartet er weiter. Jesus aber kommt nicht. So vergeht der Tag.

Martin wartet und wartet bis spät in die Nacht - vergebens.

Tief enttäuscht geht Martin zu Bett. Im Traum spricht er: "Herr, ich habe den ganzen Tag auf dich gewartet. Aber du bist nicht gekommen.“

Da antwortete Jesus im Traum: "Ich bin doch längst da gewesen.“ Martin gehen die Augen auf. Er sieht in seiner Stube den alten Stefan, die Mutter mit ihrem Kind, die Marktfrau und den jungen Dieb. Und Martin begreift: In all diesen Menschen war Jesus ganz nah bei ihm.

(Erzählung nach Leo Tolstai)

 

Liebe Gemeinde,

wie hätten Sie auf die Ankündigung dieses besonderen Besuches reagiert?

Würden Sie - wie der Schuster Martin - die Wohnung putzen, aufräumen und gründlich überlegen, was man kochen könnte? Wenn Jesus kommt, dann was Besonderes? Oder vielleicht doch besser vegetarisch?

Würden Sie sich freuen? Würden Sie denken: „Endlich! Ich hab so lange auf diesen Moment gewartet! Und ich schreibe mir gleich auf, was ich unbedingt fragen will?“

Oder käme ihnen der Besuch gänzlich ungelegen, weil ja vielleicht schon die Tante, die immer so viel redet und jedes Gespräch an sich reißt, kommt oder weil Sie sich nach der übervollen Adventszeit endlich mal erholen und einfach keinen sehen möchten?

 

Die Frage ist angebracht, weil das heutige Schriftwort genau dieses Ereignis ankündigt. Gott kommt! Schau hin! Da ist er!

Hören Sie einen kleinen Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja, aus dem 35. Kapitel die Verse 3-4a:

"Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!

Sagt den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht!

Seht, da ist euer Gott " (Jesaja 35, 3-4a).

 

Zuversicht oder Ernüchterung?

Ich versuche mir vorzustellen, wie die Menschen ungefähr 500 Jahre vor dem ersten Weihnachten diese Botschaft gehört und wie sie sie aufgenommen haben. Gerade eben aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem zurückgekehrt, lag zu Hause vieles noch danieder, war unbewohnbar, musste wieder beschafft und aufgebaut werden.

Und dann plötzlich diese Nachricht: „Seid getrost, fürchtet euch nicht!“ Gott kommt zu dir. Ihm ist es nicht egal, wie es dir geht. Du bist ihm wichtig. Er will, dass du gut durch dein Leben kommst.

Er will deine müden Hände stärken, dass sie wieder mit anpacken und aufbauen, dass sie andere in den Arm nehmen und dass sie sich auch wieder versöhnen können!

Er will die wankenden Knie festmachen, damit sie dir in einer unbequemen Zeit Halt geben und du dich auch trotzig gegen jeden Wind stemmen kannst!

Und das verzagte Herz soll sich wieder etwas zutrauen dürfen, mutig werden und nach vorne schauen!

 

Ich würde auch zu gerne wissen, wie die Menschen damals diese Botschaft aufgenommen haben? Froh und erleichtert? Hoffnungsvoll und zuversichtlich? Oder ernüchtert und niedergeschlagen, weil alles, was als neu angekündigt wird, doch bald wieder verpufft und alles beim Alten bleibt?

Aber es gibt keine Umfragen von damals und auch keine Zeitungsberichte. Die Bibel erzählt nur, dass alles lange, sehr lange, gedauert hat. So war das damals.

 

Und wir heute können auf uns schauen und uns selbst fragen, wie bei uns diese Worte ankommen.

Was? Meine müden Hände sollen wieder stark werden, dass sie gerne arbeiten und mir das Gefühl geben, dass ich die vielen Anforderungen bewältigen kann?

Meine wankenden Knie sollen so fest werden, dass ich mich aufs Neue traue ins Leben hinauszugehen und nicht gleich wieder aus dem Gleichgewicht komme?

Und mein Herz soll wieder so getröstet werden, dass alle belastende Vergangenheit mich nicht mehr hindert, nach vorne zu sehen?

 

Advent ist nötig

Deshalb brauchen wir Jahr für Jahr den Advent, um uns immer wieder aufs Neue zu vergewissern: Gott kommt. In unsere Welt! Zu mir und dir! In meine und deine Verhältnisse! In meinen und deinen Alltag!

Dabei ist Gott schon die ganze Zeit da. Aber im Laufe eines Kalenderjahres kann einem so vieles verlorengehen. Auch die Zuversicht, dass man im Leben „von guten Mächten“ geborgen ist.

Der Advent ruft uns zu: Gott kommt! Damit du - vielleicht nach langer Zeit wieder - aufrecht gehen kannst. Damit du mit einer festen Hoffnung für Morgen leben kannst! Damit du vielleicht auch mit einer Krankheit auskommen kannst und dich nicht von ihr in die Knie zwingen lässt! Dass du damit rechnen kannst, dass noch etwas in deinem Leben kommt!

 

Zu hohe Erwartungen?

Ob das nicht zu hoch gegriffen ist?

Und ob diese große Erwartung nicht rasch in Enttäuschung umkippen kann, wie beim Schuster Martin oder wie bei vielleicht so manchen Menschen zur Zeit des Propheten Jesaja, die gedacht haben, der Wiederaufbau ginge von selbst.

Wie viele überhöhte Erwartungen mag es auch in Bezug auf Weihnachten geben. Wie viele Enttäuschungen dazu? Was oft das ganze Jahr nicht klappt, soll dann wie von Zauberhand an Weihnachten gelingen. Gute Atmosphäre. Verständnis füreinander. Ein liebevoller Umgang. Nachsicht mit den großen und kleinen Macken, die jeder von uns hat.

Auch an diesem Weihnachten wird es nicht die umfassende Erlösung geben, nicht den totalen Frieden auf Erden.

 

Da ist euer Gott - anders als gedacht

Aus der berührenden Geschichte vom Schuster Martin nehme ich aber mit, dass es gut ist, nicht allzu feste Vorstellungen zu haben wie es genau sein müsste, wenn Gott kommt.

Denn Martin hat Gott ja erst nicht erkannt, weil er ganz genaue Vorstellungen hatte. Aber Gott war doch bei ihm, wenn auch ganz anders, als von ihm erwartet.

„Seht da ist euer Gott!“ Das hat Martin erst später verstanden, als ihm deutlich geworden ist, was für besondere Begegnungen es gewesen sind: mit dem Straßenfeger Stefan, mit der armen Frau und ihrem Kind sowie der Marktfrau und dem Dieb.

Martin ist aufgegangen, dass er - als der Straßenfeger Stefan, sich bei ihm aufwärmen durfte,- dessen „müde Hände gestärkt“ hat, die manchmal keine Lust mehr hatten, den Müll anderer Menschen aufzulesen.

Als er der armen Frau einen warmen Mantel und Schuhe für das Kind gegeben hat, da hat er auch ihre „wankenden Knie“ ein Stück weit wieder fest gemacht, weil sie sie sich mit dem Leben so herumplagen musste und sich oft gefragt hat, wie es weitergehen soll.

Und als er den Streit zwischen der Marktfrau und einem jugendlichen Dieb geschlichtet hat, da hat er „verzagte Herzen“ getrötet. Das Herz der Frau, die vielleicht schon so manchen Diebstahl erleben musste und so viel Misstrauen aufgebaut hatte. Und das Herz des Jugendlichen, der in seinem bisherigen Leben vielleicht nicht die Chancen bekommen hatte, die man braucht, um mit einem richtigen Beruf ein eigenes Leben führen zu können.

 

Da ist euer Gott

„Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!"

Er ist in der Art und Weise da, wie wir als Christen miteinander umgehen, wie einladend und offen wir kirchliche Gemeinschaft leben, wie wir einander etwas gönnen und wie wir einander aufhelfen zu einem Leben, in dem Hände wieder kräftig werden, Knie fest und Herzen stark.

Er ist da! In diesem Advent! Auch wenn in diesem Jahr etwas völlig anders gekommen oder quer verlaufen ist.

Er ist da, wenn man den Blick frei bekommt und sich von Gott die Augen öffnen lässt, wie der Schuster Martin und wie der Prophet, der sagt: „Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!“ Es ist Gottes großes Anliegen, dass er einen Weg in unser Herz findet, auch durch andere Menschen.

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Erwatung im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes (nach Römer 15,13).

Amen.

 

 

Pfarrer Thomas Volk

Mail: thomas.volk@elkb.de

Twitter: @ThomasVolk12

 

Thomas Volk, geb. 1962, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern. Seit 2006 mit jeweils 50% tätig in den Kirchengemeinden Marktbreit und Ochsenfurt (Unterfranken)

 

 

Liedvorschläge:

Zu Beginn: „Gott sei Dank durch alle Welt“ (EG 12,1-4)

Vor der der Predigt: „O Heiland reiß die Himmel auf (EG 7,1-5)

Nach der Predigt: „Kündet allen in der Not“ (EG 540,1-4)

Zwischen den Fürbitten: EG 539 (Mache dich auf und werde licht)

Liedstrophe zum Ausgang: EG 1,5 (Komm, o mein Heiland Jesu Christ)