Predigtansicht

Predigt von Pfarrer Thomas Volk am Sonntag, 03.02.2019 in St. Nikolai, Marktbreit

1. Korinther 1,4-9 (IV)

 

Liebe Gemeinde!

Haben Sie schon von Greta Thunberg gehört?

Greta Thunberg ist eine 16jährige, schwedische Schülerin, die ein großes Anliegen hat und damit Europa bereist. Sie möchte das Klima retten

Über sich selbst sagt sie: „Als ich acht Jahre alt war, hat ein Lehrer uns von der Erderwärmung erzählt, und ich dachte: Wenn das wirklich passiert, dann würden wir doch über nichts anderes mehr sprechen, es müsste höchste Priorität haben! Aber niemand hat darüber geredet“ (aus: „Sie hat doch völlig recht“ - Eine Kolumne von Mely Kiyak, Zeit Online, 30.01.2019).

Seit August letzten Jahres hat sie aus aus Protest gegen ihre Regierung jeden Freitag die Schule geschwänzt. In verschiedenen Städten weltweit haben sich unter dem Namen „Fridays For Future“ Gruppen gebildet, die sich der Bewegung angeschlossen haben. In Deutschland ist das erste Mal im September 2018 in Berlin gestreikt worden und in Würzburg seit einigen Wochen auch.

Ihr Aufstand brachte sie bis zur UN-Klimakonferenz nach Katowice 2018 und zum Weltwirtschaftsforum Davos vor wenigen Wochen. Nicht etwa als Zuhörerin, sondern als Sprecherin.

Für viele Schülerinnen und Schüler ist sie ein absolutes Vorbild. Viele Erwachsene finden ihre Einstellung bewundernswert.

Und jetzt kommt das „Aber“: Greta Thunberg wird verbal angefeindet. Überall dort, wo man heute öffentlich kommentieren kann - also vor allem im Internet -wird das Mädchen angegriffen, vor allem von Menschen, deren Urteilsvermögen sehr einfach gestrickt ist.

Angeblich sei sie doch von der Schule geflogen, angeblich würde sie ihr Butterbrot auch in Plastikfolie einpacken, und vieles mehr. Jeder Kommentar für sich ist dürftig, vielleicht harmlos, aber zusammen entwickeln sie eine enorme Kraft.

Wer mitbekommt, was mit Greta geschieht, in was für einer Sprache sie angegangen wird, begreift, dass hier eine Jugendliche beschädigt werden soll und vielleicht auch wird.

 

Wer hält zu uns?

Ich gehe mal davon aus, dass wir alle solchen Anfeindungen nicht ausgesetzt sind. Aber das Schicksal von Greta Thunberg fragt mich: „Wer hält eigentlich zu uns? Wenn es einmal hart auf hart kommt? Wenn irgendwelche Gerüchte über uns entstehen würden? Wenn andere uns etwas neiden? Oder wenn wir mit unserer Meinung alleine dastehen?“

Wie viele Menschen können wir aufzählen? 20? 10? 5? 3? Oder nur eine? Vielleicht auch niemanden?

 

Gottes Gnade ist uns Menschen gewiss

Eine andere Frage an uns Christen: „Glauben wir, dass Gott zu uns hält?“

Wenn man sich alleine fühlt und niemand da ist, kann ich mich darauf verlassen, dass dann Gott bei mir ist, Verständnis für mich aufbringt und auch ein große Leidenschaft besitzt mir zuzuhören, wenn ich mit ihm rede?

Oder wenn ich manchen Mitmenschen nicht gerecht geworden bin, meinen Anforderungen nicht genügt habe, hat sich dann Gott von mir abgewendet? Vielleicht endgültig?

Der Apostel Paulus schreibt dazu den Christen in Korinth, die erst seit ein paar Jahren zum Glauben gekommen sind, diese Worte:

4 Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus,

5 dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in allem Wort und in aller Erkenntnis.

6 Denn die Predigt von Christus ist unter euch kräftig geworden,

7 sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus.

8 Der wird euch auch fest machen bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus.

9 Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

 

Das erste, was Paulus zu Beginn seines Briefes schreibt: Er dankt Gott für seine Gnade.

Gnade bedeutet eigentlich „Gunst“ oder „Wohlwollen“, vor allem, vom jemandem der ganz oben ist gegenüber einem, der viel weiter unten steht, sozial oder beruflich.

Auf unseren Glauben übertragen: Der große und ewige Gott wendet sich uns Menschen unten auf der Erde zu. Weil er ein echtes Interesse an uns Menschen und unserer Lebensgeschichte hat. Weil er möchte, dass wir nach Tiefschlägen immer wieder aufstehen können. Weil es einfach sein großes Anliegen ist, dass wir behütet durch dieses manche wunderschöne, manchmal mühevolle Leben kommen, in dem wir immer Abschiede erleben, von vorne anfangen und manchmal das Leben einfach neu sortieren müssen.

 

Gnade ist und bleibt Gnade

Für die Korinther ist diese Sicht damals in der Mitte des ersten Jahrhunderts etwas völlig Neues gewesen, weil sie von ihren griechischen Göttern nur das andere kannten: Die Götter sind oben im Himmel mit sich selbst beschäftigt und ihnen ist es herzlich egal, wie es den Menschen unten auf der Erde geht.

Der christliche Glaube sagt: Gott ist zu den Menschen hinuntergekommen. In Christus ist Gottes Gnade sichtbar und deutlich geworden. Sie begleitet uns im Leben. Und wir können uns darauf verlassen.

 

Eigentlich nicht zu fassen, aber es ist in der 2000jährigen Christentumsgeschichte immer wieder vorgekommen, dass Vertreter der großen Kirchen sich an dieser ungeheuren Gnade gestört und gesagt haben: „Gott kann doch nicht so einfach gnädig sein. Wo kommen wir denn da hin? Niemand hat doch einfach so was zu verschenken. Wir haben Gesetze und Regeln. Die muss man einhalten. So einfach ist das mit der Gnade nicht. Gnade musst du dir verdienen! Erarbeiten! Dieses und jenes machen, einhalten.“

Deshalb haben sich Menschen immer wieder auch gefragt: „Gilt die Gnade Gottes wirklich? Für mich kleines Menschenkind? Oder sind die Gesetze der Kirche höher zu bewerten?“

Das müssen manche - auch Kirchenvertreter - lernen: Gnade kann man nicht an Bedingungen knüpfen. Gnade ist Gnade. Sie ist geschenkt.

 

Christi Wort will kräftig werden

Was ich aus dem Abschnitt des Paulus an die Korinther allerdings herauslese, ist: Gnade hat Auswirkungen.

Paulus hat diese Folgen mit diesen Worten auf den Punkt gebracht „Denn die Predigt von Christus ist unter euch kräftig geworden“ (V.7).

Ich verstehe dieses „kräftig werden“ so, dass die Menschen, die sich diese Gnade gefallen lassen, auch „Kraft“ bekommen, ein Stück weit das nachzuleben, was Christus vorgelebt hat.

Das heißt zum Beispiel auch: Hasskommentare im Internet veröffentlichen, passt für Menschen, die sich Christen nennen, einfach nicht.

Und die, die von sich sagen, dass die „Predigt von Christus kräftig“ geworden ist können auch nicht bei Ausgrenzungen, Diffamierungen jeder Art mitmachen.

Um es positiv zu sagen: Wer für sich weiß, dass Gott zu ihm hält, der gibt diesen Halt auch weiter, unterstützt andere, fördert sie, bleibt sachlich und verbreitet eben keine „Fake News“.

Auch wenn wir manchmal von einzelnen Menschen enttäuscht sind oder uns ausgenutzt fühlen, können wir uns heute einfach nicht mehr zurückziehen und - vor allem dann, wenn es uns gut geht - die anderen sich abmühen lassen.

Weil der Umgang mit manchen Mitmenschen manchmal schwierig ist, weil wir manchmal das Gefühl haben, dass wir ganz alleine dastehen und weil wir uns manchmal unverstanden vorkommen, ist es doch wichtig, dass wir das wissen. Gott hält zu uns!

Der Beter des 139. Psalms hat einmal, gebetet: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir!“ (Psalm 139,5).

 

Die Treue Gottes zu uns

Paulus geht vielleicht noch einen Schritt weiter und versichert den Korinthern:

„Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn“ (V.9).

Das glauben wir: Gott hat uns seine Treue bei unserer Taufe zugesagt und uns wissen lassen: Du bist berufen, dein Leben in wachsenden Ringen zu leben. Das gilt nicht nur für Hochzeiten, sondern für all die Momente, in denen man das Gefühl hat, in einem falschen Film zu sein. Oder für die Tage, an denen man sich schlapp vorkommt und das Gefühl hat, wie festgefahren zu sein, während die Welt draußen sich weiterdreht. Es gilt für die Augenblicke, in denen man nur sieht, was alles nicht geht oder nicht klappt und für die Gespräche und Begegnungen, bei denen die eigene Meinung niemanden interessiert.

 

Gott als treuer Wegbegleiter

Gott ist uns im Leben ein treuer Wegbegleiter. Er hält uns aus. Er macht uns Mut. Er gibt uns zu verstehen, dass wir manchmal nicht so schnell aufgeben, sondern einen langen Atem bewahren sollen.

• Für die Jungen unter uns: Auch wenn man selbst niemals die Anfeindungen erleben wird, die Greta Thunberg gerade in den sozialen Netzwerken abbekommt, so heißt das nicht, dass man sich niemals nicht trauen soll, für seine Meinung einzutreten. Ich glaube, dass Gott uns viel Power gibt, unser Leben mutig zu leben.

• Alle, die in der Mitte des Leben sind, können überlegen: Wo und bei welchen Gelegenheiten sind nicht nur eigenes Können und eigenes Vermögen ausschlaggebend, sondern auch noch ganz andere Kräfte dabei gewesen.

Und wo habe nach vielen Enttäuschungen doch wieder neu Vertrauen in das Leben gefunden oder habe diese eine Aufgabe geschafft. Es ist auch Gottes Treue dabei gewesen.

• Alle, die auf viel Lebenszeit zurückblicken, können sprechen: Bis hierher, hast du, Gott, mich gebracht mit deiner Treue, Und ich werde auch alle weiteren Tage mit deiner Nähe bewältigen können.

• Und alle, die in der vergangenen Woche an einem offenen Grab gestanden sind, dürfen wissen: Gottes Treue trägt gerade dann, wenn etwas ganz anders kommt, wenn man viel zu früh Abschied nehmen musste und wenn man ins Grübeln kommt und erlebt hat, wie leicht einem doch manchmal der Boden unter den Füßen weggezogen werden kann.

 

Die Treue Gottes umsetzen

Für alle, die den Kopf gerade einigermaßen frei haben, gilt auch das andere: Für uns alle gilt auch das andere: dass wir die Treue Gottes zu uns auch umsetzen:

In unserer Familie.

In unserer Kirchengemeinde.

In unserem Ort.

In unserer kleinen Welt.

Wie hat der jüdische Holocaust-Überlebende Saul Friedländer letzte Woche im Bundestag auch uns ins Herz gesprochen: "Wir alle hoffen, dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, für Inklusion, Menschlichkeit und Freiheit, für die wahre Demokratie zu kämpfen."

Auch wenn nicht alle Probleme mit einem Mal gelöst werden und auch wenn manches zeitlebens offen bleibt, aber mit der Treue Gottes im Gepäck bekommen wir einen langen Atem und können wir immer wieder neu aufbrechen, auch in diese neue Woche.

Amen.

 

 

Thomas Volk

Mail: thomas.volk@elkb.de

Twitter: @ThomasVolk12