Predigtansicht

Philipper 3,7-14 - 9.Sonntag nach Trinitatis - 11.08.2019 - Christuskirche in Ochsenfurt

Liebe Gemeinde!

Ungefähr 100 kleine, bunte, rechteckige Kärtchen liegen auf einem großen runden Tisch. Beim diesjährigen evangelischen Kirchentag in Dortmund in einer Halle auf dem Markt der Möglichkeiten habe ich sie entdeckt. Neugierig gehe ich auf sie zu. Sie sind dicht nebeneinander in Kreisform angeordnet und haben ganz unterschiedlichen Farben: Weiß. Grün. Lila. Rot. Sogar schwarz. Auf der Vorderseite lese ich immer ein Wort: Zum Beispiel: „Akzeptanz“. „Licht“. „Nächstenliebe“. „Mut“. „Zugehörigkeit“1.

Ich werde freundlich von einer Mitarbeiterin der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland begrüßt und eingeladen, mir die Karten ruhig genauer anzuschauen. Ich nehme ein grünes Kärtchen, auf dem das Wort „Engagement“ steht, drehe es herum und entdecke, dass auf der Rückseite auf den heutigen 9. Sonntag nach Trinitatis hingewiesen wird. Mit kurzen und prägnanten Worten steht da: „Setze deine Talente ein. Dazu fordert dieser Sonntag auf!“ Dazu wird auf den Kärtchen noch auf einen Abschnitt in der Bibel hingewiesen, bei dem es sich um den Predigttext für den heutigen Tag handelt.

Mir ist klar geworden: Das Schlagwort „Engagement“ auf der Vorderseite prägt diesen Sonntag ganz besonders. Und je näher dieser heutige Sonntag gekommen ist, desto gespannter bin ich geworden, was das Wort „Engagement“ mit dem heutigen Schriftwort zu tun hat.

Ich hoffe, ich habe sie auch ein wenig neugierig gemacht und möchte deshalb mit Ihnen den heutigen Abschnitt aus dem Philipperbrief, den der Apostel Paulus geschrieben hat, aus diesem Blickwinkel betrachten.

 

7 Aber alles, was mir damals als Vorteil erschien, betrachte ich jetzt als Nachteil - und zwar im Hinblick auf Christus.

8 Ja wirklich: Ich betrachte es ausnahmslos als Nachteil. Dahinter steht die überwältigende Erkenntnis, dass Jesus Christus mein Herr ist! Verglichen mit ihm ist alles andere wertlos geworden, ja, in meinen Augen ist es nichts als Dreck! Das Einzige, was zählt, ist: Christus zu gewinnen

9 und zu ihm zu gehören. Denn ich gelte nicht als gerecht, weil ich das Gesetz befolge, sondern weil ich an Christus glaube. Das ist die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und deren Grundlage der Glaube ist.

10 Christus und die Kraft seiner Auferstehung möchte ich erfahren. An seinem Leiden möchte ich teilhaben - bis dahin, dass ich ihm im Tod gleich werde.

11 Das alles geschieht in der Hoffnung, auch zur Auferstehung vom Tod zu gelangen.

12 Ich möchte nicht behaupten, dass ich das alles schon erreicht habe oder bereits am Ziel bin. Aber ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen - weil ja auch ich von Christus Jesus ergriffen bin.

13 Brüder und Schwestern, ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: Ich vergesse, was hinter mir liegt. Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt.

14 Ich laufe auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen: die Teilhabe an der himmlischen Welt, zu der Gott uns durch Christus Jesus berufen hat.

(Übersetzung: BasisBibel)

 

Paulus hat sein bisheriges Engagement komplett über Bord geworfen

Das erste, was mir an diesem sehr persönlichen Brief aufgefallen ist: Hier hat jemand sein bisheriges Engagement komplett über Bord geworfen. „Alles, was mir damals als Vorteil erschien, betrachte ich jetzt als Nachteil“ (V.7).

„Engagement“ hat ja unter anderem auch die Bedeutung „persönlicher Einsatz“2. Wie hat sich Paulus unermüdlich eingesetzt, das Gesetz einzuhalten. Damit sind nicht nur die Lebensvorschriften im Alten Testament, vor allem in den ersten fünf Büchern Mose gemeint. Für ihn als Pharisäer gehört auch die gesamte Auslegungstradition dazu, wie sie in der Halacha aufgeschrieben ist.

Wie hat Paulus danach gestrebt, dieses Gesetz nicht nur als lästige Pflicht anzusehen, sondern mit Freude zu füllen, die Vorschriften gerne einzuhalten und sich dabei Gott auch nahe zu fühlen.

 

Das eigene Engagement überdenken

Dieser Sinneswandel macht mich nachdenklich. Er veranlasst mich, mein eigenes Engagement zu überdenken, weil er mich fragt:

Wo habe ich mich über die Maßen eingesetzt? Oft über meine Kräfte. Warum eigentlich? Vielleicht um einem Vorgesetzten zu beweisen, wie leistungsstark ich bin, wie vielseitig meine Gaben sind und was man noch alles von mir erwarten kann?

Was habe ich alles getan, um von anderen Anerkennung zu bekommen? Und was habe ich dafür in Kauf genommen? Ist mein Befinden wirklich unabhängig vom Urteil anderer oder ertappe ich mich dabei, dass es mir besser geht, wenn andere mir auf die Schulter klopfen, wenn ich viele Likes bekommen oder andere sagen, wie toll ich bin?

Oder wo habe ich mich bei allem Einsatz blindlings verrannt? Nicht nach links und nach rechts geschaut. Immer nur nach vorne. Immer höher. Immer weiter. Immer verbissener. Bis es nicht mehr ging. Und wofür?

 

Ich lese aus diesen Zeilen des Philipperbriefes nachdenklich heraus, dass es einfach wichtig ist das eigene Engagement von Zeit zu Zeit zu überdenken.

Vielleicht ist gerade der August ein guter Monat, um sich darüber im Klaren zu werden und manches anders anzugehen.

Diejenigen, die gerade aus dem Urlaub gekommen sind, haben vielleicht für sich schon einige Schlüsse gezogen, was sie künftig anders machen wollen.

Und wer gerade noch ein paar erholsame Tage vor sich hat, findet bestimmt Zeit, darüber nachzudenken, wo man die eigenen Kräfte bündeln muss oder die begrenzte Zeit, die ein Tag mit 24 Stunden hat, vielleicht neu einteilen muss.

 

Der Grund allen Engagements

Andererseits: Ohne Engagement - das nehme ich auch aus diesem Sonntag mit - geht es nicht.

Das ist auch für Paulus völlig klar. Und es hat mich sehr interessiert, was für ihn der neue Antrieb für sein Engagement ist. Es ist nicht mehr das perfekte Streben alles genau richtig zu machen, jedem einzelnen Anspruch gerecht zu werden und dabei in einen Automatismus zu verfallen.

Für ihn ist es die neue Bindung an Christus: „Das Einzige, was zählt, ist: Christus zu gewinnen und zu ihm zu gehören“ (V.8b.9a).

„Christus gewinnen“ - wie das geht? Ich verstehe Paulus so, dass es ihm wichtig ist, so in den Wirkungskreis Christi hineingenommen zu werden, dass er nicht Leiden und Tod erleben, den Christus erlitten hat, sondern mit ihm „auch zur Auferstehung vom Tod“ (V.11) gelangt.

Sein großes Anliegen war - wie für alle an Gott glaubenden Menschen der damaligen Welt - als „gerecht“ (vgl. V.9) angesehen zu werden und am Ende des Lebens vor Gottes Gericht bestehen zu können.

 

Darum geht es heute: Christus und die Kraft seiner Auferstehung erfahren

Mit diesen schwierigen Gedanken droht das Thema des heutigen Sonntags zu entgleiten und ich merke auch, dass man bei den Fragen und Gedanken, die um Tod und Auferstehung kreisen, einfach die Gegenwart leicht vergessen kann und damit die Menschen, mit denen ich zusammenkomme. Auch dringende Fragen, die zu besprechen sind und alle Arbeit, die einfach getan werden muss, können da unter gehen.

Mich interessiert aber die Frage, wie ich dennoch einen langen Atem behalten kann, wenn ich merke, dass die viele Arbeit über mich hereinbricht oder wenn ich erlebe, dass ich manches im Moment einfach nicht so schaffen kann, wie ich gerne wollte.

Deshalb deute ich die Zeile, in der Paulus schreibt, dass er „Christus und die Kraft seiner Auferstehung … erfahren“ möchte (V.10) so, dass wir heute schon, in diesem Leben, Christi Nähe und Hilfe erfahren.

 

Christus steht bei Paulus immer für Leben!

An Paulus schätze ich sehr, dass er mir die beiden Worte „Christus“ und „Leben“ untrennbar zusammengebracht hat. Er schreibt einmal im Galaterbrief: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2,20a). Und im Philipperbrief betont er außerdem: „Denn für mich bedeutet Christus das Leben.“ (Philipper 1,21).

Das sind für mich wunderschöne Umschreibungen, die mir deutlich machen, worauf sich alles Engagement gründet: Uns ist Leben verheißen. Nicht erst später einmal. Sondern schon jetzt: Ein Leben, in dem einem die Puste nicht ausgeht. Eines, in dem es immer wieder neue Wege gibt. Eines, in dem mir zu rechten Zeit die Augen geöffnet werden und ich die Reißlinie ziehen kann, wenn es nicht mehr passt. Und wenn ich mich einmal völlig verausgabt haben sollte oder wenn nichts mehr geht, dann hoffe ich, dass sich neue Lebensmöglichkeiten auftun, auch wenn sie ganz anders aussehen, als ich es mir je mal gedacht habe.

 

Christliches Leben ist ohne Engagement nicht zu haben.

Wie sich dieses Leben, aus dem wir auch alles Engagement schöpfen, zeigt? Ich stelle mir vor, dass alle Menschen, die in einer Bindung zu Christus stehen, selbst darauf kommen. Nicht nur wie man das eigene Leben, für das man selbst verantwortlich ist, bewältigt, sondern auch das Leben mit anderen.

Der Theologe Eduard Schweizer hat es einmal darauf hingewiesen, dass „das Leben eines Gerechtfertigten sich nicht in ruhiger Gelassenheit vollzieht, sondern voll angespannter Aktivität ist“3.

Mit anderen Worten: Christliches Leben ist ohne Engagement nicht zu haben.

Für die einen mag das bedeuten, sich zu fragen, wo man seine Talente wirklich einsetzen kann! Wer braucht mich, weil ich in dieser einen Sache einfach gut bin? Wem kann ich in der Woche wirklich „eine Stunde Zeit“ geben?

Es gibt so vielfältige Fragen um die Zukunft unserer Welt und unserer Gesellschaft, dass wir alle, egal wie viele Jahre wir zählen, einen Beitrag dazu leisten können, um dieser Welt ein menschenfreundliches und damit ein christusfreundliches Gesicht zu geben.

Engagement bedeutet allerdings nicht, dass jemand, der ohnehin schon viel leistet, sich auch noch gedrängt fühlt und fragt: „Was muss ich noch alles tun?“ Auch Paulus hat nicht unermüdlich gearbeitet und hat selbst darunter gelitten, dass er oft krank gewesen ist und sein Körper nicht bei allem mitgemacht hat. Als er diese Zeilen geschrieben hat, hat er noch eine ganz andere unfreiwillige Pause einlegen müssen, denn er befand sich als verfolgter Christ im Gefängnis und hatte einfach Zeit, sein Engagement zu überdenken.

Bei allem christlichen Engagement geht es nicht nur um meinen Aktivismus, sondern darum, dass ich wirklich etwas von dem, was Christus vorgelebt hat, nachlebe, beziehungsweise in meine heutige Zeit übertrage.

 

Engagement kommt nie zum Ziel

Wenn ich in meinem Computer nach „gleichbedeutenden Worten“ für Engagement klicke, dann erscheint interessanterweise an erster Stelle der Begriff „Leidenschaft“. Das wäre sicher auch im Sinn des Apostels Paulus gewesen, denn sein gesamtes Leben war wirklich leidenschaftlich. Leidenschaftlich war seine Beziehung zu Christus und dieser war auch der Grund, der ihn immer wieder angetrieben hat, seine Welt freundlicher, mitmenschlicher und auch sozialer zu gestalten.

Das gibt mir Mut für all mein Engagement, für allen Einsatz, auch für alle ehrenamtlichen Bemühungen für eine Welt, wie sie Jesus einmal für alle gedacht hat, einzutreten.

Und die Freude an Gott, die umfassender, größer und tragfähiger ist als alle gegenwärtigen Widrigkeiten, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Thomas Volk, geb. 1962, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern. Seit 2006 mit jeweils 50% tätig in den Kirchengemeinden Marktbreit und Ochsenfurt (Unterfranken)

Mail: thomas.volk@elkb.de