Predigtansicht

Apostelgeschichte 2 - Die Bewegung der Begeisterten - Pfingsten

Liebe Gemeinde!
Für was können Sie sich begeistern?
Für das wunderschöne Wetter zurzeit? Für ein Abendessen im Biergarten oder auf der eigenen Terrasse? Für ein freundliches Lächeln, das ihnen gilt?
Oder vielleicht für die Fußballeuropameisterschaft, die bald beginnt, oder für das Afrika-Festival in Würzburg? Für ein klassisches Konzert oder eine schöne Operette, ein Film von Rosamunde Pilcher mit einer wunderschönen Landschaft?

Menschen, die sich begeistern können, finde ich erfrischend, weil sie mich auch mitreißen oder weil sie mir eine ganz neue Sicht der Dinge geben.
Siehst du nicht, wie die Knospen der Rosen jeden Tag voller werden, bis sie bald aufbrechen?
Kommst du mit auf einen Sonnenuntergang oben auf die Kappel. Die Arbeit zu Hause kannst du doch ein anderes Mal erledigen?
Hast du Zeit auf eine Tasse Kaffee? Es tut dir gut, wenn du mal raus kommst und du dich nicht in deinen eigenen Gedanken einigelst.
Ich kenne Menschen, die sich für nichts mehr begeistern können.
Ich meine nicht die, die gerade einen schwere Zeit durchmachen müssen, die um einen lieben Menschen immer noch trauern und deren Gedanken noch nicht so weit sind, dass sie wahrnehmen können, wie bunt und vielfältig doch das Leben ist.
Ich meine andere. Die, die zum Beispiel in diesen Tagen ganz weit weg fahren. Aber wenn man sie fragt, wie es war, fällt ihnen sofort ein, dass das Essen nicht geschmeckt hat und das Hotel zu wünschen übrig ließ. Die sich für ein für eine fremdes Land, für ein anderes Essen, für neue Lebensgewohnheiten gar nicht begeistern können.
Oder die, deren Leben tagein tagaus - Sommer wie Winter, Frühling wie Herbst - in den gleichen Bahnen abläuft. Ohne Auf und Ab. Ohne Leidenschaft. Ohne Begeisterung.

Das Wort Begeisterung bedeutet: „beleben, mit Geist erfüllen.“ Menschen, die sich begeistern können, lassen sich ergreifen - von einem Wort, von einem Blick, von einer Begegnung, von einer Landschaft, von einer Begegnung (Anselm Grün).Wir feiern Pfingsten. Pfingsten ist das Fest derer, die neu belebt, mit neuem Geist erfüllt wurden, bei denen wieder Begeisterung aufkam.
Pfingsten, griechisch: Pentecoste, der 50te. Gemeint ist der 50.Tag nach Ostern.
Die Jüngerinnen und Jünger Jesu kamen in Jerusalem zusammen. Noch immer durcheinander und mutlos, weil es ohne ihren großen Hoffnungsträger, Jesus, ganz anders geworden ist. Und die Botschaft, dass er zu einem neuen Leben bei Gott auferweckt worden war und dass sie selbst davon etwas spüren könnten, war noch nicht zu ihnen durchgedrungen.
Zu Beginn des jüdischen Wochenfestes kamen sie wieder zusammen. Vielleicht wollten sie miteinander reden. Vielleicht auch überlegen, wie es weiter gehen sollte. Und da geschah es. Als sie so beisammen saßen und erzählten, spürten sie, wie ein neuer Geist in ihnen wach wurde. Alles, was Jesus ihnen erzählt hatte von der Gemeinschaft untereinander, erfüllte sie plötzlich wieder. Das war er, der neue Geist, den sie so nötig gebraucht hatten. „Sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist“, heißt es in der Bibel (Apostelgeschichte 2, 4).Begeisterung kam in ihr Leben hinein. Sie wurden Feuer und Flamme. Ihr Leben bekam einen neuen Schub. Angst und Zweifel waren wie weggeblasen. Sie konnten neu an das Leben rangehen. Konnten wieder hoffen und träumen. Und konnten glauben, dass Gott noch viele Möglichkeiten für sie bereit hat.

Wir feiern heute Pfingsten, weil wir etwas von diesem Schwung wünschen.
Ich war erschrocken, als ich gelesen habe, dass nur 30 Prozent der Deutschen wissen, warum man Pfingsten feiert. Pfingsten lässt sich nun mal nicht so vermarkten, wie Weihnachten und Ostern, die beiden anderen Hauptfeste.
Dabei gehört Pfingsten zu den drei großen Festen im Kirchenjahr. Es hat seinen festen Platz zwischen Weihnachten und Ostern. Doch das Kommen des Geistes ist nun mal nicht so leicht anschaulich zu machen wie das Wunder der Geburt in der Krippe; es ist unscheinbarer als die dramatischen Ereignisse von Kreuz und Auferstehung.
Aber das, was die Bibel mit dem Geist Gottes umschreibt, ist deshalb nicht weniger wichtig.
Es sagt uns: Gottes Geist bringt Begeisterung in dein Leben hinein.
Leidenschaft für all das, was noch vor dir liegt. Begeisterung für all die kleinen Zeichen und Hinweise im Alltag, die aufbauen und Mut geben. Offene Augen, den roten Faden immer wieder zu finden, der dich erinnert.
Auf der großen Papierbahn, die von der Decke des Chorraumes zum Altar hinunterreicht, ist er zu sehen, der rote Faden in unserem Leben. Manchmal verschlungen, manchmal geradlinig, und an einigen Stellen völlig verwurstelt.
Dieser rote Faden, der dir sagt: Dein Leben ist bei Gott geborgen und gut aufgehoben. Und auch, wenn du im Moment kein Land siehst, wirst du einmal sehen, dass noch nicht alles ausgeschöpft ist und dass noch so manches unausgeschöpft ist.

Pfingsten bringt Begeisterung in das Leben zurück - auch für den Glauben an Gott, der dir den nötigen Mut geben will, den du für dein Leben brauchst. Begeisterung für ein Leben mit vielen Möglichkeiten und mit täglich neuen Überraschungen und Begebenheiten und Wendungen.
Die großen Kirchen müssen das heute anerkennen, dass sie diese Begeisterung für das Leben nicht immer so vermittelt haben. In der Vergangenheit hat Kirche zu sehr den Finger auf das ganz andere gelegt. Auf das, was man nicht kann - was man verbaut, unterlassen hat - was man immer noch nicht verstanden und im eigenen Leben umgesetzt hat - worin man schuldig geworden ist.

Dies kannst du nicht und jenes wirst es niemals schaffen. Du bist nichts wert. Ohne die Gunst meiner Gnade bringst du es zu nichts bringen.
Viel zu lange hat Kirche auch Menschen klein gehalten, unmündig behandelt, von oben herab abgekanzelt. Wir müssen uns nicht wundern, wenn sich Menschen heute das nicht mehr gefallen lassen, Kirche den Rücken kehren und Begeisterung ganz woanders suchen zum Beispiel im Fußballstadion, wenn sie mit 40.000 anderen begeisternde Hymnen singen.
Die verfasste Kirche tut sich mit dem Pfingsten und seiner Begeisterung häufig immer noch schwer.

Man kann Begeisterung ja nicht verkündigen, ausrufen, einfach so anordnen. Man kann sie nicht theologisch einordnen und nicht abschließend ergründen.
Und wenn man im Gottesdienst plötzlich aufsteht und mitklatscht, weil die Band das Lied so mitreißend spielt, dann ist man leicht in der Gefahr, als völlig übergeschnappt zu gelten. Mittanzen im Gottesdienst, wo gibt es denn so was?
Der Heilige Geist Gottes ist aber kein Schreckgespenst, sondern jene geheimnisvolle Kraft, mit der Gott unser Herz berührt und bewegt.
Für mich spiegelt Begeisterung eine Erfahrung wider, die wir alle immer wieder machen. Die Erfahrung nämlich, von etwas oder jemandem zutiefst berührt oder bewegt zu sein: von einem Kuss, einer Berührung, einem Wort, einem Bild, einer Melodie, einer Erinnerung, warum nicht auch von einem Gottesdienst.

Die Bibel erzählt, dass damals, an jenem ersten Pfingstfest in Jerusalem, ungefähr 3.000 Menschen diese Erfahrung machten. Sie haben sich taufen lassen und haben damit den Gründungstag der Kirche markiert. Sie sind zur Keimzelle einer Bewegung von Begeisterten für die Sache Jesu geworden.
Auch wenn in diesem Bericht manches vielleicht überzeichnet ist, so sagt mir die biblische Pfingstgeschichte: Von Anfang gehört zur Kirche Begeisterung.
Keine solche, bei der man abhebt und alle Bodenhaftung verliert und auch nicht mehr die Menschen um einen herum wahrnimmt, - gerade die, bei denen sich aus irgendwelchen Gründen auch immer, im Moment keine Begeisterung breit macht. Die Pfingstgeschichte in der Bibel erzählt ja gerade, dass sich Menschen mit unterschiedlicher Sprache und ungleichen Gewohnheiten verstanden haben.
Für mich gehört zur Begeisterung, dass man nicht nur selbst ganz viel Hoffnung und Mut erhält, sondern es gleichzeitig auch schafft, andere in seiner Nähe froh zu machen, neu zu beleben.

Dazu diese Geschichte. Sie ist zu meiner diesjährigen Pfingstgeschichte geworden.
Sie heißt: „Mittagessen mit Gott“ (nach: Andere Zeiten - Magazin zum Kirchenjahr, Heft 2/2008, S.20):
Ein kleiner Junge wollte unbedingt Gott treffen. Er packte einige Coladosen und mehrere Schokoriegel in seinen Rucksack und machte sich auf den Weg.
Er lief eine Weile und kam in einen Park. Dort sah er eine alte Frau, die auf einer Bank saß und den Tauben zuschaute.
Der Junge setzte sich zu ihr und öffnete seinen Rucksack. Er wollte eine Cola herausholen wollte, sah er den hungrigen Blick seiner Nachbarin. Er nahm einen Schokoriegel heraus und gab ihn der Frau.
Dankbar lächelte sie ihn an – ein wundervolles Lächeln. Um dieses Lächeln noch einmal zu sehen bot ihr der Junge auch eine Cola an. Sie nahm sie und lächelte wieder - noch strahlender als zuvor. So saßen die beiden den ganzen Nachmittag im Park, aßen Schokoriegel und tranken Cola. Sie sprachen kein Wort.Als es dunkel wurde, wollte der Junge nach Hause gehen. Nach einigen Schritten hielt er inne, ging noch einmal zurück zu der Frau und umarmte sie. Sie schenkte ihm dafür ihr allerschönstes Lächeln.
Zu Hause fragte ihn seine Mutter: Was hast du denn heute so Schönes gemacht, dass du so fröhlich aussiehst?“
Der Junge antwortete: "Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen - und sie hat ein wundervolles Lächeln!"Auch die alte Frau war nach Hause gegangen, wo ihr Sohn schon auf sie wartete. Auch er fragte sie warum sie so fröhlich aussehe.
Sie antwortete: "Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen - und er ist viel jünger, als ich gedacht habe."

Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, die begeisternder ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

• Predigt am Pfingstmontag, 12. Mai 2008, gehalten von Pfr. Volk in Segnitz und  Marktbreit.