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Ostern zwischen zwei Leben - 1.Korinther 15,1-11 - Ostersonntag 27. März 2016

Liebe Gemeinde!

„Zwischen zwei Leben“, so lautet der Titel jenes Buches, das im vergangenen halben Jahr viele Menschen bewegt hat. Es stammt vom ehemaligen Außenminister Guido Westerwelle, der vorletzte Woche verstorben ist.

In diesem Buch gibt er einen ganz persönlichen Einblick in seine Zeit nach dem Frühsommer 2014. Von einem Tag auf den anderen hat sich das ganze Leben des engagierten und auch streitbaren Politikers geändert. Wenige Monate nach dem Ende seiner Amtszeit erfährt er, dass er lebensgefährlich an einer aggressiven Form von Leukämie erkrankt ist. Die Ärzte müssen rasch handeln. Sein Leben hängt am seidenen Faden, so sagen sie.

Das gesamt vergangene Jahr kämpft er weiter. Er kommt sich vor als ob er „zwischen zwei Leben“ hin- und hergeworfen ist, einem „Leben voller Hoffnung“ und dann wieder einem „Leben mit großem Bangen“.

Trotz Albträumen und Rückschlägen gibt er nicht auf. Mit bewegender Offenheit macht er anderen Menschen Mut, auch wenn er selbst nicht weiß, wie es mit ihm weitergeht, ob die Hoffnung oder die andere Seite die Oberhand behalten werden.

 

Das Osterfest heute ist genau das richtige Fest für alle, die sich „zwischen zwei Leben“ fühlen.

Menschen, die in diesen Tagen mit einer zähen Krankheit kämpfen müssen.

Menschen, die sich fragen, wann denn endlich diese schlimmen Terroranschläge vorüber sind und man auf Flughäfen oder in U-Bahnen wieder sicher ist.

Menschen, die spüren, dass ein wichtiger Lebensabschnitt zu einem Ende gekommen ist und der neue noch nicht klar erkennbar ist.

Menschen, die sich gerade ausgebrannt fühlen und leer und allen Anforderungen im Beruf oder in der Familie nicht mehr gerecht werden können.

Menschen, die nur auf das sehen, was sie nicht geschafft haben und das nicht mehr sehen, was sie wertvoll macht.

Menschen, die hin- und hergerissen sind zwischen einem Leben, das sie sich eigentlich wünschen  und einem Leben, wie es gekommen ist.

Und Menschen, deren Glaube müde geworden ist und die nicht mehr die Energie spüren, die Gott zukommen lässt, damit die Hoffnung niemals ausgeht.

 

Ostern ruft allen zu: „Christus ist auferstanden!“ Der Tod konnte ihn nicht festhalten. Er lebt. Und mit ihm leben auch wir (EG 115,1). Nicht erst später einmal. Schon jetzt.

Ostern ist der wunderbare Auftakt eines Lebens, in dem sich alle Hoffnung als umfangreicher erweist als alles Augenscheinliche, das dagegen spricht.

 

Es wäre jetzt schön, wenn man alle bangen Fragen, die manche von uns heute Morgen mitgebracht haben, einfach so wegklicken könnte. Aber auch das gehört zum Ostermorgen, dass diese Botschaft erst einmal bange Gefühle hinterlässt.

So wie bei den Frauen, die am Morgen zum Grab gehen und noch einmal ganz nahe bei dem sein wollen, der ihnen so viel bedeutet hat. Das Evangelium vom Ostersonntag erzählt, dass dieser Morgen Furcht und offene Fragen hinterlässt. Die Frauen gehen wieder weg mit dem Gefühl, dass die bangen Fragen noch größer sind. Niemandem erzählen sie davon, denn sie fürchten sich. So schreibt es der Evangelist Markus (Markus 16,8).

Ostern ist das Unfassbare, das über alle menschliche Erfahrung weit hinausgeht. Nicht das Leben mit den vielen bangen Fragen, sondern das Leben mit der großen Hoffnung soll stark werden.

 

Schon einige Christen in der Gemeinde von Korinth haben Schwierigkeiten gehabt, an die Auferstehung zu glauben. Wohl deshalb führt Paulus in seinem Brief etliche Personen auf, die davon erzählen und berichten können.

Es hat den Anschein, dass Paulus mit dieser Auflistung irgendwie nach Beweisen sucht, um die Auferstehung Jesu überzeugend zu machen. Vielleicht möchte er sich gegenüber der Gemeinde aber auch selbst die nötige Autorität verschaffen, weil er sich zuletzt auch in die lange Liste der Zeugen einreiht.

Für Paulus gehört die Auferstehung zum „Evangelium“, das er den Korinthern verkündet hat (vgl. V.1). Ostern ist der Ausgangspunkt dafür, dass es die Kirche gibt. Deshalb kommen die Christen am Sonntag im Gottesdienst zusammen. Deshalb gibt es auch Feiertage und Religionsunterricht, das Diakonische Werk und die Johanniter.

Dieser Ostermorgen hat die Welt verändert, auch wenn es immer noch das eine Leben mit all den bangen Fragen gibt.

Für alle, die „zwischen zwei Leben“ hin- und hergerissen sind, listet Paulus neben den vielen Personen auch ein bedeutendes Dokument auf. Viele sagen, dass es sich um das älteste Bekenntnis der Christenheit handelt. Schon bald nach dem ersten Ostermorgen hat man es sich weitererzählt hat. Es besteht aus vier Teilen und lautet:

Christus ist gestorben
und ist begraben worden;
und ist auferstanden am dritten Tage
und ist gesehen worden von Petrus, danach von den Zwölfen.

 

Es ist für mich wie eine Anleitung, wie es gelingen kann, dass sich das Leben mit einer festen Hoffnung so fest macht, dass die Waage nicht auf die andere Seite ausschlagen kann.

„Christus ist gestorben.“

Vielleicht kann es Ostern erst dann werden, wenn wirklich etwas gestorben, verloren, kaputt gegangen ist, etwas endgültig tot oder andauernd zerstört, oder aufgebraucht ist.

Eine große Hoffnung, die endgültig geplatzt ist.

Eine Liebe, die zu einem Ende gekommen ist.

Oder eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die nicht mehr miteinander reden können.

Der Plan, dass man es doch noch schaffen könnte.

Oder ein Mensch ist gegangen, der ganz fest zu einem gehörte.

 

Paulus schreibt weiter: „Jesus ist begraben worden.“

Vielleicht muss man erst dorthin gehen, wie die Frauen am Ostermorgen, wo vieles begraben und verschüttet ist. Ob an einen Friedhof. An die Kurve der Schnellstraße, wo jemand das Kreuz aufgestellt hat. Alleine in das Café, in dem man sich immer getroffen hat. Oder in das Zimmer, in dem immer noch alles so steht wie früher.

Man muss sich dem stellen, was viele Tränen gekostet hat und immer noch weh tut. Man muss die begrabenen Hoffnungen beweinen oder sich von dem einen Wunsch bewusst verabschieden.

 

Danach fährt Paulus fort. Und es klingt fast nüchtern, dieses erste Christusbekenntnis.

„Er ist auferstanden am dritten Tage.“ Das lässt auch noch keinen Osterjubel aufkommen. Es gibt nur Erschrecken, Furcht, Unglaube. So berichten die Evangelien vom Ostermorgen. Die Frauen, die der Botschaft von der Auferstehung begegnen, zittern, sind entsetzt, sie fliehen.

 

Dann zitiert Paulus das Vierte, das Entscheidende:

„Er wurde gesehen!“ Eigentlich müsste es anders herum heißen: Christus hat sich sehen lassen. Er ist erschienen. Zuerst dem Petrus. Dann einer weiteren langen Liste von Zeugen. Und schließlich ist der Auferstandene auch Paulus erschienen.

Es bleibt die Frage; was denn diese Menschen gesehen haben? Die Bibel hält sich da bedeckt.

Ostern liefert keine fertige Gebrauchsanweisung, wie wir alle bangen Fragen mit einem Mal vertreiben können. Ostern schickt uns, wie die Frauen am Grab, nach Hause, zurück in unsere Lebens- und Arbeitsbereiche (Matthäus 28,10)

Paulus sagt es auf seine Weise: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen“ (V.10).

Ich lese daraus. Der Wunsch Gottes, dass uns alle Hoffnung im Leben niemals ausgeht, ist größer als alle bangen Fragen.

Wenn wir nach Hause und später nach den Feiertagen wieder in unserem Alltag angekommen sind, dann dürfen wir darauf bauen, dass Gott spürbar da ist. Das Leben kann wieder leicht werden. Ich kann unter neuen Vorzeichen weitermachen und mich trotz einer Einschränkung zu neuen Ufern aufmachen. Ich kann dankbar auf einen Tag zurückblicken und gewiss sein: Selbst wo das Leben zu Ende geht, da bleibt Gott an der Seite.

Manches wird mit diesem Blick auf das Leben relativiert. So beschreibt Guido Westerwelle in seinem Buch, über was er sich früher alles aufgeregt hat. Und was er dann alles loslassen musste. Wie sich die Prioritäten im Leben vollkommen auf den Kopf gestellt haben. Mit seiner Krankheit musste er lernen, auf andere zu vertrauen. Für ihn, der immer alles unter Kontrolle haben wollte, nicht einfach. Aber er hat plötzlich die schönen Dinge vielmehr gesehen und geschätzt.

Ostern sagt uns: Du kannst das eine Leben, das mit den bangen Fragen, Gott anvertrauen, damit das andere Leben, das mit der Hoffnung, immer größer wird.

Und die Freude an Gott, die umfassender und größer und tragfähiger ist als alle gegenwärtigen Widrigkeiten, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk,
gehalten am Ostersontag 27. März 2016
in Marktbreit und Ochsenfurt