Predigtansicht

Psalm 62,8 - „Meine Zuversicht ist bei Gott! - Predigt vom 8.März 2020

„Meine Zuversicht ist bei Gott! - Psalm 62,8 - 8.März 2020:

 

Liebe Gemeinde,

sind Sie ein zuversichtlicher Mensch? Gerade in diesen Wochen?

„Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus.“ Das ist das Motto für die diesjährige Fastenzeit der evangelischen Kirche in Deutschland.

 

Was ist Zuversicht? Wie wird man zuversichtlich? Kann man sich Zuversicht aneignen? Oder ist sie angeboren oder anerzogen und spätestens ab einem gewissen Alter ist entschieden, ob wir zuversichtlich nach vorne schauen können oder nicht?

 

Zuversicht ist nicht Optimismus

Was Zuversicht ist? Zunächst einmal negativ. Zuversicht ist was anderes als Optimismus.

Ein Optimist sagt: „Alles wird wieder gut!“ „Kein Problem, das wird wieder!“ „Corona bekomme ich nicht!“

Ich bewundere alle Menschen, die so sprechen. Ich freue mich für alle, die glatt durchs Leben kommen und bei denen alle Befürchtungen abprallen.

Optimisten sind deshalb optimistisch, weil sie meinen, die Lage im Griff zu haben. Ich war noch nie krank. Das ging bisher immer alles gut.

Aber wir haben die Lage längst nicht mehr im Griff. Wir wissen gar nicht, wie es wirtschaftlich weitergeht mit Brexit oder gesundheitlich mit den Viren, die sich so rasch um die ganze Welt verbreiten und niemand weiß, ob man jetzt die Schule schließen soll oder nicht.

Und oft auch beim Blick auf das eigene Leben kann man sehen, wir nicht alles im Griff haben. Ich erlebe das Jahr für Jahr bei denen, die Abitur machen, denen die Welt offen steht und es macht vielen riesige Angst: „Ja also was soll ich denn jetzt für ein Studiengang nehmen und dann bin ich irgendwie dafür verantwortlich wenn aus mir nichts wird und meine Eltern alles fehlinvestiert haben.“

Vom Klima und Flüchtlingsströmen gar nicht zu reden - es gibt auf alle Fälle in diesen Monaten nicht viele Aussichten, in denen wir uneingeschränkt optimistisch sein können, weil so vieles unsicher ist und wir Menschen können mit Unverfügbarkeit einfach schlecht umgehen.

 

Zuversicht ist eine [realistische] Haltung.

Was uns Halt gibt, ist Zuversicht.

Zuversicht ist für mich eine Haltung, die es ermöglicht auch in Schwierigkeiten handlungsfähig zu bleiben, auch dann wenn die Aussichten nicht so rosig sind.

Mir ist kein anderes Wort als „handlungsfähig“ eingefallen. Ich umschreibe es so:

Zuversicht ist eine realistische Haltung, die sich völlig klar ist der Situation, in der man sich gerade befindet, sich trotzdem nicht niederdrücken lässt und etwas unternimmt.

Ich erlebe bei den Personen, die sich Optimisten nennen, bei der ersten richtig großen Krise ihres Lebens eine völlige Kehrtwende? Jede Lebensfreude ist mit einem Mal verschwunden, trauen sich nichts mehr zu und sehen alles ins Gegenteil verkehrt.

Die Alternative ist für mich Zuversicht. Zuversicht ist eine Kunst, die ganzen Schwierigkeiten klar zu sehen und trotzdem auch die Spielräume, die sich auftun. Ich kann mit anderen reden. Mir eine Auszeit nehmen. Mein Leben neu sortieren. Ausschau halten nach neuen Möglichkeiten.

Das ist für mich Zuversicht in starker Abbremsung für Optimismus.

 

Zuversicht in einer Zeit, in der vieles nicht berechenbar ist

„Handlungsfähig bleiben“ ist für mich deshalb so wichtig, weil wir doch in einer Welt leben, die niemand mehr im Griff hat.

Das muss man sich mal vorstellen: Wir leben in einem System, dass sich nur durch Steigerung erhält. Wir sind gezwungen, ständig zu wachsen und zu beschleunigen. Tun wir das nicht, dann ist alles in Gefahr: Die Renten, Arbeitssysteme, Gesundheitssystem, Bildungssysteme, und und und.

Wenn wir nichts zulegen können wir das Gegebene nicht erhalten. Wir müssen wachsen, sonst gefährden wir Arbeitsplätze und Erfolg.

Und viele, die bislang gute Gründe hatten optimistisch zu sein, bekommen zunehmend Angst, weil sie – wie wir alle - mit ungewissen Aussichten und mit unsicherer Zukunft einfach schlecht umgehen können.

 

Quellen der Zuversicht

Wir wird man zuversichtlich? Aus welchen Quellen können wir schöpfen, damit wir zuversichtlich sind.

Es gibt viele Quellen. Humor. Begeisterung. Für Christen ist eine wichtige Quelle auch der Glaube.

Nicht in dem Sinn: So, jetzt beten wir alle einmal, und alle Wirtschaftssysteme der Welt ändern sich von jetzt auf gleich oder ich sehe alles wieder rosig.

Auch nicht: Wir vertrauen einfach darauf, dass - wenn gar nichts mehr geht, wenn alle Politiker versagt haben,- dann Gott als Notnagel irgendwie doch noch auf den Plan tritt und alles richtet.

Da können wir vergeblich warten. Und wer so christlichen Glauben versteht, hat ihn überhaupt nicht begriffen. Auch wenn es in der Bibel Stellen gibt, in den die Rede ist, dass Gott scheinbar auf Knopfdruck Unglücke wenden und Menschen auf sicheren Boden stellen kann – so sind das vereinzelte Glaubensaussagen, die man nicht verallgemeinern kann.

Wir leben uns eigenes Leben. Und Zuversicht bekommen wir in dem Sinn, wie es der Beter des 62.Psalm einmal so umschrieben hat: „Meine Zuversicht ist bei Gott.“

Und weiter:

Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre,

der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott.

Gott ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz,

dass ich nicht wanken werde.

So hat mal jemand gebet, der mit der Welt fertig war. Der keine Perspektive gesehen ist. Der nicht mehr wusste, wie es weitergeht. Der sich verkrochen hat. Im Tempel. Zu Hause. Oder irgendwo draußen. Der Zuflucht gesucht hat. Denn das, was heute mit Zuversicht übersetzt ist, meinte ursprünglich Zuflucht. So heißt es in den alten Übersetzungen.

Und dann hat er in einer Begegnung mit seinem Gott auch gemerkt, dass er sich nicht mehr länger einfach nur verkriechen kann, sondern dass es Zeit ist, aufzustehen und hinauszugehen. In die Welt, die manchmal aus den Fugen gerät. In die Zukunft, in der manches ungewiss ist. Um wieder handlungsfähig zu werden. Aktiv werden. Nicht nur jammern, sondern tun. Im Rahmen der Möglichkeiten. Auch wenn die Möglichkeiten klein sind.

„Handlungsfähig“ meinte schon Martin Luther mit seinem Beispiel vom Pflanzen des Apfelbaumes, das er dann noch tun würde, wenn morgen die Welt unterginge. Das ist noch einmal was anderes, als das Horten von Lebensmitteln zu Hause.

Wenn jetzt aus Krankenhäusern das Desinfektionsmittel geklaut wird und sich Leute im Supermarkt um das letzte Paket Toilettenpapier streiten, möchte ich diese Gesellschaft in einem tatsächlichen „Ernstfall“ nicht erleben.

 

Wie man zuversichtlich wird?

Ich bin der Meinung, dass man zuversichtlich werden kann, wenn man sich zwischen den beiden Polen hin und her bewegt.

Der eine Pol ist Gott. Meine Zuflucht. Mit dem ich reden kann. Ihm anvertrauen darf, was mir zu schaffen macht. Ihm meine Ängste und Sorgen über eine ungewisse Zukunft eingestehen darf, in der so vieles unberechenbar völlig ungewiss ist.

Der andere Pol ist die Welt. Zu ihr schickt Gott mich hinaus. In den Alltag. In die Zustände, die da sind und die ich nicht ändern kann. In die Verhältnisse dieser Welt mit Flüchtlingsströmen und drohendem Klimakollaps. In eine in vielem ungewisse Zukunft.

 

Zuversicht und Sehen

In unserem Wort Zuversicht ist das Wort „Sicht“ und damit „Sehen“.

Gott lässt mich etwas sehen - etwas, das die negativen Schlagzeilen der Nachrichten nicht erfassen. Ich sehe meine Handlungsspielräume. Mit wem ich reden oder mich wenden kann. Was zu erledigen ist. Was ich für meine Nachkommen aufschreiben möchte. Was ich anders haben will.

Ich verstehe den christlichen Glauben so, dass er Mut macht, sich aufzumachen, aktiv zu werden. Auch wenn die Spielräume klein sind oder kleiner werden und ich das Gefühl habe - ich kann an der gesamten Weltlage oder auch an meiner Situation gar nichts ändern. Aber es geht darum, dass ich doch zumindest nicht untätig bin und bleibe, sondern etwas tue. Mit Zuversicht. Auch und gerade dann, wenn ich nicht alles im Griff habe oder wenn mir nicht alles verfügbar ist.

 

Mein Satz der Zuversicht

Haben Sie einen Satz der Zuverischt?

Es gibt eine Mitmachaktion von „Sieben-Wochen-Ohne“. Auf der Homepage kann man eigen Sätze der Zuversicht dazuschreiben. Und man kann natürlich Sätze lesen, die anderen Zuversicht geben.

 

Zum Beispiel:

Egal, ob ich etwas falsch mache, ich gehe meinen Weg.

Michél 12, Berlin

Weil ich so bin, wie ich bin, und nicht, wie es einer bestimmt.

 

oder:

Jeder Mensch, auch der Geringste, ist so in Gottes Hand, als wäre er seine einzige Sorge.

Hedi Eichelmann, 72 Jahre, Würselen

Diesen Satz hat vor vielen Jahren eine krebskranke, ca. 50- jährige Mutter von zwei Kindern gesagt. Ich bin ihr sehr dankbar, denn ihre Worte haben mir in schweren Stunden immer wieder Kraft und Zuversicht geschenkt!

 

Das ist Gottes großer Wunsch an uns: Alle Zuversicht möge uns nicht ausgehen. Und wir dürfen bei ihm immer wieder aufs Neue erfahren, wie er unsere Zuflucht ist und uns gleichzeitig immer wieder hinausschickt in unsere Welt und uns eine neue Sichtweise schenkt.

Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre,

der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott.

Gott ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz,

dass ich nicht wanken werde.

Amen.

 

Pfarrer Thomas Volk

Pfarrgasse 12

97340 Marktbreit

 

Mail: thomas.volk@elkb.de

Twitter: @ThomasVolk12