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Psalm 31,16a - Meine Zeit steht in deinen Händen - Silberne Konfirmation

„Wie doch die Zeit vergangen ist!“ So haben Sie gestern Abend im Winzerkeller immer wieder bestätigt, als sie sich unterhalten und von früher erzählt haben oder im Schnelldurchlauf einander erzählt haben, was sich in all den Jahren ergeben und gefügt hat. Und manche Ereignisse, von denen Sie sich erzählt haben, sind Ihnen vorgekommen, als wären sie erst gestern oder vorige Woche geschehen.

„Wo sind nur all die Jahre geblieben?“ So fragt und denkt man gerade bei einer Goldenen und auch Diamantenen Konfirmation, wo einem noch einmal ganz besonders deutlich wird, wie schnell doch die Zeit vergangen ist und wie im Flug die Jahre verstrichen sind

Wir feiern heute Jubelkonfirmation und denken dabei noch einmal ganz anders über die Zeit nach. Nicht nur, wie rasch und wie schnell vieles vorübergezogen ist - auch nicht, was man alles verpasst und versäumt hat - sondern auch wie gefüllt diese Zeit gewesen ist: Mit wertvollen Erinnerungen - mit freudigen Fügungen - mit unverhofften, guten Wendungen - und mit immer neuen Aussichten, die mit einem Mal dagewesen sind.

Sie, liebe Goldenen und Diamantenen Konfirmanden, sind heute eingeladen, neben allem, was die Jahre gebracht und ergeben haben, auch dieses Eine dazuzutun: „Meine Zeit ist auch in Gottes Hand gewesen. Und dafür bin ich dankbar. Gerade heute Morgen. Hier in dieser Kirche, von der so viele Wege ausgegangen sind.

Der Beter des 31. Psalms hat einmal so gesprochen: „Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“

So hat er gesagt, als er sich einmal die Zeit genommen hat, um auf das bisherige Leben zurückzublicken. Auf alles, was passiert ist. Auf alles, was unwiderruflich vorbei ist. Und auf alles, was man nicht mehr ändern kann. Und bei allem, was geschehen ist, kommt er zu dieser Aussage: „Meine Zeit ist in deinen Händen gewesen! Auch wenn ich mir nicht alles ausgesucht habe. Auch wenn ich auf manches genauso gut hätte verzichten können. Und auch wenn ich manches nicht gleich verstanden habe. Aber ich habe dich, treuer Gott, immer wieder an meiner Seite gewusst. Manchmal habe ich erst später, in Nachhinein, gemerkt, welche Kräfte mir auf einmal zugewachsen sind und wie ich dann doch durch diese Sache gut durchgekommen bin. Und als ich einmal aufgeben und alles wegwerfen wollte, da habe ich gespürt, wie auf einmal die Zuversicht dagewesen ist, es noch einmal zu probieren. Und gar nicht zu reden davon, wie ich immer wieder neu den Mut bekommen habe, mich durchzukämpfen und durchzubeißen.

Und wir alle, die wir heute mitfeiern, sind ebenfalls eingeladen und uns zu erinnern, wann und wo unsere Zeit besonders in Gottes Händen gewesen ist. Vielleicht dann, als uns aufgegangen ist, dass wir doch nicht alleine durch das dunkle Tal gegangen sind. Oder als wir uns gefragt haben, wie wir diese arge Zeit überhaupt ausgehalten haben.

Ob Ihnen, liebe Jubilare, das schon damals bewusst gewesen ist. Dass man auf Gott wirklich hoffen kann? Und dass er ein großes Interesse hat, an unserer Seite, mit uns gemeinsam, durchs Leben zu gehen, gerade dann, wenn manche Wege mühsam und beschwerlich sind. Und es ist Gottes großer Wunsch, dass bei uns diese Erfahrung wächst und reift: Unsere Zeit ist wirklich bei Gott geborgen und gut aufgehoben.

Und so schauen wir heute mit Ihnen zurück auf Ihre Konfirmationen damals in den Jahren 1961, 1960 und 1951 und 1950. Auf das, was Sie damals gehofft haben und was damals noch gar nicht so recht in ihrem Blickfeld gewesen ist.

Prägend für das Jahr 1961 ist der Bau der Berliner Mauer am 13.August gewesen, die die deutsche Teilung damals endgültig festgelegt hat. Ob Sie damals schon geahnt haben, dass es auch in Ihrem Leben Mauern geben könnte, die trennen, die Ihnen klar machen, dass man auf diesem Weg nicht weiterkommt, und dass man immer nur diese eine Seite sehen kann.

Der russische Astronaut JUri Gagarin im Raumschiff Wostok wurde in diesem Jahr zum ersten Menschen im Weltraum. Welch ungeahnte Möglichkeiten hat man damit verbunden: Immer höher! Immer weiter! Immer schneller! Vielleicht haben Sie damals auch geträumt, hoch hinauszuwollen. Nicht unbedingt bis zum Mond, aber bis an die Spitze eines Unternehmens vielleicht.

Vor 50 Jahren ist übrigens auch das erste Atomkraftwerk Deutschlands in Betrieb genommen worden. Es steht in Kahl am  Main (Bayern). Nach drei Jahren Bauzeit liefert es 1961 erstmals Atomstrom. Vielleicht konnten Sie damals auch noch nicht abschätzen, welche Gefahren und welche Risiken das Abenteuer Leben mit sich bringt.

Und Konfirmation wurde nicht hier in St. Nikolai gefeiert. Sie war eine Baustelle. Sie wurde umfassend renoviert. Damals wollte man alles Alte Barocke wegschaffen, herauswerfen. Sie haben Ihre Konfirmation im Gemeindehaus gefeiert.

Auf Platz Eins der Hitparade war Bill Ramsey mit seinem Lied „Pigalle“ (insgesamt 3 Wochen vom 1. April 1961 - 21. April 1961). „Sie kennen den Refrain. „Pigalle, Pigalle, das ist die größte Mausefalle, mitten in Paris.“

In was für Mausefallen sind Sie hineingetappt? Wo haben Sie sich überall verrannt? Haben gedacht, nur so müsste es gehen und nicht anders. Waren überzeugt, dass dieser eine Tipp der Volltreffer ist und dass man Ihnen den roten Teppich ausrollen wird. Und dann haben andere den großen Gewinn gemacht oder standen im Rampenlicht oder wurden mehr belobigt.

Am 17. August 1960 war der erste Auftritt der „Beatles“, im Musikclub Indra an der Großen Freiheit im Hamburger Viertel St. Pauli. Und am 19. September steht der Sänger Chubby Checker mit dem Lied „Lets twist again“an der Spitze der „Billboard Hot 100“. Mit ihm wird dieser Tanz in aller Welt populär. Eine neue Musik geht um die Welt.

Haben Sie Gott auch ganz neu erlebt? Nicht mehr als einen, der genau hinsieht, prüft und sich dann seine Konsequenzen vorbehält. Sondern als jemanden, der einem viel Schwung und damit viel Mut für das Leben mitgeben möchte.

Goldene Konfirmation feiern heißt auch, das Gottesbild ein wenig zurechtrücken können. Es ist viel falsch gemacht worden mit dem Bild des strengen Gottes, verbunden mit einem strengen Pfarrer im Konfirmandenunterricht, dem auch schon mal die Hand ausgerutscht ist, wenn man nicht spurt. Oder mit Mitarbeitenden in der Kirche, die die Freundlichkeit Gottes nicht immer so abgebildet haben, wie es nötig gewesen wäre.

Unsere gerade Konfirmierten wissen das - dass Gott nicht jemand ist, der genau hinsiehst, aufrechnet und bei der passenden Gelegenheit die Rechnung präsentiert. Und heute gibt es im Konfirmandenkurs auch keine Noten.

Ich weiß nicht, ob Sie das überhaupt wissen - Sie haben damals auch Noten und Eintragungen bekommen. Hier stehen Sie drin (Kirchenbuch zeigen). In diesem Buch kann man sie bis heute nachlesen. Und wenn Sie wollen, sage ich Ihnen Ihre Noten nach dem Mittagessen im „Betragen“, im „Fleiß“, und in „Kenntnissen“ über den christlichen Glauben.

Da steht es genau: „Gut hast du dich betragen. Fleißig bist du gewesen. In Kenntnissen über den christlichen Glauben nur eine Vier gehabt.“

Ob es darauf angekommen ist? Und ob diese Noten auch etwas aussagen über das, worauf es doch eigentlich ankommen sollte: dass man sich im Leben auf Gott auch wirklich verlassen kann - dass man auf ihn hoffen darf, vor allem dann, wenn man sich verrannt hat und alles andere als Schadenfreude gebrauchen kann.

Ihr, die Ihr gerade konfirmiert seid, wisst es, dass Gott jemand ist, bei dem man alles erhoffen kann, bei dem man alle Rückendeckung der Welt erhalten kann und der einem allen Mut mitgeben möchte, den man braucht, um sich unter immer wieder neuen Bedingungen zurechtzufinden.

Und dass Kirche wichtig ist, um eine tragfähige Gemeinschaft bilden zu können, die auffängt, wenn jemand alleine ist.

Und Sie, Liebe Diamantene Konfirmanden, die in Ihrer Kindheit erleben mussten, wie viele Hoffnungen bereits ausgeträumt sind, bevor man zu fantasieren angefangen hat, sind heute eingeladen, noch einmal ganz neu über Gott nachzudenken und von ihm zu wissen: Ich darf von ihm alles erhoffen. Nicht, dass das Rad der Zeit und der eigenen Geschichte zurückgedreht werden kann. Sondern dass man mit Gottes Hilfe, alles, was gewesen ist, so stehen lassen kann und auch bei dem, was noch kommt, wissen darf: Meine Zeit steht in Gottes Hand.

Ich weiß nicht, mit welchen Erwartungen Sie alle heute Morgen hierhergekommen sind, aber auf alle Fälle möge Sie dieser Tag auch darin bestärken, dass alle weitere Zeitebenfalls in Gottes Hand sein wird.

Niemand weiß, was sein wird, wie unsere Gesundheit mitspielen wird, und welche Träume wir uns noch erfüllen können. Aber das Wissen: „Ich bin geborgen“, wird Ihnen mit dem Segen heute neu bekräftigt. Dieser Segen möge Sie bestärken, alle kommende Zeit ebenfalls eine erfüllte Zeit zu erleben.

Goldene und Diamantene Konfirmation feiern heißt auch zu fragen: Was steht noch an? Wo brauche ich noch mehr Zeit? Wo muss ich noch mehr ein hoffender Mensch werden? Oder gelassener werden? Weiser? Auf alle Fälle jeglichen Anflug von Altersstarsinn gleich vertreiben.

Und auch das andere mitbedenken: Wem kann ich noch Hoffnung geben? Wer braucht mich? Wo vielleicht noch ein Ehrenamt beginnen, wo die Kinder gut alleine zurechtkommen?

Egal. wie lange unsere Konfirmation her ist. Ob acht Wochen oder 8 Jahre oder 50 oder 60 Jahre. Möge die Zusage Gottes, Schutz und Schirm in allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten zu sein, uns alle Tage gewiss machen: All unsere Zeit ist bei Gott geborgen und gut aufgehoben. Amen.

Predigt zur Feier der Goldenen und Diamantenen Konfirmation am 03.07. 2011, gehalten von Pfarrer Thomas in St.Nikolai, Marktbreit