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Matthäus 5,1-10 - Gedenktag der Reformation

Liebe Gemeinde,
wer von Ihnen in der vergangenen Woche den Film „Die Päpstin“ im Kino gesehen hat, bekam einen eindrücklichen Einblick in die Welt des frühen Mittelalters. Man weiß nicht genau, ob es diese ungewöhnlich gelehrte Frau wirklich gegeben hat, die es angeblich im Jahr 850, als Mann verkleidet, unter dem Namen Johannes Anglicus sogar bis zum höchsten Amt der Kirche, zum Papst, gebracht haben soll.
Man weiß aber, wie die meisten Menschen in dieser Zeit gelebt haben und der Film spiegelt es eindrücklich wieder. Was es für eine große Herausforderung war, auch nur durch einen gewöhnlichen Winter zu kommen. Wie eine einzige Erkältung schon tödlich sein konnte. Wie wenig angesehen das Leben einer Frau war, so dass es völlig unnötig erschien, lesen und schreiben zu lernen - von eigenständigem Denken ganz zu schweigen. Und wie klein man sich gegenüber Gott vorkam. Für die Menschen erschien er wie ein strenger Anwalt, dessen Gebote man strengstens einhalten musste, weil sonst die Strafe auf den Fuß folgen würde.

Über 650 Jahre sind vergangen, als Martin Luther neu entdeckte: Gott möchte denMenschen gar nicht klein halten. Er will ihn groß machen. Der Mensch kann aufrecht vor Gott kommen, weil Gottes Gerechtigkeit eine ganz andere Gerechtigkeit ist als die, die man im Mittelalter annahm: Gottes Gerechtigkeit ist nicht eine solche, mit der er sein Recht bis ins Hundertste und Tausende einfordert. Es ist eine Gerechtigkeit, die aus der Liebe und der Gnade kommt.
So wie Eltern, die es bei ihrer Erziehung lange mit großer Strenge und Strafen probiert hatten und einsehen mussten, dass sie damit immer weniger erreichten, - und die es nun noch einmal ganz neu mit Liebe und Zuwendung versuchen. Deshalb hat Gott mit seiner Liebe und seiner Gnade eine neue Gerechtigkeit geschaffen, eine Gerechtigkeit, die uns vor ihm gerecht macht - nicht durch all das Gute, was wir meinen getan zu haben, sondern alleine durch den Glauben an Jesus, den Christus. Weil er gut war, lässt es Gott gut sein.
Es geht bei der Rechtfertigung im Kern um die Frage nach dem Wert eines Menschen, vor allem dann, wenn man sich ständig abmüht und dabei spürt, dass man einfach auf keinen grünen Zweig kommt. Wer sich klein und hilflos vorkommt, weiß nicht mehr, wie wertvoll er ist.

Damals: Was habe ich für einen Wert, wenn ich spüre, dass ich die Gebote Gottes und seine Forderungen nicht erfüllen kann - zumindest dann nicht, wenn ich es ernst meine und mich nicht damit zufrieden gebe, meinen Wert vor Gott mit Kauf eines Ablassbriefes, zu steigern.
Heute: Was habe ich für einen Wert, wenn ich nicht mehr in der Lage bin, etwas zu leisten - weil meine Gesundheit einfach nicht mehr so mit macht oder weil niemand mehr meine Arbeitskraft möchte.
Wie es den ehemaligen Quelle-Mitarbeitern wohl geht, die ab heute keine Arbeit mehr haben. „Was haben wir, die einfachen Arbeiter und Mitarbeiterinnen, bloß falsch gemacht“, fragen sie zu Recht. Viele der Entlassenen hadern sehr mit der Plötzlichkeit des Untergangs und auch wie würdelos alles abgewickelt wurde. Einige haben vorgestern erst am Vormittag erfahren, dass es am Nachmittag für sie vorbei ist.
Nicht nur das Aus von Quelle macht deutlich: Wer keine Leistung mehr bringt, hat in dieser Gesellschaft auch keinen Platz.

Was keinen Gewinn abwirft, wird abgestoßen. Was Kirche tun kann, wenn sie den vielen Arbeitslosen keine neue Stelle verschaffen und auch nicht bewirken kann, dass die Großen und Reichen mehr abgeben?
Auch wir in Marktbreit können heute Morgen nicht die Lage auf dem Arbeitsmarkt ändern, aber wir dürfen mit nach Hause nehmen: Wir sind wertvolle Menschen, ob wir einer bezahlten Arbeit nachgehen oder nicht. Niemand von uns muss sich bedecken, auch wenn wir immer wieder hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben. Und auch wenn uns die anderen Menschen nicht immer unbedingt spüren lassen, dass wir hochgeschätzt sind, so dürfen wir wissen. Wir sind es aber Gott.
Wir liegen Gott am Herzen. So sagt es auch das Schriftwort für den diesjährigen Gedenktag der Reformation. Hören Sie selbst. Ich lese aus dem Evangelium des Matthäus, aus dem 5. Kapitel, die Verse 1-10:
Als Jesus das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich;
und seine Jünger traten zu ihm.
Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
"Selig sind, die da geistlich arm sind;
denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen;
denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen;
denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit;
denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen;
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind;
denn sie werden Gott schauen.
Selig sind die Friedfertigen;
denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden;
denn ihrer ist das Himmelreich.

Als Seligpreisungen sind diese Worte in die Geschichte eingegangen. Sie beginnen nicht mit einem Katalog von Geboten und Verboten wie „Du sollst“ - „Du darfst nicht“, sondern mit Zusagen und Verheißungen: „Ihr dürft euch glücklich schätzen“ - „Freuen dürft ihr euch.“
„Seligpreisungen“ sind eigentlich ein missverständlicher Name, denn sie weisen nicht auf eine Zeit nach unserem Leben hin, sondern wünschen Glück und Heil schon hier und jetzt, in diesem Leben, in dieser Welt. Glück und Heil für alle,
• die ständig Anlass haben zu fragen, was sie überhaupt wert sind;
• die immer hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, weil sie niemanden haben, der sie fördert;
• die spüren, dass sie nichts bewirken können, und stattdessen ohnmächtig zusehen müssen, wie Dinge ganz anders ihren Lauf nehmen;
• die sich mit dem Leben, wie es gerade ist, nicht abfinden wollen, sondern sich nach einem Leben sehnen, das mehr ist als das Leben, das sie gerade führen;
• die von der großen Theologie keine Ahnung haben, aber nach Gott fragen und darin Gewissheit haben möchten, dass er auf ihrer Seite steht.

Diese Seligpreisungen hat Jesus einmal wirklich zu Menschen gesprochen, die sich wertlos vorgekommen sind:
• die Armen, die nichts einzubringen haben;
• die Leidtragenden, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen;
• die Demütigen, die von den Starken an die Wand gedrückt werden;
• die nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, und erleben müssen, dass Macht vor Recht geht und dass Geld die Welt regiert;
• die Barmherzigen, die häufig erfahren, dass Undank der Welt Lohn ist;
• die, die reinen Herzens sind und deshalb immerzu übers Ohr gehauen werden;
• die Friedensstifter, die helfen wollen und dabei zwischen die Fronten geraten;
• die, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, die sich fragen, ob aller Einsatz nicht vergeblich ist (Heinz Zahrnt).

Für diese alle ergreift Jesus im Namen Gottes Partei. Jesus macht damit deutlich: All sie sind für Gott wertvoll, ohne irgendeine Bedingung oder Vorleistung von ihrer Seite, einfach aus Liebe und Erbarmen - weil sie arm sind, weil sie möchten und nicht können, weil sie „wunderbar gemacht“ (Psalm 139,14) sind.
• Den Armen wird das Reich Gottes verheißen;
• die Leidtragenden sollen getröstet werden;
• die Sanftmütigen sollen das Erdreich besitzen;
• die nach Gerechtigkeit hungern, sollen satt werden;
• die Barmherzigen sollen Barmherzigkeit empfangen;
• die reinen Herzens sind, sollen Gott schauen;
• die Friedensstifter sollen Gottes Söhne heißen;
• die Verfolgten sollen belohnt werden.
So verschieden die einzelnen Zusagen auch sind, so meinen sie doch alle dasselbe:
Du bist in Gottes Augen ein wertvoller Mensch. Du brauchst dich vor ihm nicht klein und unbedeutend vorzukommen, nur weil du meinst, dass dir mehr misslingt, als was du in die Wege geleitet und erreicht hast. Martin Luther hat übrigens einige Male über die Seligpreisungen gepredigt und einmal gesagt, dass sie nicht nur vom Trost reden, sondern Menschen auch wirklich
trösten. Denn sie machen auf ihre Weise deutlich: Gott steht auf meiner Seite. Ich bin es ihm wert. Das gilt in Jesu Namen.
Wichtig, dass uns dieser Wert bewusst ist, weil zu einem Reformationsgedenktag auch ein Zweites dazugehört. Es steht nicht eigens in den Seligpreisungen. Deshalb haben Kritiker Martin Luthers immer wieder darauf ihren Finger gelegt und hinterfragt. „Wenn es nur um die Rechtfertigung des Einzelnen vor Gott geht, wo bleibt denn da das Handeln, die Ethik, die Aufforderung zum Tun?“
Die Seligpreisungen Jesu, wie auch Martin Luthers Lehre fünfzehnhundert Jahre später, gehen selbstverständlich davon aus:

Das Bewusstsein, in den Augen Gottes ein wertvoller Mensch zu sein, verändert mich auch in meinem Tun. Weil ich mich erhaben wissen darf, liegt mir viel daran, auch anderen einen aufrechten Gang zu ermöglichen. Eigentlich ist es selbstverständlich, dass ich, der ich weiß, ein wertvoller Mensch zu sein, auch anderen zur ihrer Würde verhelfe.
Gottes Vorliebe für mich, seine Faible für mein Wesen, seine Sympathie für meine Art macht mich zugleich zu seinem Sympathisanten, Anhänger, Bündnisgenossen.
Es ist Gottes großer Wunsch, dass ich, der ich unter manchen Verhältnissen leide, dahin komme, dass ich mich mit der Welt, wie sie ist, nicht länger abfinde, sondern anfange, sie zu verändern und zu verbessern, allen Widernissen zum Trotz.
Das wäre ein großer Ertrag des Gedenktags der Reformation, wenn ich mich trotzig aufmache und mich nicht zufrieden gebe mit den Verhältnissen wie sie sind, nicht mit den hohen Arbeitslosenzahlen, nicht mit den vielen jungen Menschen ohne Perspektive, nicht mit den zahlreichen Menschen, die nichts mehr erwarten von ihrem Leben.
Es wäre eine große Beute dieses Tages, wenn wir, die wir in Gottes Augen Gott wertvoll sind, mithelfen, dass Selbstachtung wachsen kann und dass Menschen gerne sie selbst sind.

Und der Trost Gottes, der weiter blickt und tiefer schaut als alles menschliche Sehen, er gebe uns die Geborgenheit, die wir gerade brauchen. Amen.

• Predigt zum Reformationstag, 01.11.2009, gehalten von Pfarrer Volk in St. Nikolai, Marktbreit