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Matthäus 3,13-17 - 1.Sonntag nach Epiphanias

Mitten im Alltag öffnet sich der Himmel
Matthäus 3,13-17 - 1.Sonntag nach Epiphanias - 10.Januar 2020 - Marktbreit:

Liebe Gemeinde, spätestens morgen hat uns der Alltag wieder völlig eingeholt, wenn Kindertagesstätten und Schulen geschlossen bleiben, wenn Familien den Alltag mit Beruf und Kindern organisieren müssen und wenn in vielen Kleinigkeiten immer wieder der Plan B oder gar Plan C gesucht werden muss.

Und dazu haben wir alle noch die schlimmen Bilder aus Washington im Kopf, als ein wütender Mob, angestachelt vom Präsidenten, in das Kapitol, das Herz der amerikanischen Demokratie, eindringt und stundenlang für mich unvorstellbar chaotische Zustände sorgt.

Als ich am Freitag wieder einmal stundenlang vor dem Computer gesessen war und versucht habe neue Techniken einzurichten, habe ich mir gesagt: „Das kann es doch aber auch nicht sein, dass ich in den kommenden 355 Tagen dieses noch neuen Jahres feststecken, mich von schlechten Nachrichten lähmen lasse und rein gar nichts Besonderes in meinem Leben mehr passiert, außer dass ich wieder masl eines meiner mittlerweile unzähligen Passwörter vergessen habe.“

Auch wenn der Stern von Bethlehem vielleicht schon längst weitergezogen ist, so bin ich nicht der Einzige, der gerne möchte, dass sich der Himmel - wie am Samstagmorgen für kurze Zeit -immer mal auftut.

Was war der kurze Moment des blauen Himmels doch für ein Zeichen: Wir können einfach weiter sehen. Auch weiter als 15 km. Oder: Jetzt verstehe ich diesen Sachverhalt nach vielen Anläufen. Oder: Jetzt habe ich endlich Klarheit bekommen. Oder: Nun habe ich endlich wieder einen langen Atem bekommen.

Genau darum geht es am heutigen ersten Sonntag nach Epiphanias. Mitten im Alltag kann sich der Himmel auftun. Auch - oder vielleicht gerade - dann, wenn wir es nicht vermuten und die Zeichen ganz anders stehen. Hören sie aus dem Matthäusevangelium aus dem dritten Kapitel.

13 Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes. Er wollte sich von ihm taufen lassen. 14 Johannes versuchte, ihn davon abzuhalten, und sagte: „Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden! Und du kommst zu mir?“ 15 Jesus antwortete ihm: „Das müssen wir jetzt tun. So erfüllen wir den Willen Gottes.“ Da gab Johannes nach. 16 Als Jesus getauft war, stieg er sofort aus dem Wasser. Und sieh doch: Der Himmel riss über ihm auf. Er sah den Geist Gottes. Der kam wie eine Taube auf ihn herab. 17 Und sieh doch: Dazu erklang eine Stimme aus dem Himmel: „Das ist mein Sohn, ihn habe ich lieb, an ihm habe ich Freude.“

 

Mein lieber Sohn

So hat man früher im Alten Testament Könige bezeichnet. Könige sind Söhne Gottes. Nicht bereits durch Geburt, sondern mit der Krönung. „Sohn Gottes“ ist eine Ehrenbezeichnung. Ein besonderer Titel. Kein biologisches Faktum.

So ist es bei Jesus auch gewesen. Jesus ist „Sohn Gottes“ nicht durch die Geburt, sondern mit seiner Taufe.

So schön die Weihnachtsgeschichte des Lukas auch ist, aber sie hat uns auch auf die falsche Fährte geführt. Damals in der Antike ist es üblich gewesen, dass bei besonderen und berühmten Personen betont wurde, dass sie nicht einen leiblichen Vater haben können, sondern von göttlicher Herkunft sein müssen. Bei Jesus hat es der Evangelist Lukas auch so angenommen. Aber die Episode von der Taufe Jesu mit der Stimme aus dem Himmel sagt etwas anderes: Jesus ist Sohn Gottes seit seiner Taufe, nicht schon mit seiner Geburt. Maria und Josef waren seine wirklichen Eltern. Das habe ich schon immer viel sympathischer gefunden.

 

Zuneigung

Und wichtiger als Spekulationen, wer denn jetzt der eigentliche Vater von Jesus ist und wie das zugegangen sein muss, ist doch die Frage, was bei der Taufe geschehen ist.

Jesus hat an diesem Tag gespürt. Ich darf mir der „Freude“ Gottes gewiss sein: „Das ist mein Sohn, ihn habe ich lieb, an ihm habe ich Freude.“

Ich habe mir überlegt, wie man noch sagen kann. Besser als Wohlgefallen finde ich „Zuneigung“. Dir gilt meine ganze Zuneigung.

Es ist schön, wenn man weiß, dass man sich der Zuneigung einer Person sicher sein kann.

Waren Sie sich eigentlich der Zuneigung Ihrer Eltern sicher? Haben Sie gespürt, dass Ihre Eltern hinter Ihnen stehen? Auch darüber hinweggesehen haben, wenn etwas nicht so geklappt hat?

Es ist schlimm, wenn jemand das Gefühl hat: Ich konnte es meinem strengen Vater nie recht machen. Ich war nie gut genug. Und wenn, dann habe ich es nicht gesagt bekommen.

Heute weiß man, dass Personen, die selten Zuneigung erfahren haben, auch schlecht Zuneigung an andere weitergeben können.

 

Zuneigung weitergeben

Ob all die Personen, die am vergangenen Donnerstag das Weiße Haus gestürmt haben, in ihrem Leben viel zu wenig Zuneigung bekommen haben, dass sie so wütend gewesen sind und ein so einseitiges Weltbild haben, weiß ich nicht.

Auf alle Fälle hat sich Jesus sich bei der Taufe vorgenommen, diese Zuneigung, die er von Gott erfahren hat, weiterzugeben.

Jesus hat es auch anders gemacht als Johannes der Täufer.

Johannes der Täufer hat die Menschen klein gemacht. Er hat sie beschimpft. Er hat ihnen deutlich zu verstehen gegeben: „Ihr könnt nicht mal Gottes Gebote halten.“ Und er hat gedroht: „Wenn ihr jetzt nicht umkehrt, dann finden der neue Himmel und die neue Erde ohne euch statt.“

Vermutlich ist damals so ein Hype gewesen, dass alle Blicke auf einen kurz bevorstehendes „Beginn“ des Reiches Gottes gerichtet waren. Deshalb haben die Menschen auch das getan, was Johannes der Täufer gefordert hat. Sie haben sich taufen lassen. Sie haben sich einer Art Reinigungsbad unterzogen, das mit unserer Taufe nicht viel gemeinsam hat, außer dass sie mit Wasser vollzogen und man durch sie ein neuer Mensch wurde.

Aber um ein neuer Mensch zu werden, braucht man Zuneigung, die nicht eine große Mauer zwischen Gott und den Menschen aufbaut und zu verstehen gibt, dass man nicht gut genug ist und mit der anderen Seite nichts zu tun haben möchte.

Jesus hat diese Zuneigung gespürt. Da bin ich mir sicher.

Und auch wenn wir uns nicht mehr an unsere Taufe erinnern können, aber uns ist es damals ebenso zugesprochen worden: „Du bist mein lieber Sohn. Du bist meine liebe Tochter! Dir gilt meine Zuneigung! Ich begleite dich in deinem Leben! Was auch in deinem Leben kommt!“

 

Wie gut freundliche und liebevolle Worte tun können!

Wie gut freundliche und liebevolle Worte tun können, zeigt eine Geschichte, die man dem großen Erfinder Thomas Alva Edison, genauer gesagt seiner Mutter zuschreibt.

Thomas Alva Edison, Erfinder der Glühbirne ging bekanntlich in die Weltgeschichte ein. In seinen 84 Lebensjahren meldete er 1093 Patente an, etablierte sich als Geschäftsmann und vermarktete seine Erfindungen so gekonnt, dass man heute noch an ihn denkt.

„Eines Tages kam Thomas Edison von der Schule nach Hause und gab seiner Mutter einen Brief. Er sagte ihr: "Mein Lehrer hat mir diesen Brief gegeben und sagte mir, ich solle ihn nur meiner Mutter zu lesen geben.“ Die Mutter hatte die Augen voller Tränen, als sie dem Kind laut vorlas: „Ihr Sohn ist ein Genie. Diese Schule ist zu klein für ihn und hat keine Lehrer, die gut genug sind, ihn zu unterrichten. Bitte unterrichten Sie ihn selbst.“ Viele Jahre nach dem Tod der Mutter, Edison war inzwischen einer der größten Erfinder des Jahrhunderts, durchsuchte er eines Tages alte Familiensachen. Plötzlich stieß er in einer Schreibtischschublade auf ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Er nahm es und öffnete es. Auf dem Blatt stand etwas ganz anderes geschrieben: „Ihr Sohn ist geistig behindert. Wir wollen ihn nicht mehr in unserer Schule haben.“

Edison weinte stundenlang und dann schrieb er in sein Tagebuch: „Thomas Alva Edison war ein geistig behindertes Kind. Durch eine heldenhafte Mutter wurde er zum größten Genie des Jahrhunderts.“

Man muss dazu wissen, dass Edison unter einer Beeinträchtigung der Hörleistung aufgrund einer Kinderkrankheit litt. Offenbar führte eine Fehldeutung dieser zu der attestierten Minderbegabung.

Wäre seine Mutter nicht so beschützend und weitsichtig gewesen, hätte dieser Brief das gesamte Leben des kleinen Jungen negativ beeinflussen können. Stattdessen glaubte sie an ihren Sohn, schluckte ihren Kummer hinunter und unterrichtete ihn von zu Hause aus. Die Welt wäre wahrscheinlich um ein Genie ärmer, wenn Edisons Mutter nicht so liebevoll gehandelt hätte.

„Du bist mein lieber Sohn, meine liebe Tochter, an dir habe ich große Freude.“

Sie kennen bestimmt eine Person der sie das mitgeben können. Vielleicht jemand in der Schule oder in der Ausbildung und einfach nicht so durchstarten kann oder einfach ist Lust verloren hat, weil das Ungewohnte so schwer fällt. In diesen Wochen der Kontaktbeschränkungen fällt Ihnen bestimmt jemand ein, der sie das zu verstehen geben können. „Dir gilt meine Zuneigung. Ich glaube an dich.“

 

Zuneigung weitergeben

Und wenn wir in unserem Leben vielleicht nie Zuneigung von den Personen, von denen wir es gerne erhofft hätten, gespürt haben, können wir uns in andere hineinversetzen. Wie geht es jemand, der sich schon wieder allen Unterrichtsstoff aus dem Internet herausziehen muss, stundenlang über einer Sache sitzt, die man mit einer direkten Frage in der Schule sofort geklärt haben könnte?

Wie kann ich jemanden fördern? Wie kann ich jemandem die Rückendeckung geben, die jemand braucht, vor allem dann, wenn andere einreden wollen, dass dies oder jenes nicht geht oder man es nicht schafft.

Der Wochenspruch für diese Woche sagt es so: „Alle, die sich vom Geist Gottes führen lassen, die sind Gottes Kinder“ (Römer 8,14 nach der Basis Bibel).

Für uns, Gottes Kinder, tut sich der Himmel auf. Auch in diesen Wochen. Darauf hoffe ich. Trotzig. Immer wieder. Auch wenn die Zahlen weiter so bleiben, wie sie sind. Die Zuneigung Gottes ist immer umfassender und größer. Sie beflügelt uns und gibt uns zu verstehen, dass unser Leben wertvoll ist und wir noch so viel zu entdecken und auch weiterzugeben haben.

Und der Frieden, der höher ist als alles Verstehen und Begreifen, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Pfarrer Thomas Volk,
Mail: thomas.volk@elkb.de