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Matthäus 27,33-51 - Karfreitag

Matthäus 27,33-51 (V) - Karfreitag - 29. März 2013 - Marktbreit / Erlach:
Der Schrei, der alle Hoffnung aufrecht hält

Liebe Gemeinde!
Aus den vielen Bildern des Karfreitags ist dieses eines der aussagestärksten:
Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (V.46)

Jesus hat geschrien, wie so viele andere, die sich alleine und verlassen vorkommen. Wie all die, die sich im freien Fall befinden und fragen, warum denn niemand kommt und sagt, dass es endlich vorbei wird. Und wie all die Unzähligen auf der Welt, die nicht verstehen können, warum es so weit gekommen und niemand dagewesen ist, der etwas unternommen hat.

Jesus schreit zum Himmel und all das Elend heraus, das zum Himmel schreit.
Die Freunde, die gestern noch bei ihm gewesen sind, sind geflohen. Die Familie ist ihm aus dem Blick gerückt. Und die, die ihm noch vor wenigen Tagen zujubelten, haben einen anderen "Gefällt mir"-Button gedrückt.
Jesus ist zum Spielball des Bösen geworden. Die Menschen sind nicht mehr Mitmenschen, sondern Bestien, haben jeden Anstand verloren und vielleicht auch nicht gewusst, zu was sie fähig sind, wenn alle Schranken der Menschlichkeit fallen.
Und alle Anhaltspunkte für einen guten Gott, bei dem sich geborgen wissen darf, sind verlorengegangen.

"Mein Gott, mein Gott, warum? Warum hast du mich verlassen? Wo bist du? Ich kann dich nicht mehr spüren."
"Warum?" Da hat man sich bemüht, hat gehofft, geglaubt, gebetet. Und dann ist alles so schlimm gekommen.
Es ist auch ein gefährlicher Augenblick für unseren Glauben, wenn man in seiner Not zum Himmel schreit, aber sich nichts rührt. Oder wenn auf einmal das Bild, das wir von Gott haben, nicht mehr stimmt, das Bild von dem guten Gott, der bei gerade bei denen ist, die sich im Leben bemühen und rechtschaffen zu leben versuchen. Es kann zerbrechen, wenn der Boden unter den Füßen wegbricht.

"Warum ich? Warum ich so?" Warum mein Arbeitsplatz? Warum kippt gerade meine Gesundheit? Warum ist alles, wofür ich mich so eingesetzt habe, umsonst gewesen?
Millionen andere sind glücklich, machen sich keine Gedanken, haben auch keine Sorgen, aber ich werde vom Leben ausgeworfen wie Aussatz. Bin ich ein Mensch zweiter Klasse? Bin ich nicht mehr interessant? Bin ich nur noch ein Spielball der großen Konzerne und der Einflussreichen? Warum bin ich überhaupt da, wenn ich beim Verteilen der schlechten Nachrichten immer ganz vorne mit dabei bin?

Aber jeder Aufschrei hält auch immer die kleine, flackernde Hoffnung aufrecht, dass es doch jemanden geben muss, der hört, der was dagegen unternehmen kann, der da ist und bleibt und sich nicht wegschleicht. Das andere wäre, dass wir stumm bleiben und alles hinnehmen, was wir nicht möchten oder uns mit der misslichen Lage abgefunden haben.
Dass Jesus damals so geschrien hat, ist für mich etwas ganz anderes als ein Hilferuf ins Leere.
Manchmal kommt es uns ja so vor. Unsere Schreie sind wie Briefe ohne Anschrift. Wir reden, wir klagen, wir jammern, aber es hört doch niemand. Niemand ist da. Und wir meinen, wir müssten mit allem alleine klarkommen.
Jesus hat damals am Karfreitag gehofft, dass Gott doch da ist. Er ruft zu dem Gott, der vor langer Zeit sein Volk aus Ägypten in die Freiheit geführt hat. Der den Menschen Frieden und Recht verheißen hat. Der sein Reich kommen lassen will.
Zu ihm schreit Jesus, auch wenn er sich verlassen fühlt und meint in die tiefe Leere zu stürzen. Und hält so die Verbindung. Hofft im Geheimen. Gibt Gott nicht auf, auch wenn er sich aufgegeben sieht (Traugott Giesen).

Und Gott? Was kann man von Gott erwarten, wenn man Tage durchleiden muss, die dunkel und finster sind?
Als der Evangelist Matthäus ganz am Schluss erwähnt, dass der Tempelvorhang zerreißt, da gibt er einen entscheidenden Hinweis, was man im Äußersten von Gott erhoffen kann.
Dieser Tempelvorhang diente als "Trennwand zwischen dem Heiligen und dem Allerheiligsten" (2.Mose 26,33). Nur der Hohepriester durfte einmal im Jahr den Raum hinter dem Vorhang betreten. Dort saß nach damaliger Vorstellung - unsichtbar - Gott auf seinem Thron. Aber jetzt - am Karfreitag hat er diesen verlassen und mit dem Kreuz vertauscht (Jürgen Wandel, Zeitzeichen 2013/3).
Will heißen: Gott ist nicht irgendwo fernab. Auch nicht eingeschlossen in einem Heiligen Bereich, indem man weit weg von den Menschen ist, abgeschottet von ihren Angstrufen und Sorgen. Sondern dort, wo sie verraten und verkauft sind, wo ihr Leben ein einziger Hilfeschrei ist, wo man nur noch heulen könnte und keine Worte mehr für das findet, was man gerade durchmachen muss.
Wenn man dem Karfreitag irgendetwas Tröstliches abgewinnen kann, dann die Zuversicht, dass Gott in den ganz dunklen Stunden da ist, da bleibt, mitleidet, aushält.

Es ist eine fatale Entwicklung im Mittelalter gewesen, dass man in den Domen, in den Kloster- und Stiftskirchen wieder solche Trennwände eingerichtet hat. Eine Trennwand, genannt Lettner, die den geistlichen Bereich der Priester von denen der Laien trennt. Als ob es einem kleinen exklusiven Zirkel vorbehalten sei, über Gott zu verfügen, ihn von den Menschen und ihren Schreien fernzuhalten.
Und wer selbst eine Schranke zwischen sich und anderen errichtet, ist auch weit weg von seinem Gegenüber und dem, was ihn gerade umtreibt.
Der neue Papst hat dieser Tage genau das angeprangert. Er hat die Priester in der katholischen Kirche aufgerufen, sich den Christen im Alltag zuzuwenden. Geistliche müssten sich als Hirten mitten unter die Herde mischen und den "Geruch der Schafe" annehmen. Andernfalls drohten sie zu "traurigen Priestern" zu werden, die den Kontakt zu den Menschen verloren hätten, sagte Franziskus eben bei einer Messe im Petersdom. In sich zurückgezogene Geistliche würden zu Verwaltern, die nichts riskieren, sagte Franziskus.
Damit spricht der Papst vielen aus dem Herzen. Das hat es auch bei uns Evangelischen viel zu lange gegeben: Man hat den Glauben verwaltet und gedacht, das Verhältnis zwischen Gott und Mensch vor allem juristisch lenken zu müssen.
Lange Zeit ist man am Karfreitag in Schwarz, im Büßergewand, in die Kirche gegangen und hat neben dem persönlichem Leid und allem, was einem zu schaffen macht, auch noch gesagt bekommen: "Du bist ein schuldhafter Mensch! Du machst Gott viele Sorgen. Eigentlich ist das Kreuz die Strafe, die du verdient hast. Aber in seiner großen Gnade hat Gott seinen Sohn für dich dahingegeben."
Man kann Gelder verwalten, Gebäude oder Archive, aber nicht den Glauben. Überall, wo es ein Gegenüber gibt, ob in einer Ehe, in einer Freundschaft, in einer Kirchengemeinde geht es um Nähe, um Gefühle, um Leidenschaft, um das unbedingte Wissen, dass man zusammengehört.
Ich bin der Meinung, dass man den Glauben nicht juristisch verwalten kann, indem man behauptet: Gott lässt seinen Sohn sterben, opfert ihn, um mit seinem Tod die Schuld aller zu sühnen. Das sind alte Bilder, abgeleitet aus dem zeitgenössischen Denken vor 2000 Jahren.
Was würde der Glaube an einen Gott, von dem es heißt, dass er die Menschen liebt, aber den eigenen Sohn grausam dahingibt, auch für einen Trost geben? Wer könnte da sicher sein, ob Gott unsere Schreie auch wirklich hört?
Alle, die sagen, dieses Sterben sei ein göttlicher Plan gewesen, vergessen, dass das grausame Sterben am Kreuz Menschen besorgt haben und nicht Gott. Gott hätte diesen schlimmen Tod am Kreuz nicht gebraucht.
Der Tod Jesu am Kreuz ist die unausweichliche Folge seines Lebens und seiner Zuwendung zu den Armen und Schwachen, den Ausgegrenzten und Benachteiligten gewesen. Dass Jesus auf sie zugegangen ist, ist mehr als ein Hinweis, dass gerade sie Gott recht sind. Und schon damals haben es die religiösen Autoritäten nicht ausgehalten, dass jemand so unmittelbar bei den Menschen ist, und zwar bei denen, die nicht mehr weiterwissen und deren Leben ein einziger Hilferuf ist.

Es ist nicht angebracht, diesen Karfreitag, bei dem viele überhaupt nicht mehr verstehen, warum den Diskotheken ein Tanzverbot auferlegt ist, auch noch mit Schuldzuweisungen zu überfrachten und man Christen heute für etwas verantwortlich macht, was längst vor ihrer Zeit geschehen ist. Es ist nicht vereinbar mit dem, was Jesus zu seinen Lebzeiten getan hat und wofür er gekommen ist.
Welche Bedeutung bleibt? Vom Karfreitag? Er hält unsere Hoffnung aufrecht, dass Gott sich nicht abwendet. Nicht damals und nicht heute.

Damals ist Gott wirklich dageblieben, durch alles Leiden hindurch. Als sie über ihn gespottet und gehöhnt haben. Als er diese schrecklichen Schmerzen durchleiden musste.
Den Christen damals ist das erst später aufgegangen. Als sie gemerkt und gespürt haben, dass Jesus zu einem neuen Leben auferweckt wurde. Und dass man die Kräfte, die von diesen neuen Leben ausgehen, spüren kann und wie ein fester Boden unter den Füßen werden.

Und heute bleibt Gott auch da. Auch wenn wir es aushalten müssen, dass nicht alles aufgeht, dass manche Schreie scheinbar ohne Widerhall bleiben.
Aber Gott ist da und bleibt da. Bei uns. Auch wenn uns zum Schreien zumute ist. Und jeder Hilferuf, der alle Hoffnung aufrecht hält, bleibt nicht ungehört. Er ist der dünne, aber unerlässliche Faden um die Welt wieder in hellen, in österlichen Farben zu sehen.
Und die Hilfe Gottes, die sich gerade an Tagen wie heute bewährt, möge uns die Aushaltekraft geben, die wir gerade brauchen. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk zum Karfreitag, 29. März 2013, gehalten in Marktbreit und Erlach