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Matthäus 26,69-75 - „Zeig, wofür du stehst!“ - Gospelgottesdienst am 11. März 2018

Matthäus 26,69-75 - „Zeig, wofür du stehst!“ -

Gospelgottesdienst - 11.03.2018 - Marktbreit:

 

Liebe Gemeinde,

Coretta, so hieß sie, war bis dahin die einzige Schwarze in der Klasse gewesen. Sie war dick und hatte wohl nicht viele Freunde. Vom ersten Tag an gingen wir uns aus dem Weg, beobachteten uns aber von weitem, als ob direkter Kontakt uns nur noch eindringlicher an unsere Isoliertheit erinnern würde.

Eines heißen, wolkenlosen Tages standen wir während der Pause in einer Ecke des Schulhofs. Ich weiß nicht mehr, was wir sagten, aber ich erinnere mich, dass Coretta plötzlich zu einer Verfolgungsjagd auf mich ansetzte, vorbei an den Klettergerüsten und den Seilen. Sie lachte unbeschwert, ich neckte sie und schlug Haken, bis sie mich schließlich erwischte und wir keuchend zu Boden fielen. Als ich aufsah, erkannte ich gegen die grelle Sonne einige Kinder, die auf uns zeigten.

„Coretta hat einen Freund! Coretta hat einen Freund!“ Die Rufe wurden immer lauter, immer mehr Kinder kamen herbeigelaufen.

„Sie ist nicht meine F-freundin!“ stotterte ich. Ich sah Coretta hilfesuchend an, aber sie stand nur da und schaute zu Boden.

„Coretta hat einen Freund! Warum küsst du sie nicht, los, mach schon!“

„Ich bin nicht ihr Freund!“ rief ich. Ich lief zu Coretta und versetzte ihr einen kleinen Schubs, sie wich zurück und sah mich an, sagte aber immer noch kein Wort. „Lasst mich in Ruhe!“ rief ich wieder. Und plötzlich lief Coretta los, immer schneller, bis sie schließlich nicht mehr zu sehen war. Anerkennendes Lachen ringsum. Dann ertönte die Glocke, und die Lehrer scheuchten uns wieder zurück in die Klassenzimmer.

Den ganzen Nachmittag musste ich an Corettas Gesichtsausdruck denken, die Mischung aus Enttäuschung und Vorwurf. Ich wollte ihr erklären, dass es nichts mit ihr zu tun hatte, ich hatte noch nie eine Freundin gehabt, warum sollte ich jetzt eine haben? Aber ich hätte nicht einmal sagen können, ob das stimmte. Ich wusste nur, dass es für Erklärungen zu spät, dass ich auf die Probe gestellt worden war und versagt hatte.

(Barack Obama, ehemaliger US-Präsident, in: Kalender der Fastenaktion der evangelischen Kirche 2018 zum 24. März, Leipzig 2017)

 

Von wem diese Geschichte stammt? Sie werden es nicht glauben. Mit dieser Geschichte hat der ehemalige US Präsident Barack Obama aus seinem Leben erzählt. Auch wenn es schon lange vor seiner Zeit als Präsident der USA gewesen ist - wer hätte gedacht, dass eine so selbstbewusste Person, die immer so sicher, so überlegt und manchmal auch richtig cool gewirkt hat, einmal dermaßen gekniffen hat?

Und wem es von uns auch schon so gegangen ist wie Coretta, dem / der kann man nicht erzählen, dass es nichts mit einem selbst zu tun hat. Es ist eine tiefe persönliche Niederlage, wenn man so alleine gelassen wird.

Aber auch die andere Seite gehört zu den Verlierern. Es ist genauso bitter, wenn man erkennt, dass man jemanden bloßgestellt hat. Und man steht selbst im Regen, wenn man verleugnet, für wen oder wofür man steht.

 

So ist es Petrus ergangen, von dem das heutige Evangelium erzählt hat. Ich stelle mir vor, welch große Erwartungen sich bei ihm in den zwei Jahre, in denen er mit Jesus durch die Dörfer im Norden des Landes gezogen ist, aufgebaut haben. Er hat erlebt, wie Menschen wieder froh geworden sind, geheilt wurden, ein neues Selbstwertgefühl bekommen haben oder einfach Mut bekamen, an ihrem schweren Alltag nicht zu zerbrechen.

Und seine Erwartungen werden auch noch gesteigert, als er mit Jesus und den anderen Jüngern nach Jerusalem zum bevorstehenden Passafest pilgert. Als er mitbekommt, wie die Massen ihre Kleider auf die Straßen breiten, Zweige streuen und vor Begeisterung lärmen: „Gepriesen sei der König! Heil und Segen für ihn!“, ist er sich ganz sicher: Jetzt bricht endlich die Zeit an, von der alle geträumt haben. Und vielleicht hat er auch von einer ganz neuen Freiheit geträumt, die mit dem neuen König eintreten könnte und von einem starken und siegreichen Staat.

Aber dann muss Petrus miterleben, wie die Stimmung kippt. Als Jesus die Geldwechsler und Händler aus dem Tempel vertreibt , ist das „gesunde Volksempfinden“ und die Heiligkeit von Priestern so verletzt, dass man ihm religiösen Vandalismus vorwirft (Jörg Zink, Das Evangelium, 83).

Dennoch: Petrus nimmt sich vor, nicht zu kneifen. Wenn es sein muss, will er auch kämpfen.

Und dann kommt diese Nacht vor dem Karfreitag, in der sich alles auflöst. Jesus wird verhaftet, gefoltert, mit dem Tode bedroht. Petrus begreift, wie alles, was ihm in der letzten Zeit Halt gegeben hat, wofür er eingetreten ist und gerungen hat, dahin schwindet. Und als er gefragt wird, ob er auch zu Jesus gehört, verleugnet er alles, was ihm bislang heilig war. Und genauso hatte es Jesus vorhergesehen.

Der Hahn kräht und macht unbarmherzig kund, wie groß doch der Unterschied sein kann, zwischen dem, was man sich vorgenommen hat und der Wirklichkeit, in der man dann auf einmal kneift.

 

„Zeig, wofür du stehst!“

Wir können immer leicht auf die anderen - auf den jungen Obama, auf Petrus oder auf die vielen anderen, die sich einmal nicht getraut haben - zeigen und ihnen vorwerfen, warum sie sich denn weggeduckt haben?

Aber wir? „Wofür stehen wir eigentlich?“ Was ist uns unbedingt wichtig? Wovon möchten wir nicht abrücken? Was können und sollen andere an uns deutlich ablesen?

Es ist leicht, sich in den sozialen Netzwerken einer negativen Kritik gegen eine Person oder gegen ein Unternehmen anzuschließen. Aber selbst zu sagen oder zu zeigen, wofür man ist, ist schon schwerer. Das Motto „Zeig, wofür du stehst!“ meint ja eben nicht, wogegen wir sind, sondern wofür wir stehen.

 

Wofür stehen wir? Das ist auf die Schnelle gar nicht leicht zu sagen. Und vielleicht geht es Ihnen im Leben auch so wie dem schielenden Huhn. Kennen Sie die Geschichte?

Es war einmal ein Huhn, das stark schielte. Dieses schielende Huhn sah deshalb die ganze Welt etwas schief und glaubte, sie sei tatsächlich schief. So sah es zum Beispiel auch seine Mithühner und den Hahn schief. Es lief immer etwas schräg und stieß ziemlich oft gegen die Wände.

An einem windigen Tag ging das schielende Huhn mit seinen Mithühnern am Turm von Pisa vorbei. “Schaut euch das an”, sagten die Hühner, “der Wind hat diesen Turm schiefgeblasen.”

Auch das schielende Huhn betrachtete den Turm und fand ihn aber völlig gerade. Es dachte: Der Turm soll schief sein? Wie kommen die bloß darauf? Schielen die etwa alle? Und soll ich jetzt was sagen? Ach komm, sag nichts. Vielleicht verstehen sie nur wieder falsch!“

Bei uns ist es doch manchmal genauso: Wir sehen etwas völlig anders. Wir haben unsere Sichtweise. Aber ob die anderen die verstehen? Dann sagen wir lieber: „Komm, sei still! Lass es gut sein!“

Klar, es ist alles eine Frage der Perspektive, wie bei dem schielenden Huhn, aber deswegen schweigen, leugnen, kneifen? Das kann es doch nicht sein.

Wir kneifen und tun uns dabei selbst nichts Gutes. Wie befreiender wäre es doch für meine Mitmenschen und für uns, wenn wir sagen, wofür wir stehen, auch wenn wir dabei vielleicht quer liegen.

 

„Zeig, wofür du stehst!“

Dieser Sonntag lädt uns zu noch etwas anderem ein und fragt uns: „Wofür stehst du in deinem Glauben?“

Gibt mir meine Religion Halt und Kraft? Sind meine Gebete - meine Zwiegespräche mit Gott - nur leere Worte oder merke ich, dass sie zurückkommen, mich bewegen, mich verändern, mich immer neue Erfahrungen mit meinem Gott machen lassen?

Vielleicht ist mancher Glaube im Laufe der Jahre so renovierungsbedürftig geworden wie unsere Kirche?

Und wissen andere von mir, dass ich ein Christ bin? Stehe ich auch dazu?

Allen, die mir weiß machen wollen, dass wir vom Islam überrollt werden, sage, ich, dass nicht der Islam das Problem ist, sondern dass viel zu viele in unserem reichen und satten Land einfach nicht wissen, wofür sie als Christen stehen und ob diese Bezeichnung für sie nicht längst verblasst ist, wie das Papier der Taufurkunde.

Ich komme mir manchmal wie ein Exot vor, wenn ich sage, dass ich Pfarrer bin. Ob bei meinen Schülern in der Realschule oder in meinem Fitnessstudio, bei Rewe oder im Kickers Stadion in Würzburg - manchmal muss ich mich regelrecht rechtfertigen, wenn ich sage, dass ich ein glaubender Mensch bin.

 

Gott sei Dank sind heute die Zeiten vorbei, in denen Kirche ihre Macht ausgespielt hat und den christlichen Glaube auf die Begriffe Sünde und Schuld verkürzt hat. Vorbei ist auch endlich die Zeit, in der man sich selbst nur durch die Abgrenzung gegenüber der anderen Konfession definiert hat. Heute kommt es wieder zum Bewusstsein, dass unsere Religion in ihrem Kern eine „Mut Mach Religion“ ist.

Und das von Anfang an. Schon bei Abraham, bei dem der Glaube an Gott zum ersten Mal in der Geschichte greifbar wird, spricht Gott: „Verlasse deine Heimat! Geh in das Land, das ich dir zeigen werde!“ Und ich werde dich begleiten, dich unterstützen, dir Wege und Möglichkeiten zeigen.“ Komm mach dich auf! Bringe den Mut auf! Du wirst es mit meiner Hilfe schaffen! Und zeig den Menschen dort, wer dein Gott ist und wofür du stehst.“

 

Und übrigens: Das bittere Weinen des Petrus über sein Versagen ist doch nicht das letzte gewesen. Petrus ist dann doch noch der Fels geworden. Gott hat mit ihm weitergemacht. Gott hat eine große Leidenschaft daran, dass wir Menschen uns nicht zurückziehen oder uns ständig den Mut abgraben lassen, sondern zu den Menschen werden, die er sich für uns gedacht hat.

 

Deshalb: Der Gott, der unzählige Male deutlich gemacht hat, dass er auf unserer Seite steht, macht uns Mut, dass auch wir zeigen, wofür wir stehen. Wenn wir ständig kneifen oder zaudern, dann wissen wir irgendwann selbst nicht mehr, was uns Halt gibt oder wofür wir stehen. Es ist dann so, als ob von allen Seiten jemand an uns zieht und wir uns ständig verbiegen müssen.

Von der Autorin Elizabeth Appell stammt das Zitat: „Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde, als das Risiko zu blühen (Kalender der Fastenaktion der Evangelischen Kirche 2018 zum 25. März, Leipzig 2017).

Dieses Risiko zu blühen - egal wie lange und wie intensiv - bringt auf alle Fälle Klarheit, weil wir zeigen können, wofür wir stehen,

 

„Zeig wofür du stehst!“ Das kann heißen …

• … für den jungen Obama und für alle, die andere Menschen im Unklaren lassen, wie weit die Zuneigung oder Liebe reicht: Ich stehe zu meiner Liebe zu dieser Person. Oder ich mache einen klaren Schlussstrich.

• … für Petrus und für alle anderen, die im entscheidenden Moment einmal versagt haben: Ich ziehe mich nicht auf immer zurück in mein Schneckenhaus. Ich will es beim nächsten Mal besser machen. Mit mehr Vertrauen in Gottes Möglichkeiten.

• … für das schielende Huhn und für alle, die manchmal schief liegen: Gut, ich habe manchmal eine andere Sicht der Dinge, aber deswegen immer den Mund halten?

• … für die neue Bundesregierung und für alle, die Verantwortung tragen: Ich stehe dafür ein, dass ich nicht nur in meinem Bereich meine persönlichen Ziele verfolge, sondern dass ich hoffentlich mit Gottes Hilfe immer wieder über meinen eigenen Tellerrand schauen kann. Und dass es jetzt mal endlich mit dem Atomausstieg klappt.

• … für Christen und für alle Gott suchenden Menschen: Ich stehe zu meinem Glauben. Ich bekenne mich dazu. Auch vor anderen Menschen.

 

Es lebt sich einfach besser und befreiter, wenn wir zeigen, wofür wir stehen. Und wir merken dabei, wie unser Glaube uns immer aufrechter gehen lässt.

Und die Weite Gottes, die größer ist, als alles Zögern und Kneifen, gebe euch Mut und stärke eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

-> Predigt zum Gospelgottesdienst, 11.03.2018, gehalten von Pfarrer Volk in St. Nikolai, Marktbreit