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Matthäus 17,1-9 - „He knows me“ - Gospelgottesdienst

Liebe Gemeinde,

an einer U-Bahn-Haltestelle in Washington DC steht an einem kalten Januarmorgen 2007 ein Mann auf einer Violine. Er spielt Bach, auch Schubert.

Während dieser Zeit kommen im morgendlichen Berufsverkehr Hunderte von Menschen an ihm vorbei. Es dauert ein paar Minuten, bis der erste Passant den Geiger bemerkt. Er verlangsamt seinen Schritt für ein paar Sekunden. Aber er unterbricht seinen Weg nicht.

Kurz darauf wirft eine Frau den ersten Dollar in den Hut des Musikers, aber auch sie bleibt nicht stehen. Ein junger Mann hält kurz inne, um zuzuhören. Aber ein blick auf seine Uhr treibt ihn an, weiterzugehen. Dann nähert sich ein etwa dreijähriger Junge. Er möchte stehen bleiben, aber seine Mutter zieht ihn an ihrer Hand weiter. Das Kind schaut im Gehen zurück, will der Musik weiter zuhören. Die Mutter treibt es an. Wie dieser Junge verhalten sich einige Kinder, aber ausnahmslos drängen ihre Eltern sie zur Eile.

Der Geiger spielt, ohne abzusetzen. Insgesamt sechs Menschen bleiben vor ihm stehen und hören ihm für kurze Zeit zu. Vielleicht 20 vorübergehende werfen ihm eine Münze in den Hut. Nach einer knappen Dreiviertelstunde beendet der Geiger sein Konzert. Es wird still. Aber niemand nimmt davon Notiz, niemand applaudiert. 32 Dollar sind zusammengekommen.

Der Violinist war Joshua Bell, einer der besten Musiker der Welt. Er spielte unter anderem eines der komplexesten und schwierigsten Musikstücke, die jemals geschrieben wurden: die „Chaconne in d-Moll“ von Johann Sebastian Bach. Die Geige, die er dafür verwendete, war 3,5 Millionen Dollar wert.

Zwei Tage davor hatte Joshua Bell vor einem ausverkauften Haus in Boston das gleiche Konzert gegeben. Die Karten für dieses Ereignis kosteten durchschnittlich 100 Dollar.

(Quelle: „Der andere Advent 2012/13?, 2.Januar 2013; Herausgeber „Andere Zeiten“, Hamburg)

Dieser Auftritt in der U-Bahn-Station ist ein Experiment gewesen. Die Zeitung „Washington Post“ hat es in Auftrag gegeben. Die Redaktion hat die Frage interessiert: Erkennen Menschen die Besonderheit einer Situation in einer unerwarteten Umgebung? Und lassen wir unseren routinierten Tagesablauf von einem außergewöhnlichen Augenblick berühren oder gar unterbrechen?

Das Experiment hat auch gezeigt: Unser Verhalten hängt entscheidend davon ab, ob wir jemanden kennen. Dann bleiben wir eher stehen und hören zu. Oder geben eher etwas. Oder kaufen ein neues Produkt von dieser Firma. Lassen uns auch mal was sagen.

Die Folgen, das wir meinen, jemanden gut zu kennen, können so weit gehen, dass wir blindes Vertrauen haben. Wie viele haben jahrelang bei den Gebrauchtwagen ausschließlich die genommen, die der ADAC in der Pannenstatistik ganz weit oben, in der Kategorie mit den wenigsten Aussetzern, gestanden sind. Oder sie haben sich bei einer Panne zum Kauf einer neuen Batterie oder eines Ersatzteils, überreden lassen.

Aber nicht nur bei Deutschlands größtem Automobilclub fragen sich viele, ob man sich auch wirklich sicher sein kann. Vielen geht es auch mit ihrem Ehemann, mit der Partnerin so? „Jetzt habe ich gedacht, nach 30 Jahren Ehe wir kennen uns“, so sagte neulich jemand, „und dann lässt er mich einfach so sitzen. Ich habe immer gedacht, dass alles in Ordnung ist.“

Kennen Sie die Menschen, die mit Ihnen leben? Annähernd? Können Sie Ihre Kollegen einschätzen? Die Menschen, mit denen Sie täglich zusammenkommen? Ihre Nachbarn? Die, denen sie etwas anvertrauen?

Jemanden wirklich zu kennen ist das eine. Das andere: Wir möchten nicht immer unbedingt, dass uns jemand richtig kennt oder genau kennen würde. Mit unseren Eigenarten. Mit unseren Angewohnheiten. Oder mit unseren Zwängen.

Die globale Überwachungs- und Spionageaffäre, die aus Enthüllungen von geheimen Dokumenten der NSA stammen, haben aufgedeckt, mit welchem großen Umfang die Telefone und insbesondere das Internet global und verdachtsunabhängig überwacht werden.

Viele sind beunruhigt: Was ist, wenn jemand mit einem Knopfdruck einsehen oder gar veröffentlichen kann, was ich im letzten halben Jahr alles bei Amazon oder Zalando bestellt habe, auf welchen Seiten ich gesurft bin oder mit wem ich gemailt oder gechattet habe. Eigentlich möchte ich nicht, dass mich jemand so kennt.

Es ist ein wesentliches Bild unseres christlichen Glaubens, dass Gott uns kennt. Aber nicht im Sinn einer umfassenden göttlichen Überwachung, mit der wir Angst haben müssten, weil eine kirchliche Behörde uns vorhalten könnte: Gott kennt dich genau. Dein Fehlverhalten. Deine Gemeinheiten. Deine Abgründe.

Die Folge: Viele haben von einem solchen Gott Abstand genommen. Oder sie haben Glaube nur als ein Pflichtprogramm angesehen oder als Notwendigkeit erachtet um später den Eintritt für ewiges Leben nicht zu verlieren.

Wir brauchen gar nicht auf den ADAC zu schauen, auch Kirche hat deshalb in Jahrhunderten von Jahren viel Vertrauen verspielt, weil sie im Namen von Gott viel zu oft gedroht und gerichtet hat.

Denn zu meinem ganz persönlichen Glauben gehört das Wissen, dass Gott mich so kennt, dass ich mich bei ihm ganz angenommen und geborgen fühlen darf.

Das Evangelium für den heutigen Sonntag hat es doch eindrücklich bestätigt. Gott kennt uns so gut, dass er auch unsere Ängste kennt, wir könnten unser Leben, unseren Alltag, unser Pflichtprogramm mit all den Anforderungen nicht mehr bewältigen.

Ich kann Petrus gut verstehen, dass er dort oben auf dem Berg, auf den er mit Jesus und den beiden anderen Jüngern Jakobus und Johannes gegangen ist, bleiben möchte und Hütten bauen möchte.

„Hier ist es gut!“, spricht er zu Jesus. So soll es sein, so kann es bleiben. So hab ich es mir gewünscht. Alles passt perfekt zusammen. Hier oben könnte ich es noch lange aushalten. Und auch Jesus sieht er in einem noch nie dagewesenen völlig neuen Glanz. Deswegen möchte Petrus dort oben Hütten bauen.

Und wie Petrus noch staunt und wie er sich ausmalt, wie schön das Leben doch sein könnte, hoch oben über allem Alltag, weit weg von allen Problemen und Sorgen, wird er aus allen Träumen gerissen.

Er hört eine Stimme. So wie wir manchmal auch aus allen Träumen gerissen werden, weil der Wecker klingelt oder weil der schöne Film mit dem glücklichen Ende und dem gefühlvollen Sonnenuntergang schon vorbei ist. Und dann schauen wir uns um und merken erst nach Sekunden, dass der Alltag uns wieder eingeholt hat.

Als Petrus die Augen aufmacht, sieht er keine Erscheinung mehr, kein Licht, kein Glanz. Er sieht nur Jesus, wie sie ihn immer schon gesehen hat. Und er gibt ihm unmissverständlich zu verstehen, dass er aufstehen soll und dass der Rückmarsch unmittelbar bevorsteht. Es geht wieder hinunter ins Tal. Zurück auf die staubigen Straßen und ausgetretenen Wege.

Es ist doch wichtig zu wissen, dass Gott um unsere Befürchtungen weiß, wir könnten uns dort unten, in den „dunklen Tälern“ unseres Lebens verlieren - könnten das Gefühl nicht mehr loswerden, wir würden es nicht mehr schaffen - würden die Ängste nicht mehr wegbekommen, dass wir diese eine Krankheit nicht mehr abschütteln könnten - oder würden uns hinter unser kleines Selbstbewusstsein verschanzen.

Ich glaube auch, dass es deshalb ein großes Anliegen von Gott ist, uns genau zu kennen, weil er weiß, dass wir es alleine nicht schaffen. Zum Beispiel nach einer weiteren Niederlage wieder neu aufzustehen. Oder mit dieser Trennung, mit diesem Abschied zurechtzukommen. Oder sich neu zu motivieren, wenn wir bei der Stellenvergabe schon wieder nicht zum Zug gekommen sind.

Dieser Sonntag lädt uns auch ein, auf das eigene Leben zu schauen, wo dieser Gott, der uns wie niemand anderes kennt, überall mit dabei gewesen ist.

Wir haben nicht uns selbst die Gesundheit wiederhergestellt. Wir haben nicht aus eigener Kraft dem Leben neue Weichenstellungen geben können. Dass wir neue Menschen kennen und lieben lernen durften oder in einem neuen Beruf Erfüllung finden konnte, da ist noch jemand anderes am Ruder gestanden, der das Lebensschiff durch den Sturm gelenkt hat und der den Überblick nicht verloren hat.

Der katholische Theologe Eugen Drewermann hat in seinem Kommentar zum Markusevangelium etwas sehr wichtiges geschrieben: Religion hat als wichtigste Aufgabe, den Menschen die Angst zu nehmen.

Angst macht krank. Angst macht müde. Angst macht klein. Angst macht abhängig.

Für unseren evangelischen Glauben ist es von Anfang an ein zentrales Anliegen gewesen: Du brauchst vor Gott, der dich kennt, keine Angst zu haben.

·        Keine Angst vor einem strafenden Gott, der mich untergehen lässt, wenn ich ihm nicht genügen sollte.

·        Keine Angst vor den eigenen Fehlern und die Angst vor einem Gott, der Strichlisten führt.

·        Keine Angst vor der eigenen Vergangenheit und die Angst vor dem, was kommt.

Ich bin auch der Meinung, dass bei allen, die mit diesem Gott in Verbindung kommen - beim Beten, im Gottesdienst, beim Singen - das Bewusstsein gestärkt wird: Weil Gott mich kennt, kann ich mit viel Mut an mein Leben gehen, kann manches Unangenehme so stehenlassen, kann manche Unarten ablegen, kann auch die nächsten Stürme aushalten.

Gospel heißt übersetzt: „Gute Nachricht“. Die Gute Nachricht lautet: Gott kennt mich. „He knows me“. Ein Gospel, mit genau diesem Titel, singt der Chor jetzt mit uns. Und wir können mitsingen oder mitsummen und darin gewiss werden: Es ist gut, dass Gott mich kennt und dass mir diese Erkenntnis viel Schub gibt für alles, was gerade ansteht.

Und sein Friede, der weitaus mehr erreichen kann als wir mit unseren begrenzten Chancen, bewahre unsere Hoffnungen jeden neuen Tag. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk zum Gospelgottesdienst in Marktbreit, 09. Februar 2014