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Matthäus 12,38-42 - Gottes Aussichten sind größer als die, die wir gerade ausmachen - Reminiscere

Liebe Gemeinde,

Tag für Tag haben wir in der vergangenen Woche den Atem angehalten und gebannt auf die neuesten Nachrichten aus Japan geschaut. Kann die drohende Kernschmelze noch verhindert werden? Wie geht es den Menschen, die bei dieser unvorstellbaren Flutwelle alles verloren haben, bei eisigen Temperaturen in Sammelunterkünften ausharren müssen und überhaupt noch nicht wissen, wie es weitergeht? Und können die vielen Helfenden noch? Die, die seit Tagen Aufräumarbeiten leisten und gar nicht wissen, wo sie in all dem Chaos überhaupt anfangen sollen? Die, die den vielen Trauernden versuchen beizustehen, nach Zeichen und Worten ringen, damit ein kleiner Lichtstrahl in deren Dunkelheit hinein gelangt. Gar nicht zu reden von den Arbeitern, die unter Lebensgefahr und unter der Gefährdung der totalen Verstrahlung im Atomkraftwerk Fukushima 1 versuchen, die Stromversorgung irgendwie wieder herzustellen, damit die Kühlung in Gang kommt und der Super-GAU noch verhindert werden kann.

Ich habe mich über jede gute Nachricht gefreut, über jedes kleine Zeichen, das ansagt: Es gibt in allem Schlimmen auch hoffnungsvolle Hinweise. Vielleicht gelingt es doch, dass der Strom an das Kernkraftwerk gebracht wird. Vielleicht können die Menschen in Libyen und in Jemen, in Ägypten und in Bahrain doch in Frieden leben ohne Angst und Schrecken.

Und neben diesen großen weltbewegenden Ereignissen hat vielleicht auch jemand von uns in der vergangenen Woche auf ein Zeichen gewartet, das vielleicht Klarheit bringt, das eine Sache bestätigt oder manches lange Warten zu einem guten Ende bringt.
Die eindeutigen Zeichen sind viel zu selten. Wenn am Abend der Himmel rot ist, dann weiß jeder, dass das Wetter am nächsten Tag schön wird. Oder wenn die Kinder ungewöhnlich still beim Mittagessen sitzen, dann weiß man, dass sie heute bei der Schulaufgabe nicht gerade die Höchstpunktzahl mit nach Hause gebracht haben.

Die meisten Zeichen sind aber nicht eindeutig. Wie gerne möchte ich eindeutig und mit Sicherheit wissen, ob meine Hilfsbereitschaft für den anderen förderlich oder gerade schwächend ist. Oder ob meine Kritik, die ich an jemanden richte, diesen auch aufbaut oder ob sie gerade das Gegenteil bewirkt.

Es gibt viel zu wenige eindeutige Zeichen. Und dabei wünschen wir uns doch solche Fingerzeige, die uns gewiss machen, dass es richtig ist, was ich tue oder dass es sich lohnt, wofür ich mich einsetze.
Die vergangene Woche hat es wieder deutlich gemacht. Was uns so eindeutig und sicher schien, kann mit einem Mal zerplatzen. Ich bin bei den Meldungen sehr erschrocken, dass viele Forscher und Politiker, die bislang gemeint haben, dass unsere 17 Atomkraftwerke in Deutschland absolut sicher sind, dies auf einmal nicht mehr so unterschreiben würden.

Auch unsere Gesundheit ist nicht so stabil, wie wir uns das gerne wünschen. Unsere Träume können so schnell zerplatzen. Und auch unser Glauben ist längst nicht immer so beständig.
Wie schön wäre ein Zeichen, dass unser Leben bei Gott gut aufgehoben ist, und dass das tiefe und dunkle Tal, in dem man gerade feststeckt, mal ein Ende nimmt.

Es ist auch ein alter Wunsch, sich von Gott solche eindeutigen Zeichen zu erbitten. Das Schriftwort für den heutigen Sonntag handelt davon. Hören Sie aus dem Matthäusevangelium, aus dem 12. Kapitel, die Verse 38-42:

Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen.

Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.

Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.

Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.

Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

Menschen, die in den Büchern des Alten Testaments kundig sind, möchten ein Zeichen. Vielleicht eine außergewöhnliche Heilung. Oder ein Wunder, das auf etwas Größeres und Mächtigeres hinweist.

Aber es gibt keine eindeutigen Zeichen. Vielleicht deshalb, weil Zeichen niemals eindeutig sind. Interessanterweise diskutiert Jesus einige Verse vor unserem heutigen Abschnitt mit Pharisäern genau darüber (vgl. Matthäus 12,22-30). Und Jesus hält ihnen entgegen: Zeichen kann man so oder so deuten. Man kann eine Heilung mit der Kraft Gottes in Verbindung bringen oder aber mit irgendwelchen finsteren Mächten.

Haben Sie die Stimmung aus dem Abschnitt herausgehört? Sie ist sehr geladen und herausfordernd. Es ist schwer jemanden von etwas zu überzeugen, der immer schon meint zu wissen, wie es ist und wie es nicht sein kann.
Stellen Sie sich vor, Sie würden so herausgefordert werden und man würde ein bestimmtes Zeichen von ihn verlangen, etwa der Verbundenheit oder Zuwendung, dann wird es für Sie schwer sein, den anderen auch zu zufriedenzustellen, weil man im Grunde nie im Klaren ist, ob man auch wirklich genügend gegeben hat.

Möglicherweise hat deshalb Jesus seinen Gegnern ein Zeichen verweigert. Weil sie auch nach einem solchen Zeichen nicht aufhören würden, Gegner zu bleiben, ihn weiter skeptisch beäugen, nie zufrieden sein, weil kein Zeichen eindeutig genug ist.

Ich schließe aus dieser kurzen Begegnung zwischen Jesus und den Pharisäern und Schriftgelehrten: Weil es keine eindeutigen Zeichen gibt, keine endgültige Sicherheit, geht die „entscheidende Wirkung“ geht auch nicht von einem Zeichen aus, sondern entsteht in mir. Ich entschließe mich, einem Menschen zu vertrauen. Ich halte ein Programm für glaubwürdig. Ich gebe für ein Ziel alles. Ich vertraue darauf, dass Gott „barmherzig“ ist, so wie es dieser heutige Sonntag uns in Erinnerung ruft. Und ich hoffe und wünsche mir, dass mein Vertrauen nicht enttäuscht wird, nicht zerbricht, sich nicht verflüchtigt, sondern im Laufe der Jahre immer stärker und tragfähiger wird und dass mir auf diesem langen Weg nicht die Luft ausgeht.

Es ist schwer, so ganz ohne Zeichen auszukommen. Und interessant ist, dass gerade in dem Bibelabschnitt, in dem Jesus solche Zeichen verweigert, er selbst zwei Hinweise gibt. Er selbst spricht von zwei Hinweisen, die für unseren Glauben hilfreich sein können. Zwei Hinweise, die keineswegs eindeutig sind, sondern - im Gegenteil - offen für viele Deutungen sind. Und wenn ich uns diese beiden Hinweise deute, dann behaupte ich nicht, dass man es nur so sehen kann, wie ich es jetzt tue. Es gibt bestimmt auch andere Deutungsmöglichkeiten.

Der erste Hinweis: Jesus hat den Pharisäern und Schriftgelehrten so geantwortet:

„Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona“ (V.39).

Jona ist ein Prophet und sagt voraus, was die Zukunft mit Sicherheit bringen wird. Jona hat der Stadt Ninive Verderben und Untergang gepredigt. Aber dann - so erzählt es die Bibel - ändern sich die Menschen von Ninive. Es kommt alles ganz anders. Ninive wird gerettet. Der Prophet hat falsch prophezeit (Elisabeth Hölscher).

Als Schlussfolgerung lese ich daraus. Gott ist nicht wie ein unabänderliches Schicksal, dessen Wille voraussagbar wäre. Und man sollte bloß nicht der irrigen Annahme verfallen, genau zu wissen, was Gottes Gedanken, seine Pläne und Ratschlüsse sind, weil ich mir sie gerade so ausmale oder weil sie so in mein Weltbild passen.

Wahr ist alleine, was Leben schafft und Leben erhält. Und das Leben, das von Gott kommt, ist immer größer als alles andere, was dagegen spricht. Die Bewohner von Ninive haben es selbst erfahren. Jona übrigens auch. Er hat es am eigenen Leib erfahren, wie es ist, drei Tage und drei Nächte in völliger Dunkelheit zu sein und dann wieder ans Licht zu gelangen.

Ein zweites Beispiel, das man ebenfalls unterschiedlich deuten kann, ist der Hinweis auf die Königin aus dem Süden.

„Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo“ (V.42).

Ich verstehe diesen Vers so: Die Königin, von der hier die Rede ist, ist die Königin von Saba. Sie lebte zur Zeit des Königs Salomo. Sie hat von seiner Weisheit gehört, reist von weitem an und möchte sich davon überzeugen. Vielleicht will sie auch von seinem Erfahrungsschatz profitieren, möchte ebenfalls weise und gerecht werden. Sie bekommt auch von Salomo mit, dass Weisheit von Gott kommt. Froh und glücklich reist sie wieder nach Hause. Diese Begegnung hat ihr Leben bereichert.
Als Hinweis entnehme ich daraus. Für die Weisheit, die von Gott kommt und die immer größer ist, als die Wege, die wir gerade ausmachen, muss man offensichtlich manchmal weite Wege gehen, muss suchen und sich immer wieder aufmachen (Elisabeth Hölscher).

Für alle, die nach eindeutigen Zeichen suchen und sich darum manchmal verbeißen, weil sie meinen, nur so müsste es sein und Gott muss so handeln und nicht anders, macht dieser Abschnitt deutlich: Gott ist immer größer als du meinst. Er ist auch immer barmherziger als du denkst. So sagt es auch der heutige Sonntag Reminiscere: Du darfst mit Gottes Barmherzigkeit rechnen und mit seiner Güte. Die Bewohner von Ninive und Jona selbst sind der Hinweis dafür.
Und Glauben heißt, sich in die Weite hinauszuwagen und nicht an einem Ort einzuwurzeln oder an diesem einen Punkt festzukleben. Der Blick auf die sagenumwobene Königin Saba macht es deutlich.

Dahin müssen wir im Leben kommen, auch wenn wir manchmal lange Wege gehen müssen, damit wir erkennen: Das Leben, das von Gott kommt, ist größer, als alles, was wir gerade ausmachen. Und wir müssen mitunter auch manche Umwege in Kauf nehmen, um darin bestätigt werden: Gott ist barmherzig. Auch zu uns. Ein Leben lang haben wir dazu Zeit, darin gewiss zu werden, dass Gott an unserer Seite ist.

Ich weiß nicht, wie die Menschen in Japan mit ihrem Schicksal fertig werden, welche Schlüsse sie ziehen, welche Hoffnungen für immer unter den Trümmern begraben bleiben werden, aber ich möchte dahin kommen, dass ich mir immer sicherer werde, was der 23. Psalm diesen Worten umschreibt. „Gutes und Barmherzigkeit mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“ (Psalm 23,6).

Und die Weite Gottes, die umfassender und höher und tiefer ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt zum Sonntag Reminiscere, 20. März 2011, gehalten von Pfr. Volk in Segnitz und Marktbreit.