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Matthäus 10,26b-27 / 28a.29-31 - Gedenktag der Reformation

Liebe Gemeinde,

was eine „schwarze Kasse“ ist, das wissen in diesen Tagen alle.

Enthüllungen eines großen Nachrichtenmagazins vor zwei Wochen haben ergeben, dass es beim „Sommermärchen 2006“ eine solche schwarze Kasse gegeben haben muss. Es geht um ein dubioses Darlehen in Höhe von 6,7 Millionen €. Damit verbunden verschleierte Zahlungen, von denen man noch nicht genau weiß, welche Gelder warum von wem, an wem geflossen sind. Außerdem steht der Verdacht im Raum, dass mit diesem Geld Stimmen bei der WM-Vergabe gekauft wurden.

Eine „Schwarze Kasse“ ist eine Geheimkasse. In ihr bewahrt man heimlich Geld auf. Nur wenige wissen davon. Und man weiß nicht so genau, woher es kommt, an wen es geht und wofür es verwendet wird.

 

Ich erzähle Ihnen von „Schwarzen Kassen“ im Gottesdienst zum Gedenktag der Reformation, weil solche Kassen auch im Vorfeld der Reformation eine große Rolle gespielt haben. Anders gesagt: Hätte es damals keine „Schwarzen Kassen“ gegeben, hätte Martin Luther seine 95 Thesen nicht verfasst und nicht veröffentlicht.

Am 31.Oktober 1517 hat er sie ja an die Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen, so die Legende. Wahrscheinlicher ist, dass seine Thesen, mit denen er gegen das Unwesen des Ablasshandels protestieren und Diskussionen anstoßen wollte, einigen Bischöfen und Gelehrten zugesandt worden sind

Und diese Kassen, in denen Menschen Geld hineingezahlt haben, um Ablassbriefe zu kaufen, sind nichts anderes als „Schwarze Kassen“ gewesen.

Das muss man sich einmal vorstellen: Wie Marktschreier sind manche Ablassprediger von Ort zu Ort gezogen, haben die Menschen eingeschüchtert, ihnen gedroht, ihnen regelrecht „die Hölle heiß“ gemacht. Nur durch Ablassbriefe kann man sich der Vergebung Gottes sicher sein. Ohne sie, wäre man auf ewig verdammt.

„Sobald das Geld im Kasten klingt,
die Seele aus dem Fegefeuer springt.“

Mit solchen und anderen Redewendungen haben manche Ablassprediger wie Johann Tetzel den Bogen weit überspannt und ihre Kassen noch mehr gefüllt.

 

Warum man es damals diese „Schwarzen Kassen“ gab und wofür man sie brauchte?

•         Die eine Hälfte der Einnahmen diente dem Bau des Petersdoms in Rom, während die andere sich der Erzbischof Albrecht und der jeweilige Ablassprediger teilten.

•         Erzbischof Albrecht, war nicht nur Bischof von Magdeburg sondern auch von Mainz. Und er hatte Schulden. Bei dem mächtigsten Bankhaus der damaligen Zeit: den Fuggern. Diese wiederum waren seit dem Jahr 1500 die Bankiers der Päpste und verwalteten seit 1513 den gesamten Ablasshandel. Dafür erhielten sie einen großen Anteil an den gesamten Beträgen aus dem Geschäft mit dem Ablass.

•         Hinzu kommt, dass Albrecht für die Wahl zum Erzbischof von Magdeburg viel zahlen musste. Denn er war ja schon Bischof. Mit dem neuen Bischofsamt hat er gegen Ämterhäufung verstoßen. Das war eigentlich verboten. Aber er hat es trotzdem durchgebracht. Allerdings musste er dafür zahlen. Mit welchem Geld? Mit dem, das er vom Bankhaus der Fugger bekommen hat. Deshalb ging der Anteil, den Erzbischof Albrecht am Ablasshandel einnahm, auch sofort an die Fugger, um damit seine Schulden direkt abzubezahlen.

Ziemlich kompliziert sind diese Verstrickungen damals gewesen. Wie heute bei manchen Fifa-Funktionären, bei denen Außenstehende nicht wissen können, wer bei wem noch eine alte Rechnung offen hat, die vielleicht auch aus einer „Schwarzen Kasse“ stammt.

Auf alle Fälle herrschte über das Geldgeschäft, das Rom mit dem Mainzer Erzbischof und dem Bankhaus Fugger mit der Angst der Menschen betrieben hat, große Empörung.

Den Begriff einer  „Schwarzen Kasse“ kannte Martin Luther freilich noch nicht. Aber er hat schnell gemerkt, dass die Kassen, in die das Geld vom Ablasshandel geflossen ist, illegale und unrechtmäßige gewesen.

Es ist bis heute sein großes Verdienst gewesen, dass er das herausgestellt hat: Die Basis zwischen Gott und dem Menschen ist nicht ein Geschäft. Grundlage ist alleine der Glaube (sola fide), der darauf vertraut, dass Gott gnädig (sola gratia) ist. Nur in der Bibel (sola scriptura) wird diese Gnade sichtbar. Jesus hat sie verkündet und bezeugt (solus Christus).

 

Von ihm stammen diese Worte aus dem 10.Kapitel des Matthäusevangeliums für das heutige Reformationsgedenken:

26b Es gibt nichts Verborgenes, das nicht sichtbar wird,
Und es gibt nichts Geheimes, das nicht bekannt wird.

27 Was ich euch im Dunkeln anvertraue, das sagt am hellen Tag weiter!
Und was ich euch ins Ohr flüstere, das ruft von den Dächern!

28a Habt keine Angst vor denen, die nur den Körper töten können, aber nicht die Seele.

29 Kann man nicht zwei Spatzen für eine Kupfermünze kaufen?
Und doch fällt keiner von ihnen auf die Erde, ohne dass euer Vater es weiß.

30 Aber bei euch ist sogar jedes Haar auf dem Kopf gezählt!

31 Habt also keine Angst!
Ihr seid mehr wert als ein ganzer Schwarm Spatzen.

 

Jesus hat diesen Abschnitt nicht an FIFA-Funktionäre gerichtet oder an Vertreter des Deutschen Fußball Bundes, sondern an seine Jünger.

In diesem ganzen 10.Kapitel des Matthäusevangeliums geht es eigentlich um das Bekennen. Zu Jesus, dem Christus. Zu seiner Botschaft. Zu dem Reich Gottes“, das Jesus verkündet hat.

Für alle Jüngerinnen und Jünger damals und heute ist ein solches Bekenntnis nicht immer einfach. Vor allem dann nicht, wenn in der Welt ganz andere Spielregeln herrschen. Wenn die einen ihre dunklen Geschäften mit den anderen machen und die anderen nicht zum Zug kommen. Oder wenn es zweifelhafte Abkommen und ungute Abhängigkeiten gibt, die man nicht durchschauen und schon gar nicht aufbrechen kann.

 

Jesus wollte allen Menschen Mut machen, für eine offene und transparente Welt einzutreten, in der man sich ehrlich und offen begegnen kann. Und wenn die Jüngerinnen und Jesu zu allen Zeiten das Gefühl haben, dass niemand von dieser neuen Welt Gottes etwas sehen und hören möchte, dann sollen sie wissen, dass diese Botschaft nicht verborgen bleiben, sondern Menschen gewiss bewegen, trösten, ermutigen wird.

Es gibt nichts Verborgenes, das nicht sichtbar wird,
Und es gibt nichts Geheimes, das nicht bekannt wird (V.26b).

Und keine Angst sollen sie haben. Nicht vor denen, die sie nicht ernst nehmen. Nicht vor denen, die sie einschüchtern wollen. Auch nicht vor denen, die ihnen drohen könnten.

„Habt keine Angst vor denen, die nur den Körper töten können, aber nicht die Seele“ (V.28b)

 

Das Christentum hat sich ja deshalb rasch in der damaligen Welt ausgebreitet, weil sich so viele Menschen - vor allem arme und sozial gering gestellte - dennoch wertvoll vorgekommen sind. Geachtet von Gott und angesehen von Menschen, die in ihren Gemeinden das immer wieder versucht haben, umzusetzen, was Jesus mit dem „Reich Gottes“ verkündet hat.

„Habt also keine Angst! Ihr seid mehr wert als ein ganzer Schwarm Spatzen“ (V.31).

Aber in dem Moment, in dem das Christentum „römische Staatsreligion“ geworden ist, hat der christliche Glaube immer auch mit Macht zu tun gehabt, wurden religiöse und politische Belange vermischt. Bis hin zum Erzbischof Albrecht, der nicht nur geistlicher Bischof einer Diözese, sondern auch ein weltlicher Fürst gewesen ist, der seine Strippen gezogen hat und Geld gebraucht hat, die er mit den „Schwarzen Ablasskassen“ gefüllt hat. Und die Menschen, für die er eigentlich Hirte sein sollte, sind weit weg gewesen, Mittel zum Zweck, um die Schulden ihres Bischofs zu bezahlen. Sei es durch Steuern oder Ablassbriefe.

 

Das ist ein Verdienst der Reformation gewesen, dass Martin Luther damit aufgeräumt hat, man müsste vor Gott und vor Menschen Angst haben.

Martin Luther hat ja den Menschen nicht bloß das Gewissen erleichtert. Er forderte von ihnen auch Gewissenhaftigkeit. Das ist der Ertrag für uns heute, wenn wir immer wieder von „Schwarzen Kassen“ lesen, hören oder vielleicht selbst schon einmal damit gegenübergestellt worden sind.

Das wäre ein wertvolles Erbe der Reformation heute: Heute so zu leben, dass man keine „Schwarze Kassen“ braucht. Sich nicht abhängig macht von irgendwelchen Menschen, die einen benutzen wollen. Mithelfen, dass die Anständigen nicht immer noch mehr draufzahlen müssen. Nicht eine Hand wäscht die andere, sondern eine Hand hilft der anderen.

 

Es gibt nichts Verborgenes, das nicht sichtbar wird,
Und es gibt nichts Geheimes, das nicht bekannt wird (V.26b).

Das hoffe ich auch für die weiteren Ermittlungen und Enthüllungen bei der großen „Schwarzen Kasse“ anlässlich des „Sommermärchens 2006“ und für all die kleinen Kassen, die es sonst noch so gibt.

Und ich hoffe, dass sich das Bewusstsein bei allen Menschen wächst. Dass man sich für Geld nicht alles kaufen kann. Das gilt auch für Gottes Gnade. Sie kann man sich nicht mit Geld erwerben oder verdienen. Sie wird einem geschenkt. Damit man vor niemandem und keinem Angst haben muss.

Und der Friede Gottes, der immer größer und weiter ist, als alles, was wir sehen und empfinden, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk zum Gedenktag der Reformation.
Gehalten in St. Nikolai Marktbreit am 01.11.2015