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Markus 9,24 (Ich glaube; hilf meinem Unglauben! - Predigt zur Jahreslosung

1.Januar 2020 - Marktbreit St. Nikolai Kirche

 

Liebe Gemeinde!

Zwei Menschen in hellem Umriss stehen vor einem farbigen Hintergrund. Sie sind einander zugewandt. Die linke Person beugt sich über die andere und hält sie. Die andere blickt nach oben und klammert sich fest. Es bleibt dabei etwas Distanz zwischen ihnen. Gesichtszüge sind bei beiden nicht zu erkennen.

Wer die beiden sind? Man kann sie sich erschließen, wenn man den biblischen Hintergrund dieser Szene mit einbezieht: Ein verzweifelter Vater wendet sich hilfesuchend an Jesus, damit sein krankes Kind wieder gesund wird.

Damit wird klar wer die beiden Figuren sind: Die linke ist Jesus und die rechte der bittende Vater.

Beide sehen sich an. Es entwickelt sich ein kurzes Gespräch. Einerseits traut der Vater Jesus zu, dass er seinen Sohn heilen kann. Andererseits spürt er aber auch, wie sein eigener Glaube in diesem Moment so brüchig wird, dass er meint, den Halt unter den Füßen zu verlieren. Eben noch ist er voll Vertrauen und Hoffnung gewesen, dass Jesus ihm helfen kann. Aber jetzt, wo es darauf ankommt, ist er sich nicht mehr so sicher. Als er ganz nah vor ihm steht, kann er nicht anders als auszurufen: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

 

Glaube - Unglaube

Die Jahreslosung kreist um diesen spannungsvollen Augenblick, der bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Denn das Ringen um Glauben und Unglauben lässt sich leicht ins Hier und Jetzt übertragen.

Da ist einerseits die Zuversicht, dass der Glaube ein fester Halt ist, mit dem man froh und neugierig in ein neues Kalenderjahr hineingehen kann.

Andererseits gibt es Zweifel, die sich in den ersten Tagen und Wochen auftun können: Wie soll ich all die Anforderungen dieses neuen Jahres bewältigen? Wird die Gesundheit mit-machen? Bekomme ich endlich Klarheit in meinen Lebensfragen?

 

Ich erkenne mich in dem Menschen, der zu Jesus kommt, gut wieder. Die Künstlerin Waltraud Zizelmann hat ihn wohl gerade deshalb ohne Mimik dargestellt. Jede und jeder von uns kann sich in dieser rechten Person wiederfinden.

Ich selbst könnte die Person sein - mit meinem Glauben, der mich schon durch so viele Jahre durch mein Leben getragen hat - aber auch mit meinen Zweifeln, ob der Glaube dann, wenn es darauf ankommt, wirklich trägt.

Beides - Glaube und Unglaube - gehört ganz selbstverständlich zu unserem Leben dazu, wie die beiden Seiten, zu denen eine Schiffsschaukel hin- und herschwankt. Auf der einen Seite kann man viel Vertrauen haben. Auf der anderen Seite - von jetzt auf gleich - ist man wieder verzweifelt oder entmutigt.

Für mich bleibt immer eine Spannung, die ich nicht auflösen kann. Es ist wie mit unserer Taufe, an die mich der große blaue Kreis im Hintergrund erinnert. Seit der Taufe sind wir mit Jesus verbunden, von dem Ströme lebendigen Wassers ausgehen (Johannes 7,38). Und doch sind wir häufig ausgepumpt und sprudeln nicht vor Leben.

 

In der Geschichte und auf dem Bild fragt Jesus den Vater: „Warum bist du so unsicher? Warum hast du so wenig Vertrauen in mich? Du hast es doch schon so viele Male in deinem Leben erfahren und gesungen: „In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet ...“ (EG 316,3).

Wenn der Glaube brüchig wird, ist es gut zu fragen: Erinnere dich“ Wo hast du solche Flügel gespürt? Wo bist du dann doch nicht im Regen gestanden? Wo bist du wieder auf die Beine gekommen, als du dich zurückgezogen hast? Wo hast du gemerkt, dass doch jemand zu dir hält.

 

Christus hält den Glauben aufrecht.

Wie das mit dem Glauben gemeint ist, zeigt mir der vorgebeugte Jesus Er es ist, der allen Glauben aufrechthält.

Manchmal werde ich in der Schule oder bei Taufgesprächen gefragt: „Was muss man als Christ glauben? Was muss ich unterschreiben, wenn ich als Christ gelten will.“ Und manche denken, je mehr ich glaube, desto voller und fester wird mein Glaube. Aber es geht ja gerade nicht darum, was, sondern wem ich glaube (Traugott Giesen zu Markus 9,24).

Das ist für uns Evangelische wichtig. Glaube gibt nur in Verbindung mit Christus.

Die Katholischen haben es vielleicht leichter. Sie glauben an eine Kirche, die vermittelt. Glaube an die römisch-katholische Kirche, mache von alle Sakramenten Gebrauch und den Rest - das mit der festen Aussicht auf Ewiges Leben - regeln wir für dich!

Evangelische Kirche ist da nüchterner, aber dafür direkter. Glaube, alleine dem, der deinen Glauben in schwierigen Situationen aufrecht hält. Vertraue dem, der dich immer wieder auf die Beine stellt.

Wofür bei Evangelischen dann Kirche gut ist? Kirche weiß Geschichten aus dem großen Glaubensschatz der Bibel. Kirche vermittelt Geschichten von Menschen, deren Glaube sie gehalten hat, so wie die heutige Geschichte von Jesus und dem bittenden Vater.

 

Glaube eine Beziehung

Die Jahreslosung macht mir deutlich, dass der Glaube nicht nur ein Vertrauen, sondern auch eine Beziehung ist. Zu Christus. Durch die Taufe bin ich mit ihm verbunden.

Für Martin Luther war das eine wichtige Erkenntnis gewesen. Von ihm hat man sich er-zählt, dass er, wenn er sich entmutigt, unverstanden, angefochten fühlte, die Worte „Ich bin getauft“ mit Kreide auf den Tisch schrieb und sich sogleich getröstet und aufgerichtet gefühlt habe.

Luther hat seine Tauffrömmigkeit einmal so erklärt, dass das Christenleben ist ein beständiges, tägliches „In-die-Taufe-Kriechen“ und dann auch wieder „aus ihr heraus“ ist. Die Betonung liegt auf „täglich“.

Manche Freikirchen machen es sich einfach, wenn sie fordern: Du musst dich „bekehren“ und damit hat sich's. Dann bist du in eine andere Sphäre versetzt. Du bist jetzt im Stand des Glaubens und hast allen Unglauben hinter dich gelassen. Du wirst sehen, dass in deinem Leben die wundervollsten Dinge passieren, weil du mit deinem Glauben so viel erreichen und bewirken kannst.

Evangelisch-Lutherische Kirche sagt dagegen: Glaube ist keine Selbstoptimierung. Glaube hilft das Leben zu bewältigen. Glaube gibt es nur in Verbindung mit Christus. Und du musst dich täglich darum bemühen, dass dir dieser Halt nicht verlorengeht.

 

Taufe ein Dazugehören

Man könnte jetzt meinen, dass die diesjährige Jahreslosung einen sehr scheinfrommen Hintergrund hat, wenn man sie - wie beim ersten Blick auf das Bild - nur auf die beiden Personen reduziert. Also „Ich und mein Jesus“, der mich hält. Mich alleine. Meinen Glauben. Andere Menschen sowie die ganze Welt kommen nicht vor.

Das wäre mir zu wenig. Wer sagt, dass es auf dem Bild ausschließlich um Jesus und den Vater geht? Die beiden Personen könnten auch andere Personen sein. Sie und ich zum Beispiel. Wobei wir einmal die rechte, aber auch die linke Person sein können.

Das angedeutete Kreuz, das zwischen den beiden Personen seine Schnittstelle hat, macht es deutlich. Wo eine / einer den / die andere/ anderen hält, ist Christus lebendig, ist er mitten unter ihnen.

Das angedeutete Kreuz unterteilt das Bild in vier Hälften, in zwei große und zwei kleine.

Das Bild oben links mit der Taufe hatten wir schon. Durch die Taufe sind wir mit Christus verbunden.

Das Bild unten links können Sie sich selbst erschließen. Mir sagt die Häusersiedlung, über der einige dunkle Wolken aufziehen, aber auch die Sonne scheint, dass wir unseren Glauben in der Welt - also an dem Ort, an wir leben - leben sollen.

Das macht doch uns Christen aus. Dass andere uns unsere Hoffnung abspüren. Dass wir die Fähigkeit haben, die Welt mit anderen Augen zu sehen, nicht mit Macht oder Gier oder Besitz, sondern mit Augen, in denen das große Anliegen Gottes nach Frieden deutlich wird, seine unbedingtes Eintreten für Gerechtigkeit und sein Herzenswunsch für die Erhaltung dieses geschundenen und immer weiter geplünderten Planeten.

Die Jahreslosung sagt mir auch, dass es nicht wichtig ist, ob Christen heute noch viele sind oder nicht mehr. Wichtig ist, dass dieser Glaube uns trägt und dass ab und an andere Menschen an uns ablesen können, mit welcher Hoffnung wir weiter und sehen können.

 

Glaube auch ein Rettungsanker

Ob uns das in diesem Jahr gelingen wird? Oder dass wir zumindest dahin kommen, dass der Glaube uns aufrichtet, uns in den Himmel schauen lässt, wie den Vater auf dem Bild?

Vielleicht werden wir uns in diesem Jahr auch von manchen Illusionen verabschieden müssen?

Das Bild zeigt mir, dass der Glaube auch ein Rettungsanker ist, den man gerade dann er-greift, wenn alles zerrinnt. Ich sehe in diesem Bild aber ebenso, wie Jesus den Menschen liebevoll aufrichten möchte und ihm zu erkennen gibt: „Hab keine Angst! Lass dich nicht entmutigen! Vertraue!“

Zu Beginn des neuen Jahres macht mir diese aufrichtende Geste Mut. Es ist, als ob Jesus zu uns spricht: „Ein Jahr liegt vor dir mit vielen Aussichten, mit Möglichkeiten und Begegnungen. Geh mit viel Vertrauen los und schaue gespannt, was dir begegnet! Auch wenn du nicht weißt, welche Wege du im Einzelnen gehen wirst, ich bin bei dir, ich stärke dich.“

Amen.

 

 

Pfarrer

Thomas Volk

Pfarrgasse 12

97340 Marktbreit

thomas.volk@elkb.de