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Markus 9,17-27 - 17. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Gemeinde!

"Ein Dorfbewohner hatte einen Unfall. Seitdem konnte er seine Beine nicht mehr gebrauchen, und er musste sich mit Krücken mühsam fortbewegen. Allmählich brachte er es durch ausdauernde Übungen zu einer großen Fertigkeit; trotz der Krücken konnte er bei jedem Wettlauf mithalten; er konnte sogar tanzen und allerlei Kunststücke vorführen. Er wurde zu einem perfekten Krückengänger.

Eines Tages hatte er die Idee, seinen Kindern den Gebrauch der Krücke beizubringen. Sie lernten schnell, und andere machten es ihnen auf spielerische Weise nach. Nicht lange, und es galt bei allen Leuten im Ort als schick, sich nur mit Krücken mehr oder weniger kunstvoll fortzubewegen. Schließlich gebrauchte keiner mehr seine Beine; sie gingen alle nur noch mit Krücken.

In der dritten Generation konnte im Dorf niemand mehr ohne Krücken gehen. Statt zu laufen, lernten die kleinen Kinder mit Krücken umzugehen, und in der Grundschule des Ortes stand auf dem Lehrplan "Krückenkunde für Anfänger oder für Fortgeschrittene". Es gab in diesem Fach auch Noten. Die Handwerker dieses Ortes waren im ganzen Land berühmt wegen der Qualität, der Funktionalität und der Eleganz der von ihnen hergestellten Geh-Hilfen.

Eines Tages fragte ein junger Mann im Gemeinderat, warum jedermann mit Krücken gehen müsse, wo doch Gott den Menschen Beine zum Laufen gegeben habe? Die Gemeinderäte sagten: "Typisch Jugend!" Aber weil sie dem Jungen eine Lektion erteilen wollten, sagten sie: "Warum zeigst du uns nicht, wie das Laufen mit den Beinen gehen soll?"

"Einverstanden!", sagte der junge Mann. Für den kommenden Sonntag wurde nach dem Gottesdienst eine Demonstration auf dem Rathausplatz vereinbart. Der ganze Ort war zusammengekommen, als der junge Mann mit seinen Krücken in die Mitte des Platzes ging. Als die Kirchturmuhr elfmal geschlagen hatte, stellte sich der junge Mann aufrecht hin und warf seine Krücken weit von sich.

Eine große Stille breitete sich aus. Der junge Mann tat einen Schritt voraus - und fiel platt auf sein Gesicht. Seither war es im Ort jedem klar, dass es unmöglich sei, sich ohne Krücken fortzubewegen, und niemand mehr hat es gewagt, seine Beine zu benutzen" (in: Roland Breitenbach: Sehnsucht, die Leben heißt, S.57-58)

 

Ich frage mich bei dieser Geschichte: Wie konnte es nur dazu kommen? Keiner wagt es mehr, die eigenen Beine zu benutzen. Alle haben Angst, sie könnten hinfallen. Dabei ist es doch das Natürlichste auf der Welt, auf eigenen Beinen zu stehen und ohne Geh-Hilfen zu gehen.

Ein schlimmer Gedanke, sich eines Tages nur noch mit Krücken fortzubewegen - nicht weil man wirklich nicht mehr ohne sie gehen könnte, sondern weil alle es tun und weil alle das Gehen verlernt haben. Ich möchte eigentlich nie dahin kommen, dass ich auf Geh-Hilfen angewiesen bin. Ich will auf eigenen Beinen gehen. Ich möchte auch nicht, dass andere mir irgendwelche Geh-Hilfen verpassen.

 

Vielleicht haben wir ja auch Geh-Hilfen, haben uns etwas angewöhnt, was gar nicht zu uns passt. Oder man hat uns etwas aufgetragen und zu uns gesagt, dass man es nur so und nicht anders machen muss.

Vielleicht hat man uns auch vorgeschrieben, was wir zu denken und zu glauben haben, weil es einfach so üblich ist. Man hat uns in eine bestimmte Rolle hineingesteckt und eingetrichtert bekommen: „So musst musst du es machen und nicht anders!“

Oder wir haben es genügend zu Ohren bekommen: "Das schaffst du nie." "Aus dir wird niemals ein guter Schüler!" "Den Posten bekommst du nie!“ „Dein Spielfeld wird immer schlammig bleiben!“ „So wie du dich bewegst, kann man gar nicht dahin kommen, wo man gerne hin will."

 

Für alle, die mit Geh-Hilfen irgendwelcher Art auskommen müssen, ist die Erzählung Jesu von der Heilung eines kranken Jungen ein anschauliches Bild, ein Gegenbild, wie man wieder mit den eigenen Füßen die eigene Welt erkunden kann.

Ein Vater hat fest daran geglaubt, dass Jesus helfen kann, damit sein Kind wieder auf eigenen Beinen stehen kann. Und Jesus hat ihm geantwortet: "Alle Dinge sind möglich, dem der da glaubt. Dein Kind ist gesund.“ Und das Kind war gesund. Es brauchte niemanden mehr an der Hand.

 

Alle Dinge sind möglich? - Wirklich? Die Frage legt sich nahe, ob man das wirklich so leicht verstehen kann, dass im Glauben alles möglich ist? Kann man wirklich gesund werden von allen möglichen Beschwerden - frei werden von allen den Einschränkungen, die uns auferlegt sind - abgekettet werden von Bestimmungen, durch die wir uns so leicht unterkriegen lassen?

Alles ist möglich? Vielleicht entgegnen Sie: „Ja, damals ist so etwas möglich gewesen. Jesus konnte die Menschen wieder auf ihre eigenen Beine bringen. Aber heute? Wie oft habe ich schon gehofft, gebetet, geglaubt, dass sich etwas verändert, verschiebt, dass etwas heilt, ganz und gesund wird? Aber irgendwie habe ich mich mit allen Einschränkungen abgefunden. Die Bäume wachsen nun Mal nicht in den Himmel. Ich habe mich an das Leben mit Geh-Hilfen gewöhnt und es geht ja eigentlich auch ganz gut damit und bequem ist es meistens ja auch.“

Ich habe diese Geschichte von den Dorfbewohnern, die verlernt haben, mit den eigenen Beinen zu gehen, hinzugenommen, weil sie typisch für uns Menschen ist und weil sie uns zeigt, was wir aus dieser Heilungsgeschichte mitnehmen können.

Es geht nicht darum, dass alles, was uns zu schaffen macht, mit einem Mal weggezaubert werden kann. Das kann auch ein Fläschchen „Jürgen Fliege Essenz“ nicht. Haben Sie es diese Woche gelesen? Der ehemalige Fernsehpfarrer Jürgen Fliege bietet auf seiner Homepage ein besonders Wässerchen an. Es kostet auch nur 39,95 €. Es handelt sich dabei um geweihtes Wasser, dass unserer Seele immer wieder ordnende Informationen gibt, die unseren Geist und Körper immer wieder neu auferstehen lassen."

 

Um unsere Heilungsgeschichte richtig zu verstehen, muss man wissen, dass sie nicht umsonst zwischen zwei Leidensankündigungen steht. Und in dem gesamten 9. Kapitel des Markusevangeliums geht es um Nachfolge, was sagt: Alle, die diesem Jesus Glauben schenken, werden nicht davor bewahrt, dass man auch Schweres im Leben bewältigen muss. Oder dass man an niemals an einen Punkt kommt, an dem man am liebsten nicht mehr aufstehen möchte. Oder so am Boden liegt, weil etwas passiert ist, das keinen Sinn macht und niemand gewollt hat.

„Dein Glaube hat dir geholfen!“ So hat Jesus damals zu dem Vater gesagt, der sich nie mit dem Zustand abgefunden hat, dass sein Sohn nicht laufen kann.

„Dein Glaube hilft dir!“, hilft dir heute, sich nicht mit allem abzufinden, was dich hindert, auf eigenen Beinen zu stehen. Das ist der Ertrag aus der Geschichte.

 

Mit was finden wir uns alles ab? Wie leicht lassen wir uns Geh-Hilfen verpassen. Wie rasch lassen wir uns den Wind aus den Segeln nehmen und trauen uns etwas nicht zu, weil man es uns ausreden will. Wie schnell verkriechen wir uns und sagen lieber nichts, wenn jemand über andere herzieht.

Oder was nehmen wir alles an Nahrung zu uns, angereichert mit unzähligen Zusatzstoffen, deren Zusammensetzung und Folgen wir kaum abschätzen können, aber der Griff ins Regal des Diskounters nun Mal so bequem und auch so billig ist.

Wie lange schauen wir dem Treiben des globalen Finanzsystems und der Bankenwelt zu? Es ist gut, dass gestern in fast 1.000 Städten auf der ganzen Welt Menschen auf die Straßen gegangen sind, um sich mit den US-amerikanischen Kapitalismuskritikern der Wall Street solidarisch zu zeigen und gegen die Macht der Finanzakteure zu demonstrieren.

 

Wir werden heute Morgen nicht die großen Probleme der Welt lösen, aber wir können mit der Verheißung im Gepäck „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!“, mutig in eine neue Woche gehen können. Mit Würde und Möglichkeiten, das Leben zu gestalten. Und mit dem Mut, manches nicht hinzunehmen oder sich mit etwas abzufinden, was uns nicht gut tut. Und vielleicht schaffen wir es auch, dass wir zumindest ein paar Schritte ohne Geh-Hilfen unterwegs sein können.

Denn Jesus, der Christus, möchte es nicht dabei belassen, dass wir fremdbestimmt werden von solchen, die uns Geh-Hilfen aller Art verpassen - die dann wiederum bewirken, dass so mancher Lebensmut schwindet, dass alle Lebenslust wird zum Rinnsal wird, der Körper Mühe macht und das Denken verkümmert.

Deshalb wichtig, dass wir das immer wieder hören. "Alle Dinge sind möglich, dem der da glaubt." Und der Glaube ist - das sagt mir diese Geschichte aus dem Markusevangelium - Lebenswillen der von Gott kommt, Lebensmut aus Gottvertrauen (Traugott Giesen).

Mit anderen Worten: Gott traut dir zu, dass du auf deinen eigenen Beinen gehen kannst. Er traut dir zu, dass du immer wieder auf deinen eigenen Weg kommst. Auch durch Zeiten hindurch, die ungewohnt und mühevoll sind.

 

Ich nehme aus der Geschichte von Jesus und dem Vater mit seinem geheilten Sohn auch mit, dass der Glaube niemals ein Besitz ist, sondern immer eine Erwartung. Oder wie ein Sprung, den man wagt, obwohl man Angst hat zu fallen, weil man es sich nicht vorstellen kann, dass man es schafft

Die Jünger haben damals in der Geschichte über die Macht Jesu gestaunt. Und wir können staunen welcher Lebenswillen uns dabei zukommt. Amen.

 

 

 

Predigt zum 17. Sonntag nach Trinitatis, 16. Oktober 2011, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in Marktsteft und Erlach