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Markus 2,23-28 - 20.Sonntag nach Trinitatis - Predigt in Ochsenfurt

„Für das Leben“

 

Liebe Gemeinde!

„Die, die sich an die Regeln halten,

müssen sich an immer mehr Regeln halten,

weil die, die sich nicht an die Regeln halten,

von immer mehr Regeln genervt sind,

und sich erst recht nicht daran halten.“

 

Übertriebene Regeln?

Die Zeilen haben ich in diesen Tagen auf Twitter gelesen. Sie sprechen das aus, was viele im Moment denken. Die Regeln rund um die Corona-Pandemie, die vergangene Woche wieder verschärft wurden, nerven, auch wenn sie uner-lässlich sind. Die Corona Ampel bestimmt unser Leben. Sperr-stunde zu einer festgelegten Uhrzeit. Mundschutz in der Schule. Und wir müssen ihn heute Morgen auch wieder beim Singen auflassen. Berechtigt oder übertrieben? Darüber zerbrechen sich viele den Kopf. Das ist immer so bei Geboten und Regeln. Sind Sie sinnvoll? Sind sie hilfreich? Bewahren Sie das Leben? Oder sind sie einfach nur da, um die Menschen zu ärgern?

Und wie ist es mit den Geboten im christlichen Glauben? Es gibt ja nicht nur die 10 Gebote, die über unsere Religion hinaus bekannt sind. Darüber findet man in der Bibel auch viele Weisungen, wie man sich verhalten soll, was man tun oder unterlassen muss. Und die Kirchen haben darüber hinaus im Laufe der Jahrhunderte noch unzählige weitere Bestimmungen erlassen, so dass viele Menschen den christlichen Glauben als eine Religion in Verbindung bringen, die nur aus Verboten besteht.

 

Eine Geschichte, die aus dem Rahmen fällt

Ich bin froh, dass es diese Geschichte gibt, die heute im Mittel-punkt steht und diese weitläufige Ansicht korrigiert. Auch wenn uns diese Geschichte in eine vergangene Zeit - in das Judentum vor 2000 Jahren - führt, sagt sie etwas so Wichtiges über den christlichen Glauben aus. Hören Sie aus dem Markus-evangelium, dem 2.Kapitel, die Verse 23-28:

23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen.

24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?

25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren:

26 wie er ging in das Haus Gottes zurzeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?

27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.

28 So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.

 

Unerlaubte Handlung oder nicht?

Die große Frage, die sich an dieser Geschichte entzündet hat, ist diese: Haben die Jünger Jesu eine unerlaubte Handlung begangen, weil sie am Sabbat, dem großen Feiertag des Judentums etwas getan haben, was keinesfalls hätte getan werden dürfen. Ähren aus einem Kornfeld abreißen ist eine unerlaubte Tat, nämlich eine Erntearbeit. Und das ist untersagt. Vielleicht konnte man ihnen auch vorhalten, dass sie mehr als die am Sabbat erlaubten 2000 Schritte gelaufen sind [nämlich hinaus zu dem Feld] und damit die Sabbatruhe ebenfalls gebrochen haben.

Oder haben Sie nicht einfach eine notwendige Tat begangen, weil sie einfach Hunger hatten und so Abhilfe geschaffen haben.

In dieser Erzählung geht es eigentlich nicht um einige Weizenkörner, sondern um viel mehr. Zum Sabbat müssen Sie wissen, dass er in der babylonischen Gefangenschaft etwa 587 vor Christus festgelegt wurde. Damals haben sich die Israeliten in der Ferne Gedanken gemacht, was eigentlich die Grundlagen ihres Glaubens sind. Es entsteht das Schöpfungslied, mit den sieben Strophen, dass wir alle kennen. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde … . Und am siebten Tag ruhte Gott… . Und in der Auseinandersetzung mit den babylonischen Schöpfungsvorstellungen haben sie dann auch den Sabbat. Festgelegt. Er sollte ein Tag sein, der dem Menschen von Gott geschenkt ist.

In der Nachahmung des ersten Ruhetages, den Gott selbst hält, soll auch der Mensch ruhen. Sozusagen eine Nachahmen Gottes. Und hätte die Juden diesen Ruhetag nicht erfunden, dann gäbe es ihn heute vermutlich gar nicht.

Die Juden wollten auf alle Fälle dieses wunderbare Gebot nicht übertreten: Offensichtlich aus Scheu, das Sabbatgebot zu über-treten, hat man in immer neuen Einzelentscheidungen zwischen erlaubten und unerlaubten Tätigkeiten am Sabbat unter-schieden. Zurzeit Jesu hat es eine ganze Liste von Bestimmun-gen gegeben, was getan werden durfte und was auf alle Fälle unterlassen werden sollte.Das Abpflücken der Ähren ist zur verbotenen Handlung erklärt worden, weil man es als eine Erntetätigkeit angesehen hat. Und jede Form von Arbeit ist an diesem Ruhetag untersagt. Und man kann sogar weitergehen und sagen: Vielleicht haben die Jünger ja nicht nur geerntet, sondern auch noch gekocht, wenn sie die Ähren mitgenommen und im nächsten Dorf Brot gebacken haben. Eine doppelte Überschreitung.

 

Im Mittelpunkt steht der Mensch

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir wird immer schwindelig, wenn ich eine Vielzahl von Bestimmungen vor mir habe und von mir verlangt wird, dass ich sie nicht nur kenne und um-setze, sondern auch selbst einhalte: Ob neue Corona Regeln für Gottesdienste oder Kindergarten oder besondere Beschlüs-se im Kirchenvorstand, - in der dicken Rechtssammlung der evangelischen Kirche in Bayern muss ich erst einmal suchen und finden.

Um auf den Sonntag zu kommen: Mir wäre auch unwohl, wenn ich für diesen Tag ein großes Regelwerk vorgelegt bekäme mit Dingen, die ich tun darf und unterlassen muss.

Ich bin froh, dass ich aus dieser Erzählung herauslese, dass sich Jesus von dieser Sichtweise abgegrenzt und entgegnet hat: So ist es nicht gedacht. Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen (V.28). Der Mensch hat Vorrang gegenüber allen

Bestimmungen, die es gibt. Seine wirklichen Bedürfnisse sind wichtiger als alle Regelwerke, die einmal am grünen Tisch oder fernab von jeder menschlichen Wirklichkeit entstanden sind.

Jesus nimmt den berühmtesten aller jüdischen Könige, David, als Beispiel. Er ist einmal vor lauter Hunger in ein Heiligtum eingedrungen und hat dort aus Hunger mit seinen Soldaten Brote gegessen, die ausschließlich dem Priester vorbehalten waren (vgl. V.25-26).

 

Die Frage nach dem Gottesbild

Auf alle Fälle ist diese Episode vom „Ährenraufen am Sabbat“ viel mehr als eine kleine Begebenheit von damals. Sie ist für mich der der Auslöser einer viel grundsätzlicheren Frage ist, die für Christen heute auch noch wichtig ist, nämlich: „Welches Bild habe ich von Gott?“

Sehe ich Gott so, als jemanden, der genau auf die Einhaltung seiner Gebote bedacht ist, der genau hinsieht, festhält und notiert, was seine Menschen wieder nicht geschafft haben oder woran sie erneut gescheitert sind. Wie wenn ich beim Autofahren einen Polizeiwagen erblicke und mich unwillkürlich mit der rechten Hand vergewissere ob ich auch ja angeschnallt bin.

Oder sehe ich Gott so, als einen, dessen großer Wunsch es ist, dass ich gut durch mein mühevolles Leben hindurch komme, ihn fest an meiner Seite weiß, auch dann, wenn ich manche Dinge wieder nicht auf die Reihe gebracht habe oder wenn zwischen meinem Wollen und meinem tatsächlichen Tun wie-der ein himmelweiter Unterschied gewesen ist?

 

Befreiung aus allem Zwanghaften

Was Jesus seinen Jüngern damals erlaubt hat und heute noch gilt, ist die Befreiung aus allem, was Menschen gefangen hält. Und manche Bestimmungen, wie zum Beispiel genaue Regeln, was man am Sabbat tun darf, sind solche, vor allem, wenn manche Personen sie eigentlich einhalten können.

Stellen Sie sich vor: Jesus und seine Jünger konnten dieses „Sabbatgebot“ vom „Nicht Ernten Dürfen“ an diesem Tag gar nicht einhalten, weil er mit seinen Jüngern unterwegs war und er während dieser Wanderzeit einfach kein festes Hause hatte. Er konnte auch nicht vorkochen und das Essen am Festtag mal eben kurz aufbereiten. Das konnten nur die, die ein Dach über dem Kopf hatten.

Deshalb gefällt mir an dieser Geschichte so gut, dass Jesus die alten Ordnungen in Frage stellt und fragt: Welche Regeln sind sinnvoll? Für einen selbst? Für alle Menschen?

Ich finde es einfach gut, dass Jesus zu einem aufrechten Gehen ermutigt. Zu einer Würde verhilft, die durch nichts eingeschränkt werden kann. Aus Loslösen von Zwängen, die einen binden können.

 

Menschen dürfen wachsen

Ich bin nicht Pfarrer geworden, weil es so viele religiöse Vorschriften gibt, die ich anderen dann vorhalten kann, damit diese sie auch tun. Ich bin Pfarrer geworden, weil mir mein Glaube etwas Wichtiges mitgibt: Gott hat dich ins Leben gerufen, dass etwas in dir wachsen kann. Jesus hat das mit dem „Reich Gottes“ umschrieben. Durch dich soll die Welt, wie Gott sie für die Menschen gedacht hat, Wirklichkeit werden. Durch dich sollen Menschen ermutigt und aufgebaut werden, sollen Menschen im Frieden miteinander leben können.

Wachsen kann man aber nur dann, wenn man in dieser einen Frage Gewissheit hat: Ich weiß Gott an meiner Seite. Er traut mir etwas zu. Und wenn ich dieses oder jene Gebot nicht eingehalten habe, dann spüre ich dennoch das Vertrauen, dass Gottes Zuwendung völlig unabhängig von jeglichem Gelingen oder Nichtgelingen ist.

 

Und die Gebote?

Gott traut mir auch zu, dass ich den Sonntag so verstehe, wie er gemeint ist: Als Tag der Erholung, der Ruhe, des Runterkommens, des „Nicht ständig auf die Uhr schauen“ müssen.

Ob das schon wieder ein Gebot ist, den Sonntag oder jeden an-deren freien Tag als einen besonderen zu sehen, entscheiden Sie selbst. Auf alle Fälle gehört das zu unserem Glauben dazu, das wir uns Gedanken machen. Über das eigene Leben. Über das Zusammenleben mit anderen. Über den Sonntag. Über Corona Regeln. Über die Zukunft unserer Welt.

Und weil wir ja nie alleine sind, wollen wir so leben, dass unsere Freiheit nicht die der anderen einschränkt. Deshalb lassen wir uns auch Corona Regeln gefallen, weil sie gerade die schützen, die diesen Schutz brauchen.

Es ist ja schlimm, was wir gerade erleben, dass es einige gibt, die sich einige an keine Abstandsregeln halten oder die sogar den Staat und seine Gesetze nicht anerkennen. Und viele andere müssen darunter leiden.

Wer meint, dass man überhaupt keine Gebote mehr braucht, liegt also genauso falsch wie die, die meinen, dass der christliche Glaube nur eine Anhäufung von peniblen Einhaltung Vorschriften ist.

Deshalb ist es gut, wenn möglichst viele auf diesem Mittelweg weitergehen. Diejenigen, die wissen und auch immer wieder spüren: Ich bin bei Gott geachtet. Und darüber sich gerne bemühen: „Ich tue das, was mir möglich ist. Ich mache es gerne. Und ich zweifle nicht an mir, wenn mir etwas einmal daneben geht.

Und die Weite Gottes, die umfassender und höher und umfang-reicher ist als alles was uns in seinen Bann ziehen will, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.