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Markus 16,9-20 - Es geht gut aus - Quasimodogenitit

"Ende gut, alles gut!" so heißt eine geläufige Redewendung. Bei glücklichem Ausgang einer Sache sind die vorausgegangenen Schwierigkeiten nicht mehr wichtig.

 

Ende gut, alles gut!

Manchmal dachte ich, wir werden nie fertig mit der Renovierung, aber jetzt ist es geschafft. Gut, dass wir durchgehalten haben.

Ich habe befürchtet, nie mehr gesund zu werden. Aber jetzt ist wieder alles gut. Vorbei die schlimmen Befürchtungen und die quälende Ungewissheit.

Ich habe schon gar nicht mehr damit gerechnet, die Ausbildung zu Ende zu bringen. Aber nun sind alle Mühen so gut wie vergessen. Alle Anstrengungen erscheinen in einem anderen Licht.

 

Ende gut, alles gut! Gut, wer das so nachsprechen kann.

Denn dort, wo kein gutes Ende ist, bleibt ein bitterer Beigeschmack zurück: Es bleibt der Eindruck, dass viele Mühen doch umsonst waren, dass man es doch gleich gewusst hat, dass das nichts mehr wird, und dass man viel Vertrauen in das Leben verloren hat.

Manchmal wünscht man es sich sehnlichst: Wenn es doch nur möglich wäre, einer Geschichte ein anderes Ende zu geben. Ein Ende ohne den Schmerz, den man gespürt hat. Ohne die Tränen, die man geweint hat. Ohne die Schuld, die man aufgeladen hat. Wenn man die Zeit einfach ein Stück zurückdrehen könnte und alles anders ist. Wenn das möglich wäre!

 

"Ende gut, alles gut!" Das soll auch für ein biblisches Buch gelten, das ursprünglich kein gutes Ende hatte.

Das Markusevangelium hörte ursprünglich mit einer Geschichte auf, die wahrlich kein gutes Ende hatte, sondern nur Furcht und Zittern hinterließ.

Dieses Evangelium endete einst mit dem Gang der drei Frauen am Ostermorgen zum leeren Grab. Eine bekannte Geschichte, die am Ostersonntag verlesen wird.

Der Sabbat ist vorüber. Drei Frauen haben sich am Ostermorgen in aller Frühe auf den Weg gemacht, um dem Toten eine letzte Ehre zu erweisen. Doch was sie finden, widerspricht all ihren Erwartungen. Jesus ist nicht da. Der Platz, an dem er liegen sollte, ist leer. Sie sind erschrocken. Und die Botschaft, die sie hören, verstört sie noch viel mehr. Jesus: auferstanden? Der Tod: besiegt? Unfassbar. Ein leeres Grab. Unendlich viel haben sie mit diesem Tod verloren. Und nun wird ihnen auch noch dieser letzte Ort genommen. Der Ort, den sie für ihre Trauer brauchen; der Raum für ihren Schmerz, ihre Tränen, ihre Traurigkeit. Wenn es doch möglich wäre, dieser Geschichte ein anderes Ende zu geben!

Und dann heißt es am Schluß so: "Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemanden etwas, denn sie fürchteten sich" (Markus 16,8).

Wo Zittern und Entsetzen ist, da trifft es einfach nicht zu: Ende gut, alles gut.

Außerdem: Ist das ein Schluss für ein Evangelium? Kann so eine "frohe Botschaft" - und das heißt ja "Evangelium" - aufhören? Nein, hat ungefähr 50 Jahre nach der Entstehung des Markusevangeliums ein Anderer gesagt. Er hat dem Markusevangelium ein anderes Ende gegeben.

Bis heute steht es in der Bibel im Anschluss an die Ereignisse vom Ostermorgen am leeren Grab. Ich lese aus dem 16.Kapitel die Verse 9-20:

9Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte. 10Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. 11Und als diese hörten, dass er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht. 12Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen. b 13Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht.


14Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen. 15Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. b 16Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. 17Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: in meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden, 18Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird's ihnen nicht schaden; auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird's besser mit ihnen werden.


19Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes. 20Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.

Nun stimmt es wirklich: "Ende gut, alles gut!" Mit Jesu Leben, mit seiner Botschaft und mit den Menschen, die sich an ihm festgemacht haben.

Wie eine Zusammenfassung klingen diese Worte. Wie es weitergegangen nach Ostern.

Und nach alledem, was die Theologie heute weiß, war es nicht mehr Markus selbst, der diese Worte aufgeschrieben hat. Ein Späterer hat der Geschichte des Markus ein anderes Ende gegeben.

Das weiß man, weil diese Verse in den ältesten Handschriften des Markusevangeliums fehlen.

Außerdem muss diese Person bereits die anderen Evangelien gekannt haben. Wenn es heißt:  „Jesus offenbarte sich in anderer Gestalt zweien von ihnen, als sie unterwegs waren“ höre ich Lukas darin, wie er von den beiden Jüngern erzählt, die auf dem Weg nach Emmaus waren und denen Jesus begegnet ist.

Und wenn er schreibt: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur“, dann hat er das Matthäusevangelium im Blick, wenn dort steht: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“

 

Wie wichtig ist doch, wenn wir erleben, dass es gut geworden ist, auch bei uns. Und dass man nicht mit Furcht und mit Zittern dasteht und auf wichtige Fragen in diesem Leben niemals eine Antwort bekommt.

Wie das ältere Ehepaar, das sich jahrelang auf den Ruhestand gefreut hat. Viele Pläne haben sie geschmiedet, was sie jetzt alles unternehmen wollen. Endlich ist auch - anders als in früheren Jahren - genügend Geld da, um sich manches leisten zu können. Er geht zu einer Routine-Untersuchung. Die Diagnose: Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Niemand hatte mit so etwas gerechnet. Wie es ausgehen wird, ist offen. Schwer zu ertragen für ihn und für seine Frau.

Da ist ein anderes Paar, dessen Beziehung in die Brüche gegangen ist. Alles haben die beiden versucht. Doch am Ende der Eheberatung müssen sie beide erkennen: Es geht nicht mehr miteinander. Und das Haus muss man auch verkaufen. Ein Happyend gibt es nicht.

Da sind die Eltern, die dem Sohn den Mercedes ausgeliehen haben. Zwei Wochen nach dem bestandenen Führerschein. Die rasante Beschleunigung war zu ungewohnt. Keine Kontrolle über die tatsächliche Geschwindigkeit. Ein viel zu junges Leben voller Pläne und Ideen geht viel zu früh zu Ende. Was dort geschehen ist, ist der schroffste Gegensatz von einem "guten Ende". Ein ganz und gar sinnloses Ende, das nur Entsetzen, Wut und Klagen zurücklässt - und viele offene Fragen und keine Antworten - jedenfalls nicht solche, die zufriedenstellen.

Das kann es geben, dass man kein gutes Ende vor Augen hat. Es ist hart, mit offenen Fragen - und damit auch mit einem offenen Ende - zu leben, zeitlebens - und mit Wunden, die immer wieder aufplatzen können. Und es ist schlimm, wenn es Menschen gibt, die sagen: Ich glaube nicht mehr an ein gutes Ende. Viel zu viel ist schon passiert. Viel zu viel habe ich schon mitmachen müssen.

 

Man kann niemanden mit Appellen überreden, dass man doch einfach an das gute Ende glauben soll. Und wer schon einmal mit solchen Appellen überschüttet wurde, weiß, dass solche Appelle nicht nur platt klingen, sondern auch an der momentanen Lebenswirklichkeit völlig vorbeigehen.

Man kann es nur für sich sagen: Es ist gut ausgegangen. Es ist doch anders gekommen. Ich konnte mich wieder freuen. Furcht und Zittern sind verschwunden.

 

Viele Jahre ist das Evangelium des Markus als solch eine Geschichte erzählt worden, die mit Furcht und Zittern endet. Doch dann hat die Person, von der unser Abschnitt stammt, erkannt: Dieser Schluss stimmt so nicht mehr.

Und er gibt dem Evangelium ein neues Ende. Eines, das von Glauben und Hoffnung erzählt.

Kurze Sätze sind es, mit denen hier erzählt wird, wie es gut geworden ist.

"Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen" (V.20), so endet das Markusevangelium nun. Und er schreibt von der Heilung psychischer Schäden, vom Verstehen von fremden und ganz anderen Menschen - vom über sich Hinaus wachsen und vom Heilen von Kranken (Vgl. V.17-18).

 

Es ist doch gut ausgegangen. Mit Jesus, der nun wirklich der Christus ist.

Es ist auch mit mir wieder gut geworden. Ich habe seine Worte neu gehört! Ich habe ihn an meiner Seite gespürt. Ich habe neuen Rückenwind bekommen, als ob er neben mir, hinter mitgehen würde und mich hält. Ich habe gemerkt, dass mir neue Kräfte zuwachsen, die stärker sind, als alle Furcht und als alles Hoffnungslose, mit dem ich wie lebendig eingegraben war. Ich konnte mein Leben wieder neu sortieren und ausrichten.

 

Dieser nachträgliche Schluss des Markusevangeliums macht mir deutlich: Es gibt es, das gute Ende. Neben allem, was im Leben unvollständig und bruchstückhaft ist und bleibt und vielleicht auch immer bleiben wird.

Ostern gibt mir Hoffnung, dass nicht Furcht und Zittern im Leben nicht die Überhand behalten werden. Ostern schenkt Mut, darauf zu vertrauen, dass es gut ausgehen wird, auch bei Uns.

Und auch wenn jemand viel zu früh von uns geht, dann kann ich einfach nicht glauben, dass dies alles gewesen sein soll. Ich glaube daran, dass Gott mit einem Leben, das hier in dieser Welt unfertig und bruchstückhaft geblieben ist, ein gutes Ende herbeiführen kann, ein Leben in und mit Gottes Frieden.

 

Deshalb auch für sich Überlegen: Wo habe ich es bislang gespürt und erlebt, dass es gut geworden ist, dass Gott eine schwere Zeit gewendet hat? Wo sind mir neue Kräfte zugewachsen, mit denen ich gar nicht mehr gerechnet habe?

Und dieses Grundvertrauen mitnehmen, für Späteres, für Größeres und Höheres.

Gott ist da. Seine Liebe trägt. Durch alle Zeiten hindurch. Auch durch Ereignisse, die für uns mit Furcht und Zittern geendet haben.

Gott möchte, dass schließlich alles gut wird - mit der Welt und mit unserem Leben.

Amen.

 

Predigt zu Quasimodogeniti, 15. April 2007, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in St. Nikolai