Predigtansicht

Markus 10,2-9 - Liebe lebt vom Vorschuass an Vertrauen - 20. Sonntag nach Trinitatis

 

Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit.

Er antwortete aber und sprach zu ihnen: „Was hat euch Mose geboten?“

Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden.

Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben;

aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau.

Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen,

und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.

Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.

 

Liebe Gemeinde,

Vor kurzem erst ist sie hierher ins Wohnheim gezogen. Zu ihrem 80. Geburtstag habe ich sie kennengelernt. Nach den ersten Sätzen, die wir gewechselt haben, fing sie an zu erzählen, was ihr seit Jahrzehnten zu schaffen macht und was sie auch heute an ihrem besonderen Festtag nicht so ohne weiteres ablegen kann.

Damals in den 60er Jahren hatte es großes Aufsehen in der Kleinstadt gegeben. Sie waren eine angesehene Familie. Bekannt und geachtet. Und dann ließ sie sich von ihrem Mann scheiden.

Seither quält sie diese Frage: Habe ich mich schuldig gemacht? Habe ich die Ehe gebrochen? Hätte ich nicht bei meinem Mann bleiben müssen, auch wenn er mich betrogen hat und es alle gewusst haben. Ich habe doch vor dem Altar gesagt: Bis der Tod uns scheidet. War ich zu vorschnell? Zu hartherzig? Muss Liebe nicht alles aushalten?

 

Dass es auch das ganz Andere gibt, habe ich an einem jungen Paar gesehen, das ich vor einiger Zeit getraut habe. Ein gutes Jahr haben sie sich gekannt. Für beide ist es die große Liebe gewesen. Und weil beide beruflich unter der Woche meist unterwegs waren, haben sie sich auf jedes Wochenende gefreut. Deshalb wollten sie, um richtig Zeit füreinander zu haben, als Hochzeitsreise auch unbedingt eine Kreuzfahrt machen.

Einige Wochen nach der Trauung treffe ich ihn in der Stadt und frage voller Erwartung, wie die Flitterwochen waren. Er entgegnete nüchtern: „Wir haben uns getrennt. Noch auf dem Schiff. Nach genau 11 Tagen. Als wir das erste Mal überhaupt so lange zusammen waren, auf engstem Raum, da haben wir gemerkt, dass wir doch nicht zusammenpassen. Wir sind einfach zu unterschiedlich.“

Mal abgesehen davon, dass es für manche jungen Menschen heute wirklich schwierig ist, aus beruflichen Gründen einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Jeder Mantelsonntag, jeder Schichtdienst, jede geforderte berufliche Flexibilität dient nicht gerade dazu, dass junge Menschen die Zeit füreinander bekommen, die man braucht, um guten Gewissens sagen zu können: Das, was wir voneinander wissen, reicht uns aus, um die Lebensreise für alle Zeiten gemeinsam angehen zu wollen - aber dass man so schnell auseinandergeht, nach nicht einmal zwei Wochen nach der Hochzeit?

 

Trennung und Scheidung gehören heute zum Alltag. Die meisten von uns haben sich an hohe Scheidungszahlen gewöhnt. Jede zweite bis dritte Ehe wird in Deutschland geschieden.

Und auch wenn die Geschichte meiner beiden Trauleute, die nicht einmal ihre Flitterwochen miteinander ausgehalten haben, leichtfertig klingt, spüre ich, dass es keine leichte Scheidung gibt. Zumindest bei einem von beiden bleibt immer etwas zurück: Verlorengegangene Träume von einer Zukunft, die man sich in bunten Farben ausgemalt hat. Oder tiefe Verletzungen, weil man - oder Frau - merkt: Ich bin es doch nicht wert gewesen. Ich bin nicht gut genug, nicht genügend attraktiv.

Ganz zu schweigen von den vielen Mühen, die man umsonst aufgewendet hat. Aussprachen und Klärungen, die scheinbar nichts genutzt haben. Und dann diese schlaflosen und durchweinten Nächten und bei manchen auch die langen Gesprächen mit der Beratungsstelle.

 

Scheidungen gehören zur heutigen Wirklichkeit dazu, ob wir es gutheißen oder nicht.

Bei Goldenen oder Diamantenen Hochzeiten höre ich von Jubelpaaren immer wieder diesen Satz: „Was meinen Sie, wenn wir damals so schnell aufgegeben hätten. Glauben Sie, wir hätten früher keine Gründe gehabt, uns zu trennen? Wir sind froh, dass wir es nicht getan haben und heute sind wir dankbar, dass wir es miteinander ausgehalten haben.“

Als Christen stehen wir in dieser Tradition, die klar besagt: Die Ehe ist als lebenslange Gemeinschaft von Mann und Frau gedacht. Man soll sie nicht brechen. Das macht es all denen nicht leicht, die sich das vorgenommen, aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht geschafft haben, wie die 80jährige Jubilarin aus dem Wohnheim. Bis heute empfindet sie wie viele andere das als einen großen dunklen Punkt in ihrer Lebensgeschichte.

 

Aber nicht nur heute gehören Scheidungen zur Tagesordnung, sondern sind auch schon zurzeit des Neuen Testaments üblich gewesen.

Im damaligen Judentum war es möglich, nahezu jede Ehe legal zu lösen, zumindest von Seiten des Mannes.

Das Judentum kannte eine Vielzahl von Regelungen, wann ein Mann einen „Scheidebrief“ (V.4) ausstellen konnte. Die Gründe für eine Scheidung mussten nicht mal gewichtig sein. Jüdische Rechtstexte sagen: Wenn ein Mann „etwas Schandbares“ an seiner Frau fand, konnte er sie wegschicken. Was „schandbar“ war, darüber stritten sich die jüdischen Schulen damals: Es konnte entweder eine schlimme Tat wie ein heimliches Treffen mit dem Nachbarn sein aber auch schon das Anbrennen einer Suppe gehörte dazu. Ganz egal um was es ging: Wer seine Frau loswerden wollte, fand auch immer einen passenden Grund dafür.

Wissen muss man dabei auch: Die Ehe damals ist etwas ganz anderes gewesen als bei uns heute. Die Ehe war ein Eigentumsverhältnis. Die Frau war Eigentum des Mannes wie ein Haus oder ein Stück Vieh. Wer eine verheiratete Frau verführte, beging ein Eigentumsdelikt. Wenn ein verheirateter Mann dagegen mit einer unverheirateten Frau schlief, beging er keinen Ehebruch, denn er tastete kein fremdes Eigentum an.

 

Diese Rechtsverhältnisse - die uns heute völlig fremd sind - bilden den Hintergrund zum heutigen Schriftwort. Die Pharisäer wollen Jesus eine Falle stellen. Weil Ehescheidung im Gesetz vorgesehen ist, soll Jesus zum Widerspruch gegen das Gesetz herausgefordert werden.

Denn die Pharisäer wissen als gesetzeskundige Menschen auch, was Gott am Anfang der Bibel bei der Erschaffung des Menschen gesagt hat: Frau und Mann sind füreinander geschaffen. Sie sind ein „Fleisch“, ein Ganzes. Würde man die Frau wegschicken, so wäre es, als würde man eine Person zerteilen. Man wäre gar nicht mehr lebensfähig, weil ein Teil fehlt.

Wie würde sich Jesus entscheiden? Für die gängigen Rechtsbestimmungen? Oder für die Sichtweise, die Gott schon von Anfang an für die Menschen gedacht hat? Und wie könnte man ihn belangen, weil er sich bei einer Antwort dafür immer auch gegen die andere entscheidet.

 

Jesus fragt die Pharisäer zurück: „Was hat euch Mose geboten?“ Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. Jesus aber sprach zu ihnen: „Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben“ (V.3b-5).

Aus der Antwort Jesus lese ich heraus, dass Mose Scheidungen genau genommen auch nicht erlaubt hat, sondern von der Realität ausgeht. „Um eures Herzens Härte willen“ habe Mose dies geschrieben. Aber auch nur deshalb, weil er die Trennung lieber erlaubte als die Möglichkeit, dass die ungeliebte Frau in Gefahr lief, getötet oder vergiftet zu werden oder ein erbärmliches Leben führen zu müssen, nachdem eine andere, die reicher, schöner oder jünger ist, auf den Plan getreten war.

 

Die abschließenden Worte: „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ (V.9), waren damals vor allem an Männer gerichtet.

Heute gehören diese Worte zur kirchlichen Trauung. In der evangelischen Kirche werden sie einem Brautpaar mitgegeben. Zusammen mit dem Segen sagen sie aus:

·         Gott gibt euch seinen Segen und ihr dürft darauf bauen, dass Gott, noch viel mit euch vor hat.

·         Gott will euren gemeinsamen Lebensweg in immer neue, noch festere Bahnen lenken, gerade dann, wenn das erste Verliebtsein vorbei ist.

·         Gott möchte, dass ihr erfahrt und spürt: Unsere Liebe nutzt sich nicht ab. Sie wird immer reicher. Sie kann immer neue Formen annehmen. Ob Zärtlichkeit oder Zuneigung, Trost oder Verständnis, Geduld oder Geborgenheit.

Die Worte, dass der Mensch nicht trennen soll, was Gott zusammengefügt hat, verstehe ich nicht als Drohung, nicht als Mahnung mit erhobenem Zeigefinger, sondern als eine Verheißung: Mit Gott an deiner, an eurer Seite kann es gut werden und bleiben.

 

Zugleich ist es aber auch eine Aufforderung: Übernimm Verantwortung in deiner Ehe, in deiner Beziehung! Lauf nicht gleich weg, wenn dir was nicht passt! Spreche es an! Verrenne dich nicht, nur weil du jemanden kennengelernt hast und bei ihr oder ihm manches entdeckst, was du in deiner Ehe gerade vergeblich suchst. Entdecke die Möglichkeiten, die Gott euch mitgegeben hat!  Aber bekenne dich zu deiner Frau, deinem Mann!

Ich finde es bewundernswert wie sich in diesen Tagen der katholische Hammelburger Pfarrer Michael Sell zu seiner Frau und dem gemeinsamen Kind bekannt hat, allen Vorschriften und Bestimmungen seiner Kirche zum Trotz. Er hat damit auf seine Weise diese Worte Jesu „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ ausgelegt.

 

Das andere kommt häufig genug vor: Einer von beiden Eheleuten will keine Verantwortung mehr übernehmen. Wenn die einen aussteigen, sich nicht mehr an gemeinsame  Vereinbarungen halten, das miteinander Reden verweigern, neue Beziehungen ausleben, gewalttätig werden, dann müssen die anderen so viel Verantwortung für sich selbst übernehmen und sich schützen, weil man sich sonst aufzehrt, an den Verletzungen zerbricht, aller Lebenswille und weil alles Zutrauen in andere Menschen absterben kann.

Es gibt in einer Ehe auch einen Punkt, eine Grenze, an der man sagen muss: Ich lasse nicht alles mit mir gefallen. Es geht auch um mich, um meine Würde. Und deshalb ist es manchmal unausweichlich, einen Strich zu ziehen und zu sagen: „So geht es nicht mehr weiter.“

Die 80jährige Frau, die ich besucht habe, hat ihn vor vielen Jahren ihre Konsequenzen  gezogen. Ich habe ihr auch gesagt, dass nach meiner Meinung dieser Schritt richtig war. Denn es kann nicht im Sinne von Jesus sein, in einer Ehe oder in einer Partnerschaft die Würde des anderen mit Füßen zu treten.

 

Natürlich soll der Mensch nicht trennen was Gott als Einheit gedacht hat. Aber wenn man unterscheidet zwischen dem Recht, das ein Mann hat und dem Recht einer Frau, oder dass es zweierlei Moral gibt, dann ist das etwas völlig anderes, als das, was Jesus mit den Worten: „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ gemeint hat.

Natürlich: Liebe, egal welcher Art, kann man nicht regeln, in Vorschriften pressen, in Verträgen festhalten. Denn Liebe lebt immer von dem Vorschuss an Zutrauen, dass Gott mir entgegenbringt und wartet darauf, dass wir wie ein Sieb sind, das durchlässig ist für alles Gute und Schöne.

Und die Liebe Gottes, die sich nicht in Formeln und Gesetze fassen lässt, sondern immer größer und umfassender ist, als wir begreifen können, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Predigt zum 20. Sonntag nach Trinitatis, 25.10. 2009, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in Marktbreit