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Man sieht nur mit dem Herzen gut - 1.Samuel 16,7 - Konfirmation

Der Friede, der von Gott kommt
und der Menschen zueinander führt,
möge in unseren Herzen ankommen.

Amen.

 

Liebe Festgemeinde,
liebe Eltern und Paten,
liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Wir als Kirchengemeinde haben etwas mitgebracht, das deutlich macht, worin das Besondere des heutigen Tages besteht. Es hängt groß über dem Altar und ist nicht zu übersehen. Es ist dieses Herz. Was es damit auf sich hat? Ich möchte es euch und Ihnen allen erzählen.

Es steht als erstes für unsere zu Ende gegangene Konfirmandenzeit: für unsere Konfi-Stunden, für all das, was wir außerdem noch zusammen erlebt haben: Filmabende im Gemeindehaus, die Fahrt nach Nürnberg und vieles mehr. Damit steht dieses Herz sozusagen für Euch. Ihr seid mir ans Herz gewachsen.

Das mag jetzt vielleicht kitschig klingen, aber ich werde euch vermissen, nicht nur am Mittwochnachmittag. Mir werden eure tollen Gedanken fehlen, die ihr euch um Gott und die Welt macht, eure Leichtigkeit, mit der Ihr scheinbar alles meistern könnt, sowie euer herzliches Lachen, mit der Ihr Eure ganze Welt gewinnt.

Deshalb freue ich mich sehr, dass viele von euch auf unsere große Jugendfreizeit in den Sommerferien auf die tolle Insel Sylt mitfahren, weil ich total gespannt bin, wie es mit euch weitergeht und was aus euch allen einmal werden wird.

 

Auch wenn Konfirmation „festmachen“ bedeutet, möchte ich Euch alles andere als festhalten.

Das wird uns, liebe Eltern, am heutigen Tag besonders bewusst, dass unsere Jugendlichen nicht mehr die Kleinen sind, an denen wir uns festmachen, die wir fest an uns binden wollen und die immer das machen sollen, was wir für richtig halten.

An Ihrer schicken Kleidung wird uns allen bewusst, dass sie schon bald immer noch mehr ihre eigenen Wege gehen und sich in ihr ganz eigenes Leben aufmachen. Und wir müssen einfach lernen, dass wir - wenn wir wirklich ein Herz für unsere Jugendlichen haben - mehr in den Hintergrund treten. Wir müssen ihnen einfach zutrauen, dass sie immer mehr Verantwortung übernehmen können und auch sollen. Und wir müssen Vertrauen entwickeln, dass auch andere da sind, die ein Herz für sie haben.

 

Wie es uns auch immer mit dem Loslassen können und loslassen müssen gerade geht, - dieser Tag will uns alle darin bekräftigen, dass jemand anderes ein wirklich großes Herz für Euch hat. Es ist Gott. Dieses Herz hier steht auch für ihn, dessen großer Herzenswunsch es ist, dass Ihr Euren ganz eigenen Lebensweg entdecken und dann auch gehen könnt.

Von Gott, der ein Herz für die Menschen hat, heißt es im Alten Testament, im 1.Buch Samuel, einmal so:

„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist;
Gott aber sieht das Herz an“ (1.Samuel 16,7).

Ich halte das für eine geniale Aussage über Gott.

 

Stark ist auch der Hintergrund, wie es zu dieser Aussage gekommen ist:

Der Prophet Samuel muss einen neuen König finden. Einen Nachfolger für den abgesetzten König Saul. Er wird von Gott zu einem Bauern namens Isai nach Bethlehem geschickt. Der hat sieben Söhne. Der Reihe werden sie dem Propheten Samuel vorgeführt. Welcher es wohl ist?

Propheten haben ja oft den besseren Durchblick. Aber Samuel hat ihn dort nicht. Weil er wie alle anderen auf das Äußere schaut.

Sechs der Söhne sind großgewachsen und schauen klasse aus. Wie die männlichen Models vom letzten H&M Prospekt oder wie die professionellen Tänzer von Let´s Dance.

Und bis heute ist es doch so geblieben. Das Äußere beeindruckt und macht was her. Millionen von Menschen schauen Woche für Woche am Montagabend gespannt auf die Geissens, die scheinbar nie arbeiten müssen, aber immer Geld zum Shoppen gehen haben und jederzeit ein Gläschen Sekt schlürfen können.

"Deine Stimme ist nicht schlecht, aber deine Klamotten sind unterirdisch", sagt Dieter Bohlen beim Casting-Endspurt in Thailand für den neu gesuchten Superstar.

Kleider machen Leute. Und wenn jemand mit dem Cabrio daher gefahren kommt, dann schaut das unwahrscheinlich cool aus, aber man weiß nicht immer, ob es schon bezahlt ist. Und man kann auch nicht abschätzen, ob das neue Traumpaar wirklich immer so glücklich ist, wenn es in die Kameras lächelt oder ob sie nicht gerade zuvor im Hotel wieder mal so richtig gezofft haben.

 

Samuel sieht, was vor Augen ist. Aber Gott sieht mit seinem Herzen. Und er sieht dort den kleinsten, den schmächtigsten und den jüngsten der Söhne des Isai. Ausgerechnet David, so heißt er, und nicht die anderen, wird zum König berufen. Warum? Weil Gott in das Herz schaut und bei ihm sieht, dass gerade er der Richtige ist. Und weil er es seiner Meinung nach schaffen kann und auch schaffen wird.

Das hat sich bis heute durchgezogen: Gott schaut mit einem liebenden Herzen auf die ganze Menschheit: Deshalb hat er keine zickige Königin, sondern das arme Bauernmädchen Maria erwählt, dass sie Jesus zur Welt bringen soll. Und Josef, den Sohn eines einfachen Schreiners von Nazareth. Und Jesus hat Fischer und Zöllner aus Galiläa zu sich geholt. Imponierende Gestalten sind das alle nicht gewesen. Aber sie haben mit Jesus eine Menge bewirkt.

 

Und heute schaut Gott mit seinem großen Herzen auf Euch. Auch wenn einem von Euch die schicke Kleidung von heute noch etwas ungewohnt vorkommt oder wenn jemand von sich sagt: „Ich bin doch gar nicht so toll. Andere sind viel besser!“ Aber auf Euch kommt es an. Gott schaut Euch mit dem Herzen an und sieht, dass man sich auf Dich  …

Maximilian Leßmann, absolut verlassen kann. Du hast immer gleich gesehen, wo was fehlt, ob die Kerzen noch angezündet werden müssen oder das nach dem Billardspielen die Tür zum Gemeindehaus auch zu ist.

Justin, an dir ist toll, dass du keine großen Worte machen musst, um zu zeigen, dass du da bist. Und du bist ehrlich. Wer dich als Freund hat, der weiß, dass man auf dich bauen kann.

Lars, dir hat Gott viel Stärke mitgegeben. Du wirst im Leben noch viele überholen. Nicht mit einen Ellenbogen, sondern mit viel innerer Größe und viel Freundlichkeit.

Maximilian Fenn, du überlegst genau, fragst nach  und dir kann man auch nicht so leicht was vormachen. Das finde ich ganz wichtig und das wird dir helfen, mit dem Herzen weiter und tiefer zu sehen als andere.

Adrian, du bist ein absolut höflicher Jugendlicher. Das wird dir im Leben noch eine Menge Türen öffnen, weil man dir vertrauen kann. Und wer dich als Freund hat, ist gut dran.

Kevin, dir hat Gott viel Lebensfreude in dein Herz gelegt. Ich werde unsere Fußballgespräche vermissen. Vor allem, weil du immer sagst, was du denkst und empfindest. Das ist toll an dir.

Lennart, wenn du im Konfi-Kurs etwas gesagt hast, dann habe ich oft gedacht. Ja, das ist es. Auf deine Meinung und auf deine Vorschläge wartet die Welt. Behalte sie nicht für dich, sondern mach sie bekannt. Du kannst viel bewirken.

Milena, dir hat Gott einen ganz feinen Blick gegeben. Und du hast - das habe ich dir schon paar Mal gesagt - einen tollen Style. Du kannst auch aus ganz wenig ganz viel machen. Das ist bewundernswert.

Eva, dir hat Gott viel Power mitgegeben. Ich bewundere an dir, wie du andere begeistern und mitreißen kannst. Du wirst vieles noch bewegen können.

Chiara, dir hat Gott so viel innere Stärke mitgegeben. Du bist du. Und an dir finde ich toll, dass du dich nicht mit anderen vergleichen musst. Du wirst viele aufbauen und froh machen können.

Pauline, bei dir habe ich mir gemerkt, dass du, als Ihr euch Bilder von Jesus aussuchen solltet, eines ausgesucht hast, dass den auferstandenen Jesus mit einem großen Herz auf der Brust zeigt, weil - so hast du gesagt - Jesus ein großes Herz für alle Menschen hat. Und dir hat er auch eines gegeben, mit dem er dir einen weiten Blick gegeben hat.

Judith, an dir habe ich bewundert, dass du dir viele Gedanken machst und viele feine Linien siehst, die andere nicht sehen. Du wirst staunen, was du noch alles sehen wirst.

Jule, du kannst viel bewegen, weil du absolut glaubwürdig bist. Du kannst die Dinge so ansprechen, dass man es dir glaubt. Das ist dein großes Plus. Ich bin mir sicher:  Viele werden auf deine Meinung bauen und zählen.

Maren, in dich hat Gott so viel Lebensfreude hineingelegt. Ich wünsche dir, dass du deine Fröhlichkeit immer behältst und viele andere froh machen kannst.

Das alles - und noch viel mehr - sieht Gott mit seinem großen Herzen bei euch.

Bestimmt bekommt Ihr heute Mittag und heute Nachmittag von euren Eltern und Paten, Großeltern und Familie auch noch manches Herzliche gesagt, bei dem ihr gewiss werdet: Gott hat mir viel mitgegeben und ich kann damit so ganz allmählich in mein eigenes Leben durchstarten.

 

„Man sieht auch nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

So hat der Fuchs in dem Buch „Der Kleine Prinz“ einmal gesagt und damit gemeint, dass wir vieles mit einem flüchtigen Blick oder einem kurzen Hinschauen gar nicht wahrnehmen.

So soll es bei euch nicht sein. Dieser Tag soll Euch auch darin bestärken, dass ihr selbst auch lernen sollt, mit dem Herzen sehen.

Die Frage, die Euch bei der Konfirmation gestellt wird, ob ihr unter Jesus Christus, eurem Herren, leben, im Glauben an ihn wachsen und als evangelische Christen in seiner Gemeinde bleiben wollt, ist auch eine Frage, ob Ihr in dieser einen Sache immer mehr weiterkommen wollt: mit dem Herzen zu sehen, mit dem Jesus die Menschen angeschaut hat.

Wo brauchen andere mich? Wo darf ich mich einfach nicht zurückziehen. Wo muss ich Verantwortung übernehmen?

Aber auch: Wo muss ich mich nicht blenden lassen von anderen, die mir irgendwas einreden sollen und mich - mein Herz - aber gar nicht kennen.

 

So wie es eine Jugendliche geschafft hat, von der ein tolles neues Buch handelt. Es heißt „Spechless“, auf Deutsch: „Sprachlos“: Es erzählt von Chelsea, einem richtigen Gossip-Girl, die wahnsinnig gerne Neuigkeiten verbreitet, über andere redet und auch ablästert. Als sie auf einer Party Zeugin einer intimen Situation wird, erzählt sie natürlich allen davon. Mit schrecklichen Folgen: Ihr Bekannter Noah wird so zusammengeschlagen, dass er im Koma landet; die Polizei ermittelt; und Chelsea wird von allen gemieden. Um ihren Fehler nicht zu wiederholen, legt sie ein Schweigegelübde ab. Einen Monat will sie schweigen, in der Schule und zu Hause. Manche hassen sie dafür - aber sie beginnt in der Zeit mit dem Herzen zu sehen. Plötzlich öffnen sich in ihrer stillen Welt Türen: zu einem wunderbaren Jungen, der zu ihr hält. Zu Menschen, die ihr verzeihen können. Und nach 30 Tagen ist sie wie ausgewandelt. Sie kann tiefer sehen und vieles besser einordnen. Und will es in Zukunft anders angehen.

 

Ihr werdet einmal Eure eigenen Geschichten erzählen und vielleicht auch aufschreiben, was man Wunderbares erleben kann, wenn man mit dem Herzen sehen kann.

Heute sollt ihr wissen: Gott sieht in mein Herz. Und er denkt groß von mir, weil er weiß, was ich alles noch bewegen kann.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt zum Festgottesdienst der Konfirmation am 19. Mai 2015.
Gehalten von Pfarrer Thomas Volk, St. Nikolai, Marktbeit