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Lukas 22,35-39 - Was hilft, wenn nichts mehr hilft - Karfreitag

Was hilft, wenn nichts mehr hilft:

Liebe Gemeinde,

der Karfreitag macht in aller Zuspitzung deutlich, wie hilflos man mit einem Mal dastehen kann. Nicht nur, dass man selbst an einen Punkt kommt und nicht mehr weiter weiß, sondern auch, dass niemand mehr da ist, der helfen möchte oder kann.

Was hilft, wenn nichts mehr hilft?
Hören Sie dazu einen Abschnitt aus dem Karfreitagsbericht des Evangelisten Lukas.

35Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.
36Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig
37und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber!
38Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.
39Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!

Viel Hilflosigkeit liegt über dem Karfreitag.
Hilflos hängt ein junger Mann von gut 30 Jahren am Kreuz. Einer, der gut war. Voller Güte und Menschlichkeit. So wie Eltern wünschen, dass ihre Kinder einmal sein sollen.
Oder wie man sich einen Lebensgefährten erträumt.
Anderen hat er geholfen, sie getröstet und aufgerichtet, hat ihnen die Lebensfreude wiedergebracht
und das Gefühl zurückgegeben, dass sie bei Gott geachtet und wertgeschätzt sind.
Und jetzt soll es niemanden geben, der ihm hilft? Jetzt soll niemand zu finden sein, der sich für ihn einsetzt, ihm das zurückgibt, was er anderen gegeben hat?

Hilflos stehen auch die Menschen da und schauen einfach zu.
„Sich nur nicht einmischen“, denken die einen. „Soll ich mir wegen dem etwa die Finger verbrennen?
Ich habe schon genügend Ärger am Hals. Jeder muss schon alleine die Suppe auslöffeln, die er sich eingebrockt hat!“
„Ich würde ja gerne, aber ich traue mich nicht“, sagen sich die anderen.
„Was kann ich schon ausrichten? Und was geht es mich an, sich in andere Leute Sachen einzumischen.“

Und so kommt es, dass immer und überall Menschen zuschauen. Wenn Kinder nicht mehr im Chor singen wollen, weil sie Angst vor Ohrfeigen haben, wenn jemand gerade dabei ist, all seine Möglichkeiten zu verspielen oder wenn ein anderer immer weiter in die Schuldenfalle hineintappt - viel zu oft schaut immer jemand zu, weil man keine Unannehmlichkeiten möchte oder sich nicht traut, einzugreifen und denkt, ich kann ja doch nichts ausrichten.

Lukas setzt sogar noch eines drauf. Er schreibt, dass auch die Soldaten hilflos dastehen. Ihre Form der Hilflosigkeit ist der Spott. Und das Spotten macht ihnen Spaß.

Wenn man spottet, hat man es leicht. Mit Spott kann man sich abschirmen. Der Spott ist eine gute Möglichkeit, etwas nicht an sich heranzulassen. Mit Spott kann man zwar ganz nahe herantreten, aber das Schlimme, das vor einem ist, von sich abprallen lassen, überspielen oder lächerlich machen.
„Du bist doch ein König. Dann kannst du dir bestimmt auch selbst helfen!“ (vgl. V.36-37).
So sprechen die Soldaten und treten herzu und bringen ihm Essig.

Und so spotten die Menschen bis auf den heutigen Tag, weil sie lieber auf Abstand bleiben. Die einen spotten: "Andern hat er geholfen; er helfe sich selber" (V.35b). Und die anderen lästern über die Kirche, oder über den Verein, der wieder einmal verloren hat oder über die, die so dumm sind und nicht alles für sich herausholen und ausschöpfen, sondern verzichten, weil sie ehrlich bleiben wollen.

Aber hinter allem Spott und hinter aller Häme ist es zum Heulen, dass da einer etwas ganz Furchtbares erleiden muss, dass jemand schlimmer Gewalt ausgesetzt ist, missbraucht wird für alle abartigen Phantasien, für alle Unzufriedenheit und Enttäuschungen, die man selbst erlebt hat, herhalten muss.
Dabei wünschen wir uns nichts mehr als jemanden, der auch da helfen kann, wo man selbst nicht weiter weiß und wo man keinen Rat mehr hat.

Aber was erwarten wir? Dass Gott immer hilft, wenn wir ihn in der Not plötzlich brauchen? Dass er sofort zur Stelle ist, wenn uns etwas misslungen ist und unsere Fehler ausbügelt? Dass er unsere biologische Uhr - wenn schon nicht zurückstellen, dann zumindest - anhalten kann?

Damals am Karfreitag sind keine rettenden Heerscharen hinzu gekommen, die die Bösen mit einem Schlag besiegt haben, ist die zündende Idee nicht in letzter Sekunde da gewesen oder auch nicht die Einsicht derer, die schon so viel kaputt gemacht haben, gekommen, dass doch jetzt endlich Schluss sein müsste.
Seit diesem ersten Karfreitag haben sich Menschen gefragt: Warum hat Gott nicht eingegriffen? Warum hat er nicht dem, der so viel Gutes getan hat, geholfen und ihm dieses grausame Geschehen erspart?
Der Karfreitag ist für unseren Glauben ein dunkler Tag. Nicht nur, dass Jesus einen qualvollen und grausamen Tod stirbt, sondern dass es zugleich auch schwer ist, dieses Geschehen mit dem Glauben an einen Gott, dessen Güte die Menschen weiterbringen möchte, in Verbindung zu bringen.

Ich halte nichts von all den Versuchen im Laufe der Christentumsgeschichte, die das Kreuz regelrecht verherrlicht haben und die bis heute sprechen: Das Leiden Jesu und sein qualvolles Ende sind ein göttlicher Plan gewesen. Gott hat seinen Sohn diesen grausamsten Tod sterben lassen um uns zu zeigen, dass eigentlich wir diesen Tod verdient hätten, wenn er mit uns aufrechnen würde.

Alle Versuche, dem Kreuz etwas Sinnvolles abzunötigen, sind für mich mehr oder weniger hilflose Versuche, dieses Geschehen vor den Toren Jerusalems zu erklären oder ihm einen Sinn abzugewinnen so wie man heute immer noch sagt, wenn etwas Schlimmes eingetreten ist: „Für irgend etwas wird es ja schon gut gewesen sein.“

Alle, die so sprechen, vergessen, dass die Kreuzigung Menschen besorgt haben, und nicht Gott.
Gott hätte diesen Tod nicht gebraucht. Denn Jesus hat schon längst mit seinem Leben gezeigt, dass Gott auf der Seite der Menschen steht. Mit seiner Zuwendung zu all den Mühseligen und Beladenen, die ohne Hoffnung sind und an ihrem Leben leiden, hat Jesus längst deutlich gemacht:
Es ist Gottes großes Bedürfnis, dass Menschen nicht noch mehr den Mut verlieren, sondern auf ihre Spur kommen. Und die Tatsache, dass Jesus sich mit all den Gestrandeten zusammengesetzt, gegessen und gefeiert hat macht deutlich, dass es einfach Gottes unabdingbarer Wille ist, Menschen trotz all ihrer Schwächen zu fördern und nicht ständig aufzurechnen, vorzuhalten, was sie wieder alles nicht geschafft haben und mit dem dicken Ende zu drohen.

Der Tod Jesu am Kreuz ist die unausweichliche Folge des Lebens Jesu und seiner Zuwendung zu den Armen und Schwachen gewesen. Dass Jesus auf sie zugegangen ist, war schon ein Hinweis, dass sie Gott recht sind. Allerdings ist es für viele einfach unerträglich gewesen, dass jemand mit dieser Vollmacht als ob man Gott selbst sehen und handeln würde, aufgetreten ist.
Ich glaube nicht, dass Gott durch dieses Geschehen auf irgendeine Weise versöhnt werden muss. Was würde der Glaube an einen Gott, der zwar die Menschen liebt, aber den eigenen Sohn grausam dahingibt, auch für einen Sinn geben? Wer könnte da sicher sein, ob er Gott auch wirklich recht ist oder ob Gott irgendwann doch genug mit einem hat.

Was hilft, dem Karfreitag auf die Spur zu kommen? Was hilft, alle anderen Tage, die ebenfalls dunkel und schlimm erscheinen, einigermaßen auszuhalten und am Glauben nicht zu zerbrechen. Mit hilflosen Versuchen kommt man jedenfalls nicht weiter.

Einer der beiden, die neben Jesus ebenfalls am Kreuz hängen, kommt der Sache schon viel näher, wenn er in aller Hilflosigkeit hinausruft: „Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!“ (V.39b).
Auch wenn viel Spott und noch mehr Enttäuschung in diesem Satz steht, so bewahrt dieser einer doch noch die Hoffnung, dass Gott helfen kann. Wenn Gott so ist, wie Jesus ihn gelebt hat, dann kann es nicht sein, dass dieser Gott einen so hängen lässt, auch jetzt nicht. Und wenn Gott so ist, wie Jesus ihn abgebildet hat, dann ist das Wesen Gottes Güte und Liebe. Und dann steht am Schluss nicht das Kreuz und nicht die dunkle Wand oder das tiefe Loch, sondern Gott.

Nicht der Tod Jesu ist der Grund der Gewissheit, dass Gott auf unserer Seite steht und uns hilft, sondern seine Auferweckung. Da hat Gott deutlich gemacht: Seine Hilfe ist nicht ausgeblieben.

Seit Ostern weiß man das. Und mit Ostern weiß man auch, wie Gott hilft: Gott kann so helfen, dass er uns da, wo wir an ein Ende gekommen sind, weiterbringen kann, neue Aussichten und Möglichkeiten vor Augen führen kann. Der Karfreitag ist nicht der Schlusspunkt. Auch bei uns nicht. Es kommt Ostern.

Der Ertrag des Karfreitags ist: Gott hilft dort, wo Menschen hilflos dastehen, wo sie nicht mehr weiter wissen, wo alles zu Ende ist und wo man alle Hoffnungen begraben muss.

Noch mal: Gott hätte dieses schreckliche Ende nicht gebraucht. Aber er hat gezeigt, dass er so mächtig ist, diesen schlimmen Tag nicht als das Ende stehen zu lassen. Der Karfreitag ist nicht der Schlusspunkt. Auch bei uns nicht. Gott lässt Ostern werden.
Auch wenn er uns nicht vor Krankheiten bewahren kann, die Leben zerstören. Und auch wenn er nicht verhindern kann, dass mancher Weg, den wir gehen müssen, im Nichts endet oder im Grab.
Aber Karfreitag sagt uns: Gott lässt niemanden im Tode hängen. „Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, der vom Tode errettet“ (Psalm 68,21).

Und der Trost Gottes, der weiter blickt und tiefer schaut als alles menschliche Sehen, er gebe uns die Geborgenheit, die wir gerade brauchen. Amen.

• Predigt, gehalten von Pfarrer Volk, zu Karfreitag 02. April 2010 in Marktbreit und Erlach