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Johannes 3,14b-15 - Die unerfüllten Erwartungen im Leben - Palmsonntag

Gestern "hui", heute "pfui". Gestern "Hosianna!", heute "Kreuzigt ihn!".

Es ist ein beliebtes Spiel. Nach jedem Spieltag der Fußballbundesliga wird es aufgeführt. Gestern war die Mannschaft noch das Höchste der Liga, aber nach zwei Niederlagen innerhalb von drei Tagen zweifelt man schon wieder an der Qualität der Mannschaft. Und der teuerste Spieler der Liga, der gestern noch eine Lichtgestalt war, ist nach dem verschossenen Elfmeter schon der Totalversager.

Nicht nur im Fußball findet dieses Wechselspiel statt, sondern in allen Bereichen, in denen Menschen im Mittelpunkt stehen und das Interesse der Massen auf sich ziehen.

Eben noch ist die neue Generalsekretärin mit ihrem sympathischen Lächeln die große Hoffnung der Partei gewesen, die es ganz anders machen wollte als ihr Vorgänger. Aber als das Wahlergebnis nicht so verlaufen ist, wie sich die Regierung das vorgestellt hat, ist sie bereits in vielen Teilen der Parteispitze isoliert.

Und der Showstar, der eben noch die ganz neue Entdeckung am Pop-Himmel gewesen ist und jetzt mit dem Erfolg nicht klar kommt und täglich Tabletten braucht und nun auch noch das Sorgerecht für die Kinder abgesprochen bekommt, muss mit ansehen, wie jeder neue Exzess genüsslich in den Zeitungen und im Internet mit Exklusivbildern ausgebreitet wird.

Ich bekomme richtig Angst, wenn ich mitverfolge, wie aus Verehrung ganz plötzlich Verachtung werden kann. Manchmal in Sekundenschnelle. Häufig ohne vernünftige Gründe. Und über jedes Maß hinaus.

Wer schuld daran ist? Die, die im Rampenlicht stehen und doch wissen müssen, dass das Eis immer dünner wird, je weiter man nach oben kommt? Die Berichterstatter der vielen Sender und Zeitungen, die allesamt auf der Suche nach Sensationen sind? Oder doch das Publikum, die dieses Spiel sichtlich genießt. Die Leserinnen und Leser der Regenbogenpresse und Boulevard Magazinen, die nach Gestalten lechzen, die sie anhimmeln können. Und sich dann wieder freuen, wenn Prominente und Stars aus höchster Höhe neben einem in den Staub stürzen.

 

Für dieses Wechselspiel gibt es ein Urbild. Jesus aus Nazareth. Der heutige Sonntag zeigt es an.

Als Jesus am Sonntag vor Ostern nach Jerusalem eingezogen ist, haben ihn die Massen begeistert empfangen. Einheimische und Pilger haben ihm entgegen gefiebert. Kleider haben sie vor ihm ausgebreitet, Palmzweige abgeschlagen und sie vor ihm ausgelegt - Vorläufer des roten Teppichs. Zugejubelt haben sie ihm, voll angespannter Erwartung und überhitzter Verehrung.

Und auf einmal wendet sich das Blatt. Fünf Tage später hat man ihm so zugesetzt, so fertig gemacht, dass er einen qualvollen Tod sterben muss. Die, die ihm zugejubelt haben, rufen nun: „Kreuzigt ihn.“ Und es kommt auch so. Ganz alleine hängt er da. Mit zwei Verbrechern an der Seite. Seine engsten Anhänger sind schon längst über alle Berge. Vor Angst geflohen. Und aus Enttäuschung. Nur einige Frauen sind in der Nähe geblieben. Wenigstens sie sind nicht weggelaufen und haben den Glauben aufrecht gehalten, dass alles, was man jetzt so über ihn äußert und urteilt, doch nicht stimmen kann und dass dieser dort am Kreuz ein ganz anderer ist, als das, was die Masse aus ihm gemacht hat.

 

Die Frage des Palmsonntags ist auch: Wie konnte es dazu kommen, dass innerhalb von fünf Tagen die Stimmung so umschlug? Was war geschehen, dass jemand, der gestern noch ganz oben war, nun ganz unten ist.

Es kann ganz schnell passieren. Auch bei uns.

Eben war er noch der freundliche Nachbar, der neu in die Siedlung gezogen ist, hilfsbereit, der sich schnell in die Dorfgemeinschaft einzugliedern schien. Aber als er beim Bürgerbegehren ganz anders stimmt als die Eingesessenen, da schwenkt die Stimmung um. Was bildet er sich ein? Ist er denn noch bei Sinnen? Weiß er denn nicht, was auf dem Spiel steht?

Eben war sie noch die hoffnungsvolle, neue Mitarbeiterin, die sich nahtlos in den Betrieb eingefügt hat. Aber als sie dem Chef gesagt hat, dass es an der einen Stelle immer Reibungsverluste gibt und dass man endlich etwas anders machen müsste, da war es aus mit dem Wohlwollen.

Es kann ganz leicht gehen. Einmal sich trauen, die eigene Meinung zu sagen und dafür einzustehen, auch wenn man sich dadurch bei den Etablierten nicht gerade beliebt macht.

Oder ein falsches Gerücht, das die Runde nimmt. Weil jemand anders ist als die Mehrheit und weil es ja so störend ist, wenn man anders tickt und nicht mitmachen möchte bei dem, was man so tut und sich das auch noch öffentlich zu sagen traut.

Die Stimmung kann immer leicht umschwenken, wenn man den Erwartungen nicht entspricht, nicht denen einer Dorfgemeinschaft oder denen einer etablierten Religion.

 

Jesus hat den Erwartungen nicht entsprochen.

Nicht den Erwartungen derer, die in ihm einen politischen Führer sehen wollten, der die ungeliebte Besatzungsmacht, die Römer, aus dem Land vertreibt und wenn sein muss auch mit militärischer Gewalt. Und der so endlich das Königreich Davids wieder aufrichten und zu alter Größe bringen würde, mit ihm als Herrschenden an der Spitze in eindrucksvollem Glanz.

Nicht den Erwartungen derer, die hofften, dass er sich während des Passahfestes als der Messias, als Gesandter Gottes, zeigen würde, der mit ein paar Wundern und Heilungen in der Öffentlichkeit allen klar macht, dass Gottes Kraft auch wirklich mit ihm ist.

Und auch nicht die Erwartungen derer hat er erfüllt, die gemeint haben, dass er ein Gott sei, der auf Knopfdruck hilft

 

Werden Erwartungen nicht erfüllt, dann kann die Stimmung kippen - bei den eigenen Anhängern, in der Partei, im Beruf, im Elternbeirat, im Verein.

Schauen Sie in ihrer Umgebung nach oder bei sich selbst. Wie die Stimmung umgeschwenkt ist, als jemand Bestimmtes oder gar Sie selbst einen ganz anderen, einen ganz eigenen Weg gegangen sind.

Jesus ist einen solchen Weg gegangen. Am Palmsonntag und die Tage danach.

Der Evangelist Johannes schreibt in seinem Evangelium, im 3. Kapitel: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben“ (Johannes 3,14b-15).

Die Menschen in Jerusalem haben damals an ein Erhöhtwerden zu Macht und Ruhm gedacht, an einen Herrscher auf einem hohen Thron, an einen gefeierten Star im Rampenlicht, an einen mächtigen Boss, an einen Führer, der weiß, wo es lang geht.

Tatsächlich ist Jesus wirklich wenige Tage ganz oben. Ganz oben auf dem Hügel Golgatha. Draußen vor der Stadt. Dass es alle sehen konnten, was mit denen passiert, die meinen, es sich herausnehmen zu müssen, ganz anders zu sein. Aber da wissen die Menschen noch nicht, was da oben am Kreuz wirklich geschehen ist.

Später haben sie es verstanden. Der Evangelist Johannes schreibt ungefähr 70 Jahre später, dass es ganz anders gemeint war. Das Kreuz war kein Scheitern. Es war wie eine Aufrichtung, wie die Erhöhung eines besonderen Menschen, der sich selbst treu geblieben ist. Der auch nicht von seinem ganz eigenen Weg abgewichen ist, den er zu gehen hatte, und von dem er wusste, dass Gott mit ihm ist, durch alle Schmähungen und Verurteilungen hindurch, durch alles Leid und durch alle Qualen

„Ich und der Vater, wir sind eins“, sagt Jesus im Johannesevangelium und „Wenn ihr mich seht, seht ihr ihn, also schaut durch mich hindurch, dann seht er Gott“ (Johannes 10, 30; 14, 9). Ein Lebenslauf ist zum Ziel gekommen, der mit Gott in Zusammenhang geblieben ist, bis zuletzt.

Der Evangelist Johannes ist sich ganz sicher: Bis zum Schluss ist Jesus seinem Weg treu geblieben. Hat dabei auch nicht den Gott verleugnet, der alle Wege mitgeht, auch die ganz schweren und mühevollen. Und hat daran festgehalten, dass Gott da ist, aller schlimmen Wirklichkeit zum Trotz, dass Gott Wege weiß, die weiterbringen, die herausführen, die uns zum eigentlichen Ziel bringen.

 

Das lerne ich aus der Geschichte des Palmsonntags. Den eigenen Weg gehen und auf Gott vertrauen, dass dieser Weg nicht im Nichts enden wird, sondern bei ihm. Und dass man sich auch nicht klein kriegen lassen braucht von denen, die scheinbar größer und stärker und selbstbewusster sind.

Der Palmsonntag zeigt mir einen Jesus, der sich wahrlich nicht hat klein kriegen lassen. Lieber war ihm der Tod als ein Leben, das keines ist, nämlich ein solches, bei dem man sein Wohlergehen nur davon abhängig macht, wie häufig andere einem auf die Schulter klopfen. Oder dass man sich von anderen zu etwas hinreißen, drängen lässt, was man selbst gar nicht möchte und auch nie vorhatte.

Das nehme ich mit: Man braucht sich nicht abhängig machen von der Meinung anderer. Manchmal muss man einfach seinen eigenen Weg gehen. Vielleicht einen, den noch niemand so gegangen ist. Bei dem man noch nicht abschätzen kann, wohin er verläuft. Aber es wird ein Weg sein, auf dem man darauf vertrauen darf, dass Gott an unserer Seite bleibt und uns Leben verheißt, das ewig ist, größer und umfassender als alles, was wir im Moment erleben und sehen.

„Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“

Sein Friede, der weiter reicht und größer ist als aller Unfriede und alle Anfeindungen, bewahre unser Leben - unsere Gedanken und unser ausführendes Tun - in Christus Jesus. Amen.

 

Predigt zum Palmsonntag, 16. März 2008, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in St. Nikolai, Marktbreit