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Johannes 19,16b-30 - Gott sieht mich - Karfreitag

Liebe Gemeinde,

„Siehst du mich?“ Das ist das Thema des diesjährigen ökumenischen Kreuzwegs der Jugend gewesen. Und vor genau einer Woche bin ich mit rund 100 jungen Menschen aus Erlach, Ochsenfurt und Marktbreit, aus Frickenhausen, Sommerhausen und Eibelstadt dieser Frage nachgegangen.

„Siehst du mich?“ so fragen wir immer dann, wenn wir das Gefühl haben, dass wir übersehen werden. „Siehst du mich überhaupt?“ „Weißt du, wie es in innen in mir aussiehst?“ „Kannst du nur annähernd verstehen, was ich gerade denke, fühle, was mich freut, was mich wütend macht?“Viele fragen auch Gott so: „Siehst du mich?“ „Siehst du mich in meiner Not, mit meinen Fragen?

Siehst du, wie ich mich abmühe und wie ich häufig nicht zurande komme?“
Ich möchte dich gerne an meiner Seite wissen. Ich möchte spüren, dass du meine Gedanken von ferne verstehst (Psalm 139,2). Ich möchte darin Gewissheit haben, dass mein zerbrechliches Leben in dir geborgen ist, bei allem, was auch mit mir geschieht.“Die Botschaft des Karfreitags lautet: Gott sieht mich. Er schaut nicht von mir weg. Gott nimmt großen Anteil an meinem Leben. Und es ist sein großer Herzenswunsch, dass ich gut durch mein mühsames und zerbrechliches Leben komme.
Und Gott hat auch damals hingeschaut, an diesem ersten Karfreitag. Wie er ganz alleine da hängt, zwischen zwei Verbrechern.
Die Freunde und Anhänger sind weggelaufen, geflohen, mussten das, was sie gesehen haben, erst einmal verarbeiten und haben sich tage- und nächtelang gefragt: Warum und wieso? Wieso hat Gott nicht eingegriffen. Hat er etwas weggesehen?
Es war eine göttliche Sternstunde, als den ersten Christen später aufgegangen ist: Dieser Karfreitag war nicht das Ende, nicht das Aus, nicht der freie Fall in ein Nichts. Sie sind erst später darauf gekommen. Nach diesem schlimmen Tag. Als es längst Ostern geworden ist und neu gesehen haben. Als sie gemerkt haben, dass Jesus auferstanden ist. Und als sie gleichzeitig wahr- genommen haben, dass man die Kräfte, die von diesen neuen Leben ausgehen, in sich hier und jetzt spüren kann.

Damit soll nicht alles in Wohlgefallen aufgelöst werden und der Karfreitag wird damit nicht verharmlost oder beiseite gewischt.
Am Karfreitag gibt es nichts zu beschönigen. Er zeigt, wozu Menschen fähig sind. Er bringt die Frage „Siehst du mich?“ auf die äußerste Spitze, auf den Punkt, an man eigentlich nur antworten kann:
„Nein, mich niemand sieht. Und es fällt mir schwer zu glauben, dass Gott mich sieht, gar nicht zu reden davon, dass er doch eingreifen müsste.“
Und diese schlimme Tat vor den Toren der Stadt Jerusalem und vieles andere Leid sind und bleiben bis heute eine Anfechtung, eine Anfrage an Gott, warum dies so sein musste.Auf alle Tage, die uns wie ein Karfreitag vorkommen, gibt es keine Antworten, jedenfalls keine, die uns zufrieden stellen. Was es gibt, ist die Erfahrung, dass Gott auch dann, wenn es ganz schlimm gekommen ist, Wege hat, uns wieder ans Licht zu bringen.
Das Johannesevangelium weiß das bereits. Als der Verfasser es ungefähr 60 bis 70 Jahre nach diesem Karfreitag geschrieben hat, weiß längst davon, dass Gott hat seinen Sohn keine Sekunde aus den Auge gelassen hat. Und es weiß auch, dass Gott nicht nur ein Zuschauer war, der dem schlimmen Sterben einfach nur so zugeschaut hätte.

Deswegen kommt das Johannesevangelium zu einer ganz eigenen Darstellung des Karfreitagsgeschehens. Die Darstellung des vierten Evangelisten besteht aus einzelnen Szenenbildern, die allesamt vom Sehen oder Nichtsehen handeln. Hören Sie selbst. Ich lese aus dem 19. Kapitel die Verse 16b-30:
Sie nahmen ihn aber und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.
Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19):
»Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.«
Das taten die Soldaten.
Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!
Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. 
Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht und neigte das Haupt und verschied.

„Siehst du mich? Da oben am Kreuz?“
Die einen, die Soldaten, sehen nichts. Sie tun nur ihre Arbeit. Und jetzt müssen sie noch warten, bis es mit den Dreien da oben ganz zu Ende ist. Das kann doch dauern. Womit also die Zeit totschlagen, bis Feierabend ist? Sie teilen die Kleider, die Beute, die Abwrackprämie, die letzten Überreste, die man noch sehen kann. Sie teilen übrigens ganz korrekt, ohne Streit. Und weil das Gewand, das von oben an in einem Stück gewebt ist, so wie das Gewand des Hohenpriesters, das ohne Naht sein muss, viel zu schade ist, um es zu zerschneiden, losen sie darum, wer es bekommen soll.Was uns besonders grausam oder zynisch erscheint, ist für sie längst zum Alltag geworden. Was die Soldaten ihren Frauen heute Abend auf die Frage erzählen, wie es bei der Arbeit war? Nach der wievielten Kreuzigung sie aufgehört haben, das Leid an sich heranzulassen?

Wie lange muss man vor dem Computer mit Killerspielen sitzen oder wie viele Horrorfilme muss man sich ansehen, dass man so abgestumpft wird und zwischen Zeitvertreib vor dem Bildschirm und Wirklichkeit nicht mehr genau unterscheiden kann?
Wer den Kopf voll mit solchen Bildern hat, kann nicht auch mehr sehen und für den ist der Karfreitag auch nur ein Spiel, das für den einen eben schlecht ausgegangen ist.
Es ist auch ein Wahnsinn, dass wieder wenige Wochen nach dem Amoklauf von Winnenden alle Diskussionen um das Verbot solcher Ballerspiele und um schärfere Waffengesetze verstummt sind, bis sie dann bei der nächsten Katastrophe wieder kurz aufflammen.
Ein anderer sieht immerhin etwas. Es ist Pilatus. Er sieht, dass Jesus unschuldig ist. Und vielleicht tut es ihm jetzt auch leid, dass er dem Drängen der Hohenpriester nachgegeben hat, gerade ihn, Jesus, verurteilt und einen Räuber mit Namen Barrabas freigelassen hat.
Pilatus lässt eine Inschrift verfassen und sie am Kreuz anbringen. Darauf steht: „Jesus aus Nazareth, der König der Juden!“ Vielleicht war diese Aufschrift eine kleine Rache gegenüber dem Hohenpriester, weil sie ihn so bedrängt haben und er nachgegeben hat. Denn wer nun vor dem Kreuz stand konnte lesen: Hier hängt der König der Juden am Kreuz.Und als die Hohenpriester auch daran etwas auszusetzen haben und Pilatus sagen, er solle doch gefälligst die Inschrift in der indirekten Rede verfassen - schreib, dass er gesagt hat, dass er der Juden König sei - weil es sonst vielleicht noch jemand glauben könnte, da schiebt er einen Riegel vor und lässt sich nicht weiter gängeln. Trotzig gibt er zurück: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“Aber damit hat sich für Pilatus der Fall auch schon erledigt. Die Sache ist für ihn vorbei und erledigt. Pilatus sieht nicht, dass da noch etwas kommt. Wer im täglichen Kleinkrieg gefangen ist, wer ständig schauen muss, dass er nicht übervorteilt wird, der bekommt den Kopf auch nicht mehr frei und kann das Wesentliche nicht mehr sehen, dass Gott nämlich nicht wegschaut und alle Welt es bald sehen wird.Wäre mit dem Karfreitag wirklich alles aus und vorbei, dann könnte man auch gar nicht weiter sehen als Pilatus. Dann wäre Jesus ein edler, ein förderlicher Mensch gewesen, wie Martin Luther King plus Mutter Theresa, der sich für die Armen eingesetzt und für das Gute gekämpft hat.

Den Karfreitag kann man ohne das, was noch kommt, ohne Ostern, gar nicht sehen und auch nicht ertragen. Es hat Zeiten in unserer Kirche gegeben, da hat man den Karfreitag richtig gehend verherrlicht. Der Karfreitag ist der höchste Feiertag. Georg Friedrich Händel, vor 250 Jahren gestorben, wollte unbedingt an einem Karfreitag sterben, um, wie er sagte, in Windeseile seinen auferstandenen Erlöser sehen zu dürfen.
Aber das Heil - die Gewissheit, dass Gott mich sieht und mich nicht irgendwo liegen lässt, weder jetzt, wenn ich ganz unten bin, noch dann, wenn ich einmal in einem Grab liege - liegt nicht in den äußeren Umständen des Todes Jesu, etwa in seinem grausamen Sterben am Kreuz oder in der Tatsache, dass bei seiner Hinrichtung Blut geflossen ist. Die Kreuzigung haben Menschen besorgt, nicht Gott. Gott hätte diesen Tod nicht gebraucht.

Allerdings ist dieses Sterben am Kreuz die unausweichliche Folge seines Lebens und seiner Verkündigung gewesen. Aber nicht der Tod Jesu ist der Grund der Erlösung, sondern seine Auferweckung (Sonntagsblatt vom 5. April 2009, S.4).
Da hat Gott deutlich gemacht:
Gott, der Jesus die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hat, hat gehandelt, zu seiner Zeit, und gleichzeitig bestätigt, was Jesus in seinem Namen verkündet und geeilt hat.Der Apostel Paulus hat einmal gesagt: Der Auferstandene ist der Erstling unter vielen (1. Korinther 15,20).
Er ist deshalb Grund zur Hoffung für alle Leidenden, Sterbenden und Trauernden. Gott sieht mich, lässt mich nicht fallen. Und er leidet mit mir mit, wenn ich Tage durchleiden muss, die mir wie ein Kreuz vorkommen.
Gott schaut nicht weg. Das ist der Ertrag des Karfreitags. Und auch das andere gehört dazu:
Wir sollen auch nicht wegschauen.
Das sagt mir diese eine Szene aus dem Johannesevangelium, die kurz anreißt, dass da vier Personen unter dem Kreuz stehen. Unter anderem die Mutter Jesu und ein Jünger, von dem es heißt, dass ihn Jesus besonders lieb hatte. Beide werden einander zugewiesen (V.25-27).
Als ob Jesus am Kreuz noch sagt. Schau genau hin. Schau, wer neben dir ist. Schau, wer dich braucht! Sieh dich um, wer neben dir wohnt, wer neben dir in der Kirchenbank sitzt, wer neben dir arbeitet.
Normalerweise zerstört der Tod alle Verbindungen. In diesem Fall scheint es anders zu sein. Diese kleine Szene ist wie ein Hinweis für ein Vermächtnis Jesu: Sieh dich um! Schaue dir die Menschen genau an! Sieh in dem anderen nicht nur jemanden, an dem man ständig herummäkeln und herumnörgeln kann. Schau hin, ob jemand dir unausgesprochen zu verstehen gibt: „Siehst du mich!“Wenn wir heute Abendmahl feiern, dann denken wir besonders daran, dass der Tod Jesu auch Gemeinschaft stiftet. Es ist uns nicht egal, was mit der Person neben uns passiert.
Wenn von einem Amokläufer gesagt wird, er sei ganz und gar unauffällig gewesen, dann bedeutet das auch, dass man ihn gar nicht wirklich wahrgenommen hat. Jedes Gesetz und jede Verordnung von Staat und Politik bringen nichts, wenn wir nicht genau hinsehen.

Gerade deshalb ist es gut zu wissen: Der Gott, der uns sieht, will, dass auch wir einander sehen und wahrnehmen, damit niemand alleine ist, auch in den ganz dunklen Stunden nicht.Und der Trost Gottes, der weiter blickt und tiefer schaut als alles menschliche Sehen, er gebe uns die Geborgenheit, die wir gerade brauchen. Amen.

Predigt zu Karfreitag, 10. April 2009, gehalten von Pfr. Volk in Marktbreit und Erlach.