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Johannes 14,19 - Vor uns ist das Leben - Neujahr 2008

Wie ein ungeschriebenes Buch liegt das neue Jahr vor uns. Wir wissen noch nicht genau, was darinnen stehen wird. Wir können auch noch nicht sagen, was wir hinein schreiben werden.

Natürlich können wir manches abschätzen, was kommen wird. Ein paar Einträge im neuen Kalender stehen schon und sind vielleicht dick unterstrichen: Die Einladung zum  runden Geburtstag. Eine wichtige Schulaufgabe. Die freien Tage, die kostbar sein werden. Die Konfirmation. Eine Operation, deren schon Termin feststeht. Die Eckdaten, in welchem Zeitraum die Renovierung abgewickelt werden soll.

Mehr nicht. Wir können nicht wissen, was sonst noch so alles sein wird. Was dazwischen kommt. Was vielleicht manche Pläne durchkreuzt. Ob unsere Gesundheit mitspielt oder die der Eltern oder der Kinder, und wir dann gebraucht werden, ob es uns in den Plan passt oder nicht. Oder ob wir immer den Mut haben werden, den wir brauchen. Ob wir das auch umsetzen können, was wir uns heute Nacht so fest vorgenommen haben. Das mit dem Rauchen und dem Essen und mehr Bewegung.

 

Ein neues Jahr erwartet uns wie leeres Buch und wir wissen nicht, ob schon die ersten Kapitel heiter oder schwermütig sein werden.

Für viele ist es gar nicht leicht, einfach so, so ungewiss, so ungesichert in ein neues Jahr zu gehen. Wenn man nicht, weiß was kommt. Wenn man noch nicht die Schwierigkeiten abschätzen kann, die uns in den Weg gelegt werden. Wenn man mit manchem rechnen muss, das auf keinem Programm gestanden ist.

 

Und machen wir uns nichts vor: Auch die sogenannten und selbsternannten Hellseher wissen es nicht und werden in diesem Jahr auch wieder so daneben liegen wie im vergangenen.

Was wurde nicht alles vor einem Jahr, also für das vergangene Jahr 2007, vorausgesagt: Der Kreml in Flammen, ein Hollywood-Star erliegt dem Biss einer Giftschlange und Millionen Menschen sterben bei Terroranschlägen in den USA: Mit düsteren Prognosen wie diesen waren sogenannte Wahrsager ins Jahr 2007 gestartet und lagen nach einer Analyse der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung der Parawissenschaften“ (GWUP) voll daneben.

Auch die UFO-Landung vor dem Weißen Haus blieb aus. Ein Mathematiker, der solche Weissagungen für die GWUP auswertet, hat richtig gesagt: „Die Zukunft ist nun einmal nicht festgelegt und lässt sich weder aus Glaskugeln noch aus den Sternen voraussagen.“

 

Das Einzige, was wir heute Morgen wissen. Wir leben. Wir hatten vielleicht eine mehr oder weniger gute Nacht. Aber heute Morgen sind wir da. Und wir haben Leben vor uns. Und viele Möglichkeiten warten auf uns. Und es liegt auch an uns, wie wir dieses Jahr füllen werden.

Wir leben. Und wir gehen in dieses neue und ungefüllte Jahr mit einer kräftigen Zusage. Die Jahreslosung für dieses Jahr, in dem noch vieles offen und manches ungewiss ist, gibt uns viel Mut mit, wenn es uns von Jesus zugesprochen wird. „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“

 

Aus den Abschiedsreden Jesu stammt dieser Satz. Er ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem und alle ahnen, dass dort etwas passiert, was keiner auf dem Plan hatte. Sie spüren, dass es ganz anders werden wird. Doch Jesus blickt schon über den Karfreitag hinaus: "Ich lebe und ihr sollt auch leben."

Das klingt voller Gewissheit, voller Zuversicht, voller Mut. Die Jahreslosung 2008 lädt ein, mit dieser Zuversicht in das neue Jahr zugehen und das Leben auf sich zukommen zu lassen - allen Ängsten und allen Befürchtungen zum Trotz.

„Ich lebe und ihr sollt auch leben. Niemand soll meinen, dass die beste Zeit nun vorbei ist. Niemand soll meinen, dass jetzt alles aus und vorbei ist.

Ihr sollt leben. Die Jünger damals, die sich in eine ganz neue Zeit aufgemacht haben. Und wir auch, die wir heute Morgen ein ganz neues Jahr betreten.

 

Zu der Jahreslosung habe ich Ihnen eine Karte des Künstlers Andreas Felger mitgebracht. Andreas Felger ist Maler, feiert heute seinen 73 Geburtstag und lebt im Kloster Gnadenthal in Hünfelden in Hessen.

Wenn Sie auf die Karte schauen, dann sehen sie, dass die Farbe Grün dominiert. Grün ist die Farbe des Lebens. Grün als Zeichen des Wachsens. Wir sollen Leben vor uns haben. Und wir dürfen noch weiter wachsen. An Einsicht und Erkenntnis. An Erfahrung. An Weisheit. Und neue Lebensmöglichkeiten sollen uns auch in diesem Jahr nicht ausgehen.

Das macht die Farbe Gelb deutlich. Gelb - die Farbe der Sonne.

Wie ein Sonneneinfall von oben strahlt das Gelb in das Grün hinein. Neues Leben kommt oben in unser Leben hinein. Mit diesem Lichteinfall - so stelle ich mir - ist die Jahreslosung umschrieben. „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Es ist für uns ein mutmachendes Bild, wenn damit gesagt wird, dass wir geradezu die Energie Jesu spüren dürfen, die uns immer wieder neu antreibt, Leben zu wagen.

In einem Weihnachtslied wird Jesus auch einmal als Sonne umschrieben. „Drum, Jesu, schöne Weihnachtssonne, bestrahle mich mit deiner Gunst; dein Licht sei meine Weihnachtswonne“ (aus EG 40,5).

In dem Gelb sind fünf Flecken. Vielleicht fünf Wunden, die noch nicht vernarbt sind. Sie stehen für das, was einmal wehgetan hat. Wo wir noch nicht darüber hinweg sind. Was noch nicht verheilt ist. Wo wir vielleicht noch Geduld brauchen.

Diese Wunden sind vom Licht umhüllt. Sie sollen nicht am Leben hindern. Auch mit allem Dunklen hast du Leben vor dir. Vielleicht brauchst du Zeit, bis manches verheilt ist. Und Geduld. Und vielleicht sollst du dir Gedanken machen, wo du im neuen Jahr behutsam mit dir und mit anderen umgehen musst.

Einer dieser fünf Flecken ist sehr dunkel. Wie ein dunkler Punkt sieht er aus. Auch er erscheint im Licht. Ich deute es so: Ein neues Jahr vor sich haben bedeutet auch: Du bist nicht auf Vergangenheit festgelegt. Keine Schuld darf dich belasten. Niemand darf dich festsetzen auf etwas, was du schon lange nicht mehr bist. Vor Gott kannst du ein noch ein Anderer werden.

Und dann ist da noch dieses Schwarz unten am Bild. Dieses Schwarz hat mich zuerst gestört. Wegen mir bräuchte es nicht auf der Karte sein. Dann habe ich gelesen: Ohne das Dunkel, durch das wir hindurch müssen, wüssten wir nicht, was Licht ist.

Die dunkle Ecke, die unten isoliert am Rand ist, sagt mir: Alles Dunkle soll nicht die Oberhand behalten. Auch alles Dunkle, das sich heute Morgen vielleicht bei jemandem von uns auftürmt.

Alles Licht von oben ist mächtiger. Licht ist ein Zeichen auf den Auferstandenen, der durch alles Dunkle gegangen ist, auch durch den Tod.

Schon ein Weihnachtslied sagt es: „Dies ist die Nacht, da mit erschienen / des großen Gottes Freundlichkeit; / das Kind, dem alle Engel dienen, / bringt Licht in meine Dunkelheit …“ (EG 40,1).

Ich hoffe, dass sich der helle Lichteinfall von oben immer mehr ausbreitet, dass alles Dunkle, wenn nicht wegradiert, sondern immer kleiner wird. Und ich will darauf vertrauen, dass ich mein Leben mit viel Mut und auch mit sanfter Gelassenheit leben kann.

 

„Ich lebe und ihr sollt auch leben.“

Deshalb haben wir Leben vor uns, was auch kommen mag.

Und auf dieses „und“ kommt es an. Auf diese Verbindung. Weil Jesus, der Christus, lebt und Leben schenkt, das immer größer und umfassender ist als alles, was Leben zerstören will. Nicht nur später einmal, sondern schon jetzt.

Und welche Sprengkraft von Leben von ihm ausgeht, haben wir gerade im Evangelium gehört. Der Geist Gottes ist auf ihm. Er ist berufen, den Armen die gute Botschaft zu verkündigen; den Gefangenen Befreiung auszurufen und den Blinden, dass sie wieder sehen können. Zerschlagene dürfen in Freiheit hinausgehen und Weite einatmen. Und alle sollen ein angenehmes Jahr des Herrn vor sich haben (Lukas 4,18-19).

 

Deshalb: Keine Angst vor dem Leben haben. Und auch nicht vor diesem neuen Jahr.

Auch wenn sich jemand von uns immer mehr einschränken muss. Wir haben noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft.

Warum nicht mal zu Hause zum Telefonhörer greifen. Sich überlegen: Wer wartet auf mich? Wer braucht mich?

Seien Sie ein Lichteinfall, ein Lichtstrahl für andere. Oder schauen sie, wie sie andere ins Licht setzen können.

Leben liegt vor Ihnen. Neue Menschen kennen lernen. Oder sie von einer ganz anderen Seite sehen.

Vielleicht auch ein neues Hobby ausfindig machen. Eine Einstellung an sich korrigieren.

Oder doch mal zum Arzt gehen. Sich gründlich durchchecken lassen. Gewissheit bekommen, woher die Schmerzen kommen. Das sei vor allem uns Männern gesagt.

 

Lasst uns in das neue Jahr gehen und uns bewusst machen, dass es jetzt anfängt. Heute leise und behutsam, aber doch mit viel Leben.

Und denken Sie daran: Ihr Leben ist kostbar und wertvoll. Und es ist auch zerbrechlich. Gott möchte es schützen und bewahren. Aber vor allem: Er möchte, dass wir es mit seiner Hilfe mit ganz viel Leben füllen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles Verstehen und Begreifen, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus  Jesus. Amen.

 

Predigt zum Neujahrstag 2008, 1. Januar 2008, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in St. Nikolai, Marktbreit