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Johannes 14,1 - Gott gönnt uns das Leben - Jahreslosung 2010

Johannes 14,1 - Jahreslosung für das Jahr 2010 - 03.01.2010 - Erlach / Ochsenfurt:

 

(Grundlage der Predigt ist eine Bildbetrachtung von Andreas Nose; Präsenz Kunst & Buch Verlag)

 

Liebe Gemeinde!

Ein Bild von dem Künstler Andreas Felger halten sie in ihren Händen. Andreas Felger ist Maler, lebt und arbeitet seit 1991 in der Jesus Bruderschaft im Kloster Gnadenthal, einer evangelischen Kommunität, der er seit 1973 angehört. Vorgestern am Neujahrstag hat er seinen 75. Geburtstag gefeiert.

 

Aufrichten

Ich würde dieses Bild gerne im Original sehen, am liebsten an einer dafür geeigneten Wand und in der richtigen Höhe. Ich stelle mir vor, wie meine Augen den Pinselstrichen folgen und merke, wie ich mich unwillkürlich der Bewegung des Bildes folgend aufrichte.

Kennen Sie diese Körperübung? Sie suchen sich einen guten Stand. Dann lassen sie den Oberkörper entspannt nach vorne fallen. Die Arme baumeln locker aus. Und nun richten Sie sich aus dem Becken heraus auf - ganz langsam - Wirbel für Wirbel - bis sie gerade stehen - und merken: Sie stehen jetzt anders da als zuvor. Die, die diese Übung sagen: Was dem Körper gut tut, tut auch unserem Herzen gut.

Überlegen Sie für sich: In welcher Haltung stehen Sie da, wenn Sie jemandem etwas mitteilen wollen - etwas, das Mut kostet, das vielleicht auch unbequem ist, das aber unbedingt aus Ihnen heraus muss. Und überlegen Sie: In welcher Haltung wird ihr Anliegen eher gelingen, in der gekrümmten oder aufrechten Haltung?

 

Anders dastehen

Das wäre es doch. Nicht ängstlich dastehen. Nicht geduckt dem nächsten Schlag entgegenblicken: der Diagnose des Arztes; der „Fünf“ im kommenden Zeugnis; der Fußballmannschaft, bei der die Spieler alle einen Kopf größer sind; keine Angst vor der nächsten Überforderung im Beruf haben; der Begegnung mit einem streitbaren Menschen nicht ausweichen, sondern ruhig und sachlich entgegentreten; die Auseinandersetzung mit der eigenen immer noch nicht überwundenen Schwäche gelassen und milde hinnehmen und es sich vornehmen, dass es beim nächsten Mal vielleicht schon besser wird.

Es gibt vieles, das uns schwer auf den Schultern liegt und was wir in der Nacht zum neuen Jahr nicht einfach ohne weiteres abschütteln konnten. Es ist manches noch oder wieder da, was uns entkräftet, entmutigt und unseren Stand und erst recht unser Gehen schwer macht.

 

Den „aufrechten Gang“ suchen und üben

Wie finden wir „unseren Stand“ im Leben? Und wie behalten wir ihn?

Das wäre doch ein gutes Motto für dieses Jahr. Wie kann ich aufrecht stehen und gehen? Wie kann ich meine Wege so gehen, dass ich nicht geduckt kriechen muss und mich nicht in Angst aufzehre, wenn etwas auf mich zukommt, was übergroß und übermächtig erscheint?

Den „aufrechten Gang“ üben. Anders dastehen. Ein aufrechter Mann, eine aufrechte Frau werden. Auch unsere Gesellschaft könnte das brauchen.

 

Was uns in Bewegung bringt

Was kann uns in Bewegung bringen, damit wir aufrecht gehen können? Schauen Sie dazu auf die Bildkarte. Oben links sehen Sie ein helles Rund. Es ist der hellste Punkt des Bildes. Es ist von einem Kreuz durchzogenen. Wie in einem starken Sog scheint es die Farben um eine lichte Mitte emporzuziehen - eine Bewegung, die alles erfasst und aufrichtet und selbst das Dunkel am unteren Rund des Bildes berührt.

Dieses helle Rund sagt für mich etwas über Gott aus. Gott hat etwas Mitreißendes an sich. Gott hilft uns zum aufrechten Gang. Gott rüttelt uns am Beginn eines neuen Jahres wach, als ob er sagen möchte: „Auch wenn du nicht weißt, welche Wege du gehen wirst. Hab keine Angst. Lass dich nicht entmutigen. Es gibt viel zu entdecken, ganz egal, wie viele Jahre du zählst und was du alles schon mitgemacht hast. Ein neues Jahr liegt vor dir mit vielen Aussichten, mit deinen Möglichkeiten.“

 

Gott gönnt uns das Leben

Wie tief sitzt oft das Misstrauen, Gott könnte uns das Leben nicht gönnen, es mit Geboten reglementieren, uns durch die Härten des Lebens erziehen, zurechtbiegen anstatt uns mit allem Schönen Freude zu machen.

„Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde“ (vgl. Johannes 15,15) sagt Jesus und „Ich lebe und ihr sollt auch leben“ (Johannes 14,19).

Die in der Mitte des Bildes von links unten nach rechts oben empor strömenden Farben lassen in mir Bilder vom Paradies anklingen. Ich sehe das Grün einer Auenlandschaft; Weinberge im Sommer; das Blau klaren Wassers und reiner Luft, „Wachsen und Gedeihen“, die Freude, am Leben zu sein, das Aufatmen der Seele. Ich sehe auch einen Menschen, der mit Gott in der Abenddämmerung spazieren geht. Und mit ihm spricht wie im it einem Freund - frei von allem Misstrauen und der Angst, zu kurz zu kommen.

Die Farben sind emporgezogen in einen Bereich, in dem in einem weiteren hellen Rund hebräische Buchstaben erscheinen: „Anochi“, zu Deutsch: „Ich“. „Ich bin der Herr, dein Gott ….“ So lautet die Einleitung zu den zehn Geboten. Gott hat sie den Menschen gegeben, um auf dem Weg aus der Knechtschaft Ägyptens in die Freiheit den aufrechten Gang zu üben. Gott liegt viel daran, dass wir ihn kennen lernen - als einen Gott, der uns das Leben gönnt.

 

Es geht aufwärts

Mir gehen aber auch noch andere Dinge durch den Kopf, wenn ich diese nach oben steigenden Linien betrachte. Sie nicht so positiv besetzt:

·         Ich denke an Machthaber, die in bunten Farben ausmalen, dass alles besser wird und Menschen, die daran glauben, dass einer alles regeln kann;

·         Ich denke auch an Spekulanten, die sich an der Börse verzockt haben, weil sie glauben wollten, die Kurse gingen immer nur nach oben; und wie viele werden jetzt wieder unvorsichtig, weil der DAX gerade die 6000-Marke geknackt hat.

·         Oder an ein Wirtschaften, das nur mit Wachstum funktioniert, fürs Schrumpfen aber keinen Plan hat;

·         Meine eigenen immer größer werdenden Ansprüche an ein Leben im Wohlstand

„Es geht aufwärts“ ist ein Wachstum der anderen Art. Es gibt auch ein Wachstum, dass sich nicht zuerst am äußeren Erfolg misst oder an der Anerkennung der Gesellschaft.

Gemeint ist:, dass wir an Erfahrung zunehmen, gelassener werden können, an Weisheit zulegen, Zusammenhänge durchschauen, zum Beispiel, dass wir ständig angehalten werden sollen zum Kaufen von neuen Handys und Fernsehern und Billigangeboten, die wir eigentlich gar nicht brauchen.

 

Selbst das Dunkel wird berührt

Ich komme auf das Bild zurück.

Auf dem Grund des Bildes finden sich dunkle Farbtöne. In Andreas Felgers Bildern ist häufig unter den schönsten Farben auch ein schwarzes Feld zu finden. Der Tod gehört zum Leben.

Ich sehe einen Totenschädel, Kreuze, schwarze Balken - sind es Grabkreuze oder durchkreuzte Hoffnungen und Wünsche?

Einige von uns haben in den vergangenen Wochen und Tagen damit zu tun gehabt und es bitter erlebt: Der Tod durchkreuzt Lebensplanungen, durchbricht eine enge Gemeinschaft, hält uns vor Augen, dass nichts für die Ewigkeit ist und dass alles ganz schnell einmal vorbei sein kann. Der Tod lässt sich nicht ausblenden..

Er ist ein Schrecken und er macht erschrocken, sprachlos und bringt alles durcheinander, was man sich aufgebaut hat, auch in Gedanken.

Wo wir in diesen Tagen Abschied nehmen mussten, oder erlebt haben, wie vergänglich so manches ist oder wie wenig man ausrichten kann, da kommt die Losung für das Jahr ins Spiel:

„Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“, spricht Jesus. Das spricht er hinein in eine Situation, in der sein eigener Tod drohend in der Luft liegt. Seinen noch überforderten Jüngern spricht er diese Worte zu, als er Abschied nimmt.

Der Künstler hat diesen Zuspruch weiß auf das Bild gesetzt, so dass er über dem Totenschädel und dem Dunkel zu stehen kommt. Weiß ist die Farbe für Christus, die Farbe für den Auferstandenen.

Auf einer Ikone der Ostkirche steht Christus - wie hier seine Worte - weiß über dem Grab, einen Schädel unter den Füßen zum Zeichen: Er hat den Tod besiegt. Größer und umfassender ist das Leben.

Eine Linie, die vom hellsten Punkt des Bildes - von einem Kreuz ausgehend - bis ins untere Dunkel reicht, deutet an: Auch das größte Dunkel der Menschen wird von seinem Licht berührt.

„Hinabgestiegen in das Reich des Todes“, so sagen wir es im Glaubensbekenntnis und geben unserer Hoffnung Raum: Es gibt keine verschlossenen Türen mehr, keinen endgültigen Schlusspunkt, keine dunkles Loch, in das wir verschwinden. Es gibt das Licht und es gibt das Leben.

Haben Sie gesehen, dass eines der Kreuze rot gefärbt ist? Die Farbe findet sich auch dort, wo das Wort „Herz“ auf das Bild geschrieben ist.

Ob man die christlichen Märtyrer denken darf, die in der Nachfolge Jesu den Tod erlitten haben? Ob das Rot die Erfahrung ausspricht, dass auch im Tod die Liebe nicht untergeht? Hier darf jede und jeder von uns ihre und seine eigenen Erfahrungen mit einbringen.

 

Jesus Christus spricht: „Euer Herz erschrecke nicht!

Glaubt an Gott und glaubt an mich!“

Jesus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Diese Worte sollen uns in diesem Jahr mit der gleichen Kraft erreichen, mit der er damals den Sturm gestillt und das Brot vermehrt hat.

Wir werden in diesem Jahr nicht vor allem verschont bleiben. Wir werden auch in diesem Jahr Tage erleben, die wir uns nicht ausgesucht haben. Wir werden Zeiten durchleben, in denen wir uns am liebsten verkriechen möchten.

Und dennoch oder gerade deshalb sind wir eingeladen aufrecht zugehen, was auch kommen mag. Das geht nicht von heute auf morgen. Wir brauchen dafür mindestens ein Jahr. Aufrecht gehen ist eine Übung. Fangen wir heute damit an, ohne uns gleich zu überfordern, denn die Verheißung begleitet uns: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“

Und der Antrieb Gottes, der uns immer weiterbringen möchte, bewahre eure Herzen und Sinne vor allem dann, wenn aller Gegenwind zunimmt. Amen.

 

Predigt zur Jahreslosung 2010, 3. Januar 2010, gehalten von Pfarrer Thomas in Erlach und Ochsenfurt