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Johannes 1,35-39 - 5. Sonntag nach Trinitatis

Johannes 1,35-39 - 5. Sonntag nach Trinitatis - 231.07. 2011 – Marktbreit / Segnitz:

 

Liebe Gemeinde,

ein junger deutscher Songwriter ist in den Charts zurzeit ganz weit oben. Er heißt Tim Bendzko, kommt aus Berlin, hat vor einigen Jahren angefangen evangelische Theologie zu studieren bis er vor zwei Jahren Sieger eines Talentwettbewerbs geworden ist. Seitdem widmet er sich ganz der Musik. Und sein aktuelles Lied, das in dieser Woche zu den meistverkauftesten Hits gehört, heißt: „Nur noch kurz die Welt retten“.

Falls Sie es nicht kennen: Es geht darum, dass jemand noch Wichtiges zu erledigen hat, bevor er zur ausgemachten Verabredung kommen kann. Und das, was er noch zu tun hat, ist so von Bedeutung, als ob es um die ganze Welt geht. Es ist ein sehr engagiertes Lied, bei dem man dem Sänger abspüren kann, wie wichtig das ist, was er eben noch unbedingt erledigen muss.

Natürlich ist es eine Traumgebilde die Welt mal eben so zu retten - die Euroschuldenkrise mit einer Buchung zu bereinigen, die Hungersnot in Ostafrika schnell zu beenden oder die Menschen mit einem einzigen Aufruf zu einem friedlichen Miteinander zu bewegen.

Große Veränderungen brauchen Zeit, nicht nur im unüberschaubaren Weltgeschehen. Auch bei uns.

Das Schriftwort für den heutigen Sonntag macht deutlich, dass manche Veränderung auch in unserem Leben Zeit braucht und dass alleine schon das Suchen und Umschauen nicht von heute auf morgen abgeschlossen ist.

Hören Sie aus dem 1. Kapitel des Johannesevangeliums die Verse 35-39:

Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!

Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.

Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo ist deine Herberge?

Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.

 

Ich versuche mir diese Szene so vorzustellen: Zwei Jünger wollen sich Jesus anschließen. Ihr Anliegen ist nicht unbedingt die ganze Welt zu retten, sondern etwas zu finden. So jedenfalls werden sie von Jesus angesprochen: „Was sucht ihr?“ (V.38). Das, was sie suchen, hoffen sie bei Jesus zu finden. Die Antwort, die sie erhalten, ist ebenfalls kurz und knapp: „Kommt und seht.“ Damit ist ihre Frage aber noch lange nicht beantwortet.

Heute sind wir gewohnt mit einem Klick im Internet das, was wir suchen, zu finden. Mir geht es selbst häufig so. Das Rezept für den Pizzateig oder der schnellste Weg zur Pfarrkonferenz im kleinen Ort am anderen Ende des Dekanats, in dem ich noch niemals gewesen bin. In Sekundenschnelle erhält man die Antwort. Selbst als ich letzte Woche über dem Fragebogen der Gebäudekonzeption meiner Landeskirche geschwitzt habe und alle Sachkosten des vergangenen Jahres eintragen sollte, konnte ich mich rasch per Internet erkundigen, was darunter alles zu verstehen ist.

„Kommt und seht!“ Der Abschnitt mit den beiden Jüngern, die keine schnelle Antwort erhalten, macht mir deutlich, dass es einfach Zeit braucht, bis man auf die wirklich großen Fragen auch die Antworten erhält, die einen zufriedenstellen oder zumindest die Richtung aufzeigen, in die alle weiteren Wege gehen könnten. Und auch so manche Umgestaltung oder Neuorientierung, die wir für unser Leben wünschen, aber noch nicht genau ausmachen können, ist mit einem Mausklick meistens nicht zu haben.

 

Wer gerade an einem Punkt angekommen ist, wo man einfach spürt, dass man diese eine Sache im eigenen Leben anders angehen oder jene vertraute Gewohnheit umstellen muss, weiß, dass das nicht von jetzt auf gleich geht.

Manche Fragen brauchen Zeit, bis der richtige Moment, die passende Gelegenheit, der endgültige Zeitpunkt gekommen ist. Ich meine die Fragen, bei denen man grübelt und überlegt, wie man dem Leben wieder eine neue Qualität geben kann, wenn man zeitlebens mit dieser Krankheit, mit diesem Schmerz, mit dieser bitteren Niederlage leben muss? Oder wie man es am besten angeht, nicht mehr alles mit sich machen zu lassen und man einfach noch Zeit braucht, bis man sich absolut sicher ist, wo man künftig einen Riegel vorschieben will? Und auch das Nachdenken, ob nicht auch mein Glaube einen Umbau braucht, gehört dazu. Vor allem dann, wenn man merkt, dass manche früher so geläufigen Glaubensaussagen nicht mehr greifen und manches, was einstmals getragen hat, heute einfach keinen Halt mehr bietet.

Nicht immer kommt man zu der spontanen Entscheidung oder zu dem schnellen Entschluss, der von einem Augenblick zum nächsten die umfassende Wende einleitet und alle Fragen mit einem Schlag auflöst.

Vielen geht es so, wie dem Indianer, der zum ersten Mal auf dem Highway Auto fährt. Er rast so schnell, dass er nach einigen Meilen erst einmal das Auto abstellt und sich auf den Boden neben den Wagen setzt. Ein vorbeikommender Autofahrer fragt nach, was denn los sei, ob er Hilfe benötigt. Da antwortet der Indianer: "Nein, nein, die Fahrt ist nur so schnell, ich warte jetzt erst mal auf meine Seele."

Diese Episode zeigt mir, dass manche Überlegungen einfach Zeit brauchen, vor allem dann, wenn ich auch wirklich zu meiner Entscheidung dauerhaft stehen möchte.

 

„Kommt und seht!“ So hat Jesus die beiden Jünger eingeladen, mit ihm zu gehen. Ich lese aus diesen Worten auch heraus: Kommt und nehmt euch Zeit für meine Worte, die ihr hört, und spürt, wie sie in euch wirken und euch neue Zusammenhänge erschließen. Kommt und erlebt, wie der Weg, den ich vorgehe, auch ein Weg ist, den ihr hoffnungsvoll nachgehen könnt, mit immer wieder neuem Mut für die Aufgaben, die anstehen. Und kommt und erfahrt, wie ihr auf diesem Weg auch Gott ein Stück weit näher kommt bzw. ihn immer näher an eurer Seite spürt.

Mich spricht an diesem kleinen Bild, das der Evangelist Johannes am Anfang seines Evangeliums gezeichnet hat, diese Art und Weise an, mit der Jesus Menschen damals wie heute einlädt, dem Leben und auch Gott neu auf die Spur zu kommen.

Komm, nimm dir Zeit und frage dich, ob es dir gut geht, bei dem, was du alles tust. Komm und schaue, was dir wirklich gut tut. Komm und überlege, was gerade anstehen könnte, ob es nicht auch mal Zeit ist, mal was ganz anders zu tun oder was Neues zu denken. Komm und schau, ob das, was du glaubst, auch nach wie vor wie ein stabiles Geländer ist, das dir genügend Halt gibt. Komm und sei gespannt, welche Fülle von Möglichkeiten dich erwartet, wenn du den Weg gehst, den Jesus damals schon die beiden Jünger ermuntert hat, mitzugehen.

 

Ich verstehe diese Worte auch als eine Anspielung gegenüber denen, die im Leben alles genau geregelt und eingeordnet haben - die meinen, alles zu kennen und alles bedacht zu haben - in deren Glaubensgebäude man auch keinen einzigen Stein verrücken darf, weil dann alles einfallen könnte.

Das Evangelium für den heutigen Sonntag mit dem Fischzug des Petrus macht dagegen deutlich, dass es auch diese Momente geben kann, in denen eine ganze Welt einstürzt, dass man einmal auch ohne Fang dastehen kann oder dass das, was man schon sicher in den Händen glaubte, mit einem Mal zu entgleiten droht. Und dass nichts im Leben sicher und beständig ist. Weder dort das volle Fischernetz noch heute die vollen Einkaufsnetze und die guten Verkehrsnetze oder das tragfähige soziale Netz.

Weil unser Leben sich immer wieder verändern kann, weil wir manchmal von jetzt auf gleich einen neuen Lebensabschnitt betreten müssen oder uns unter veränderten Vorzeichen wieder neu einrichten müssen ist vor allem das „Sehen“ wichtig und nicht die schnellen und vermeintlich fertigen Lösungen.

Nicht dass es uns so geht wie dem einen Mann vergangene Woche hier bei uns in Ochsenfurt, der seinem Navi blind vertraut und den Kreisverkehr dabei völlig übersehen hat. Sein blindes Vertrauen in ein Navigationssystem hat ihn davon abgehalten, richtig auf die Straße zu schauen. Er fuhr in voller Fahrt geradeaus durch einen Kreisverkehr mitten über den Kreisel und in die Leitplanke auf der gegenüberliegenden Seite. Sein offenbar veraltetes Navi hat ihn geradeaus über den inzwischen neu entstandenen Kreisverkehr gelotst. Zum Glück wurde niemand verletzt. Aber der Schaden am Auto war beträchtlich.

Der Weg, den die beiden Jünger gehen, sehe ich nicht als ein blindes Hinterherlaufen, sondern als eine Hilfe, aufmerksam zu schauen, welche Aussichten sich mit Jesu Hilfe auftun und was man mit dieser Sehhilfe alles auf seinem neuen Weg findet. Sehen und entdecken muss man allerdings selbst.

 

„Kommt und seht!“ Gerade diese Wochen bieten eine gute Gelegenheit um zu schauen. Der Sommer erreicht seinen Höhepunkt. Für die Gärten gilt, was Paul Gerhardt in seinem Sommerlied beschrieben hat: „Und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.“

„Kommt und seht, wie bunt wie Natur draußen ist und wie üppig alles wächst. Genauso vielfältig sind auch die Möglichkeiten Gottes für unser Leben. Diese kann man am besten entdecken, wenn man sich Tag für Tag neu auf den Weg aufmacht, zu dem Jesus schon damals die beiden Jünger ermuntert hat.

Auch wenn wir uns gerade die vielleicht ganz große Wende erhoffen und uns wünschen, dass unsere kleine Welt mit einem Mal so umgestaltet werden müsste, dass alle offenen Fragen zurückbleiben, werden wir stattdessen auf einen Weg gewiesen, wobei völlig offen ist, wie weit wir kommen und wie schnell wir gehen. Aber dabei werden wir entdecken, wie sich manches fügt, manches sich verflüchtigt und anderes wieder uns ganz neu aufgeht. Denn alle Wege stehen unter der Verheißung, die vor langer der Beter des 16. Psalms, der das Lied von Tim Bendzko noch nicht kannte, so ausgesprochen hat „Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.“ (Psalm 16,11).

Und der Wege Gottes, die immer größer und umfassender sind, als die, die wir vor Augen haben, möge eure Hoffnungen bewahren in Christus Jesus. Amen.

 

Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis, gehalten von Pfarrer Thomas in St. Nikolai, Marktbreit und in St. Martin, Segnitz