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Johannes 12,20-26 - Wir sind noch im Werden - Lätare

Liebe Gemeinde,

„Gib mir'n kleines bisschen Sicherheit, in einer Welt in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schnellen Zeit, irgendwas das bleibt“, singt die deutsche Band Silbermond und hat sich in diesen Wochen an die Spitze der deutschen Charts gespielt.

Kein Wunder, denn die Melodie geht direkt ins Ohr und der Text ins Herz. Vielen spricht das Lied aus der Seele. „Gib mir ein bisschen Sicherheit, in einer Welt, in der nichts sicher scheint.“ So ist es doch, wenn nicht einmal die Kinder in der Schule geschützt sind und wenn man merkt, wie wenig man doch in andere Menschen hineinschauen kann. Ich möchte gerne mein Leben geborgen wissen und behütet. Ich will nicht das Gefühl haben, dass das, was ich mir mühsam aufgebaut habe, mir wieder zwischen den Händen zerrinnen oder einstürzen kann. Ich brauche Menschen, auf die ich mich verlassen kann. Und ich möchte Gott an meiner Seite wissen und abends
sprechen können: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne“ (Psalm 4,9).

Mit solchen und ähnlichen Gedanken im Gepäck haben sich einige griechische
Festpilger an Philippus, einen der Jünger Jesu, gewandt und ihn gebeten, Jesus möge ihnen ein Gespräch gewähren.
„Herr, wir wollten Jesus gerne sehen“ (V.20), sagen sie. Wir möchten gerne den kennen lernen, von dem alle hier auf dem Fest reden. Wir möchten ein kleines bisschen Sicherheit und schauen, ob sein Wort gilt, ob er einen Weg für uns weiß, ob er eine Hoffnung hat, an der festzuhalten sich lohnt.
Mit einem Bildwort lässt Jesus ihnen ausrichten: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (V.24).

Aus diesem Wechsel von Saat und Ernte besteht das Leben. Deshalb gibt es keine Sicherheiten in dem Sinne, dass alles auf immer so bleibt wie es ist. Es gibt keine Garantien, dass das Leben immer nur angenehm und schön sein wird. Es gibt keine Zertifikate, die uns versichern, dass wir vor allem Schlimmen bewahrt bleiben. Und es gibt auch keine Bescheinigungen, die uns beruhigen, dass wir unsere Ziele immer erreichen werden.
Wir hätten es zwar gerne so, aber es gibt keine absoluten Sicherheiten im Leben, jedenfalls nicht solche, die wir festhalten können, weil alles diesem Kreislauf von Werden und Vergehen unterworfen ist, weil immer etwas stirbt, uns verlorengeht oder abhanden kommt. Wir können unsere Gesundheit nicht konservieren und auch nicht unser Hab und Gut gegen alle Finanzkrisen absichern. Morgen schon kann der Arzt sagen, dass die Blutwerte nicht stimmen und der Personalrat die Nachricht von der
Kurzarbeit bringen.

Für alle, die ein kleines bisschen Sicherheit für ihr Leben wünschen, mag dieses Bild von dem Weizenkorn, das Jesus benutzt, auf den ersten Blick enttäuschen. Das Bild erinnert daran, dass sich alles im Leben wandelt und verändert und man nichts dagegen unternehmen kann.

Man kann es so sehen, aber man kann in diesem Bild auch etwas Hoffnungsvolles entdecken. Es führt uns vor Augen: Es gibt in allem Scheitern und Vergehen auch die Möglichkeit zu einem Neubeginn, zu einem erneuten Wachsen und Reifen, ja sogar die Möglichkeit einer Ernte.
Jesus sagt den Menschen damals und heute zu: „Auch wenn manches anders wird als geplant, so soll es neue Aussichten in deinem Leben geben. Es soll bei dir wieder etwas aufblühen. Du wirst dein Leben unter neuen Vorzeichen bestreiten können. Du wirst spüren, wie neue Hoffnung aufkeimt. Du darfst wieder etwas in den Händen halten, was dir gelungen ist. Du wirst die Frühlingssonne spüren, wieder ohne Schmerzen aufstehen, kannst den Tag wieder unbeschwert anlachen. Du wirst spüren, dass dir jemand Liebe entgegenbringt. Du wirst manches in einem ganz anderen Licht sehen dürfen, wirst selbst gelassener und weitsichtiger werden. Wenn etwas sicher im Leben ist, dann dieses: Immer dann, wenn du meinst, dass etwas unwiderruflich vorbei ist, hat Gott neues Aufkeimen für dich bereit. Seine Möglichkeiten sind größer als die Aussichten, die du für dich selbst hast.“

Die griechischen Pilger haben dieses Bild vom Vergehen und Neubeginn gleich verstanden.
Nach Ostern haben die ersten Christen gemerkt, dass Jesus dieses Bild vom
Weizenkorn, das in die Erde gelegt wird und neu aufkeimt, auf sich selbst bezogen hat. Als alle menschlichen Sicherheiten nicht mehr geholfen haben, als alles vergangen und vorbei schien, da hat Gott neues Leben entstehen lassen. Und sie haben begriffen, dass Sicherheit nicht etwas ist, was wir für immer in unseren Händen festhalten können, sondern was uns von Gott zukommt. Bei ihm sind wir gehalten und geborgen, was auch kommen mag.

Für uns verstehe ich das Bild heute so: Auch wenn alle menschlichen Sicherheiten einbrechen, auch wenn ich einen Weg gehen muss, bei dem mit dem Schlimmsten zu rechnen ist, kann ich mein Leben unter anderen Vorzeichen leben, auch durch alle Passionszeiten hindurch.
Jahr für Jahr erinnern wir uns in den Wochen vor Ostern daran. Und manchmal braucht man ein ganzes Leben um das Vertrauen aufzubauen, dass Gott da ist und nicht von der Seite weicht. Und ebenso ist das Leben auch ein Einüben, ein Abklären und Abwägen von dem, was hält und trägt.

Jesus bringt es so auf den Punkt: „Wer aber sein Leben loslässt, wird es für alle Ewigkeit gewinnen“ (V.25 nach der Übersetzung „Hoffnung für Alle“). Wie man im Frühjahr die letzten Keime loslassen und für die Aussaat hergeben musste, so geht es uns mit manchem, was wir mit uns herumschleppen.

Das bedeutet doch, dass wir uns nicht an vermeintliche Sicherheiten klammen brauchen. Und manchmal müssen wir auch loslassen, damit Neues spürbar und sichtbar wird. Konkret kann das bedeuten, dass man sich auch einmal eingesteht und spricht. Ich bin einfach nicht die richtige Person. Ich habe mich überschätzt. Ich habe mich in diese eine Sache zu sehr hineingebissen. Meine Gaben liegen doch eigentlich ganz woanders.
Dass man verpassten Chancen nicht nachtrauert und ständig lamentiert:
Hätte ich doch nur …“ oder „Was wäre, wenn …“.
Oder dass man nicht in eine Krise verfällt, wenn der Arzt vorschreibt: „Die Brille ist jetzt unvermeidlich.“

Auch in den Kirchengemeinden lernen wir ja immer mehr, dass das Jammern über gekürzte Stellen nichts nützt, sondern dass es darum geht, gemeinsam nach neuen Wegen zu suchen. Eine gemeinsame Osternacht für mehrere Gemeinden ist eine Bereicherung für alle und es ist anregend, über die eigenen Kirchenmauern hinauszuschauen und andere Christen kennenzulernen. Für die eigene Gemeindearbeit ist es immer ein Gewinn, wenn man miterleben kann, wie andere Christen ihr Gemeindeleben gestalten.
„Lernen, Altes loszulassen!“ Das ist leichter gesagt als getan und lässt sich bestimmt nicht in wenigen Wochen abhaken. Wer loslassen kann - Ideale, feste Grundsätze, falsche Freundschaften, Essgewohnheiten, einseitige Gottesbilder - wird Leben für alle Ewigkeit gewinnen und kann sagen: Das ist nicht das Ende. Das ist noch nicht alles gewesen. Es kommt noch was.

Auch bei Jesus ist überraschend mehr gekommen. Bei ihm ist es auch noch nicht alles gewesen. 70 Jahre, nachdem die griechischen Festpilger Jesus sehen wollten und nach Sicherheiten fragten, macht der Evangelist Johannes den Menschen seiner Zeit Mut. Auf den Wegen, an denen wir nur ein Ende sehen oder ein tiefes Loch, in das man hineinzufallen droht oder ein großes Kreuz, das man auf ewig tragen muss, hat Gott Möglichkeiten, uns auf neue Wege zu bringen. Diese Sicherheit gilt nicht nur jetzt, sondern auch später einmal.

Das Bild vom Weizenkorn macht mir Mut, nach vorne zu schauen und gespannt zu sein, was Gott alles noch mit uns vorhat. Auf alle Fälle: Wir sind noch im Werden.
Unser innerer Mensch ist noch längst nicht vollkommen entfaltet. Er entwickelt sich noch. Er bringt immer neue Blüten. Gottes Güte verwandelt uns weiter. Lässt uns bislang verborgene Lebenszusammenhänge erkennen. Vermag uns zu ganz neuen Einstellungen verhelfen.

Das Leben bleibt spannend, weil es voller Veränderung ist. Die Sängerin der Band Silbermond bittet „Gib mir in dieser schnellen Zeit, irgendwas das bleibt.“ Es ist gut zu wissen, dass in allem Auf und Ab Gott bleibt, der „Sonne und Schild“ ist und „Gnade und Ehre“ schenkt (Wochenpsalm, Psalm 84,12).
Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk, gehalten am Sonntag, 22. März 2009 in Segnitz und Marktbreit